Wissenswertes



Zur Vielfalt [nicht nur] menschlicher Sexualität

(Ehemals "Pädo-, Bi-, Inter-, Trans- und Asexualität;
Fetischismus und SM"; Überarbeitete Fassung)

Von Bernd König
(Unter Verwendung eines anonymen Klappentextes
und einer Email von Kati Radloff und Johannes Schmitz)


[ EINLEITUNG ]     [ LITERATUR ]     [ Zoophilie ]     [ MORAL ]

[ Pädosexualität ... ]     [ Hetero- und Homosexualität ]     [ Bisexualität ]

[ Sexualverhalten als Kontinuum - "Plastizität" ]

[ Intersexualität (Hermaphroditismus, Zwittertum) ]     [ Transidentität ... / Trans* ]

[ Transvestitismus ]     [ Fetischismus und SM ]     [ Objektsexualität ]

[ Autosexualität (Selbstbefriedigung) ]     [ Asexualität ]

[ Abschließende Anmerkung ]



EINLEITUNG
Wie es zu dieser Seite kam -
Formen menschlicher Sexualität - Standardwerke zur Sexualität

Mitte Februar 2006 erreichte mich als Internetredakteur der HuK Hannover über das Forum der Bundes-HuK eine Mail zum Thema Asexualität (hier unten im Abschnitt "Asexualität" praktisch vollständig wiedergegeben) - ein noch wenig bekanntes Phänomen, von dem ich bis dato geglaubt hätte, dass dergleichen nicht existiert. Anders gesagt, wie die meisten Menschen ging auch ich davon aus, dass allen Menschen ein wie auch immer geartetes sexuelles Interesse zu eigen ist, das sich einteilen lässt beispielsweise nach:

Dass es Menschen ohne jegliches sexuelles Verlangen geben könnte, war mir neu - und auch in Standardwerken der Sexualwissenschaft wie z.B. Haeberle oder Masters/Johnson (siehe unten die Literaturhinweise) fand ich kein Stichwort "Asexualität". Die in der unten zu findenden Email gegebenen Informationen empfand ich daher als "wissenswert" im wahrsten Sinne und wollte sie gern in diese Rubrik unserer Homepage aufnehmen.

Nun sind aber erfahrungsgemäß Schwulen- und schwullesbische Gruppen, Treffpunkte und Institutionen auch Anlaufpunkte für andere, noch kleinere sexuelle Minderheiten, die sich allein und ganz aus eigener Kraft solche Begegnungszentren kaum schaffen könnten - beim verblichenen Home-Zentrum war dies so und bei der HuK Hannover mit ihrem Zentrum in der Schuhstraße ist dies natürlich nicht anders. Auch wenn unsere Möglichkeiten, hier mit Angeboten und Beratung weiterzuhelfen, doch personell sehr begrenzt sind, so wollen wir uns im Rahmen des Machbaren der Verantwortung (und der potentiellen Nachfrage) auch für (und bei) andere(n) sexuelle(n) Minderheiten durchaus stellen. Zudem werden uns als Homosexuellen - nicht nur, aber insbesondere auch von unseren Gegnern - bisweilen Themen aus dem Bereich der sexuellen Minderheiten geradezu aufgedrängt, zu denen wir Stellung beziehen müssen. In diesem Sinne habe ich die Email der Asexuellen als Anregung aufgefasst, einen Überblick zu den Themen "Sexuelle Minderheiten" und "Spezielle Formen menschlicher Sexualität" zu geben, mit dem zugleich eine thematische Lücke in unserem Homepage-Bereich "Wissenswertes" geschlossen wird.

Das soll nun mit der vorliegenden Seite geschehen, auf der in mehreren Abschnitten auf die unterschiedlichen Formen menschlicher Sexualität eingegangen wird, wie sich aus den direkten Links zu den einzelnen Themen am Beginn der Seite ersehen lässt. Dabei sind diese Themen auf unterschiedlichen Ebenen anzusiedeln, beziehen sie sich doch teilweise auf die sexuelle Präferenz, also das "Objekt des Begehrens" (Zoophilie, Pädo-, Hetero-, Homo- und Bisexualität), auf das Selbst- und Körperbild (Intersexualität, Transidentität, teilweise auch Transvestitismus) oder auf das sexuelle Skript (Transvestitismus, Fetischismus, SM). Den Begriff "sexuelles Skript" übernehme ich dabei von Lautmann: Angelehnt an das Skript, das Drehbuch eines Films, soll damit der Ablauf sexuellen Handelns einschließlich der damit bei den Beteiligten im Kopf ablaufenden Vorstellungen, Wünsche und Deutungsmuster für das Handeln umschrieben werden.

Dabei bin ich allerdings kein ausgewiesener Sexualwissenschaftler und will mich auch hier nicht als solcher gerieren. So fußen die folgenden Ausführungen eines interessierten Laien (der als Biologe allerdings der Thematik auch nicht völlig fern steht) auf einschlägiger Lektüre und zahlreichen persönlichen Gesprächen in [eben nicht nur rein] "lesbisch-schwulen Zusammenhängen", z.B. mit bi- und transsexuellen (oder besser transidentischen) Menschen. In Einzelfällen werde ich zudem auch auf eigene, persönliche Erfahrungen zu sprechen kommen.



Zur Vertiefung der Thematik - bzw. zur Sexualität im Allgemeinen - empfiehlt sich zudem die folgende Literatur:

  • William H. Masters / Virginia E. Johnson / Robert C. Kolodny: Liebe und Sexualität. dt. 1987-1990 Ullstein Verlag Frankfurt/M. - Berlin. 623 S.
  • Erwin J. Haeberle: Die Sexualität des Menschen. 2. dt. Aufl. 1985. Walter de Gruyter Verlag Berlin (Nachdruck Nikol Hamburg), XII+607 S.
    (H. lehrte als dt. Sexualwissenschaftler in San Francisco und wirkte auch beim wissenschaftl. Begleitprogramm der großen Ausstellung des Schwulen Museums Berlin "Goodbye to Berlin - 100 Jahre Schwulenbewegung" 1997 mit.)
  • Rüdiger Lautmann: Soziologie der Sexualität. Erotischer Körper, intimes Handeln, Sexualkultur. 2002 Juventa-Verlag Weinheim. 547 S.
    Als eine Art "Kurzfassung" daraus:
    ders.: Sexualität, Kultur, Gesellschaft [= Grundkurs Homosexualität und Gesellschaft I] 2003 Edition Waldschlösschen Göttingen. 78 S.


Einband "E.J. Haeberle: Die Sexualität des Menschen"

[ Nach oben ]

Zoophilie / Sodomie

"Seit Beginn aller Kultur geht der Mensch mit domestizierten Tieren um, immer auf die eine oder andere Weise auch direkt körperlich: Wir trinken die Milch anderer Arten, wir kleiden uns in Leder und Felle, streicheln und tätscheln unsere Lieblinge und werden von ihnen beleckt und beknabbert.

In Sagen und Mythen verschwinden die Grenzen zwischen den Arten ganz. Zeus nahm oft Tiergestalt an, um sich einer Geliebten zu nähern. Nixen, Kentauren und andere Mensch-Tier-Schimären bevölkern unsere Kultur seit Jahrtausenden. Im Märchen wurde der Frosch zum Prinzen, und der Wolf überzeugte als Großmutter.

Bei so viel körperlicher Nähe ist es einleuchtend, dass die Übergänge zum noch intimeren Austausch manchmal fließend sind. Sodomie im engeren Sinn ist ein großes Tabu, dennoch belegen historische Quellen wie wissenschaftliche Erhebungen, dass sie durchaus vorkommt. Ihr Hauptschauplatz aber ist die Phantasie. Literatur und Kunst bieten Tausende von Beispielen: Leda und der tiergestaltige Zeus, Maria mit dem Einhorn, Titania und der verzauberte Zettel, Mädchen mit Kuscheltieren. Dass der Mensch dabei fast immer weiblich ist, belegt die Dominanz der männlichen Erotik in der Kunst vergangener Zeiten. [Der letzte Satz ist wohl aus heterosexueller Sicht zu sehen und wird dann verständlich. - B.K.]

Offiziell natürlich gilt Sex mit Tieren als das Widernatürliche schlechthin. Dennoch wird er laufend praktiziert. Es muss ja nicht gleich der Akt an sich sein: Wer immer seine ruhige Katze ausgiebig streichelt, legt ein eindeutiges Vorspiel hin. Jedenfalls sieht es die Katze so, wie Tiere überhaupt unkomplizierter mit unseren Annäherungen umgehen. Menschen erklärt man seine Liebe mit Worten, Tieren eben mit Streicheln. Jedes streichelt auf seine Weise zurück. Ein Schuft, der Schlechtes dabei denkt."

So steht es im anonymen Klappentext zum Buch "Geliebtes Tier" des niederländischen Biologen Midas Dekkers, dem Standardwerk zur Kulturgeschichte der Sodomie (1992, dt. 1994 Carl Hanser Verlag München - Wien. 266 S.). Der Begriff "Sodomie" leitet sich dabei von der biblischen Geschichte der Vernichtung der "sündigen" Städte Sodom und Gomorra ab, wobei nicht recht klar ist, worin das dortige sündige Treiben eigentlich bestanden hat. Homosexualität und Sex mit Tieren - so wurde seit alters von frommen Bibellesern gemutmaßt. Während nach Deuteronomium 29, 23 ff. die Sünde vor allem in der Anbetung fremder Götter bestanden haben soll, spricht das "Umfeld" der Vernichtungsgeschichte in Genesis 19 in gewisser Weise für Homosexualität, aber in einem sehr speziellen Sinn: Nicht um einverständliche gleichgeschlechtliche Liebe geht es dort, sondern um eine geplante mann-männliche Vergewaltigung zweier Männer (der beiden Engel, die bei Lot zu Gast waren) durch die Männer von Sodom. Die Absicht zur Vergewaltigung und der Bruch des - gerade im Orient heilig gehaltenen - Gastrechts sind die einzigen konkret genannten Vergehen in Bezug auf Sodom, das aber zu diesem Zeitpunkt wegen all seiner (im Detail ungenannt bleibenden) Sünden schon zur Vernichtung verurteilt war. [Vgl. auch den Text "Was steht in der Bibel wirklich zu Sodom und Gomorra?" in der Homepage der Bundes-HuK.]

ACHTUNG: Vorstehender Link wird nicht gepflegt! Sollte dieser Beitrag nicht mehr im Internet zu finden sein - und nur dann - kann er als TextOnDemand (in Form einer pdf-Datei) per email mit dem Betreff "Sodom" vom Internetredakteur der HuK Hannover erbeten werden:

E-Mail Email an den Webmaster dieser Homepage & Internetredakteur
    der HuK Hannover: 40plus@bkoenig-biocom.de

Auf Grund der besagten, biblisch aber eigentlich gar nicht belegten Mutmaßung hin wurden bis in die frühe Neuzeit Homosexualität und Sexualität zwischen Mensch und Tier in den unterschiedlichsten Gesetzeswerken und juristischen Schriften quasi unter einem "Sodomieparagraphen" zusammengefasst. Bisweilen wurden zudem auch noch Fälle heterosexuellen Analverkehrs dazugezählt. Daher ist bei älteren Quellen, wenn Handlung und Beteiligte nicht näher beschrieben werden, oftmals gar nicht klar, worum es sich wirklich handelte. Deutlich wird dies im Falle der Sexualität mit Tieren nur bei seltenen erhaltenen Gerichtsakten, wo der betreffende Mensch, aber auch das missbrauchte Tier verurteilt wurden. In der Neuzeit hingegen wird unter "Sodomie" tendenziell eher das verstanden, was mit "Zoophilie" vielleicht besser umschrieben wäre, nämlich die (Intimitäten einschließende) "Liebe zum Tier" - abgeleitet vom Griechischen "zoon", das Tier, und "philia", die Liebe.

Dass Zoophilie dabei - zumindest in der Phantasie - in allen Kulturen kein so abwegiges Thema ist, folgt aus verschiedenen Daten, die Dekkers in seinem Buch zitiert: So ergab etwa eine Untersuchung über präkolumbianische südamerikanische Keramik mit sexuellen Darstellungen, dass z.B. 3% der Objekte Sexualität zwischen zwei Männern zeigen, hingegen 6% solche zwischen Mensch und Tier. Sieht man einmal von Zoophilie in Literatur und Kunst ab, so dürfte sich das Spektrum in der Praxis vom heranwachsenden Bauernjungen, der sich mit dem Vieh vergnügt, bis zur vornehmen Dame mit dem gut dressierten "Schoßhündchen" erstrecken. Tierische Partner bilden dabei wohl in nahezu allen Fällen einen Ersatz für menschliche Sexualpartner, die man zur Zeit gerade nicht, noch nicht oder nicht mehr bekommen kann. Eine Fixierung auf Tiere als einzig begehrtes Sexualobjekt dürfte, wenn es sie überhaupt gibt, eine extrem seltene Ausnahme darstellen.

Auf Seiten des Tieres reicht das Spektrum der Empfindungen dabei vom Genuss der Intimität bis hin zur Qual - denn die gewaltsame Penetration insbesondere eines kleineren Haustieres etwa durch einen Jungen (nicht unbedingt nur vom Lande), den sonst "noch niemand heranlässt", ist durchaus als schwere Tierquälerei zu werten. In jedem Fall sind (zu) weitgehende Intimitäten zwischen Mensch und Tier ein Tabuthema, über das man lieber nicht spricht.

Sexualität über Art- und Gattungsgrenzen hinweg scheint aber auch ein Tabu im Tierreich zu sein. Beobachtet man in der Natur einen Sexualakt zwischen zwei sehr unterschiedlich aussehenden Tieren, so handelt es sich fast immer um Männchen und Weibchen einer Art mit ausgeprägtem Sexualdimorphismus, also stark unterschiedlichem Aussehen der Geschlechter. Ein bekanntes Beispiel wäre etwa die Ente mit ihren schillernd bunt gefärbten Männchen, den Erpeln, und den eher unscheinbaren grau-braunen Weibchen. Nur sehr selten handelt es sich tatsächlich um Tiere unterschiedlicher Art oder gar Gattung, auch wenn auch dies durchaus vorkommt, so etwa in jenem berühmt gewordenen "tiefsten Tiefsee-Porno", den vor ein paar Jahren das amerikanische Tieftauchboot Alvin aufgenommen hat und der zwei Octopus-Männchen unterschiedlicher Art und mutmaßlich sogar Gattung beim Sexualakt zeigt.

Art(- und zumindest Untergattungs)grenzen übergreifende Paarungen gibt es bekanntermaßen auch zwischen Pferd und Esel, die sogar zu Nachkommen führen, welche selbst aber wiederum unfruchtbar sind. Bilden sich neue Arten heraus, so werden mit als erstes Paarungsbarrieren zwischen den sich neu bildenden Arten errichtet: Diese können etwa in unterschiedlichem Werbe- bzw. Balzverhalten, Färbungsvarianten bei paarungs-auslösenden Signalzonen des Körpers, unterschiedlichen Düften und Sexualpheromonen bis hin zur Entwicklung anatomischer Unterschiede bestehen - wie z.B. in der sehr komplexen Genital-Anatomie asiatischer Honigbienenarten. Dort, wo nicht selten drei oder vier verschiedene Arten in derselben Landschaft leben (Fachbegriff: "sympatrisch"), kommt zudem dann noch als Verhaltenselement der "Sex nach Stundenplan" hinzu: Bienen paaren sich ja an sogenannten "Drohnensammelplätzen", die bestimmte (vor allem optische) Umgebungsmerkmale aufweisen müssen, so dass sich nicht jede Lichtung oder Ecke am Waldesrand dafür eignet. Dort treffen sich dann typischerweise Drohnen und Königinnen der Art A beispielsweise von ca. 9.00 bis 11.00 Uhr, die der nächsten Art B von ca. 11.00 bis 13.00 Uhr, darauf C von 13.00 bis 15.00 und zuletzt D von 15.00 bis 17.00 Uhr - jeweils mit kurzen Pausen dazwischen. (Nach Forschungsarbeiten von G. und N. Koeniger und MitarbeiterInnen)

Dass Tiere die eigenen Artgrenzen in der Regel besser kennen und respektieren als wir Menschen zeigt ein Beispiel aus unserer nächsten Verwandtschaft: Erst 1929 wurde der Bonobo als eigenständige Spezies offiziell anerkannt. Bis dahin (und mancherorts wohl noch lange danach) wurden sie in Zoos nicht selten mit Schimpansen im selben Gehege in gemischten Gruppen gehalten und man wunderte sich, wieso es nicht zu Paarungen kam.

Nachträge zum Thema "Zoophilie / Sodomie"

Wie die T-Online-Nachrichten vom 6. September 2006 vermeldeten, fanden im Musikclub "Ottobar" in Baltimore (im US-Bundesstaat Maryland) "Trauungen" von 7 oder 8 Haustierbesitzern und ihren tierischen Lieblingen statt. Zunächst mehr als Gag geplant, wurde es schließlich "zu einer hollywoodreifen Aufführung", wie T-Online schrieb. Der Barbesitzer hatte sich zuvor eigens per Internet von der Universal Life Church zum Priester ernennen lassen. Drei oder vier Hunde, zwei Katzen, eine Schildkröte sowie eine Tarantel erhielten von ihren Herrchen oder Frauchen das Jawort; was die betreffenden Tiere davon hielten, entzieht sich unserer Kenntnis - ihr Jawort blieben sie zumindest schuldig. Der Initiator, David Sanderson, meinte, mit Sodomie habe das gar nichts zu tun. Allerdings stünde ihm nach drei gescheiterten Ehen niemand näher als sein Hund.

Man könnte das Ganze ja - ebenso wie die sonstigen Auswüchse der Haustierverhätschelung in den USA (Luxusboutiquen und -Friseure etc. für Hund und Katze, oftmals wenig artgerecht, dazu aufwändige Tierfriedhöfe usw.) als einen Spleen abtun, als Verirrung und eher krankhafter Ausdruck der Vereinzelung der Menschen in unserer modernen Single-Gesellschaft. Aber dass nun auch in diesem Zusammenhang von fundamentalistischen "Christen" der alte Sodomie-Unfug wieder hervorgekramt wird, etwa in dem Sinne, die gleichgeschlechtliche Heirat zu erlauben stelle einen Dammbruch dar, dem "Sodomie und andere Perversitäten" auf dem Fuße folgen würden, sollte doch zu denken geben. Jedenfalls fühlt sich der eine oder andere Hassprediger, der Derartiges schon vor Jahren von sich gab, nunmehr leider bestätigt.

(Nachtrag 20.02.2007:) Und das vielleicht auch noch durch folgenden Sachverhalt, den ich dennoch ebenfalls hier nachreichen will: Oben im Text hatte ich erwähnt, dass abgesehen von wenigen Ausnahmen wie den (fruchtbaren heterosexuellen) Paarungen zwischen Pferd und Esel und gewissen "schwulen" Tiefseekraken Tiere bei der Sexualität im Allgemeinen Artgrenzen streng zu respektieren scheinen. Ein mir bislang unbekanntes Gegenbeispiel wird nun in dem neuen Film über Homosexualität im Tierreich von Topdoku.tv berichtet, nämlich dass "schwule" Delphinpaare gar nicht so selten aus Männchen zweier verschiedener Delphin- bzw. Tümmler-Arten bestehen. Während bei den Tiefseekraken immer wieder argumentiert wird, dass die geringe Chance, in der dünn besiedelten Tiefsee überhaupt Sexualpartner zu finden, wohl die Ursache für gleichgeschlechtlichen Sex mit Artfremden sei, zieht diese "Begründung" hier nicht, denn im Lebensraum dieser Delphine und Tümmler sind in der Regel immer Weibchen wie auch männliche Artgenossen in größerer Zahl vorhanden. Vielleicht nehmen es ja zumindest im Tierreich in manchen Fällen die Schwulen mit der Artgrenze nicht immer so genau - oder sind homosexuell nur in Bezug auf das Geschlecht des Sexualpartners, aber heterosexuell in Bezug auf die Art, womit sich ein ganz neuer Sinn des Begriffes "Heterosexualität" auftun würde.

[ Nach oben ]


Bemerkungen zur moralischen Bewertung: Würde, Treue, Prostitution

Kommen wir wieder auf die menschliche Sexualität zurück, so findet diese im "Normalfall" hingegen zwischen in der Regel zwei menschlichen Partnern statt (beim "flotten Dreier" oder veritablen Orgien können es auch mehr sein). Auch wenn dabei ein Mensch einen anderen zum "Objekt des Begehrens" erwählt, so sollte er (oder sie) ihn (oder sie) eben gerade nicht als bloßes Objekt der Lust sehen oder gar behandeln, sondern im Gegenüber stets eine andere menschliche Person mit eigener Würde erkennen und achten. Sexualität, die diese Achtung vermissen lässt, ist daher moralisch abzulehnen. Dies gilt insbesondere für Sexualhandlungen, die unter Ausübung oder Androhung von Gewalt erfolgen oder die unter Ausnutzung von Abhängigkeiten, von Unerfahrenheit, Unreife bzw. mangelnder Urteilsfähigkeit eines/einer Beteiligten zustandekommen.

Während diese Wertung allgemeiner Konsens sein dürfte, gibt es über die Verbindung von Liebe und Sexualität durchaus unterschiedliche Auffassungen, was z.B. auch in einer Gemeinschaft wie der HuK Hannover so hingenommen werden muss. Gemeint ist dabei die Frage, ob sexuelle Intimitäten nur dann moralisch vertretbar sind, wenn echte Liebe mit im Spiel ist, oder ob bei deren Abwesenheit der Wunsch, einander körperliche Lust zu bereiten, schon zur ethischen Verantwortbarkeit ausreicht. Auch wenn einzuwenden ist, dass aus wahrhaft christlicher Sicht die sexuelle Lustempfindung eine Gute Gabe Gottes ist, muss diese Frage jede(r) letztlich für sich selbst beantworten. Dass Liebe zum und die Vertrautheit mit dem Partner / der Partnerin die Freude am sexuellen Erleben zu steigern vermag, dürfte dabei eine Erfahrung sein, die auch manche(r) Leser(in) dieser Zeilen mit dem Autor teilen dürfte.

Liebe und Treue, Mono- und Polygamie, Promiskuität. Eine große Mehrheit der Menschen - auch der Lesben und Schwulen sowie der Angehörigen sonstiger "sexueller Minderheiten" - trägt das Ideal der romantischen lebenslang monogamen (treuen) Beziehung mit einem Partner oder einer Partnerin in sich, wie es auch in der Neuzeit als Bestandteil eines angeblichen "christlichen Familienbildes" von den Kirchen propagiert wird. Die Realität ist aber nicht so und war es auch nie. Aber nicht etwa, weil böse Menschen, insbesondere ein Teil der Schwulen, sich das Recht zu einem Leben in Promiskuität herausnehmen wollen. Was die biblisch-christliche Tradition betrifft, so beginnt sie mit der patriarchal geprägten Familie des Alten Orients, in der die - in der Regel mehreren - Ehefrauen und Kinder nahezu auf einer Stufe neben den Sklaven/Sklavinnen, dem Vieh und Haus und Hof mitgemeint waren, wenn das Gebot lautete, nicht nach des Nächsten Eigentum zu trachten. So ist für den Verfasser von Exodus 21,7 auch das Recht eines Vaters, die eigene Tochter in die Sklaverei zu verkaufen, eine bare Selbstverständlichkeit. Liebesheiraten waren bis in die früheste Neuzeit allenfalls im Märchen und im Roman bekannt, aber kaum im wirklichen Leben. Was vor diesem Hintergrund von der gebetsmühlenartigen Beschwörung "des christlichen Familienbildes" zu halten ist, beschreibt der Theologe Peter Bürger in seinem brillianten Beitrag in unserer Homepage.

Während das Ideal ehelicher Treue - also ein Leben in strenger Monogamie - im heterosexuellen Bereich offiziell hochgehalten wird und ein "Seitensprung" zum Scheidungsgrund erhoben werden kann, sind unter Homosexuellen - bei Männern eher als bei Frauen - nach allgemeiner Einschätzung eher die "serielle Monogamie" oder die "offene Beziehung" der Regelfall. Bei "serieller Monogamie" können die Beziehungen in Wochen, Monaten oder auch Jahren bemessen werden; die "offene Beziehung" kann unter Umständen einseitig oder im Ungleichgewicht sein (d.h. nur eine(r) von beiden "geht [häufiger] fremd"); sie kann ohne oder mit gegenseitigen "Berichten" über die "außerehelichen Aktivitäten" gelebt werden. Eine "offene Beziehung" kann von ein und demselben Beteiligten zu einer Zeit als problemlos, zu anderer Zeit als schmerzlich und mit Eifersüchten verbunden erlebt werden. Sie kann durch das Angebot ausreichender sexueller "Abwechslung" eine Partnerschaft stabilisieren, wenn andere Faktoren als der Sex dieser eine Basis geben. Fehlt ein solches tragfähiges Fundament, kann in der Offenheit einer Beziehung aber auch bereits der Keim ihrer allmählichen Auflösung liegen. Für beides könnte der Verfasser Beispiele aus seinem Bekanntenkreis benennen - und dies dürfte im heterosexuellen Bereich kaum anders sein als "bei uns".

Denn offene Beziehungen finden sich zunehmend auch bei Heteros; Swingerclubs erfüllen hier die Funktion von schwuler Sauna und Sexkino; schließlich beginnt sich durch ein Karussell von Ehe, Scheidung und Wiederverheiratung nicht nur bei Prominenten die "serielle Monogamie" auch in der heterosexuellen Biographie breitzumachen. So nähern sich in dieser Hinsicht die Erfahrungswelten von "Heteros" und "Homos" einander an. Auch die Existenz von Dreiecks- oder Haupt- und Nebenbeziehungen dürfte nicht mehr nur eine Domäne homosexueller Männer sein. Als letzter Unterschied bleibt so vielleicht der anonyme Sex im Park, im Darkroom oder der Klappe (für Heteros: = Öffentliche Toilette), der im heterosexuellen Bereich wohl kaum eine Entsprechung finden dürfte. (Zum Thema der puren Lust ohne Verliebtsein hatte ich mich oben bereits geäußert.) Auf der anderen Seite ist der einmalige "Seitensprung" als Scheidungsgrund auch unter homosexuellen Männern prinzipiell denkbar, wie der Verfasser vor Jahren in einer Gesprächsgruppe im damaligen Home-Zentrum staunend von einem älteren Mann erfuhr, der sich dadurch vor den Scherben einer jahrzehntelangen Partnerschaft sah.

Dabei ist aus biologischer Sicht der Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau zu beachten: Ordnet man biologische Arten nach ihrer (Über-)Lebensstrategie in das Spektrum von K- zu r-Strategen, so steht innerhalb unserer Art die Frau näher am "K-Pol", der Mann aber dem "r-Pol" näher. Gemeint ist damit Folgendes: K-Strategen setzen zu ihrer Zukunftssicherung eher auf die möglichst vollständige Ausnutzung der Kapazität ihres Lebensraums (dessen ökologische Tragfähigkeit für die betreffende Art) durch hohe Investitionen an Material und Lebenszeit in die Nachkommenschaft, z.B. Nestbau, Brutpflege, Schutz vor Feinden und "Erziehung" in Form von Anleitung zur Nahrungswahl und/oder zum Beutefangverhalten und Weitergabe von Traditionen, wie sie sich auch in Tiergruppen herausbilden und entwickeln können (beispielsweise Techniken des Nüsseknackens oder Werkzeuggebrauch, um etwa Insektennahrung aus Spalten "zu angeln"). Solche Arten bringen dadurch mehr Nachkommen bis ins Erwachsenenalter durch und kommen deswegen zur Arterhaltung mit niedrigen Nachkommenzahlen aus. "r-" oder auch "rate-Strategen" hingegen "überschwemmen" ihre Umwelt regelrecht mit Unmengen von Nachkommen, die sie dann aber im typischen Fall sich selbst überlassen. Stehen diese dann auch noch relativ am Anfang ihrer Entwicklung und sind im Vergleich zum erwachsenen Organismus relativ klein, so ist der "Materialwert" eines jeden jungen Individuums, den die Eltern zu seiner "Produktion" investieren mussten, recht gering. Solche Arten setzen also auf ihre hohe Vermehrungsrate und können hohe Verluste durch Fressfeinde verkraften, so lange nur einige Jungtiere durchkommen, um die nächste erwachsene Generation zu bilden. (Pflanzen und sonstige nichttierische Organismen sind übrigens fast immer auch in diesem Sinne als r-Strategen zu bezeichnen.)

Kehren wir in unseren Überlegungen zum Menschen zurück, so leuchtet unmittelbar ein, dass Frauen in ein Neugeborenes sowohl an Material als auch durch ihre neunmonatige Tragzeit und die damit verbundenen Belastungen und Einschränkungen ungleich viel mehr investieren müssen als es der Mann mit seiner in rein materieller Hinsicht vergleichsweise unbedeutenden Samenportion tut. Dass sich dies im sozialen Kontext durch eine spätere langjährige Aktivität als "Ernährer" und die Mitarbeit bei der Erziehung für den Mann schließlich ganz anders darstellen kann - aber eben nicht muss (denn er könnte ja auch nach der Zeugung das Weite suchen und hätte sich dann trotzdem vielleicht mit einigem Erfolg fortgepflanzt) - ändert nichts daran, dass der Mann zwangsläufig durch die Evolution in Richtung r-Stratege selektioniert ist, die Frau jedoch "in Richtung K". Trivial gesagt, er ist darauf getrimmt, seinen Samen, der ihn materiell nicht viel kostet, möglichst weit zu streuen; sie hingegen ist biologisch mehr darauf konditioniert, für ihren erheblichen Aufwand an Material und Lebenszeit möglichst stabile Bedingungen zu schaffen - durch Sorgfalt bei der Partnerwahl und indem sie alles daran setzt, eine Versorgung, Schutz und Hilfe bei der Aufzucht bietende Beziehung herzustellen und wenn irgend möglich langfristig aufrechtzuerhalten. (Mutmaßlich erst in nach den Maßstäben der Evolution jüngerer bzw. jüngster Zeit ermöglicht soziale Absicherung in der Familiengruppe - soweit patriarchale Machtverhältnisse dem nicht entgegenstanden - bzw. neuerdings im Sozialstaat der Frau eine größere Unabhängigkeit vom Erzeuger ihrer Kinder.) Auch wenn in den Beziehungen homosexueller Männer die Erzeugung von Nachkommen keine Rolle spielt (und das Heranwachsen von Kindern noch eher selten (*)), so verdeutlichen vorstehende Zusammenhänge bzw. biologische Hintergründe, dass zwei Männer, die "von Natur aus nicht auf sexuelle Treue programmiert" sind, es aller Wahrscheinlichkeit nach einfach schwerer haben, eine monogame Paarbeziehung aufrechtzuerhalten, als Frauen- oder heterosexuelle Paare.

(*) Die homosexuelle Prägung schließt prinzipiell den Wunsch, Kinder zu erziehen und heranwachsen zu sehen, nicht notwendigerweise aus. Es gibt durchaus Beispiele dafür, dass schwule ebenso wie lesbische Paare vorbildliche Eltern sein können; in der Regel bieten familiäres und soziales Umfeld dieser "Regenbogenfamilien" zudem den darin heranwachsenden Kindern ausreichend Bezugspersonen des jeweils anderen Geschlechts. (Andererseits bietet die heterosexuelle Veranlagung an sich leider keine Gewähr dafür, dass Kinder in solchen Beziehungen gesund und glücklich heranwachsen können, wie erst in letzter Zeit verschiedene Fälle von Misshandlung und Verwahrlosung bis hin zum Tod aufgezeigt haben.)   

Käufliche Liebe - Prostitution. Sexualität möchten die meisten Menschen wohl am liebsten in Verbindung mit Liebe erfahren - oder wenigstens als gegenseitige Beglückung und Bereicherung "ohne finanzielle Interessen" (wie es bisweilen in Annoncen formuliert wird). Da dies nicht immer gelingt, wenn das Bedürfnis nach Sexualität groß, aber kein(e) Partner(in) erreichbar ist, wird von entsprechenden "Dienstleistungsangeboten" immer wieder gern Gebrauch gemacht, von Männern sicherlich weitaus mehr als von Frauen - und das unabhängig von der sexuellen Orientierung. Zudem erfüllen männliche und weibliche Prostituierte bisweilen auch sexuelle Wünsche und Phantasien, deren Realisierung man(n) dem oder der Partner(in) nicht zumuten mag. Insofern sexuelle Intimität hierbei zur Ware gemacht wird, wird bis zu einem gewissen Grade bzw. je nach individueller Sichtweise auf beiden Seiten womöglich die Würde der Person beschädigt. Die Vorstellung, was moralisch tragbar ist, mag dabei bei jedem/jeder unterschiedlich ausfallen, was für Menschen mit anderer Sichtweise ggf. auszuhalten ist. Während der/die eine jegliche "käufliche Liebe" als unmoralisch ablehnt, mag es in anderer Sicht in Ordnung sein, solange der oder die "Anbieter(in)" grundsätzlich mit sich über diese "Tätigkeit" im Reinen ist, Spaß an der Sexualität an sich hat und im Einzelfall die Freiheit, den Sex mit einem aus irgendeinem Grunde unsympathisch erscheinenden Gegenüber zu verweigern.

Als moralisch vollkommen inakzeptabel in diesem Bereich sind hingegen neben dem Übel der Kinderprostitution vor allem auch jene Fälle zu bewerten, in denen Frauen aus wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern (Osteuropa, Südostasien, sogenannte "Dritte Welt") unter falschen Versprechungen (vom Job bis zur Ehe) ins Land gelockt und dann zur Prostitution gezwungen werden. Nicht minder bedenklich würde ich das Sich-Anbieten von Strichern einschätzen, die dies aus einer puren Notlage heraus tun, eventuell verursacht durch Drogenkonsum und -abhängigkeit, und die dann womöglich selbst noch nicht einmal schwul sind, sondern beim Verkehr mit dem Freier nur mühsam ihren Ekel verbergen.

Dass demgegenüber Saunen, Sexkinos oder Treffpunkte in Parks eher keine Orte für Sexualität gegen Bezahlung sind, ist in Schwulenkreisen eine Selbstverständlichkeit, muss aber Heteros wie z.B. verantwortlichen Kommunalpolitikern und Behördenchefs offenbar immer wieder einmal aufs Neue erklärt werden.


[ Nach oben ]


Pädosexualität, Päderastie, Pädophilie und Kindesmissbrauch

[ Päderastie ]     [ Pädophilie ]     [ Kindesmissbrauch ]

Das wohl heikelste unter den Themen dieser Seite ist das der Pädosexualität im weitesten Sinne. Beginnen wir zunächst - und ganz folgerichtig im kulturhistorischen Sinn - mit der im antiken Griechenland praktizierten Päderastie. In diesem wie auch in den anderen Begriffen unserer Überschrift steckt - genau wie im Namen der akademischen Disziplin "Pädagogik" - das griechische Wort pais = Kind. Und so wie im Falle der Pädagogik der Begriff weit über das "Kind" in unserem Sinne hinausweist (denken wir z.B. an Disziplinen wie die "Sozialpädagogik"), so tut es das auch im Falle der Päderastie.

Im alten Griechenland verstand man darunter nämlich eine spezielle Form der Pädagogik in den Kreisen der Oberschicht, bei der auch Erotik und Sexualität im Spiel sein durften, der Schwerpunkt aber auf dem "pädagogischen Eros" lag. Kurz gesagt, handelte es sich um eine auf Ausbildung und Erziehung ausgerichtete zeitweilige Beziehung zwischen einem mindestens 12-Jährigem, zumeist aber postpubertären Jugendlichen bis etwa zum Alter von 17 Jahren - heute würden wir von einem Teenager sprechen - und einem etwas älteren und reiferen Vollbürger über 20 bis zu etwa 50 Jahren - also einem Twen bis hin zum Mann mittleren Alters. Der Ältere wurde als Erastes oder Liebhaber, der Jüngere als Eromenos oder Geliebter bezeichnet.

Der Erastes musste den Eromenos umwerben, machte ihm zu diesem Zweck Geschenke - vor allem erlegtes Wild, aber auch beispielsweise junge Jagdleoparden oder Geparden. Hatte seine Werbung Erfolg, so war er für die Erziehung und Ausbildung des jungen Mannes hin zu einem künftigen Mitglied der Oberschicht verantwortlich, wozu Kunst und Wissenschaft ebenso wie Sport, Jagd und das Militärwesen gehörten. Ein potentieller Eromenos wurde, je schöner er war, von um so mehr Erasten umworben; im Gegensatz zu diesen musste er sich spröde geben und durfte sich kein sexuelles Interesse anmerken lassen. Neben einer Fülle antiker schriftlicher Zeugnisse zum Thema wissen wir dies auch aus einer großen Zahl bildlicher Darstellungen des Päderastie-Komplexes auf Vasen, Schalen und Tellern. Hier ist der Erastes stets mit Bart, mit den Geschenken in der Hand und, sofern nackt, bisweilen auch mit erigiertem Glied dargestellt. In manchen Vasenmalereien tänzeln auch 3 oder mehr Erasten aufgeregt um einen schönen Eromenos herum. Dieser wird stets bartlos, vielleicht etwas häufiger nackt als die Erasten, dann aber nur in sportlichen Zusammenhängen und stets ohne Erektion dargestellt.

"Offiziell" gab es zwischen Erastes und Eromenos nur "Schenkelverkehr"; für einen künftigen freien, die Politik seines Stadtstaates mitentscheidenden Bürger wäre es unehrenhaft gewesen, als williger passiver Partner im gleichgeschlechtlichen Verkehr bekannt zu sein. Auch musste ein Eromenos darauf bedacht sein, nur mit einem Erastes eine Beziehung einzugehen. Waren es mehrere hintereinander, so wurde ihm leicht (wie auch beim Bekanntwerden passiven Verkehrs) unterstellt, ein Lustknabe (Pornos, Mehrzahl Pornoi) zu sein. Das konnte ihn für öffentliche Ämter untragbar machen und ihm im schlimmsten Fall die Aberkennung bürgerlicher Ehrenrechte kosten. - Homosexuelle Beziehungen unter erwachsenen Männern gab es natürlich auch und man musste dabei keine Verfolgung fürchten. Es war aber besser, sich in seinen Äußerungen dazu bedeckt zu halten und sich Außenstehenden auf keinen Fall als vorzugsweise passiver Partner in einer solchen Beziehung zu offenbaren. Die Selbstzuschreibung einer etwaigen homosexuellen Identität lag dabei gänzlich außerhalb des Vorstellungsvermögens.

An Literatur zu diesem Thema ist zu empfehlen:

Wie wir gesehen haben, hat die Päderastie mit Pädosexualität, Pädophilie und gar mit Kindesmissbrauch nahezu nichts zu tun - dem allgemeinen Empfinden nach allenfalls im Falle der jüngsten Eromenoi (unter 14 Jahren), im bundesdeutschen juristischen Sinne (infolge der Erhöhung des "Schutzalters" auf 16 Jahre) allerdings schon etwas mehr. Ohnehin war übrigens in der menschlichen Kulturgeschichte die allgemeine Auffassung über das Ende der Kindheit und den Beginn des Erwachsenseins über Zeiten und Räume einem starkem Wandel unterworfen: So waren nach dem Schwabenspiegel, einem Gesetzeswerk des 13. Jahrhunderts, Jungen ab 14 und Mädchen ab 12 Jahren erwachsen, nämlich ohne Einwilligung der Eltern heiratsfähig, bei den hochmittelalterlichen Angeln und Sachsen (nach Haeberle) beide sogar schon mit 11 Jahren - um nur Beispiele aus unserem eigenen Kulturraum anzuführen. Kommen wir zum Thema Päderastie zurück, so ist im Hinblick auf das hochgradig Spezielle an ihr die in der Regel abwertend gemeinte weniger gebräuchliche Bezeichnung "Päderast" für Schwule offensichtlich ein Missgriff.

Ein Körnchen Wahrheit scheint aber wie so oft daran zu sein, wenn man einen Blick in die Partnerschaftsanzeigen in der Schwulenpresse wirft: Der Wunsch, einen etwas bis deutlich jüngeren Partner zu finden, wird dort so oft genannt, dass der Leser sich doch irgendwie ans antike Modell "Älterer mit Jüngerem" erinnert fühlt. Hier sind dann allerdings mit Jüngeren in aller Regel junge Männer ab etwa 18 Jahren gemeint, die also für den antiken Griechen dem "Eromenos-Alter" gerade entwachsen sind. Dem mögen zwei Ursachen zugrundeliegen: Zum Einen fühlt sich ein schwuler Mann nicht selten jünger als er tatsächlich ist (wenn auch das Umgekehrte vorkommen kann, wie im Teilfilm "Generation Ghettos" in "alt und jung - hannover filmt queer" zu sehen). Zum Anderen finden sich gerade unter männlichen Homosexuellen nicht wenige, die gewissermaßen "ihre Jugend [mehr oder weniger] verpasst" haben. Durch den gesellschaftlichen und kirchlich-religiösen Druck haben sie oftmals erst später oder gar sehr spät im Leben begonnen, ein schwules Leben zu führen. Und selbst unter denjenigen, denen schon in der Jugend ein offenes Leben gelang oder gelingt, kam oder kommt es nach wissenschaftlichen Studien im Durchschnitt später zu ersten sexuellen Erfahrungen als bei heterosexuell veranlagten Menschen. "Schwule Jugendliche machen ..." - so Biechele (2006) - "die Erfahrung von Liebe gut anderthalb Jahre und die Erfahrung der ersten Beziehung gut zweieinhalb Jahre später als ihre heterosexuellen Altersgenossen."

Auch zeigen die Berichte über früheste sexuelle Erfahrungen von Männern verschiedener Generationen wie z.B. Hart (1995) [siehe unten die Literaturhinweise], dass je mehr das Thema Homosexualität im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist, desto seltener es (im Laufe der Jahrzehnte) zu solchen Spielereien unter Jungs gekommen ist und desto mehr die Heimlichkeit dabei zugenommen hat, da "man ja nicht als schwul gelten will". So schreibt Dannecker (2006): "Nebenbei gesagt - und ich rekurriere damit auf empirische Befunde von Gunter Schmidt - ist die >>Chance<< für junge Schwule, erste gleichgeschlechtliche Erfahrungen mit Schulfreunden machen zu können, in den letzten Jahren deutlich geringer geworden. Denn homosexuelle Kontakte kommen unter Jungen in der Pubertät bzw. Adoleszenz inzwischen sehr viel seltener vor als noch vor ein paar Jahrzehnten." Nach Biechele (2006) stieg das mittlere Alter beim ersten gleichgeschlechtlichen Verkehr bei schwulen Jugendlichen von 15,8 Jahren in den Jahren 1971-1974 (Daten nach Dannecker & Reiche (1974)) auf 17,1 Jahre im Zeitraum 1998-2001. Nicht wenige Schwule älterer Generationen haben aber in ihrer Jugend solche >>Chancen<< nicht bekommen oder sie nicht wahrzunehmen gewagt und daher erst in ihren Zwanzigern, Dreißigern oder noch später erstmals schwulen Sex erfahren. Je nach Alter und persönlicher Geschichte haben sie da also eventuell noch Einiges "nachzuholen". Obwohl es zum Glück durchaus auch Jüngere gibt, die sich ernsthaft für Ältere interessieren (und ebenso Ältere, die Gleichaltrige bevorzugen), dürfte das Verhältnis von Nachfrage und Angebot hier eher unausgeglichen sein.

Literatur zum Abschnitt über "Altersdifferenz" bei ersten sexuellen Erfahrungen:
(Nachtrag im November/Dezember 2007)


[ Zurück zum Anfang des Kapitels "Pädosexualität" ]      [ Zurück ins Kapitel "Plastizität" ]


Pädosexualität: Pädophilie und Kindesmissbrauch

Im heutigen (insbesondere journalistischen) Sprachgebrauch werden die Begriffe "Pädophilie" und "Kindesmissbrauch" als gleichbedeutend verwendet - Sieg einer politischen Kampagne, aber eine Niederlage für die Sexualwissenschaft. So sehen es jedenfalls die Wissenschaftler, die hier in der Mehrheit eine differenziertere Betrachtung fordern. (In der oben empfohlenen Literatur bilden Masters et al. hierin eine Ausnahme). Sie haben in der Öffentlichkeit keinen leichten Stand, wie etwa der Bremer Sexualwissenschaftler Rüdiger Lautmann, ein Soziologe. Dieser erntete für sein Buch "Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen" (1994), eines von drei Büchern bzw. eine von vier Veröffentlichungen, die aus einem entsprechenden Forschungsprojekt hervorgegangen sind, Anfeindungen von beinahe allen Seiten. Dabei vertritt er die Auffassung, dass es zwischen Pädophilie und Kindesmissbrauch eine Trennlinie gebe, die sich an den Kriterien Freiwilligkeit und Schädigung festmachen lasse. Maximal fünf Prozent der mit Kindern sexuell interagierenden Erwachsenen rechnet er der Gruppe der "Echten Pädophilen" zu und postuliert "Das Begehren zum Kind ist eine eigenständige und ausdifferenzierte Sexualform" (Dieses und folgende Zitate aus: Rüdiger Lautmann: "Der moralische Kreuzzug gegen die Pädophilen". In: ders.: Der Homosexuelle und sein Publikum. 1997 MännerschwarmSkript Verlag Hamburg, S.173-185 [Erstabdruck im pro familia-Magazin Mai 1995]).

"`Echte Pädophile´ sind Erwachsene mit einem auf Kinder gerichteten Begehren (`Präferenz´). Sie lieben ihre kindlichen Partner und Partnerinnen. Sie begehren sie zunächst einmal erotisch. Das Sexuelle kommt eigentlich erst in zweiter Linie." charakterisiert Lautmann diese Sexualform. (Letzteres könnte z.B. bedeuten, dass es allenfalls zu gegenseitiger genitaler Stimulierung kommt, nicht aber zu Akten der Penetration, die beim kindlichen Körper zu Schmerzen führen würden [- soweit die Interpretation des Redakteurs].) In seinem Aufsatz diskutiert Lautmann u.a., in wieweit man bei Kindern eine Einwilligung in eine sexuelle Beziehung überhaupt voraussetzen kann, da Erfahrungshorizont und Bedeutungszuweisung sexueller Handlungen sich bei Kindern und Erwachsenen immer weit voneinander unterscheiden werden. Während daher die einen jegliche sexuelle Annäherung zwischen Kindern und Erwachsenen ohne nähere Prüfung als Verbrechen werten wollen, halten andere - wie auch Lautmann - dagegen, dass sich die sexuelle Handlungsfähigkeit nicht quasi über Nacht im Jugendalter ("von 0 auf 100", würde der Autofahrer sagen) entwickelt, sondern von Geburt an in einem allmählichen Prozess. Auch würden heute Kinder nicht mehr zu fragloser Unterordnung und Gehorsam den Erwachsenen gegenüber erzogen, sondern zur Selbständigkeit und Kommunikationsfähigkeit. Prinzipiell sei es demnach möglich, dass Kinder - selbst bei einem anderen Verständnis der realen Vorgänge - in etwas einwilligen könnten, was (und soweit es) ihnen selbst Spaß macht. "Die befragten Kinder", zitiert er eine Studie von Bielefelder Forschern aus dem Jahre 1993, "verfügen über Kriterien, nach denen sie Übergriffe zulassen würden." Und solange der Pädophile die vom Kind selbst gezogenen Grenzen respektiere und dem Kind keine Gewalt antue, käme es dabei auch nicht zu einer Schädigung. Gerade hier sieht aber Lautmann die Grenze zum Missbraucher, der den kindlichen Körper auch nicht wirklich erotisch begehre.

Psychologen, so führt er weiter aus, hätten Schädigungen dabei praktisch nur im Zusammenhang mit Inzest festgestellt, sofern man sich auf methodisch einwandfreie Untersuchungen beschränke. Inzest ist allerdings - eben gerade! - mehr ein Thema im Zusammenhang mit Missbrauch (siehe unten). Problematisch sei es natürlich auch, die Sichtweise der Kinder selbst zum Thema zu ermitteln, obwohl es zumindest seit 1993 derartige Studien gibt (siehe oben): "So wenig ein Kind unabhängig von den grassierenden Unwerturteilen berichten kann, wird ein Erwachsener wertfrei rückblickend schildern, wie es damals geschehen ist."

Während bei jüngeren Kindern die Belege spärlich sind und z.B. von Lautmann noch kein "Interesse ... an der Genitalität des Erwachsenen" vermutet wird, "allenfalls Neugier [und ein gewisses] Informationsbedürfnis", gibt es von älteren vorpubertären Kindern mit steigendem Alter umso mehr Informationen, zumeist aber in Form rückblickender Berichte von Erwachsenen. Aus der Literatur fiele mir dazu das Beispiel von Gad Beck ein ("Und Gad ging zu David", Edition diá Berlin), der davon berichtet, als Zwölfjähriger seinen doppelt so alten Sportlehrer unter der Dusche vergewaltigt zu haben. Ich selbst habe in diesem Alter vom damals (bei den Filmaufnahmen) 56jährigen Schauspieler Rex Harrison als Professor Higgins in "My Fair Lady" geträumt, war aber bereits ein oder zwei Jahre zuvor bei dem Versuch ertappt worden, mich auf einer Baustelle an einen attraktiven portugiesischen Bauarbeiter von ca. 25 Jahren heranzumachen. Aus Gesprächen weiß ich zudem auch von anderen schwulen Männern, dass sie sich ab 10 oder 11 Jahren für den einen oder anderen erwachsenen Mann interessiert und von einer sexuellen Begegnung zumindest geträumt haben.

Nimmt man mit Lautmann an, dass "echte Pädophilie" immerhin möglich ist, und folgt man solchen Erfahrungsberichten, wonach zumindest ältere Kinder von sich aus sexuelles Interesse an Erwachsenen entwickeln können, so sollte man seine Position akzeptieren können, die er so umschreibt: "Der nur zu berechtigte Kampf gegen die sexuelle Misshandlung von Kindern möge sich auf die realen Fälle beschränken, auf dass kein neues Unrecht entstehe." Vor diesem Hintergrund tritt er dafür ein, "die Schwulenbewegung solle den Pädogruppen helfen", unabhängig davon, dass "Männerliebe und Kinderliebe völlig getrennte Dinge sind. ... Nie waren Homosexualität und Pädophilie deutlicher voneinander getrennt als in unserer Gegenwart." Andererseits gilt: "Knabenliebe, Päderastie, Sodomiterey wurden früher stets in einen einzigen Topf geworfen" - und einige unserer (der Homosexuellen) Gegner versuchen dies noch heute, sollte man da hinzufügen. Aus diesem Grunde gehe ich hier auch so ausführlich auf diese Thematik ein. Bis zur Mitte der 90er Jahre gab es in dem einen oder anderen Schwulenzentrum noch eine Pädogruppe (bekennende Pädophile, die sich von Missbrauchs- und Inzesttätern distanzierten); aus Opportunitätsgründen wurde diese Kooperation beendet: das Streben nach öffentlicher Akzeptanz und Geldern im Kampf um eigene Bürgerrechte, "Kooperation mit den Lesben und [ganz allgemein] Sympathien der Frauen" [die eher dem "totalen Kinderschutz" zuneigen] waren dafür maßgebend, was Lautmann in seinem Aufsatz kritisiert.

Weiten wir noch einmal unseren Blick über unsere eigene Art hinaus, so sind pädosexuelle Interaktionen meines Wissens im Tierreich kaum bekannt. Unser nächster Verwandter jedoch, der Bonobo oder Zwergschimpanse (Pan paniscus), bildet hier die große Ausnahme und ist notorisch für sein pädosexuelles Erziehungsprogramm, das unmittelbar nach der Geburt beginnt, indem Erwachsene das Genital des Neugeborenen stimulieren. (Nach Haeberle machten dies noch im Mittelalter bei uns die Ammen oder die Eltern selbst mit ihren Babies ebenso; in außereuropäischen Kulturen ist es bisweilen noch heute üblich - so etwa bei den Hopi-Indianern in Nordamerika.) Schrittweise im Einklang mit der körperlichen Entwicklung wird jede(r) junge Bonobo in die Sexualität eingeführt, die im Leben dieser Menschenaffen eine außerordentliche Rolle spielt und dem Gruppenzusammenhalt und der Harmonie gilt: Der Hippie-Slogan "Make Love Not War" (Macht Liebe, nicht Krieg) ist bei den Bonobos gewissermaßen das oberste Erziehungsziel. Gewalt gegenüber dem Nachwuchs und eine dadurch bedingte Schädigung wurde dabei aber - soweit mir bekannt - noch niemals beobachtet. Kehren wir wieder zum Menschen zurück, so liegt gerade hier die Grenze, die unbedingt gezogen werden muss. (Davon abgesehen würde ich zudem Haeberle darin folgen, dass es sicherlich für Kinder im Allgemeinen der bessere Weg sein dürfte, ihre Körperlichkeit im Spiel mit Altersgenossen zu erkunden.)

[ Zurück zum Anfang des Kapitels "Pädosexualität" ]

Kindesmissbrauch im engeren Sinne / Sexuelle Gewalt an Kindern scheint damit leider ein unrühmliches Spezifikum des Menschen zu sein. Nach Masters/Johnson ist der Täter - in den weitaus meisten Fällen ist es ein Mann - bei weniger als 2% der Taten ein völlig Fremder - das Bild des bösen Onkels mit der Bonbontüte, der sich an Spielplätzen, Kindergärten und Schulen herumtreibt, so schreiben sie sinngemäß, geht demnach weit an der Realität vorbei. In etwa 15% der Fälle soll der Täter ein Verwandter sein, also Inzest vorliegen, was wegen der im Familienkreis vielfach zu erwartenden Vertuschung aber ihrer Auffassung nach viel zu niedrig gegriffen sein dürfte. Die meisten Missbraucher sind heterosexuell und nicht selten selbst Vater. Bisweilen missbrauchen leibliche oder Stiefväter "aus dem heterosexuellen Milieu" ihre eigenen Töchter. Aus der Literatur sind mir Fälle bekannt, in denen Väter von mehreren Töchtern unterschiedlichen Alters diese nacheinander in einer bestimmten Altersphase missbrauchten; in zumindest einem dokumentierten Fall folgte auf die jüngste Tochter ein Sohn, der dann nach einer etwas verlängerten Leidensphase seiner nächstälteren Schwester "an die Reihe kam". Diese "Zeitverzögerung" war wohl einer psychologischen Hemmung beim Übergang vom verschieden- zum gleichgeschlechtlichen Missbrauch geschuldet, die sich aber nicht lange auswirkte. Das mag darauf hindeuten, dass das Geschlecht des missbrauchten Kindes zumindest für einige Täter von eher sekundärer Bedeutung ist.

Während in der Realität Kindesmissbrauch also vor allem ein heterosexuelles Phänomen ist, wurde und wird er von Gegnern der Menschenrechte von Homosexuellen immer wieder propagandistisch mit Homosexualität in Verbindung gebracht. Dem geben insbesondere die entsprechenden Vergehen katholischer Priester an Messdienern neue Nahrung oder auch Skandale wie der im österreichischen Priesterseminar St. Pölten, wobei homosexuelle Handlungen zwischen Seminaristen und Leitungspersonen des Seminars als juristisch nicht zu beanstandendes Verhalten altersmäßig erwachsener Personen einerseits mit dem Straftatbestand des Herunterladens von Kinderpornografie aus dem Internet andererseits zusammentraf. (Im Falle der Messdiener mag bisweilen die leichtere "Verfügbarkeit" den Ausschlag gegeben haben und gar nicht mal das Geschlecht.) Als Problem könnte dabei jedoch im Hintergrund stehen, dass ein erzwungenes Zölibat, das ja in den meisten Fällen (asexuelle Personen ausgenommen) zwangsläufig mit der Natur des Menschen kollidieren muss, der Entwicklung einer reifen, wirklich erwachsenen Haltung zur Sexualität als wichtigem Teil der Persönlichkeit nicht gerade förderlich ist. Mangelnde persönliche Reife gilt aber als eine wichtige, wenn auch bei weitem nicht alleinige Ursache und Erklärung für das Auftreten von Kindesmissbrauch. Unter verurteilten Sexualstraftätern wurde so z.B. ein großer Teil als Kind auch selbst missbraucht.

Ein Informationen aus einem realen Missbrauchsfall verwendender Roman und eine Zusammenstellung von Texten durch eine Arbeitsgruppe schwuler, selbst als Kind missbrauchter Männer in Berlin, die ich beide vor einer Reihe von Jahren gelesen habe, thematisierten zudem noch einen wichtigen Aspekt, der hier auch nicht unerwähnt bleiben soll - nämlich, dass Missbrauchserfahrungen auf Kinder und Jugendliche, die selbst einer sexuellen Minderheit angehören, nicht selten einen stärker traumatisierenden Effekt ausüben als auf heterosexuelle Jugendliche. Denn die Negativbewertung "abweichender" Sexualität durch das eigene gesellschaftliche Umfeld kann auf die eigene sexuelle Orientierung übertragen werden, wenn die entsprechende sexuelle Praxis zuerst in Form eines Missbrauches erlebt wurde. Auch und zusätzlich noch kann ein Schuldgefühl gebildet werden etwa der Art "Nur weil ich ``so´´ bin ( z.B. schwul oder lesbisch - und nicht wie die heterosexuelle Mehrheit), ist mir das überhaupt passiert".

[ Zurück zum Anfang des Kapitels "Pädosexualität" ]


[ Nach oben ]


Hetero- und Homosexualität

Heterosexualität ist die weitaus vorherrschende Form menschlicher Sexualität und für manche so selbstverständlich (als einzige, wahre, natürliche oder moralisch akzeptable Form von Sexualität), dass sie sich noch nicht einmal diese Selbstbezeichnung zuschreiben mögen und auf die Frage, ob sie heterosexuell seien, mit "nein, sondern ganz normal" antworten. Anders gesagt, spricht man von Heterosexualität nur deswegen, weil es eben auch Homosexualität gibt. Solange ihr Gegenüber sich nicht ausdrücklich als homosexuell oder Angehörige(r) einer anderen sexuellen Minderheit zu erkennen gibt schreiben Heterosexuelle ihm/ihr eine heterosexuelle Orientierung zu - "heterosexuelle Vorannahme" nennt man dies. Heterosexuelle neigen bisweilen dazu, alle und alles nach ihren Maßstäben zu be- und verurteilen, nur diese Maßstäbe gelten zu lassen und im Extremfall auch in erkennbar homosexuellen (oder ggf. anderen sexuellen Minderheiten zuzuordnenden) "Enklaven" innerhalb der ansonsten ja überall heterosexuell geprägten Welt die Gültigkeit nur ihrer Maßstäbe einzufordern und womöglich auch noch mit Gewalt durchzusetzen. Das nennt man "Heteronormativität".

Als beispielhaft für Letzteres mag ein Erlebnis gelten, das mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt. Damals wurde mir ein Artikel in einer etwas schmuddeligen Hetero-Sex-Postille namens "St. Pauli-Nachrichten" (oder so ähnlich) vorgelegt, worin ein Redakteur zynisch und herablassend sein "Experiment" eines Besuches in einer Schwulenbar schilderte, sich über die dortigen Umgangsformen mokierte und sich dann auch noch angegriffen fühlte, als er dort selbst als vermeintlicher Schwuler eingeschätzt wurde. Die Chance, durch die bewusste Wahrnehmung dieser "homosexuellen Vorannahme" einmal über die uns im Alltag so oft konfrontierende "heterosexuelle Vorannahme" gebührend ins Grübeln zu geraten, ist ihm so entgangen. (Allerdings erweckte der Text ohnehin nicht den Eindruck, als seien Denkvermögen und Nachdenklichkeit besondere Stärken seines Autors.)

Der augenfälligste Unterschied zwischen Hetero- und Homosexualität besteht in der sexuellen Objektwahl, wodurch sie sich auch definieren, indem sich das Begehren im ersten Falle auf Menschen des anderen, im zweiten Falle auf Angehörige desselben ("des gleichen") Geschlechtes richtet. Beide Begriffe sind etwas unglückliche griechisch-lateinische Zwitter, haben sich aber etwa im Gegensatz zu Karl Heinrich Ulrichs "Dioningen" und "Urningen" weltweit durchgesetzt. Aus dem Griechischen stammt dabei der erste Teil, das heteros (anders, verschieden, ungleich) bzw. homoios (gleich). Letzteres hat nichts mit unserem Gattungsnamen Homo (wie in Homo sapiens) zu tun, der wie der Begriff Sexualität dem Lateinischen entstammt.

Beide Begriffe wurden im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts "kreiert" und lassen sich (ebenso wie auch der Begriff "Bisexualität" - vergleiche das folgende Kapitel) nicht ohne Weiteres auf andere Zeiten und Kulturen übertragen. Zwar ist gleichgeschlechtliches Verlangen (beim Vorherrschen des gegengeschlechtlichen - und auch dasjenige zu VertreterInnen beider Geschlechter) in der einen oder anderen Form bei Menschen aller Völker, Zeiten und Kulturen zu finden, sobald wir hinreichend viele Zeugnisse zu deren Sexualleben haben (- und darüber hinaus scheint es offensichtlich in allen größeren systematischen Einheiten des Tierreichs vorzukommen), doch ist mit diesen neuzeitlichen europäischen Begriffen ein gewisses (Selbst-)Verständnis verbunden, das so von Menschen anderer Epochen und Kulturräume nicht unbedingt geteilt wird.

Hetero- und Homosexualität sind eigentlich nicht der primäre Gegenstand dieser Übersicht; vieles über ihre Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, findet sich hier im Abschnitt der "Bemerkungen zur moralischen Bewertung", die themenübergreifend auf alle Formen menschlicher Sexualität gemeint sind, aber naheliegender Weise ihre Beispiele vor allem aus dem Bereich der beiden neben der Bisexualität häufigsten Formen beziehen.

Der Hetero- und Homosexualität gemeinsam ist aber auch, dass sie sich weit über den Bereich des rein Sexuellen prägend auf das ganze Leben auswirken (*) und man insofern besser von der Hetero- und Homoemotionalität sprechen sollte, wenn das individuelle Erleben und Empfinden gemeint ist, hingegen von Hetero- und Homosozialität, wenn es um die sichtbaren Folgen für die Gesellschaft geht. Eine alte Ausdrucksform nur scheinbarer Toleranz (oder, wenn von Homosexuellen selbst geäußert, Selbstakzeptanz) lautet "Ich will ja gar nicht wissen / kundtun, ob Sie / ich hetero- oder homosexuell sind / bin. Schließlich ist es jedermanns Privatsache, was er oder sie im Bett tut." Um die Information, was jemand "im Bett tut", geht es aber gar nicht, sondern darum, ob man beispielsweise mit einem Partner des eigenen oder des anderen Geschlechts zusammenleben möchte und auch tatsächlich kann und ob man dabei dann Akzeptanz oder Ausgrenzung erfährt.

------------

(*) Dies gilt allerdings für die "übrigen sexuellen Minderheiten" nicht minder.


[ Nach oben ]


Bisexualität    (bisweilen auch als "Ambisexualität" bezeichnet)

Nach Sigmund Freud ist der Mensch zumindest potentiell von Natur aus bisexuell veranlagt; Alfred Kinsey fragte nicht nach sexueller Orientierung, sondern ordnete das sexuelle Handeln der Menschen in eine Skala von ausschließlich heterosexuellem bis ausschließlich homosexuellem Verhalten ein, wobei sich ein breiter bisexueller Übergangsbereich ergab. Für manche Menschen gilt es heute irgendwie als chic, als "bi" zu gelten und diese haben dann als flotten Spruch parat "Ein bisschen bi schadet nie." Es gibt Schwule - und wohl auch Lesben -, die sich in einer Phase ihres (inneren wie äußeren) Coming outs als bisexuell gesehen oder (lieber, vorsichtshalber) so bezeichnet haben - denn das war irgendwie "nicht ganz so schlimm" wie das Schwul- oder Lesbischsein. Heute blicken sie auf diese Zeit dann meist lachend zurück und sprechen von ihrer ali-bi-sexuellen Phase.

Demgegenüber sind mir auch wiederholt Menschen begegnet, die sich als echte Bisexuelle verstehen. Darunter befinden sich dann solche, die sich zu jeder Zeit eine Partnerschaft sowohl mit einem Mann als auch zugleich mit einer Frau wünschen und nur wirklich zufrieden sind, wenn sie das auch so realisieren können. Das ist natürlich für sie selbst und ihre PartnerInnen nicht so leicht - zum einen für die letzteren psychologisch, zum anderen für alle Beteiligten gesellschaftlich: Während schwule und lesbische Paare dank der Partnerschaftsgesetzgebung zunehmend auf gesellschaftliche Akzeptanz treffen, sind Dreierbeziehungen strukturell einfach noch nicht vorgesehen. Ähnlich wie es aber solche z.B. zwischen schwulen Männern gibt, gibt es jedoch auch prominente und weniger prominente Beispiele, wo eine Dreierkonstellation "um einen bisexuellen Menschen herum" in irgendeiner Weise praktisch gelebt wird (wobei die Beteiligten voneinander wissen).

Bisexualität kann aber auch bedeuten - so konnte ich im weiteren Bekanntenkreis erfahren - , dass es keine Rolle spielt, welchem Geschlecht der Partner oder die Partnerin angehört, sondern geliebt wird nur der jeweilige Mensch, der alles gibt, wonach man sich sehnt - in einer treuen Beziehung, die vielleicht ein Leben lang halten kann. Sollte das aber nicht so sein, ist es völlig offen, ob die nächste Liebe gleichen oder verschiedenen Geschlechts sein wird.

Wie den Darlegungen und Dokumenten in unserem Heft "Wir fallen aus dem Rahmen" (1998) zu entnehmen ist (z.B. S. 51, Text [des späteren und inzwischen wiederum ehemaligen Landesbischofs] Horst Hirschler (1979)), ging es beispielsweise der Landeskirche Hannover bei der Ablehnung Homosexueller als Pfarrer - etwa in den "Fällen" Klaus Brinker und Hans-Jürgen Meyer - nicht zuletzt auch darum, einer "orientierenden Wirkung" auf bisexuelle Kirchenmitglieder vorzubeugen. Man befürchtete, dass "bisexuell geprägte Mitchristen ermutigt würden, eine latente homosexuelle Anlage zu aktivieren." Das sollte aber nach der herrschenden Meinung nicht sein - denn man glaubte zu wissen, es sei "... vernünftig, dass der bisexuell Geprägte weiß, meine homosexuelle Seite aktiviere ich nicht. Die heterosexuelle Beziehung ist das zu Gestaltende. Sie entspricht dem Schöpfungsauftrag des Menschen." Wie lebensfremd sind doch solche Ansichten: Schon allein die Vorstellung, man/frau könne willentlich seine/ihre "homosexuelle Seite aktiviere[n]" - oder eben auch nicht! Und glaubten die Kirchenoberen allen Ernstes, die offen gelebte sexuelle Orientierung eines Gemeindepfarrers oder einer -pfarrerin hätte Einfluss darauf, ob ein bisexueller Mensch des ersten oben beschriebenen Typs neben der/dem EhepartnerIn noch eine außereheliche gleichgeschlechtliche Beziehung unterhält oder nicht - oder eben von Zeit zu Zeit "gleichgeschlechtlich fremdgeht" (auf eine dieser beiden Möglichkeiten läuft es ja wohl in der Praxis meistens hinaus)? Bei Bisexuellen des zweiten beschriebenen Typs dürfte dies erst recht irrelevant sein; kommt es hier doch nur darauf an, in wen er/sie sich eben gerade verliebt.


[ Nach oben ]


Sexualverhalten als Kontinuum - "Plastizität"    
(Ergänzung im Oktober 2007, revidiert und erweitert im November/Dezember 2007)

Dieser neue Abschnitt ist Freddy und Birgit aus Braunschweig
gewidmet anlässlich ihrer Verpartnerung

Vorbemerkung

Rechtskonservative, fundamentalistisch-evangelikale christliche Gruppierungen, die die "Umpolung" von Lesben und Schwulen propagieren (und sei es auch - wie im Falle der Organisation "Wüstenstrom" - scheinheilig unter dem - nur scheinbar harmloseren - Begriff "Veränderung"), sprechen derzeit gern von der angeblich fast unbegrenzten "Plastizität" menschlichen Sexualverhaltens, die ihren "Therapie"versuchen zu Grunde läge. Sozusagen aus aktuellem Anlass schien es daher geboten, die vorliegende Webseite zum Thema "Vielfalt menschlicher Sexualität" um einen zusätzlichen Abschnitt zur "Plastizität" des Sexualverhaltens zu ergänzen.

Nun ist das mit der "Therapie" so eine Sache: Gesunde Menschen brauchen nun einmal keine wie auch immer geartete "Therapie" - homosexuelle ebensowenig wie bi- oder auch heterosexuelle. Anders sieht es bei sogenannten "ich-dystonen" Menschen aus, also solchen, die mit sich selber seelisch im Unreinen sind. Einem Menschen, der zum Beispiel mit seiner Homosexualität deshalb unglücklich ist, weil er/sie sich von eben jenen fundamentalistisch-evangelikalen Kreisen - etwa mit aus dem historischen Zusammenhang gerissenen Bibelzitaten oder der "traditionellen", aber jegliches biblische Fundament vermissen lassenden Sodom-Interpretation (siehe oben) - deren "Sündhaftigkeit" hat einreden lassen, sollte selbstverständlich auf therapeutischem Wege zur Selbstannahme verholfen werden. In jedem Falle ist aber Ergebnisoffenheit im Hinblick auf das Therapieziel die unabdingbare Voraussetzung seriöser psychotherapeutischer Arbeit. Solche Ergebnisoffenheit vorab zu behaupten, zugleich jedoch eine bestimmte sexuelle Orientierung von vornherein abzuwerten, spricht dagegen nicht gerade für Seriösität. Vollends dreist wird es dann aber, wenn man sich (wie kürzlich geschehen) unter der Thematik der Therapie "ich-dystoner" Störungen auf einem wissenschaftlichen Kongress einzuschleichen versucht, tatsächlich aber ganz andere Ziele als deren Heilung verfolgt.

Solche "fundamentalistischen" Aktivisten berufen sich dabei unter anderem auf den im Abschnitt "Bisexualität" schon erwähnten Alfred Kinsey, reagieren aber äußerst ablehnend, wenn das Thema Bisexualität zur Sprache kommt, so erst kürzlich wieder auf einer Veranstaltung in Sachsen. (Vgl. einen entsprechenden Erlebnisbericht im Internet (*) (pdf-Datei (**)).)

(*) Es gilt unser Disclaimer; der Link wird nicht gepflegt. Sollte dieser Inhalt dort nicht mehr zu finden sein - und nur dann - können Sie ihn als TextOnDemand (als pdf-Datei) per email mit dem Betreff "Erlebnisbericht" vom Internetredakteur der HuK Hannover erbitten:

E-Mail Email an den Internetredakteur der HuK Hannover: 40plus@bkoenig-biocom.de

(**) Den Acrobat Reader dazu können Sie über diesen Link kostenlos herunterladen!


Nun aber zum Thema:

Kinsey beschrieb (wie oben bereits angesprochen) in seinen ab 1941 erstmals veröffentlichten Studien auf der Basis umfangreicher Befragungen zum Sexualleben seiner MitbürgerInnen das menschliche Sexualverhalten wie auch die sexuellen Phantasien der Menschen als Kontinuum zwischen den Polen Hetero- und Homosexualität. Ihn interessierte dabei keine "Ursachenforschung", sondern nur das tatsächliche Verhalten und allenfalls noch - wie schon gesagt - die Phantasien. Dabei ergab sich, dass ein weitaus größerer Teil der Bevölkerung als bis dato gemeinhin angenommen sowohl über gleichgeschlechtliche Phantasien als auch Erfahrungen verfügt(e). Damit wurde die Annahme von Autoren wie etwa Freud, der Mensch sei potentiell bisexuell, eindrucksvoll bestätigt.

Dass nicht nur die sich selbst als bisexuell einschätzenden Menschen, denen der vorige Abschnitt dieser Übersicht gewidmet ist, sondern auch sehr viele andere eher zwischen als an den "Polen dieses Kontinuums" zu verorten sind, zeigen auch Phänomene wie die Not- oder Zwangshomosexualität und deren heterosexuelles Gegenstück. Not- oder Zwangshomosexualität kann einerseits in der Jugend beobachtet werden, andererseits in Ausnahmesituationen wie (Kriegs-)Gefangenschaft oder (Untersuchungs- und Straf-)Haft sowie unter Umständen in geschlechtlich "einseitigen" Lebenswelten wie Internaten, kasernierter Polizei, Militär (incl. Fremdenlegion) oder Klöstern - und das wohl bei beiden Geschlechtern.

Wenn sich z.B. bei Jungs der Sexualtrieb regt, aber noch keine Chance besteht, ihn mit einem Mädchen auszuleben, können sich durchaus auch an sich eher heterosexuell orientierte Jungs gemeinsam oder gegenseitig befriedigen - bis hin zu Akten, die nach allgemeiner Meinung eher Schwulen vorbehalten sind. (Wahrscheinlich wird es unter Mädchen nicht anders sein, doch dazu ist mir persönlich an Erfahrungsberichten eher kaum etwas bekannt; daher beschränke ich mich hier einmal auf die Jungs.) Jungs, die sich so miteinander betätigen, nehmen dennoch später zumeist eine heterosexuelle Entwicklung. Später homosexuell lebende Jungen hingegen mach(t)en nach einer Vielzahl glaubwürdiger Berichte bei solchen Aktivitäten unter Jungs nicht selten eher zögerlich oder gar nicht mit, um nicht als schwul erkennbar zu werden. (Dass sie im Allgemeinen auch deutlich später als ihre heterosexuellen Altersgenossen ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen, hatte ich oben bereits erwähnt.)

In manchen Ländern der islamischen Welt, wo man Begriffe wie "homosexuell", "schwul" oder "lesbisch" erst allmählich vom "westlichen" Ausland her kennenlernt, das Ganze noch ein Tabu-Thema ist und zudem die "Welt" der Geschlechter von Jugend an stark getrennt ist, gilt es nach einer Reihe von Berichten in der Literatur (z.B. in Schmitt & Sofer 1995) als normal, dass (jüngere) Jungs ihren älteren Brüdern und Cousins zu Willen sein müssen, ohne dass dieses später ihr Ansehen und ihre Ehre beeinträchtigen würde. (Früher passiver Verkehr wird hier also unausgesprochen der "normalen Plastizität" sexuellen Verhaltens zugeordnet, wobei der Akzent auf "unausgesprochen" liegt, denn darüber zu sprechen, wäre ein ehrverletzender Tabubruch.) Erst wenn sie als Heranwachsende beim passiven (!) gleichgeschlechtlichen Verkehr bleiben sollten, werden Jungs verachtet und mit den jeweiligen landestypischen Schimpfworten belegt, die westliche Besucher fälschlicherweise mit dem Begriff "schwul" übersetzen, während eigentlich nur der - konstant - passive Schwule damit gemeint ist. Denn der aktive Schwule versteht sich dort selbst keineswegs als schwul in unserem Sinne, sondern als "toller Hecht" oder "großer Macker", selbst wenn er eindeutig Partner gleichen Geschlechts bevorzugt. Auch bei uns findet man aber durchaus Männer mit gelegentlichen oder auch häufigen gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, die nach außen hin eher heterosexuell leben und sich weder als schwul bzw. homo- noch als bisexuell identifizieren; sozialwissenschaftlich und "präventionstechnisch" (z.B. im Umfeld der AIDS-Hilfen) bezeichnet man sie als MSM (Männer, die Sex mit Männern haben).

Erwachsene Männer hingegen (und Frauen wahrscheinlich ebenso), die unter normalen Lebensumständen nie daran gedacht hätten, können sich zum Beispiel in Gefangenschaft durchaus homosexuell verhalten - wieder in Freiheit, zeigen sie dann aber zumeist kein Interesse mehr an Partnern (Partnerinnen) des eigenen Geschlechts. In solchen Fällen spricht man von Not- oder auch Zwangs-Homosexualität. Dabei reicht dann aber die Bandbreite von Menschen, die nicht lange zögern, sich in derartigen Situationen homosexuell zu betätigen, bis zu solchen, die sich auch in größter sexueller Notlage nicht dazu bereit finden. (Es gibt ja immerhin auch noch die Alternative der Selbstbefriedigung!)

Andererseits ist auch das "Gegenstück" der Not- oder Zwangsheterosexualität leider nicht nur ein Thema der Vergangenheit - so etwa Ehen mit Hetero-PartnerInnen oder zwischen Lesben und Schwulen als "Tarnung" in Zeiten der Verfolgung wie unter dem Nationalsozialismus. Die Zwangsverheiratung insbesondere unter MigrantInnen aus dem islamischen Kulturkreis ist ja ein aktuell heiß diskutiertes Thema und kann junge Männer ebenso betreffen wie junge Frauen. Viele Lesben insbesondere hat in früheren Zeiten sicher auch die rechtliche Benachteiligung und wirtschaftliche Unselbständigkeit als Frau in eine heterosexuelle Ehe gezwungen, weil ein Leben an der Seite einer anderen Frau praktisch kaum realisierbar (und oft noch nicht einmal denkbar) gewesen wäre - und in nicht wenigen Ländern auf der Welt ist das erschreckenderweise leider auch heute noch so. Auch die von angeblichen "Ex-Gays" ("ehemaligen Homosexuellen") im christlich-fundamentalistisch geprägten Umfeld als "Therapie-Erfolge" eingegangenen Ehen darf man wohl nicht selten als eine Form von Not- oder Zwangsheterosexualität werten. Im weiteren Sinne mag das auch für Ehen gelten, die von solchen Lesben und Schwulen eingegangen wurden, die in einem zutiefst homophoben Umfeld aufgewachsen sind und sich ihre wahren Wünsche in Bezug auf Liebe und Partnerschaft daher nicht eingestehen konnten oder wollten - oder die es aus heutiger Sicht etwa so beschreiben: "Ich konnte es mir gar nicht vorstellen, in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft zu leben, weil mir dazu jedes Vorbild fehlte".

Demgegenüber gibt es durchaus Lesben und Schwule, die zunächst über längere Zeit "heterosexuell" und dann erst gleichgeschlechtlich gelebt haben, dabei aber diese Erfahrung nicht missen möchten (und erst recht nicht die Kinder, falls welche aus diesen Beziehungen hervorgegangen sind). Dabei empfinden sie durchaus oftmals noch Zuneigung zu ihrem ehemaligen Partner / ihrer ehemaligen Partnerin. (So erfuhr ich es in verschiedenen Gesprächen mit heute schwul lebenden Familienvätern; lesbische Beispiele finden sich auch in dem Buch von Watzlawik & Wenner.) Viele von uns haben aber dagegen schon sehr früh im Leben gespürt oder zumindest erahnt, was sie wollten und dass sie irgendwie anders sind: Ich selbst etwa, als ich im Kindergarten im Alter von 4 Jahren andere Jungs abknutschte, oder Johanna (im genannten Buch, S. 143) als Sechsjährige; selbst Doli (die erst mit 60 Jahren als Lesbe lebte und zuvor einen Ehemann und Kinder gehabt hatte) hatte in diesem Alter bereits "verkündet", später einmal eine Frau heiraten zu wollen (S. 177).

Sicherlich beeinflusst persönliche Erfahrung unsere Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf Liebe und Partnerschaft - zumindest im Detail. Bei manchen (bisexuellen - siehe oben) Menschen mag die Erfahrung sogar den Ausschlag für die Neigung zu PartnerInnen des einen oder anderen Geschlechts geben. Andererseits wissen oder spüren aber viele heterosexuelle wie auch viele homosexuelle Menschen offenbar vor jeder eigenen sexuellen Erfahrung, von wem sie sexuell angezogen werden und von wem nicht. Das kann man sich eben nicht aussuchen oder willentlich beeinflussen - eine Tatsache, die sogenannte "Ex-Gays" (die meistens früher oder später wieder zu "Ex-Ex-Gays" mutieren) und "Umpoler" gern verschweigen und verdrängen. Ihre selbst nach eigenen "Studien" äußerst bescheidenen "Erfolge" werden sich bei näherer Betrachtung meist darauf beschränken, mittels schlechtem Gewissen mehr oder weniger bisexuellen Menschen die Freude am gleichgeschlechtlichen Sex ausgetrieben zu haben - nicht aber die entsprechenden Phantasien, wie die Betroffenen dann meistens auch noch einräumen.

Seit den Ergebnissen einer schwedischen Arbeitsgruppe am Karolinska-Institut in Stockholm (Savic et al. 2005, Berglund et al. 2006) kann aber nun nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden, dass die sexuelle Orientierung eine objektiv fassbare biologische Grundlage besitzt. Sie beruht darauf, dass das Progesteron-Derivat 4,16-androstadien-3-one (AND) vermutlich als männliches und das Östrogen-ähnliche Steroid estra-1,3,5(10),16-tetraen-3-ol (EST) als weibliches Sexualpheromon beim Menschen fungieren. AND ist bei Männern im Schweiß enthalten, EST bei den Frauen im Urin. Mittels Hirn-Aktivitätsuntersuchungen durch Positron-Emissions-Tomographie (PET) an gesunden (u.a. HIV-negativen) ProbandInnen, die sich selbst als heterosexuelle Männer bzw. Frauen oder eben als Schwule bzw. Lesben bezeichneten, wurde dabei folgendes festgestellt (die Versuche wurden mit jeweils 12 Personen gemacht): Heterosexuelle Männer verarbeiten alle "Gerüche" einschließlich des AND im Riechzentrum ihres Gehirns - nur EST-Signale (also das weibliche Pheromon) nicht: dafür ist dann der vordere Hypothalamus, das Sexualzentrum des Gehirns, "zuständig". Bei heterosexuellen Frauen verhielt es sich entsprechend, nur umgekehrt - und bei den Schwulen ebenso wie bei den heterosexuellen Frauen! Nur bei den Lesben war das Ergebnis nicht eindeutig: zum Teil verhielten sie sich wie die heterosexuellen Männer, zum Teil wurden aber beide mutmaßlichen Pheromone lediglich im Riechzentrum registriert.

Anders als etwa in der Jugend des Verfassers bietet heute im Übrigen das Internet auch Jugendlichen und Erwachsenen, die in konservativ-antihomosexuellen Milieus aufwachsen oder leben, die prinzipielle Möglichkeit, sich - gerade auch "vor jeder eigenen sexuellen Erfahrung" - über Themen wie Homosexualität, Transidentität usw. und Forschungsergebnisse wie das eben erwähnte zu informieren und auf diesem Wege vielleicht eher zur eigenen Identität und deren Annahme zu finden. Dadurch können längere biografische "Umwege" mit dem untauglichen Ziel, sich der herrschenden Heteronormativität anzupassen statt authentisch zu leben, hoffentlich immer öfter vermieden werden. Allerdings darf dabei auch nicht verschwiegen werden, dass dort seriöse Informationsangebote - wie wir sie beispielsweise zu bieten bemüht sind - neben antihomosexueller Propaganda und "Studien" von eher zweifelhaftem Wert zu finden sind, woraus sich der Internetnutzer seine eigene Meinung bilden muss.

Literatur zu diesem Abschnitt:


[ Nach oben ]


Intersexualität (- Transgender)

Stand bisher das Objekt sexuellen Begehrens im Vordergrund, so geht es hier um die eigene Körperlichkeit und Selbstwahrnehmung, gerade in diesem Fall aber auch für andere (mehr oder weniger) wahrnehmbar bedingt durch die bloße physische Existenz. Anders gesagt, geht es hier nicht im bisherigen Sinne um eine Sexualform.

Unter Intersexualität versteht man verschiedene Formen des Zwittertums, bei denen sowohl die äußere Erscheinung als auch das Kerngeschlecht des betreffenden Menschen in unterschiedlichen Anteilen teils männlich und teils weiblich ausgeprägt ist. Sind voll entwickelte innere Geschlechtsorgane beider Geschlechter vorhanden, so spricht man auch vom echten Hermaphroditismus (nach Hermaphroditos, dem `Sohn´ des Hermes und der Aphrodite in der griechischen Mythologie). Ist das äußere Erscheinungsbild eher weiblich oder eher männlich, das betreffende Geschlecht aber nicht voll ausgeprägt, und sind zugleich Merkmale des jeweils anderen Geschlechts daneben vorhanden, spricht der / die KlinikerIn von weiblichem oder männlichem Pseudohermaphroditismus. Nach dem bekannten Klinischen Wörterbuch "Pschyrembel" (258. Auflage, CD-Version 2) ist etwa jeder 500. geborene Mensch intersexuell. Allein in der Bundesrepublik Deutschland werden im Jahr etwa 120 intersexuelle Menschen geboren, also an jedem dritten Tag einer. Ganz allgemein und grundsätzlich gilt es festzuhalten, dass die biologische Trennung der Menschen (wie auch die der Tierwelt) in zwei Geschlechter in der wirklichen Natur keineswegs stets so eindeutig und präzise funktioniert wie uns dies die herrschende Heteronormativitätsideologie einzureden versucht.

Intersexualität wurde und wird in der Praxis wohl immer noch möglichst frühzeitig operativ "korrigiert". Dem liegt einerseits die "heteronormative" Sichtweise zugrunde, wonach der Mensch eindeutig dem einen oder dem anderen Geschlecht angehören (und sich dann möglichst nur in Angehörige des anderen Geschlechtes verlieben) sollte. Andererseits steht auch die Überlegung dahinter, dass Kinder untereinander grausam sein können und dass für ein Kind seelisch "die Hölle ausbrechen" könnte, wenn andere Kinder mitbekommen, dass es weder dem einen noch dem anderen Geschlecht eindeutig zuzuordnen ist; mehrheitlich geht man zudem davon aus, dass spätestens beim pubertierenden Jugendlichen eine nicht eindeutige Geschlechtlichkeit eine immense psychische Belastung darstellt.

Demgegenüber wurde vor wenigen Jahren in der Wochenzeitung DIE ZEIT (bzw. in dem damals dazugehörigen - und nach mehrjähriger Unterbrechung nun wieder erscheinenden - ZEITmagazin) der Fall eines jungen Intersexuellen von etwa Ende Zwanzig vorgestellt, der nach seiner Geburt - wie es wohl der häufigste Fall ist - zum weiblichen Geschlecht hin "korrigiert" wurde, sich selbst - später - aber immer als männlich verstanden hat. Er hatte damals in seinem Leben beinahe mehr Nachoperationen über sich ergehen lassen müssen als er Lebensjahre zählte und war fast nie frei von Schmerzen. Dabei war es - so der Bericht - das vorrangige Ziel zumindest der zahlreichen Nachoperationen im früheren Kindesalter gewesen, die sich immer wieder schließende künstlich angelegte Vagina wiederherzustellen. Er und weitere LeidensgenossInnen plädierten laut jenem Artikel nachdrücklich dafür, geschlechtskorrigierende Eingriffe bei intersexuell geborenen Menschen so lange zu unterlassen, bis diese in der Lage sind, selbst darüber mitzubestimmen. Eine weniger ausgeprägte Heteronormativität in unserer Gesellschaft würde den Betroffenen das Leben dabei außerordentlich erleichtern.

Dürfte wohl im Regelfall (und kaum nur "nach landläufiger Meinung") ein solches "Leben zwischen den Geschlechtern" für die betreffenden Menschen erhebliche psychische Probleme mit sich bringen, so eröffnete im September 2005 ein HuK-Themenabend "Transgender" mit dem Film "Ines und Paul - ein Leben zwischen den Geschlechtern" und Ines-Paul als Gast eine ganz andere Sichtweise: Ines wurde als Mädchen geboren und entsprach auch äußerlich dem weiblichen Geschlecht, sieht man von einem etwas unterdurchschnittlich entwickelten Busen ab. Davon hat sie sich nach ein paar Jahren in einer lesbischen Beziehung getrennt (bzw. operativ trennen lassen), hegt aber anders als andere Trans*-Personen nicht die geringste Absicht, zu einer vollständigen Geschlechtsumwandlung oder -angleichung zu gelangen. Äußerlich als (außerordentlich sympathischer) junger Mann durchgehend, hat sie/er sich selbstbewusst in einem intersexuellen Leben eingerichtet und ist damit ganz offensichtlich glücklich so. (Vgl. dazu auch ein Foto mit Ines-Paul aus einer Veranstaltung in Hannover am 23.02.2007.)


[ Nach oben ]


Transsexualität - Transidentität - Transgeschlechtlichkeit - Transgender (oder einfach "Trans*")

Damit kommen wir zum Thema der Transsexualität oder Transidentität - heute im allgemeinen Sprachgebrauch häufig auch mit den Begriffen Transgender oder nur "Trans*" umschrieben. Dabei wird der Begriff "Trans" mit dem hochgestellten Sternchen zunehmend als Oberbegriff verwendet, da die Begrifflichkeit in diesem Bereich einem ständigen Wandel unterworfen ist und sich "die Betroffenen" daher oftmals mit dem einen oder anderen Begriff nicht ihrem Selbstverständnis entsprechend angemessen bezeichnet fühlen oder auch ganz bewusst eine zu eng gefasste Bezeichnung vermeiden und ihre "Selbstbe- [und zu-]schreibung" absichtsvoll "im Ungefähren" belassen wollen. Es kann sich bei Trans*-Personen im Einzelfall auch um solche Menschen wie Ines-Paul handeln, die bewusst ein Leben zwischen den Geschlechtern führen wollen, wie im letzten Absatz des vorigen Kapitels "Intersexualität" beschrieben. Hingegen sind Trans*-Personen in ihrer Mehrzahl Menschen mit einem biologisch / körperlich eindeutig ausgeprägten Geschlecht, die sich jedoch seelisch "dem anderen Geschlecht" zugehörig fühlen (und dabei jene Weltsicht, nach der es zwei eindeutig unterschiedene Geschlechter gibt, grundsätzlich nicht in Frage stellen). Diese Menschen stehen in der Regel unter einem erheblichen Leidensdruck. Nach eingehender psychologischer Begutachtung können die Betreffenden sich auf Kosten der Krankenkassen einer Hormonbehandlung und einer geschlechtsangleichenden Operation mit Methoden der plastischen Chirurgie unterziehen. Das gelingt allerdings bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen tendenziell besser als im umgekehrten Falle; in der Regel führt die Operation zur Unfruchtbarkeit. Zuvor müssen sie u.a. eine Zeit lang bereits in der neuen Geschlechtsrolle leben, können dazu aber nach dem seit 1980 existierenden Transsexuellengesetz (das unter Fachleuten wie "Betroffenen" jedoch als mittlerweile dringend reformbedürftig gilt) bereits vor einer Operation ihren Vornamen offiziell ändern. Nach erfolgter Geschlechtsangleichung wird der transsexuelle Mensch dann rechtlich in jeglicher Hinsicht als Person seines "neu erworbenen" Geschlechts behandelt.

Das bedeutete bis vor kurzem, dass eine zuvor bestehende heterosexuelle Ehe mit einem/r dann ja geschlechtsgleichen PartnerIn amtlich aufgelöst wurde beziehungsweise vor der geschlechtsangleichenden Operation aufgelöst werden musste, während eine solche mit einem/r PartnerIn des ehemals eigenen Geschlechtes nun aber begründet werden kann (aber natürlich auch eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft neu eingegangen werden kann). Jenen Zwang zur Auflösung einer bestehenden Ehe erkannte das Bundesverfassungsgericht Ende Mai 2008 als verfassungswidrig - vergleiche unsere Aktuell-Seite dazu - und so gibt es inzwischen schon mehrere gleichgeschlechtliche Ehen in Deutschland. (Damit ist allerdings die bislang vom Bundesverfassungsgericht so "hoch gehaltene" Geschlechtsverschiedenheit der Ehe nicht mehr gegeben und der Kern der Begründung für ein letztlich doch diskriminierendes Sondergesetz für Lesben und Schwule an Stelle der Ehe im Grunde in sich zusammengebrochen!)

Doch kommen wir nun wieder auf das Thema "Transidentität ... / Trans*" zurück:

Wichtig ist natürlich für die psychologischen Begutachter und Begleiter, dass sie echte Fälle von Transsexualität gegen Fälle von psychisch verwirrten oder sonstwie in ihrem Selbstbild gestörten Personen abgrenzen können, bei denen eine operative Geschlechtsumwandlung keine Problemlösung sondern nur eine Quelle neuen Leids wäre. So äußerte sich mir gegenüber einmal ein Betreuer der hiesigen Transsexuellengruppe, wie froh er sei, einen "unechten Transsexuellen" gerade noch rechtzeitg als solchen erkannt zu haben: Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen (natürlich ungenannt gebliebenen) jungen Homosexuellen, der sich auf Grund der Homophobie seines Elternhauses und sonstigen Umfeldes seine Homosexualität nicht eingestehen konnte und sich daher nur über eine Geschlechtsumwandlung einen Weg zu anderen Männern als Partner vorstellen konnte. Heute lebe er glücklich als schwuler Mann und sei froh, sein biologisches Geschlecht bewahrt zu haben.

Bei einer über 20 Jahre alten Schätzung - eine neuere liegt mir leider nicht vor - ging man damals von insgesamt etwa 3000 echt transsexuellen Personen in der alten Bundesrepublik aus. Diese können - natürlich bezogen auf ihr psychisches Geschlecht - sowohl hetero- wie homo- als auch bisexuell sein. Ihre Gruppen (wie z.B. die Transsexuellengruppe Body und Soul in Hannover) erhalten in der Regel einen Gast-Status in Lesben- und Schwulenzentren; politisch und sozial fasst man sie mit in den Begriff "LGBT- oder LGBTQ-Personen" ein [deutsch: LSBT bzw. LSBTQ]: L für Lesbisch, G/S für Gay/Schwul, B für Bisexuell und T eben für Transgender ... oder besser Trans* - mit Q = Queer als Oberbegriff für alle (hier: alle übrigen) sexuellen Minderheiten.

(Anmerkung: Insbesondere im Amerikanischen wird bisweilen "gay" auch als Oberbegriff für Schwule und Lesben verwendet, also gleichbedeutend mit "homosexuell"; merkwürdig wird es dann, wenn dies im Deutschen - etwa in der deutsch untertitelten oder teilsynchronisierten Version eines schwulen- und lesbenhistorischen Dokumentarfilms - durchgehend mit "schwul" übersetzt wird und dadurch plötzlich von schwulen Frauen die Rede ist. Nicht minder irritierend wirkt es jedoch [zumindest auf den Referenten], wenn im Deutschen gelegentlich von "Homosexuellen und Lesben" gesprochen wird - so, als seien nur wir Schwule homosexuell.)

Nachträge zum Thema "Trans*"

Obwohl ich sehr darum bemüht war, alle beschriebenen Formen und Erscheinungen menschlicher Sexualität in angemessenen und insbesondere die jeweiligen "Betroffenen" nicht verletzenden Worten darzustellen, ist mir im vorigen Abschnitt anfangs dennoch ein ärgerlicher Fehler unterlaufen, indem ich von "geschlechtsumwandelnder Operation" gesprochen habe, wo richtigerweise von "geschlechtsangleichender Operation" hätte die Rede sein müssen. Im Internet ließ sich dieser Fehler leicht korrigieren; für die gedruckte Version in der "Homoluja" [Nr. 83 (Mai 2006 - März 2007), S. 30 - 48] schrieb ich eine Korrektur im folgenden Heft.

Zur Sache selbst ist festzuhalten, dass der Ausdruck "geschlechtsangleichend" in der Tat sehr viel besser und genauer das trifft, worum es hier geht, nämlich die Angleichung des äußerlich feststellbaren körperlichen Geschlechtes der betreffenden Person an das innere, psychische Geschlecht. Dass letzterem dabei der Rang zugebilligt wird, das "wahre" Geschlecht des betreffenden Menschen zu sein, ist der tiefere Sinn dieser Wortwahl. Der früher einmal übliche Ausdruck "Geschlechtsumwandlung" hingegen bringt das - in der Regel unbewusste, will sagen, nicht durch entsprechendes Nachdenken und den Versuch der Einfühlung korrigierte - unbestimmte Gefühl Nichtbetroffener zum Ausdruck, das biologisch vorgefundene Geschlecht sei doch "irgendwie das eigentliche Geschlecht" eines Menschen. Dem ist jedoch im Interesse nicht nur der Betroffenen sondern auch einer sachlich angemessenen Einstellung diesem Phänomen gegenüber entschieden zu widersprechen - einmal ganz davon abgesehen, dass (wie oben bereits gesagt) das "biologische Geschlecht" eben gar nicht immer so eindeutig ausgeprägt ist, wie wir uns dies vorzustellen gewohnt sind.

Für ihren entsprechenden Hinweis ("geschlechtsangleichend" statt "geschlechtsumwandelnd") danke ich an dieser Stelle unserem Mitglied Peggy, die mich auch darauf aufmerksam machte, dass es in den letzten Jahren doch erhebliche Fortschritte in der Operationstechnik gerade auch im Falle "Frau zu Mann" gegeben habe, woraufhin ich meinen Text abschwächend dahingehend umformuliert habe, dass die Operation "Mann zu Frau" tendenziell die leichtere sei.

(Nachträge 08.05.2007 / 01.11.2008:) Erschreckendes im Zusammenhang mit dem Begriff "Geschlechtsumwandlung" war erstmals 2007 aus dem Iran zu erfahren: Da dort extreme Feindseligkeit und staatliche Verfolgung mit Todesandrohung gegenüber gleichgeschlechtlich liebenden Menschen herrscht, transidentische Personen aber toleriert werden, sollen nicht selten verzweifelte Menschen, die gar nicht transsexuell sind, den Weg der Geschlechtsumwandlung gehen, um ungefährdet mit dem Menschen zusammenleben zu können, den sie lieben. Im Rahmen des lesbisch-schwulen Filmfestivals "Perlen 2008" wurde dann zu diesem Thema der eindrucksvolle Dokumentarfilm "Be Like Others" ("Sei wie die Anderen!") gezeigt - vergleiche dazu auch die Internetseite zum Film. Wenn überhaupt irgendwo der Begriff der "Perversion" angebracht ist, dann sicherlich hier - natürlich nicht bezogen auf die Opfer, die sich aus Verzweiflung verstümmeln lassen, sondern auf den Staat und die Gesellschaft, die ihnen dieses antun.

(Der Nachtrag zum Thema "Aufhebung des Scheidungszwangs" [in Deutschland] wurde bereits oben "eingearbeitet".)


[ Nach oben ]


Transvestitismus: Drag-Queens & -Kings, "Damenimitatoren"

Von Trans*-Personen klar abzugrenzen ist der Begriff des Transvestitismus, also der Neigung, die Kleidung des jeweils anderen Geschlechts zu tragen und damit einen erotischen Reiz zu verbinden - aber ohne, dass mann/frau sich tatsächlich in einen Körper des jeweils anderen Geschlechtes hineinwünscht. Auch auf die sexuelle Orientierung der betreffenden Person gibt die Neigung zum "Crossdressing" nicht unbedingt einen Anhaltspunkt: Unter Transvestiten findet man z.B. sowohl heterosexuelle Männer, für die das Sich-in-Frauenkleider-werfen einen erotischen Fetisch darstellt (z.T. auch nur als Tragen von Damenunterwäsche unter einer ansonsten "männlichen" Kleidung), als auch Homosexuelle. Für letztere bedeutet der Auftritt "im Fummel" oft nur einen Spaß, hatte aber im Laufe der zweiten deutschen Schwulenbewegung - zur Zeit des "Tuntenstreits" - auch eine politische Dimension. Wenn zweimal im Jahr die Studenten beim bundesweiten Treffen der Schwulenreferate der deutschen Universitäten im Waldschlösschen die Göttinger Innenstadt im Fummel "unsicher machen" [und dann am Samstagabend eine sehenswerte Travestie-Show auch für die anderen Gäste des Tagungshauses auf die Beine stellen] ist das auch eine Anknüpfung an diese Tradition.

Drag-Queens (Männer in Frauenkleidern) und ihr weibliches Gegenstück, die Drag-Kings [*], stehen allerdings dem Showbusiness schon deutlich näher - ähnlich den klassischen "Damenimitatoren", die weiblicher als jede biologische Frau erscheinen wollen. Dies muss nicht unbedingt mit einer homosexuellen Orientierung verbunden sein; andererseits war der Beruf des "Damenimitators" doch eine Nische, die besonders häufig von homosexuellen Männern genutzt wurde (und auch heute noch genutzt wird). Dergleichen gibt es auch in anderen Kulturen, in denen Transvestitismus in der "Unterhaltungsbranche" - als Kunstform "Travestie" genannt - durchaus in einigem Ansehen steht, während Homosexuellen mit Verachtung begegnet wird; ich denke da z.B. an Indien.

[*] "Drag" steht dabei für "dressed as a girl" (oder auch "dressed as a guy") , zu deutsch also "gekleidet wie ein Mädchen / Kerl".


[ Nach oben ]


Fetischismus und SM

Das Auftreten in geschlechtstypischer Kleidung des jeweils anderen Geschlechtes ist eine von zahlreichen Formen des Fetischismus; praktisch kann jedoch jede Art von Kleidung zum Fetisch werden - Leder, Gummi, Uniform, Jeans, Turnschuhe, legere Skaterkleidung ebenso wie auch der Business-Anzug. Ein spezieller Fall, von dem ich einmal erfuhr, ist eine Neigung unter erwachsenen Menschen, sich in eigens angefertigte Baby- und Kleinkind-ähnliche Bekleidung zu hüllen und dann Baby bzw. Kleinkind zu spielen. Fetischismus kann sich aber auch auf Körperteile beziehen (von Turnschuhen- und Sockenfetischismus auf die Füße selbst übergreifend, z.B.) oder auf Sexspielzeuge aller Art. Als eine harmlosere Form des Fetischismus mag man auch den Exhibitionismus ansehen; extremere Formen stellen Kopro- und Urophilie dar (das erotisch bewertete Spiel mit Kot bzw. Urin) sowie die Nekrophilie (sexuelle Lust am Anblick von Leichen sowie am - versuchten oder vollendeten - Geschlechtsverkehr mit ihnen). Neben der hygienischen Problematik besteht hier besonders auch die, dass die Würde einer menschlichen Person auch nach ihrem Ableben gewahrt und respektiert werden sollte.

Fetischismus kann ansonsten vom souveränen, eher spielerischen Umgang mit dem Fetisch reichen bis zu einer solchen Einengung, dass ohne ihn im Spiel keine befriedigende Sexualität mehr erlebt werden kann. In solchen Fällen wird immer dann eine Grenze zum Bedenklichen hin überschritten sein, wenn das jeweilige Verhalten schließlich zu einer Belastung für den Betroffenen selbst gerät. Nur in dem Fall sieht man heutzutage eine psychotherapeutische Intervention als geboten an, während Psychotherapeuten und Sexualmediziner vor noch nicht allzu langer Zeit jede vom heterosexuellen Verkehr abweichende sexuelle Neigung als "Perversion" bekämpfen zu müssen meinten.

Dazu zählt auch und gerade der Sadomasochismus oder kurz SM: Für schwule Männer verbindet sich dies vor allem mit der Lederszene (und dem "Leder-Studio" im Bereich des "käuflichen Sex"; bei Heteros findet sich analog das "Domina-Studio"). Die Bezeichnungen Sadismus und Masochismus beziehen sich auf den französischen Schriftsteller Marquis de Sade (1740-1814) und seinen österreichischen Kollegen Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) und meinen die (sexuelle) Lust am Leiden-Zufügen bzw. am Erleiden von Pein und Schmerzen. Eingebettet in ein Spiel von Herr bzw. Meister und Sklave ist dies sicherlich eine akzeptable Sexualform, solange es ein Spiel bleibt und der Person in der Opferrolle keine bleibenden körperlichen Schäden entstehen. Bei einem verantwortungsbewussten Herrn und Meister ist das auch in der Regel nicht der Fall. Wenn es dann dem Unterlegenen doch einmal zuviel wird, sollte er zudem das Spiel auch stets beenden können. Dafür eignen sich Worte wie "Aufhören!" und "Schluss jetzt!" allerdings nicht - dass dies der Meister ignoriert und dann gerade weitermacht, wird nicht selten Teil des Spiels sein. Daher vereinbart man "neutrale" Codeworte wie etwa "Briefmarke" als Stopsignal. Wenn dann z.B. ein einschlägig interessierter Mann, der "im richtigen Leben" ein machtbewusster Manager ist, sich einmal ganz und gar in die Hände eines anderen begibt, kann daraus nicht nur eine interessante sexuelle Erfahrung, sondern evtl. auch eine spezielle Form der Entspannung vom Alltag entstehen.

Dabei gibt es auch "Switcher", d.h. Personen, die von der Sado- in die Maso-Rolle wechseln können und umgekehrt, während die anderen bei einer der beiden Rollen bleiben. Über die Verbreitung sadomasochistischer Vorlieben in der Bevölkerung gehen die Meinungen weit auseinander (Werte von 10 bis 50% mit "einschlägigen Tendenzen" sind in der Diskussion), wobei damit zu rechnen ist, dass die Zahl der Menschen, die gelegentlich derartige sexuelle Phantasien entwickeln, sehr viel größer ist als die Zahl derjenigen, die diese Form der Sexualität dann auch tatsächlich praktizieren. Der Ehrlichkeit halber gibt auch der Verfasser dieser Zeilen zu, dass ihm bisweilen SM-Phantasien kommen und dass ihn einschlägige Geschichten beim Stöbern im Porno-Shop durchaus schon mal angesprochen haben, dass es ihm jedoch völlig ausreicht, wenn es bei Phantasien bleibt, und dass er eher keine Neigung zur praktischen Umsetzung verspürt.

Von Psychologen und Psychoanalytikern wird vereinzelt die These vertreten, dass sadomasochistische Neigungen ihren Ursprung in (früh-) kindlichen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen haben könnten und damit Anzeichen einer behandlungsbedürftigen Störung wären; dem widersprechen viele SM-AnhängerInnen, die auf eine zweifellos glückliche Kindheit zurückblicken können, auf das Entschiedenste. Der Verfasser neigt eher dazu, sich der letzteren Auffassung anzuschließen; woher sollten denn sonst wohl auch jene oben eingeräumten Phantasien kommen? Wenn dann aber die Vertreter der gegenteiligen Meinung argumentieren sollten, die kämen in seinem Falle wohl aus der vielfach in Kindertagen doch sehr einschneidend verspürten Homo-Feindlichkeit der Gesellschaft (wie ich sie als - so der Fachjargon - "prä-homosexuelles Kind" erfuhr), dann könnte da ja durchaus etwas "dran sein". Dass ich, ansonsten glücklich und liebevoll umsorgt aufgewachsen, an praktischer SM-Erfahrung nicht wirklich interessiert bin, würde dann diese These ja eher noch bestätigen. Dennoch sehe ich sie skeptisch, fühle mich aber weder kompetent noch berufen, hier eine abschließende Meinung dazu zu äußern.

Ein spezielles Problem mit ihrer so genannten "dunklen Lust" haben zudem so manche SM-AnhängerInnen, die überzeugte Christen sind und sich dann fragen, ob sadomasochistische Praxis, auch wenn es ja nur das Spielen mit Versklavung und Unterwerfung ist, sich - frei nach Luther - denn auch mit der "Freiheit eines Christenmenschen" verträgt. Eine eher konservativ-religiöse, sexualfeindliche Erziehung könnte andererseits gemäß obiger These sogar für SM-Neigungen direkt prädestinierend wirken. Diesen und ähnlichen Fragen spürt eine Gruppe namens "Arbeitskreis Sadomasochismus und Christ-sein" nach, die etwa 100 Mitglieder haben soll. Näheres erfährt mensch über die Internet-Seite www.sm-und-christsein.de. Vorstehende Angaben entnahm ich dem Artikel "Jesus und die Peitsche" von Eva Baumann-Lerch in Publik-Forum 10/2008, der mich zur Ergänzung dieser Webseite um diesen und die beiden vorstehenden Absätze (im Oktober 2008) inspirierte.

Während die Lederfetisch- mit der SM-Szene zwar nicht unbedingt deckungsgleich, aber doch eng verbunden ist, hat letztere mit wirklicher Gewalt und gar mit Gewaltverherrlichung nichts zu tun. Insofern ist es durchaus in Ordnung, wenn ein schwuler Regierender Bürgermeister einem großen Lederfetischtreffen von u.a. auch touristischer Bedeutung in seiner Stadt ein Grußwort übermittelt. Die Zeiten, in denen sexuelle Minderheiten ausgegrenzt, diskriminiert oder gar verfolgt werden, sollten hoffentlich ein für alle Mal vorbei sein. Und das gilt natürlich auch für jene Minderheit, die sich als asexuell versteht: Ihr ist der letzte größere Abschnitt dieser Seite gewidmet, der auf die Hinweise zu den Themen Objekt- und Autosexualität (Selbstbefriedigung) folgt.


[ Nach oben ]

Objektsexualität

Auf den ersten Blick vielleicht nur eine extreme Variante des Fetischismus (siehe den vorigen Abschnitt), aus anderer Sicht aber eine eigene Sexualform, beschreibt der eher neuere Begriff "Objektsexualität" das Phänomen, dass ein unbelebtes Objekt "sexuell besetzt" und gleichsam wie ein Sexualpartner behandelt wird. Das kann zum Beispiel ein außergewöhnlicher, qualitativ hochwertiger ("high end") Verstärker einer Stereoanlage sein, irgendein anderes Gerät oder auch ein Auto. (Nachtrag Mai 2008)


[ Nach oben ]

Autosexualität (Selbstbefriedigung)

Nicht die sexualisierte Beziehung zu einem Auto[mobil =selbstbewegendes "Gerät"] im Sinne des vorigen Abschnittes ist hier gemeint, sondern die "Selbstbefleckung", auch als Onanie oder Masturbation bekannt, also der "Sex mit sich selbst". Dazu lässt sich eine ganze Menge sagen - der Amerikaner Thomas W. Laqueur schrieb 2003 dazu das Buch "Solitary Sex", eine Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung, die Anfang 2008 unter dem Titel "Die einsame Lust" auch in deutscher Übersetzung erschien. Vergleiche dazu unsere gesonderte Themenseite darüber, die anlässlich des Erscheinens der deutschen Fassung im Mai 2008 aktualisiert wurde. Dort finden sich auch Hinweise zur Selbstbefriedigung im Tierreich und eine Unterseite mit einem Text aus einem Ärztebuch vom Ende des 19. Jahrhunderts - als Kuriosum und Beispiel für die Haltung dazu in jenen sexualfeindlichen Zeiten.


[ Nach oben ]


Asexualität

Wie bereits gesagt, bildete die Mail zum Thema Asexualität den Anlass dazu, die vorliegende Seite zu konzipieren. Nachdem ich mich als Internetredakteur von der Ernsthaftigkeit überzeugt habe, lasse ich hierzu die Autoren mit ihrer Mail selbst zu Wort kommen:

   

  AVEN-Logo, Link zur AVEN-Homepage (international)

"Sehr geehrte Damen und Herren,
im Folgenden würden wir Ihnen gern das noch recht junge Thema der Asexualität etwas näher bringen, unser Onlineforum dazu vorstellen und auf die Möglichkeit des kostenlosen Flyerversands hinweisen.

Wir selbst sind Mitglieder von AVEN, einer Online-Community, welche weltweit Menschen, die sich als asexuell empfinden, eine Anlaufstelle bietet. Unsere Community besteht auf internationaler Ebene seit etwa vier Jahren und zählt zur Zeit etwas über 8000 Mitglieder, davon 1200 im deutschsprachigen Raum. Das Forum ist jedoch nicht nur für Asexuelle, sondern für jeden da, der sich unabhängig von seiner sexuellen Ausrichtung für das Thema interessiert und/oder ein Interesse daran hat, dass Asexualität vermehrt thematisiert wird. Detailiertere Informationen zur Asexualität finden Sie bei einem Besuch der AVEN-Webseiten (AVEN = Asexuality Visibility and Education Network, zu deutsch: Netzwerk für Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung über Asexualität) unter http://www.asexuality.org bzw. http://www.asexuality.org/de.

Kurz gesagt bedeutet Asexualität, dass man sich von anderen nicht sexuell angezogen fühlt. Der Unterschied zwischen Asexualität und freiwilliger sexueller Enthaltsamkeit besteht darin, dass die betreffende Person keine willentliche Entscheidung getroffen hat, ohne Sex zu leben, sondern einfach kein Verlangen danach hat. Jemand, der sich für sexuelle Enthaltsamkeit entschieden hat, kann nach wie vor sexuelle Anziehung empfinden, wohingegen eine asexuelle Person dies nicht könnte.

Als eine sexuelle Minderheit stellen sich uns sehr ähnliche Herausforderungen wie anderen Nicht-Heterosexuellen (Pathologisierung, Inakzeptanz, Vorwurf der Nichtreproduzierbarkeit, Legitimierung über den Umweg der "Natur", die Aussage, dass es uns nicht gibt oder etwas nicht stimmen kann) und deshalb können sich die meisten von uns mit der sogenannten Queer-Bewegung identifizieren.

Bislang wurde zu Asexualität leider wenig geforscht, doch gibt es eine Studie, die 2004 von Prof. Dr. Bogaert der kanadischen Brock University in Hinblick auf Asexualität ausgewertet und in dem fachwissenschaftlichen Magazin "Sex Journal" veröffentlicht wurde. Eine Online-Version [ dieser Veröffentlichung ] ist unter [ der Internet-Adresse ] http://www.findarticles.com/p/articles/mi_m2372/is_3_41/ai_n6274004 nachlesbar. Auch das Kinsey-Institut hat einleitende Studien unternommen und beabsichtigt, diese zu vertiefen. Die Ergebnisse einer ersten Befragung sind unter http://www.asexuality.org/docs/SSSS_2003.ppt erhältlich.

Unter den Forumsmitgliedern, die keine sexuelle Anziehung empfinden, befinden sich sowohl welche mit sexuellen Erfahrungen als auch welche ohne jede sexuelle Erfahrung und/oder sogar ohne irgendein Gefühl der Anziehung zu anderen. Sie können sich je nach bevorzugtem Geschlecht des Partners in Homo-, Bi- oder Hetero-asexuell einteilen.

Nur sehr wenige Menschen scheinen sich der Existenz von Asexualität bewusst zu sein. Deshalb ist es für Menschen, die keine sexuelle Anziehung zu anderen verspüren, schwer, sich zunächst als solche zu verstehen und in einer sexualisierten Gesellschaft wie unserer angenommen zu fühlen. Viele unserer neuen Mitglieder sind sehr erleichtert, wenn sie bei AVEN Menschen kennenlernen, die ähnlich fühlen und erleben. Viele hatten Angst oder waren unsicher, wollten dazugehören und zwangen sich zu sexueller Aktivität. Deshalb versuchen wir von AVEN Asexualität einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.

Unsere Mail begründet den Versuch, den Bekanntheitsgrad von Asexualität in ganz Deutschland zu erhöhen. Zum einen möchten wir eine öffentliche Akzeptanz erreichen, zum anderen Asexuellen, die nicht wissen/glauben, dass andere Menschen wie sie existieren, zeigen, dass es absolut in Ordnung ist, asexuell zu sein.

Wir hoffen, dass Sie uns bei unserer Aufgabe unterstützen können, indem sie Informationen über Asexualität ausgeben oder einen Link zu AVEN auf Ihrer Webpage angeben. Falls Sie die Möglichkeit sehen, solche Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, so senden wir ihnen gerne Flyer zum Thema Asexualität, die wir selbst in unserer Community erstellt haben. Diese können kostenlos auf der AVEN-de-Seite unter http://www.asexuality.org/de/index.php?option=com_content&task=view&id=42&Itemid=71 angefordert oder selbst ausgedruckt werden. Wenn Sie daran interessiert sind, teilen Sie uns bitte Ihre Adresse mit Verweis auf diese ... [ Webseite ] mit und senden Sie diese am besten ... an die ... Emailadresse ... AVENfrau@asexuality.org.

Darüber hinausgehende Fragen oder anderweitiges Interesse würden wir natürlich auch gern beantworten. Wir sind auch sehr an Ihrer Meinung zum Thema Asexualität interessiert und würden uns sehr freuen eine E-Mail an die Adresse AVENfrau@asexuality.org zu erhalten oder aber Sie kontaktieren uns über die AVEN-de-Homepage http://www.asexuality.org/de.

Vielen Dank für jede Unterstützung die Sie zu bieten bereit und in der Lage sind.

Kati Radloff       Johannes Schmitz"

Weitere Informationen zum Thema Asexualität erhalten Sie auch über den folgenden Link:

http://asex-wiki.org/index.php?title=Hauptseite (Seite der Internet-Enzyklopädie "Wikipedia" auf deutsch).

Disclaimer: Die HuK Hannover e.V. stellt diesen und die im Text enthaltenen Links lediglich zur weiteren Information zur Verfügung, distanziert sich aber vorsorglich von allen Inhalten auf den gelinkten Seiten, auf die sie ja auch keinerlei Einfluss hat.
ACHTUNG: Diese Links werden nicht gepflegt!


[ Nach oben ]


Abschließende Anmerkung

Zu meiner Freude war dieser Beitrag (in der 1. Fassung) trotz seiner Länge vollständig in die damals aktuelle Ausgabe der "Homoluja" ungeteilt aufgenommen worden. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis des Heftes ließ mich allerdings schmunzeln: "Die Vielfalt der Sexualität von Bernd König" stand da zu lesen - in einheitlichen Schrifttypen, ohne Kursivsatz oder eine andere Art der Absetzung. Was mich persönlich betrifft, so bin ich doch eher froh, nicht mit einer derartig vielfältigen Sexualität "geschlagen", sondern ganz normal schwul zu sein. In diesem Sinne wünsche ich allen LeserInnen viel Freude und Erfüllung mit ihrer jeweils eigenen Ausprägung der Sexualität.

Bernd König



[ Zum Seitenanfang ]

[ Zurück zur Übersicht "Wissenswertes" ]     [ Drucker Diese Seite ausdrucken ]

[ Zur pdf-Version (*) der Fassung vom 04.01.2010 ]     [ Zum Inhaltsverzeichnis dazu (pdf-Datei (*)) ]

[ (*) Den Acrobat Reader dazu können Sie über diesen Link kostenlos herunterladen! ]

[ Für "Seiteneinsteiger":  Neustart unserer Seite mit Menü & Sitemap  ]


© 2006-2010 Dr. Bernd König & HuK Hannover e.V. 14.07.2006
- letzte Änderung am 04.01.2010 -
Korrektur und Nachträge: 13.09.2006; 20.02.2007; 08.05.2007
Abschnitt >>Sexualverhalten als Kontinuum - "Plastizität"<< neu 18./19.10.2007,
aber so nicht veröffentlicht; stark revidiert und überarbeitet 01.-03.12.2007,
Nachtrag Objektsexualität, Hinweis Onanie/Laqueur 28.05.2008,
Ergänzung des Abschnitts "Fetischismus und SM" um 3 Absätze am 22.10.2008,
Absatz zur "Begriffsrelativität" [Hetero-/Homosexualität] und Nachträge im Bereich
Transgender / Transidentität am 01.11.2008, zur Bisexualität am 10.02.2009
und nochmals zur Inter- und Trans/*/sexualität am 02.09.2009 und 04.01.2010