Eine Predigt von Joachim Zirkler, Pfarrer an der Kreuzkirche in Dresden
(Diese Predigt hatte Herr Zirkler am 8. Oktober 2006 in den Gottesdiensten um 9.30 Uhr in der Kreuzkirche in Dresden und dann nochmals um 18.00 Uhr in der Frauenkirche gehalten im Rahmen der Reihe "Seligpreisungen" - "Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen." (Matthäus 5, 8) Unter den Zuhörern waren auch die Begründer des BEFAH, Sigrid und Uwe Pusch aus der Elterngruppe Hannover, die daraufhin mit Herrn Pfarrer Zirkler Kontakt aufnahmen. Durch Puschs ist dann wiederum der Internetredakteur der HuK Hannover an den Text der Predigt und den Kontakt zu Herrn Zirkler gelangt, dem wir hiermit für die Genehmigung zur Veröffentlichung im Rahmen unserer Homepage danken.)
Liebe Gemeinde,
Beim Kongress der Herzchirurgen, wurde über die neuen Techniken von Herzkatheder und Byepass diskutiert. Die oft unbemerkt fortschreitende Verengung der Herzkranzgefäße in der modernen Zivilisation und deren Früherkennung war das wichtigste Thema.
"Selig sind, die reinen Herzens sind ..."
Der sächsische Kurfürst August der Starke, war zugleich König von Polen. Er liebte die Macht, aber sein Herz schlug für Sachsen. So verfügte er, dass sein Leichnam in Krakau, aber sein Herz in Dresden beigesetzt wird. In der Gruft der katholischen Hofkirche können wir die Kapsel, in der sein Herz bewahrt wird, noch sehen.
"Selig sind, die reinen Herzens sind ..."
Der Schlagersänger Heinz Rudolf Kunze sang in den 80er Jahren, was Menschen Jahrhunderte vor ihm immer wieder einander gesagt hatten: "Dein ist mein ganzes Herz (Du bist mein Reim auf Schmerz)"
"Selig sind, die reinen Herzens sind ..."
Liebe Gemeinde, wenn die Blutbahn zum Herzen mit Kalkablagerungen zu tun hat, die zu Gerinnselbildung führen, kann das schlimme Folgen haben: Es kommt zum Herzinfakt. Herzinfarkt ist die Todesursache Nr. 1 in Deutschland. Schuld daran ist zum großen Teil unsere Lebensweise - unsere Art, zu essen und Stress zu haben. Hier kann sich glücklich schätzen, "selig sein", wer ein "reines" Herz hat.
Es gibt Städte, in denen das Herz höher schlägt für manche ist es Paris, für andere Dresden - und es gibt Landschaften, die Menschen ans Herz gehen: Für manche die Berge, für andere das Meer.
August der Starke hatte eine Schwäche für seine Heimat, sein Herz gehörte hier her. Es ist gut, irgendwann zu wissen, wohin ich gehöre. Glücklich, ja selig, die Menschen, die das genau wissen. In einem Dorf, in dem ich lange Zeit lebte, wussten viele seit Generationen ganz genau, dass sie dort hin und nirgendwo anders hin gehören. Schwierig war [das] für die Flüchtlinge und Vertriebenen, die nach dem Krieg in den Ort kamen: In Gesprächen habe ich oft gehört, dass sie sich zwar eingelebt hatten, aber ihr Herz war noch in Schlesien oder Ostpreußen. Wenn sie es gekonnt hätten, hätten sie es vielleicht genauso gemacht wie August der Starke ...
Wer an vielen Orten lebt bzw. leben muss, der braucht zumindest eine Landschaft seines Herzens, in die er immer wieder reisen kann: "Ich muss mal wieder ans Meer, ich muss mal wieder in die Berge!". Man kann es rational nicht erklären, es hängt mit den Gefühlen, mit dem Herzen zusammen!
Zu wem sage ich: "Dein ist mein ganzes Herz"?
Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Paare ein Leben lang zusammen bleiben. Das will ich moralisch gar nicht werten, denn jeder Mensch hat seine eigene Geschichte in seiner Zeit. Aber glücklich, ja "selig" ist ganz bestimmt jenes alte Paar, das auf 50 gemeinsame Jahre zurück schaut, die es miteinander durch dick und dünn gegangen ist. Mir stehen einige Paare vor Augen, die ich einsegnen durfte. Ich hatte den Eindruck, sie waren glücklicher als die, die sagen: Von den Partnern, die ich hatte, würde ich keinen heiraten. Das alte Paar weiß, wem sein Herz gehört dem jeweils anderen. Sie sind damit nicht besser, nicht frommer, sie haben es einfacher, weil sie wissen, wem ihre Gefühle gehören.
"Glücklich selig sind, die reinen Herzens sind" denen klar ist, wem sie es geschenkt haben.
Liebe Gemeinde,
das Herz ist ein faszinierender Apparat. Es ist das erste Organ, das bei einem Embryo zu erkennen ist. Bei einem erwachsenen Menschen ist es im Durchschnitt 15 cm lang und 300 g schwer. Diese hochkomplexe Maschine schlägt in einem Leben ca. 4 Bio. mal und pumpt dabei 1,8 Mrd. Liter Blut durch den Körper. Das Herz ermöglicht uns Leben. Seit alters wird das Herz mit dem Sitz der Gefühle, der Seele und der Liebe gleichgesetzt. So können wir eben umgangssprachlich "unser Herz verlieren" an einen Menschen, an einen Ort, an eine Landschaft, an eine Sache.
"Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen."
Antoine de Saint Exupéry sagt: "Man sieht nur mit dem Herzen gut."
Und ein Sprichwort sagt: Die Augen sind das Fenster des Herzens. Ich denke an die Frau, die von einer Reise in ihre Herzens-Landschaft zurückkam. Ihre Augen leuchteten in ganz besonderer Weise. Ich denke an den Infarktpatienten, der sich nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen kann. Seine Familie steht am Geburtstag um das Bett und was er nicht sagen kann, leuchtet aus seinem erkrankten Herzen in den Augen. Ich denke an die Augen des jungen Mannes, der gesteht: Ich habe mich verliebt. Wer seinen Herzensort kennt, sieht immer schon einen Teil von Gottes Freundlichkeit.
Wer seinen Herzensmenschen kennt, sieht bereits Gottes Güte. Wenn zwei Herzen gemeinsam schlagen, man eins ist im Denken und Fühlen - dann schaut man etwas von Gott!
Liebe Gemeinde,
es gibt kluge Analytiker und Wissenschaftler, wache und kritische Geister. Die werden weiterhin ausgebildet, auch in der Theologie. Was unserer Gesellschaft aber am meisten fehlt, sind Menschen mit Herzensbildung. Herzensbildung müsste ein Lehrfach in der kirchlichen Ausbildung sein. Denn dort kann es nicht nur darum gehen, alles richtig zu machen, wie es die Gesetze der Kirche und der Welt verlangen, sondern darum, meine Mitmenschen recht zu sehen. Nicht die Gesetze detailgetreu zu befolgen, sondern das Hauptgebot, das Jesus uns gegeben hat, mit Leben zu erfüllen:
"Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzer Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst."
Dazu ist ein gebildetes Herz nötig, das sehen gelernt hat.
Wenn ich das habe, werde ich einer Studentin, die nicht getauft ist, aber sich für Kirche und Glauben interessiert, nicht verweigern, in einer Kirche Aufsichtsdienst zu tun. Ich werde erkennen, dass sie besonders für diese Kirche steht und sie ihr vielleicht viel mehr bedeutet als manchem langjährigen Kirchenmitglied.
Wenn ich ein gebildetes Herz habe, werde ich mich freuen über den Pfarrer, der erzählt: Ich muss meine Homosexualität nicht mehr verstecken. Die Gemeinde hat es akzeptiert. In meiner Landeskirche gibt es jetzt sogar einen Konvent der schwulen Pastoren. Wir sind nicht mehr stigmatisiert, wir dürfen öffentlich Diener Gottes sein wie andere auch. Ich werde also nicht das Pfarrerdienstrecht bemühen, sondern an Jesus erinnern, der ein Herz hatte für alle Menschen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden. Ich werde mich freuen, wenn die Augen meines Bruders leuchten.
Wenn ich ein gebildetes Herz habe, werde ich die Türen der Kirche weit öffnen für die Menschen, die meinen, sie gehören nicht dazu. Für die, die auf ihren Stufen um Almosen betteln, für die, die einfach neugierig sind. Für die, die nicht kirchlich aufgewachsen, aber voller Sehnsucht nach erfülltem Leben sind. Für die, die ihren Glauben anders leben als wir es in unseren traditionellen Formen gewohnt sind.
Liebe Gemeinde,
Wenn unser Herz für Gott schlägt, dann schlägt es für unseren Nächsten und es schlägt für uns selbst für unsere von Gott geschenkte Existenz. Dann werden wir unsere Mitmenschen nach ihrem Herzen beurteilen und nicht nach ihrem Äußeren, dann werden wir mehr auf unser Herz hören als auf das, was der Ordnung entspricht oder was gerade Mode ist. Das wird ihnen gut tun. Und uns wird es gut tun, wenn wir von unseren Mitmenschen ebenso gesehen werden. Wir könnten regelrecht ansteckend werden mit einer "Herzkrankheit", die noch kein Kardiologenkongress zum Thema hatte, die aber das Thema aller Menschen sein sollte:
Mit dem Herzen sehen.
Dazu helfe uns Gott!
Amen.
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