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Anfang 1985 folgte ich dem Aufruf, sich testen zu lassen. Das Testergebnis war niederschmetternd. Ich war HIV-positiv. Ich trug das Virus in mir, das immer noch zu der unheilbaren Krankeit AIDS führt. Das Todesurteil! Eine Welt brach für mich zusammen. Das Virus veränderte mein Leben, aber nicht meine positive Einstellung zum Leben. Immer wieder haben mich Geschichten nicht nur aus der Bibel beeindruckt, in denen von Menschen berichtet wird, die trotz Krankheit das eigene Leben nicht resigniert aus der Hand geben, sondern nach wie vor Pläne haben und das Dasein genießen können. Das sollte auch meine Devise werden: Leben mit HIV und AIDS ohne Angst. Denn am Anfang war nichts als Angst. AIDS — diese vier Buchstaben standen für Unentrinnbarkeit, tödliche soziale Kälte, Vorurteile und Diskriminierung. Und wer die Anfänge der Geschichte von HIV und AIDS vor Augen hat, weiß, wieviel Überzeugungskraft es gekostet hat, nicht mehr den Kranken zu verurteilen, sondern die Krankheit selbst zu bekämpfen. Diese Einsicht hat sich nach und nach auch in meiner Kirche breitgemacht. Es war aber nicht meine große Landeskirche, die mir Mut gemacht hat, ein Leben mit HIV und AIDS ohne Angst und Diskriminierung und mit sehr viel Lebensfreude zu entwickeln. Meine Kirche hatte mich vielmehr im Oktober 1984 vom Dienst als Gemeindepfarrer wegen homosexueller Partnerschaft suspendiert, einem Disziplinarverfahren ausgesetzt und später einen langjährigen Wartestand herbeigeführt. Das Vertrauensverhältnis war verständlicherweise sehr angespannt. Auch sonst war es mir in dieser Zeit nur schwer möglich, mich vertrauensvoll und unvoreingenommen an einen Vertreter der Kirchen zu wenden, der mir half. An einem verschneiten Winterabend des Jahres 1986 brachte das Fernsehen einen Bericht über einen HIV-infizierten Jungen, der neun Jahre alt war. Als seine Infektion bekannt wurde, musste er die Schule verlassen. AIDS sei eine Strafe Gottes, ließ ein hoher Kirchenmann verlauten. In dieser Situation, so dachte ich, gibt es keinen anderen Weg als die Krankheit für mich zu behalten. Bei meiner Suche nach einer christlichen Antwort auf die Herausforderung der Krankheit AIDS hat es mir sehr geholfen, auf Menschen zu treffen, deren Denken und Handeln christlich orientiert war und ist, und es hat mich gestärkt, gemeinsam Hilfen zu entwickeln und miteinander zu lernen, trotz der Krankheit den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Meine Hoffnungsgeschichte ist untrennbar mit der "Lazaruslegion" — Christenbeistand für HIV-Infizierte und AIDS-Kranke — verbunden. Hier bin ich Menschen begegnet, die mir wirklich geholfen und mich sprachfähig gemacht haben und denen auch ich helfen konnte. Vor 20 Jahren war es der damalige Pfarrer der Alt-Katholischen Gemeinde zu Hannover, Daniel Conklin, der diese Initiative mit dem biblischen Namen "Lazarus" zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern gründete. Die Lazaruslegion spielt in meinem Leben mit HIV und AIDS eine sehr wichtige Rolle. Ich konnte am leidenschaftlichen Kampf für ein Klima der Toleranz und Akzeptanz mitwirken, meine Begabungen als Seelsorger einbringen und zugleich lernen, meine Krankheit anzunehmen und mit ihr zu leben. Die Angst saß mir nicht mehr im Nacken. Ich denke an die Worte aus dem biblischen Jesaja-Text, den ich in einem Gedenkgottesdienst für Menschen, die an AIDS verstorben sind, ganz neu und hautnah gehört habe: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." (Jes. 43, 1) Das sagte Gott den verzweifelten Menschen damals, und dieses "Fürchte dich nicht" sagt Gott auch heute zu mir. Diese Worte klingen gut für mich. Und sie haben auch gehalten, was sie versprachen. Das "Fürchte dich nicht" heißt für mich: Trau dich! Trau dich trotzdem! Das habe ich immer wieder getan, und ich bin gut dabei gefahren. Nur indem wir uns getraut haben, konnten wir, die wir uns in den vielen Jahren in der Lazaruslegion oder in anderen AIDS-Organisationen engagiert haben, etwas Einmaliges vollbringen: Wir sind mit der Herausforderung AIDS besonnen und verantwortungsvoll umgegangen. Am 13. Juli 2007 feierte die Lazaruslegion ihr 20jähriges Jubiläum. Ihr Name ist nach wie vor Programm. Immer noch kämpfen wir täglich gegen den Tod und sind doch auch immer voller Hoffnung. Dafür habe ich Gott im Festgottesdienst im Beisein des Mitbegründers, der eigens aus Amerika angereist war, gedankt. "Den Humor bewahren" titelten die Zeitungen, als sie über die Arbeit der Lazaruslegion anlässlich des Jubiläums ausführlich berichteten. Die evangelische Kirche hat, wie bereits erwähnt, im Laufe der Jahre dazugelernt, und so war es selbstverständlich, dass die Regionalbischöfin Dr. Ingrid Spieckermann die Festpredigt hielt. "Christen sind anders", sagte sie für mich überzeugend, "Christen setzen ein Zeichen. Sie warten nicht, bis Menschen an ihrer Krankheit AIDS gestorben sind." Dieses Zeichen hat nicht zuerst die Großkirche gesetzt, sondern es waren Christinnen und Christen, die noch wissen, wie und dass Wort und Tat zusammenzubringen sind. Davon habe ich mich leiten lassen. Deshalb habe ich die Herausforderung AIDS für mich angenommen und mich vielfältig engagiert. So hatte ich beispielsweise zum fünfjährigen Bestehen der Lazaruslegion die erste großangelegte Benefizveranstaltung für HIV-Infizierte und AIDS-Kranke in Hannover organisiert und damit das Thema im öffentlichen Bewusstsein wachgehalten. Inzwischen gibt es viele unterschiedliche Veranstaltungen, die das Thema AIDS öffentlich machen. Das ist auch heute noch notwendig. Unsere Hannoversche Allgemeine Zeitung hat zum Welt-AIDS-Tag 2007 eine ganze Seite unter der Überschrift "Leben mit dem Virus" herausgebracht und daran erinnert, dass Menschen mit HIV und AIDS immer noch unter Vorurteilen und Ausgrenzüng leiden. Als Pastor ist es mir vergönnt, die Lebensbegleitung und auch die Sterbebegleitung für Betroffene und Angehörige als wichtige Aufgabe der AIDS-Arbeit wahrzunehmen. So durfte ich auch mit der Familie eines an AIDS Verstorbenen sprechen, von dem ich nur durch seine Verwandten erfuhr: Michael war offenbar ein Tausendsassa, ein Mensch, den man einfach lieb haben musste: sensibel, einfühlsam, liebebedürftig und liebesfähig. Michael fühlte sich in seiner Familie geborgen, und er erhielt die notwendige Anerkennung, Zuneigung und liebevollen Respekt von allen Seiten. Auch als er von seiner Infektion erfuhr, musste er es nicht für sich behalten, sondern konnte mit seinen Angehörigen darüber sprechen. Es tat ihm gut, dass er seine Situation nicht alleine bewältigen musste. Es waren liebe Menschen um ihn herum, die geholfen und mitgetragen haben. Michael war zwar traurig, als er erfuhr, dass er das Virus in sich trug, aber er wollte kein falsches Mitleid. Seine Infizierung und Erkrankung führten nicht dazu, dass er sich in sein stilles Kämmerlein zurückzog. Doch dann kam auch für ihn die Zeit der totalen Betreuung. Michael wurde kränker und schwächer. Er wollte zwar leben, aber er wusste, dass er sterben würde. Er hatte keine Angst vor dem Tod, aber er wollte nicht leidvoll sterben. Er war stark, hat gehofft, gekämpft — der Tod ließ sich indes nicht abweisen. Doch Sieger war für ihn nicht der Tod, sondern Christus, der den Tod besiegt hat. Michael hat viel Freundschaft und Hilfe erfahren, die er in dieser Situation am nötigsten brauchte: einfühlsame Gespräche, liebevolle Zuwendung, eine herzliche und menschliche Atmosphäre. Michaels Wunsch, zu Hause zu sterben, wurde ihm erfüllt. Darin sehe ich meine, ja unsere Aufgabe: ein Klima zu schaffen, in dem ich als Betroffener sagen kann, wer ich bin, woran ich leide und welche Hoffnungen ich habe. Dieses Klima fällt nicht automatisch vom Himmel, sondern bedarf engagierten Einsatzes nicht nur von uns, die wir infiziert und erkrankt sind; diesen Weg können wir nur gemeinsam mit denen gehen, die um uns sind. Die Herausforderungen und Aufgaben der Lazaruslegion und anderer AIDS-Organisationen sind nach wie vor immens, und ich kann nur werbend sagen: Es sind mehr Engagierte nötig! Wir haben viel erreicht, aber wir können die Hände noch nicht in den Schoß legen. In Deutschland sterben zwar nicht mehr so viele Menschen an der Krankheit AIDS, doch in Afrika und anderswo ist die Sterberate grausam. Die Not ist nicht minder geworden, auch wenn neue Therapien bessere Aussichten auf ein verlängertes Leben für uns gebracht haben. Im Sinne christlicher Nächstenliebe gilt es, weiterhin über das Thema AIDS zu sprechen und zu handeln, so wie wir es in den vielen zurückliegenden Jahren bereits getan haben. Wir haben das Thema AIDS in die Schulen und Kirchengemeinden gebracht. Hier könnte mehr geschehen, wenn sich die Verantwortlichen in Gemeinden und Schulen weiter als bisher dem Thema AIDS öffnen würden. In der Altenpflegeschule der Henriettenstiftung, an der ich Religion unterrichte, habe ich das Thema HIV und AIDS thematisiert und mich als Infizierter und Erkrankter zu erkennen gegeben. Dies hat mir große Anerkennung nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern eingebracht, sondern ich wurde daraufhin auch von Lehrkräften aus anderen Kursen angefragt, Unterrichtseinheiten zum Thema AIDS mitzugestalten. Diese Gelegenheit habe ich gern wahrgenommen. Im Jahr 2000 habe ich dank meiner Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann eine Stelle als Krankenhausseelsorger in der Henriettenstiftung bekommen. In einer berufsbegleitenden Ausbildung meiner Landeskirche konnte ich die Teilnehmenden ganz ungezwungen mit meiner Krankheit konfrontieren und dies auch in einer Predigt in der Kapelle der Klinikseelsorge der Medizinischen Hochschule Hannover thematisieren. Meine Offenheit ist auf sehr positive Resonanz gestoßen. Gute Erfahrungen mit dem offenen Umgang mit meiner Krankheit habe ich auch am Arbeitsplatz gemacht, sowohl bei meinen Vorgesetzten als auch bei KollegInnen und MitarbeiterInnen auf der Krankenhausstation. Das Klima des Misstrauens, vom dem die frühen 80er Jahre geprägt waren, konnte wesentlich entschärft werden. Dies ist sicherlich nicht nur mein subjektives Empfinden, sondern das erlebe ich auch in der "Ökumenischen Gemeinschaft Homosexuelle und Kirche", in der ich seit Jahren zum Sprecherteam gehöre. Seitdem ich über meine Krankheit offen spreche, wird mir viel mehr Verständnis entgegengebracht. Es gibt kaum noch jemand, der infiziert oder erkrankt ist und nicht darüber spricht. Viele Menschen, die mir begegnen und von meiner Krankheitsgeschichte wissen, staunen immer wieder, dass es mir nach über 20 Jahren der Ansteckung immer noch relativ gut geht. Auch ich habe Krankenhausaufenthalte hinter mir und habe mit den Nebenwirkungen der Therapie zu kämpfen. Meine Viruslast ist unter der Nachweisgrenze, und mein Immunsystem muss mit gut 350 Helferzellen auskommen. Ich empfinde große Dankbarkeit gegenüber den Menschen in meiner Schwerpunktspraxis, die mich durch so manches dunkle Tal wieder auf die Höhe geführt haben. Warum das Virus mich nicht kaputtmacht, hat sicher viele Ursachen. Es sind meiner Meinung nach nicht die Medikamente allein, vielmehr ergibt sich meine Lebensqualität aus meinem Willen zum Leben und aus der Gemeinschaft, die mit mir Freud und Leid teilt. Ich glaube an einen Gott, der zwar meine Krankheit nicht verhindern konnte, der mir aber hilft, sie zu tragen. Totensonntag. 25. November 2007, 18 Uhr, Marktkirche Hannover. Ein Netzwerk von Organisationen, die sich dem Thema HIV und AIDS widmen, hat als Auftaktveranstaltung für den Welt-AIDS-Tag zu einem Ökumenischen Gedenkgottesdienst eingeladen. Die Predigt hält Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann, es singt der Gospelchor "Voice´n´Gospel". Seit über 15 Jahren begehen wir diesen Gedenkgottesdienst. Genauso lange arbeite ich im Vorbereitungskreis mit und übernehme jeweils einen Part im Gottesdienst. Wir haben uns diese Trauerkultur bewahrt, weil sie uns auch gegen den sozialen Tod, den man als erstes spürt, stärkt. In diesem Gottesdienst erinnern wir uns unserer Verstorbenen. Unsere Liebe und Zuwendung hat sie nicht vor dem Tod bewahren können. Wir sprechen noch einmal ihre Namen aus und zünden ein Licht für sie an. In der Liebe Gottes sind wir verbunden, die Lebenden und die Toten. Und wieder erinnere ich mich an das Jesaja-Wort: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen". Könnten wir jemals die Namen der Menschen aus unseren Herzen streichen, die wir geliebt haben, die uns aber weggerissen und weggerafft wurden? Der Name, den wir erinnern, lässt den Menschen in mir wieder lebendig werden: Ich sehe sein Gesicht, sein Lachen, erinnere mich an seinen Duft, spüre wieder, wie sich seine Haut anfühlte. Wir wollen solche Namen nicht verlorengehen lassen. Mit der Gewissheit, dass wir geliebt sind und erinnert werden, kann ich leben. "Wir hoffen auf Gott. Unser Leben wird aufgehoben sein. Daran glauben wir." Wie oft habe ich diese Sätze bei einer Trauerfeier in der Kapelle oder am Grab gesprochen. Noch ist mein Name nicht auf dem AIDS-Quilt zu finden, der in jedem Gedenkgottesdienst ausgestellt wird. Es gibt noch ein weiteres Hoffnungsprojekt, an das ich erinnern möchte: Das Regenbogen-Café in der Immunologischen Ambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover, das seit Ende 1995 durchgehend geöffnet ist. Jeden Mittwoch bereiten haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen der Lazaruslegion, der HuK Hannover und der Hannöverschen AIDS-Hilfe reihum ein Frühstücksbuffet im Wartebereich der Ambulanz vor. Dieses Angebot wird zum Überbrücken der Wartezeit genutzt. Es ist jedoch vor allem ein Gesprächsangebot für Menschen mit HIV und AIDS, das in dieser Art in Hannover und im weiteren Umkreis einmalig ist.
Hin und wieder frage ich mich, warum ich nach all den Jahren noch nicht auf dem Quilt stehe? Ganz klar: ich werde noch gebraucht! Und außerdem halte ich es mit Matthias Claudius, der vom Abschiednehmen sagt: "Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit; und alle Welt vergehet mit seiner Herrlichkeit. Es ist nur Einer ewig und an allen Enden, und wir in seinen Händen." |
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© 2009 HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 13.02.2009