Wissenswertes

Kultursensible Aufklärung in Familien mit Migrationshintergrund

Referat von Aleksij Urev beim Bundeselterntreffen 2009 in Stuttgart
(Projekt Migrationsfamilien im Familien- und Sozialverein des LSVD)

[ Zum Abschnitt "Ergänzungen zur praktischen Umsetzung" ]

Dem aktuellen Projekt ging ein Modellprojekt in Berlin von 2005 bis 2007 voraus, während das jetzige Projekt von 2008 bis 2010 läuft mit Köln als Dienstsitz – seit genau einem Jahr. Berlin ist dabei ausgenommen; Schwerpunkte sind Hamburg, das Rhein-Ruhr-Gebiet, Stuttgart, München und Frankfurt/Main. Hannover gehörte also eigentlich auch nicht dazu, ist nun aber mitbeteiligt, weil der Migrationsausschuss der niedersächsischen Landeshauptstadt ausdrücklich auf das Projekt zugegangen ist. Näheres lässt sich im Übrigen auch der Webseite www.migrationsfamilien.de entnehmen. Eine Frage aus dem Publikum nach etwaiger Kooperation mit der Gruppe GLadT (Gays und Lesben aus der Türkei) beantwortete Urev dahingehend, dass diese Gruppe auf Berlin beschränkt sei und Berlin eben gerade nicht zum Projektgebiet gehöre. Gerade türkische Migrationsfamilien stehen ansonsten aber natürlich mit im Vordergrund des Projektes und da habe er als "Russlanddeutscher" auch noch einiges zu lernen gehabt – und sei es auch nur die Bedeutung des Spruches "Ich war auch schon mal in Bursa", was unter Türken so viel heißt wie "Ich hatte auch schon mal gleichgeschlechtlichen Sex." (Herr Urev entstammt einer Spätaussiedlerfamilie, die seit etwa zehn Jahren in Deutschland lebt. Seine Mutter ist deutschstämmig, der Vater Russe.)

Kultursensible Aufklärung zum Thema Homosexualität in Migrationsfamilien –
eine immer wieder neue Herausforderung

Bei Projektvorstellungen wird das LSVD-Team Migrationsfamilien je nach Arbeitsbereich der möglichen Kooperationspartner mit verschiedenen Fragen konfrontiert. Diese Fragen können sich auf der praktischen Ebene bewegen, wie z.B.: Wie und wo erreicht Ihr Migrantinnen und Migranten? Wie sind die Reaktionen, wenn Ihr das Thema Homosexualität ansprecht? Könnt Ihr das Thema überhaupt ansprechen? Oder lauft Ihr da nicht ständig gegen Mauern? Aber auch die Theorie oder Konzepte hinter der Praxis interessieren viele, vor allem Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die selbst Aufklärungsarbeit leisten und damit eigene Erfahrungen gemacht haben: Was ist für Euch Kultursensibilität? Reicht es nicht, die jeweilige Sprache zu sprechen? Wie kann man mit Menschen arbeiten, mit denen man nicht einen bestimmten (kulturellen) Hintergrund teilt? Warum überhaupt "Aufklärung"? Es sind doch schließlich Erwachsene, die da vor Euch sitzen? Die muss man doch nicht mehr aufklären?!

All diese Fragen können natürlich nicht "ein für alle Mal" oder mit einem Patentrezept beantwortet werden, das immer gleich funktioniert. Ebenso wenig ist garantiert, dass andere Menschen oder Aufklärungsprojekte dieselben Erfahrungen wie im Projekt Migrationsfamilien machen. Zuviel hängt von der Interaktion der TeilnehmerInnen und Teammitglieder ab. Die jeweilige Situation ist z.B. von den individuellen Charakteren der Beteiligten und von Sympathie und Antipathie beeinflusst. Es spielt aber auch eine Vielzahl von (verinnerlichten) sozialen und kulturellen Faktoren eine wichtige Rolle, deren Wirkung man sich zum größten Teil nicht bewusst ist.

Dennoch findet die Arbeit des Projektes Migrationsfamilien nicht "aus dem Bauch heraus" statt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gut durchdachte Konzepte und wenige knapp formulierte Grundsätze helfen, andere vom Wert und der Machbarkeit der eigenen pädagogischen Arbeit zu überzeugen. Daher wollen wir hier zwei grundlegende Prinzipien vorstellen, die wir in unserer Arbeit anwenden. Unserer Erfahrung nach sind dies auch diejenigen Grundsätze, die selbst unsicherste Kooperationspartner überzeugen helfen können.

Kultursensibilität als "Respekt vor den Werten anderer"

Eltern, Freunde und Angehörige von Homosexuellen wissen, was es heißt, wenn die eigenen Vorstellungen und Erwartungen bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität plötzlich auf den Kopf gestellt werden. Erst wenn man mit etwas völlig Unerwartetem oder Unvorstellbarem konfrontiert wird, wird einem bewusst, was und wie viel für einen selbstverständlich ist oder war. Ähnliches geschieht, wenn Homosexualität zum ersten Mal in einer Gruppe angesprochen wird, in der sich sonst (mehrheitlich heterosexuelle) Erwachsene zum Kaffeekränzchen, zur Weiterbildung, zur Familienberatung oder zum Sprachenlernen treffen. Das Thema stellt Erwartungen und Vorstellungen in Frage, die bis dahin völlig selbstverständlich erschienen.

Solche Selbstverständlichkeiten sind Werte, die das eigene Weltbild, die Wahrnehmung von sich und anderen bestimmen und das Handeln beeinflussen. Das Coming out von Kindern, Angehörigen und Freunden kann eine ganze Reihe von Werten verunsichern: Familie, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und zwischen den Generationen, Freundschaft, Liebesbeziehung und Sexualität. Aber auch so abstrakte Werte wie Normalität und Tabus, Toleranz und Vorurteil, Wissen und Projektion verlieren ihre sicher geglaubten Bedeutungen. Man ist gezwungen, sich neu zu orientieren, die alten Selbstverständlichkeiten zu verändern oder neue zu entwickeln. Dass Werte sich verändern (können), zeigt sich schon an so alltäglichen Beispielen über Geschlechterbilder wie Männern, die Kinderwagen schieben, und Frauen, die Hosen tragen. Andere Beispiele wie die Gründung und die Arbeit des BEFAH selbst und die Eingetragene Lebenspartnerschaft nur 7 Jahre nach der Abschaffung des Paragraphen 175 weisen auf die Veränderungen in Bezug auf Homosexualität und Homosexuelle hin.

Werte sind aber nicht nur veränderlich, sondern auch noch kulturell verschieden. Es gibt jedoch keine einheitliche Definition, was "Kultur" ist. Wir wollen auch gar nicht versuchen, den vielen wissenschaftlichen Definitionen noch eine weitere hinzuzufügen. Entscheidend ist für "kultursensible" Arbeit folgendes: Kulturelle Grenzen orientieren sich nicht nur an nationalen Grenzen. "Unterschiede zwischen den Kulturen" sind daher am ehesten an verschiedenen Vorstellungen und Werten festzustellen. So sind die durch ein Coming out verunsicherten Selbstverständlichkeiten ebenfalls kulturell beeinflusst und entsprechend veränderlich und vielfältig. Es sind die Fragen, wer zur Familie zählt; wie Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die jeweiligen Lebensbereiche und Rollenbilder gestaltet sind; ob und mit wem über Partnerschaften und Liebesbeziehungen gesprochen werden kann usw. Auch die Vorstellungen, was oder wer normal und was "richtiges Verhalten" ist oder nicht toleriert werden darf, was man wissen muss, was man erwarten kann und was unwichtig zu wissen ist, gehören zu kulturellen Selbstverständlichkeiten oder Werten. Das heißt, dass auch innerhalb eines Landes und einer Nationalität verschiedene Kulturen existieren.

Der Anspruch von kultursensibler pädagogischer Arbeit ist an sich schon eine Herausforderung angesichts der Komplexität, Veränderlichkeit und oftmals unbewussten Wirkung von "Kultur". Denn man kann beim besten Willen nicht alle Werte und Vorstellungen kennen, die von dem zu bearbeitenden Thema berührt werden. Wer selbst die Erfahrung gemacht hat, wie viele miteinander verknüpfte und bis dahin unbewusste Vorstellungen durch ein einziges Erlebnis ihre Selbstverständlichkeit verlieren können, wird dies vermutlich bestätigen. Bestandteil kultursensibler Arbeit ist zwar der Respekt vor den Werten anderer. Das Ziel besteht jedoch nicht darin, diese Werte und Selbstverständlichkeiten unangetastet zu lassen und gar nicht erst in Frage zu stellen. Vielmehr unterstützt kultursensible Aufklärung das Gegenüber darin, sich selbst dieser Werte bewusst zu werden und sie dadurch letztendlich auch verändern zu können. Das fügt der Herausforderung von Kultursensibilität eine weitere Facette hinzu: die Notwendigkeit, Tabus zu brechen und also in einem gewissen Maß doch unsensibel zu scheinen.

Praktisch ist das z.B. möglich, indem das Team Migrationsfamilien mit dem Modul "Blaue-Gelbe-Gruppe" Diskussionen anregt, Vorurteile formulieren lässt, sie aushält und nicht bewertet. Durch das Aussprechen der Vorurteile verlieren diese Vorstellungen bereits ihre Selbstverständlichkeit und können diskutiert werden. Für viele ist es das erste Mal, ihre Vorbehalte, Vorurteile und festen, aber unbewussten Vorstellungen überhaupt auszusprechen. Sie werden eingeladen, in der Gruppe zu diskutieren, während die Teammitglieder lediglich moderieren. Dabei werden den TeilnehmerInnen nicht einfach nur andere Werte oder Vorurteile entgegen gehalten. Respekt zeigt sich vielmehr darin, das Gegenüber darin zu unterstützen, sich die jeweiligen Selbstverständlichkeiten bewusst zu machen, sich mit abweichenden (z.B. den eigenen oder weiteren) Werten zu konfrontieren und selbst den Dialog zu suchen.

Entscheidend ist, die Wertschätzung des Gegenübers und seiner Weltsicht immer wieder deutlich zu machen, da sonst kein Dialog möglich ist. Nach unserer Erfahrung sind Hinweise auf die Vielfalt von Werten auch in der jeweiligen eigenen Kultur äußerst hilfreich: Dies lädt die TeilnehmerInnen dazu ein, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen und sich damit auch von eigenen Vorurteilen zu lösen. Diese Bereitschaft, die von den TeilnehmerInnen eingefordert wird, muss natürlich in erster Linie von den Teammitgliedern auch geleistet werden. Die Teammitglieder müssen interkulturell kompetent sein: Sie sollten entweder über ein grundlegendes Wissen über die jeweils andere Kultur verfügen oder bereit und neugierig sein, die Wissenslücken zu füllen und selbst zu lernen. Sie müssen außerdem in der Lage sein, andere Standpunkte einzunehmen, sich selbst zu reflektieren und in Frage zu stellen, Widersprüche, eigene Unsicherheiten und Konflikte auszuhalten. Eine solche Bereitschaft von Seiten der Teammitglieder unterstützt den "Dialog auf Augenhöhe" mit den TeilnehmerInnen und ist eine überzeugende Einladung, sich auf das Wagnis und die Herausforderungen von Enttabuisierung und Wertediskussion einzulassen. Kultursensibilität ist also nicht an ein wissenschaftliches oder pädagogisches Diplom gebunden; sie ist lernbar und erschöpft sich nicht in der Kenntnis der Sprache oder des kulturellen Hintergrundes, auch wenn beides hilfreich ist.

Aufklärung ohne Sexualaufklärung

Kultursensible Arbeit wird also durch die Achtung vor der Kultur und den Werten des jeweiligen Gegenübers für beide Seiten zur Herausforderung. Kultursensible Aufklärung zum Thema Homosexualität scheint ein Widerspruch in sich zu sein: Das Thema Homosexualität selbst ist eines der am weitesten verbreiteten Tabus. Gleichzeitig eint die Verurteilung von Homosexuellen die verschiedensten Kulturen und Autoritäten weltweit. So stellen sich dann die Fragen, wie überhaupt kultursensibel, also auch mit Sensibilität vor Tabus, über das Thema gesprochen werden kann? Und wie kann "Aufklärung" als ein gleichberechtigter, ein "Dialog auf Augenhöhe" praktiziert werden?

Die Arbeit des Projektes Migrationsfamilien löst sich zum einen vom weitverbreiteten Verständnis von "Aufklärung" als einer Art der Belehrung. Diskussionen werden moderiert, nicht aber bewertet, die "Richtigkeit" von Antworten in den Spielen wird von den TeilnehmerInnen selbst beurteilt. Zum anderen verfolgt das Projekt den (traditionell philosophischen) Anspruch, starre und überholte bzw. diskriminierende Vorstellungen und Vorurteile durch Wissen und Informationsvermittlung zu überwinden. In Diskussionen (von Werten) werden gleichgeschlechtliche Liebes- und Lebensweisen enttabuisiert, und durch die Unterstützung von Selbstreflexion wird für Vielfalt und Veränderung sensibilisiert. Z.B. in der spielerischen Form des Quiz "Gay Pursuit" werden Wissen und Anregungen zum Nachdenken vermittelt. Im Rollenspiel "Hattice bittet um Rat" hingegen bringen die TeilnehmerInnen ihre eigenen Erfahrungen und Wissen als Eltern und Angehörige ein und diskutieren miteinander Strategien zur Bewältigung von möglichen familiären Konflikten.

Ist das Eis in einer Veranstaltung erst einmal gebrochen, stellen die TeilnehmerInnen oftmals viele Fragen, die sehr persönlich werden können und manchmal die Teammitglieder selbst unsicher werden lassen. Die meisten Fragen beziehen sich auf das Alltags- und Beziehungsleben, auf Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft. Sie sind Anzeichen für den Erfolg der Aufklärungsarbeit: Sie zeigen, dass das Tabu, das "Sprechverbot" über Homosexualität bereits gebrochen ist, sie beweisen Wissbegierde der TeilnehmerInnen und die zunehmende Bereitschaft, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen.

Hin und wieder werden zwar auch Fragen zur Sexualität (z.B. im Zusammenhang mit HIV/AIDS oder Kinderwunsch) gestellt. Diese jedoch zielen i.d.R. nicht auf eine Sexualaufklärung, sondern sind in die Komplexe "Gesundheit", "Verantwortung", "Familie" und "Kinder" eingebettet. Es ist sinnvoll, diese Fragen dann auch in den entsprechenden Kontexten zu beantworten und daraus keine Sexualaufklärung werden zu lassen. Wenn es gelingt, die Gemeinsamkeiten zwischen den (heterosexuellen) TeilnehmerInnen und den (homosexuellen) Teammitgliedern überzeugend darzustellen, ist einer der wichtigsten Schritte zu Enttabuisierung und Respekt geschafft. Aus diesem Grund werden Lebensweisen, Beziehungsfragen, Fragen der Lebensplanung und rechtlichen Anerkennung usw. thematisiert und keine Sexualaufklärung betrieben.

Und die Praxis?

Aber wo und wie kann man nun Migrantinnen und Migranten erreichen? Die Antwort ist einfach: "Überall da, wo sich Menschen treffen". Auf der ganz praktischen Ebene sind das zum Beispiel je nach Ort Nähgruppen, Frühstücks-, Gemeinde- oder "Kiez"treffs, Nachbarschaftshäuser, Kaffeekränzchen, Interkulturelle Zentren, Stammtische, Sportvereine und viele mehr. Sinnvoll ist es immer, GruppenleiterInnen anzusprechen. GruppenleiterInnen werden von den TeilnehmerInnen meist sehr respektiert. Wenn man sie als "Türöffner" gewonnen hat, ist schon viel erreicht. Da in vielen Kulturen die Gastfreundschaft einen respektvollen Umgang mit Gästen sichert, bietet es sich an, sich von der Gruppenleitung einladen zu lassen und als Gast aufzutreten. Die Rolle als Gast beinhaltet aber auch entsprechende Erwartungen an das Verhalten, den Respekt vor den Hausherren und den Regeln der Gruppe. Diese oftmals auch ungeschriebenen Regeln können und sollten auch bei der Gruppenleitung vorher erfragt werden, um sie nicht unbewusst zu brechen.

Wenn Angehörige von Homosexuellen in Gruppen mit Migrationshintergrund Aufklärungsarbeit betreiben, haben sie im Vergleich zu jungen Homosexuellen einen Vorteil: Sie können aus einer eigenen Art von "Betroffenheit", eben als Angehörige sprechen. In diese Position können sich die TeilnehmerInnen tendenziell leichter hineinversetzen als in die Rolle von Homosexuellen selbst. Menschen, die selbst ein Coming out als Angehörige von Homosexuellen durchgemacht haben, haben unter Umständen ähnliche Gefühle, Unsicherheiten und Ängste erlebt, die die Berührungsängste und Vorurteile der TeilnehmerInnen in Aufklärungsveranstaltungen bewirken. Elterliche Sorgen im weitesten Sinne sind außerdem Erfahrungen, die Angehörige von Heterosexuellen und von Homosexuellen gemeinsam haben. Beide, die Ängste beim Coming out und die elterlichen Sorgen um das Kind, bilden die Grundlage für die "kulturelle Übersetzung" und den gesuchten Dialog. Es ist auf jeden Fall überzeugend, wenn die Gäste sich mit ihrer eigenen Erfahrung einbringen. Wenn Fragen auftauchen, die den Gästen zu persönlich sind oder auf die man keine Antwort weiß, ist es nicht nur angebracht, sondern kann auch Respekt verschaffen, diese Fragen nicht zu beantworten und Unsicherheiten zuzugeben oder persönliche Grenzen zu setzen. Eine solche Wahrung der Persönlichkeitsrechte wird in den meisten Fällen mit Achtung registriert.

Die Antwort auf die Frage nach dem "Wie kann man sie erreichen?" ist natürlich auch kompliziert: es braucht manchmal viel Beharrlichkeit, immer neue Versuche, manchmal etwas Glück und persönliche Sympathie. Vor allem aber sind es Kontaktbereitschaft und Neugierde, der Wille seine Erfahrungen zu teilen und von denen anderer zu lernen, die Kontaktaufnahme ermöglichen und die Gruppenleitung zur Durchführung einer solchen Aufklärungsveranstaltung überzeugen können. Die Reaktionen in den Gruppen können dann von überraschend offen bis völlig ablehnend reichen. Wenn auch nur eine Person dabei ist, die die ganze Zeit nur von der Sünde oder der Widernatürlichkeit von Homosexualität gesprochen hat und irgendwann einen unerwartet nachdenklichen Gesichtsausdruck zeigt oder gar selbst anfängt, über homosexuelle Bekannte oder Verwandte (nicht Kinder!) nachzudenken - ist mitunter schon viel gewonnen. Dann hat ein Denkprozess eingesetzt, der mit Sicherheit noch über das Ende der Veranstaltung hinausreichen wird und vielleicht zu einem Anruf bei einer Elterngruppe des BEFAH oder einer hoffentlich sensiblen Familienberatung führen wird. Und das sind die Erfahrungen, die jede Aufregung und Unsicherheit vor und in einer Aufklärungsveranstaltung wettmachen. Das ist das Lohnenswerte an der Herausforderung "Kultursensible Aufklärung zum Thema Homosexualität".

Ilka Borchardt (Projektleiterin), Aleksej Urev (Projektkoordinator)
Projekt Migrationsfamilien, LSVD, Pipinstr. 7, 50667 Köln,
Tel.: 0221-925961-12, migrationsfamilien@lsvd.de


Die HuK Hannover dankt LSVD und BEFAH für die Erlaubnis zur Verwendung dieses Textes in unserer Homepage.

Ergänzungen zur praktischen Umsetzung

Während im ersten Projekt von 2005 bis 2007 etwa einhundert Veranstaltungen mit jeweils 20 bis 30 TeilnehmerInnen (in der Regel Erwachsene mit Migrationshintergrund) durchgeführt worden waren, wurden im aktuellen Nachfolgeprojekt bis Juni 2009 [Information beim Runden Tisch in Hannover] etwa 150 bis 160 MultiplikatorInnen erreicht, bis Jahresende 2009 waren es über 250 [laut Webseite des Projekts]: "Mehr als 250 Fachleute aus Integrationspolitik und Migrationsarbeit haben sich in Workshops zum Thema "Homosexualität und Migration" fortgebildet und in Informationsveranstaltungen darüber diskutiert, wie das Thema Homosexualität in interkulturelle Fragestellungen eingebettet werden kann. Ein bundesweites Netzwerk mit Trägern der Sozialarbeit, Beratungseinrichtungen und anderen Institutionen reicht mittlerweile von Stuttgart bis Hamburg und von Köln bis Berlin." Schwerpunktmäßig setzt das Projekt jetzt auf MultiplikatorInnen. Etwa 120 Menschen mit Migrationshintergrund seien zudem vor allem über Sprachschulen erreicht worden. Dieser Teilnehmerkreis, der ja die betreffenden Veranstaltungen nicht freiwillig besucht und oftmals eine sehr ablehnende Haltung vertritt, wurde von den ProjektmitarbeiterInnen als sehr anstrengend empfunden. Direkte Angriffe und Drohungen hat man aber noch nicht erlebt. Was die MultiplikatorInnen angeht, so ist man auf deren Wohlwollen angewiesen, trifft aber zumeist auf relativ offene Menschen, die aber nicht die Kraft und die Zeit haben, gegen massive Widerstände anzuarbeiten.

Ein Handbuch für Multiplikatoren "Homosexualität in Migrationsfamilien" (DIN A5-Ringbuch, 120 Seiten) wurde erstellt. Es greift Fragen aus der Praxis auf, bietet Hintergrundinformationen aus der Wissenschaft in Form von Argumenten, Familiengeschichten und Arbeitsmaterialien. Alle Methoden sind mit wenig Aufwand einzusetzen und können leicht auf kulturelle Spezifika und die Gruppensituation abgestimmt werden. Interessierte können das Handbuch online einsehen, die Module herunterladen und ausdrucken oder aber auch als Druckversion beim Projektteam beziehen. - Ein wissenschaftlicher Beirat begleitet das Projekt. Er berät das Projektteam bei allen theoretischen und praktischen Fragen. Zudem hat der LSVD eine neue Studie zur "Lebenssituation von Lesben und Schwulen mit Migrationshintergrund" im Rahmen des Projektes an Prof. Dr. Melanie Steffens, Friedrich-Schiller-Universität Jena, vergeben. Die Studie wird im Jahr 2009 durchgeführt. Anfragen dazu bitte an melanie.steffens(at)uni-jena.de.

"Homosexualität in Migrationsfamilien" - Handbuch für Multiplikatoren, Vorderseite

Im Vorfeld des obigen Vortrags beim Bundeselterntreffen in Stuttgart und danach gab es in Hannover und für Niedersachsen die folgenden "Auftritte" zur Vorstellung des Projekts:

Vergleiche dazu ferner auch unsere Themenseite "Homosexualität und "Migrantenarbeit" in Hannover".

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