Wissenswertes



Ein einzigartiges Archiv:
Rainer Hoffschildt sammelt seit 25 Jahren
Material über männliche Homosexuelle

Rainer Hoffschildt in seinem Archiv (Foto: Wilde)
Rainer Hoffschildt in seinem Archiv (Foto: Wilde)

VON GABRIELE MEISTER
(Neue Presse 23.08.2005 unter dem Titel
"57-Jähriger sammelt Schicksale des Dritten Reiches")

5000 Bücher, Aktenordner, Pappkartons und Karteikästen, akribisch beschriftet mit Buchstaben und Namen. Dazwischen immer wieder Zeichnungen, Bilder, Postkarten und Plakate von Männern. In seiner 130-Quadratmeter-Wohnung sammelt Rainer Hoffschildt alles über homosexuelle Männer. "Ich bin eine Art Zentralstelle", sagt der 57-Jährige nicht ohne Stolz. "Oft bekomme ich Anfragen von Gedenkstätten und Doktoranden."

Eine Anfrage begründete 1980 auch den Anfang von Hoffschildts Sammlung: "Bei einem Besuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen packte mich die kalte Wut. Es ist `haarsträubend´, was Homosexuellen im Dritten Reich angetan wurde — aber in Bergen-Belsen wurden sie mit keinem Wort erwähnt." Als Hoffschildt darauf hinwies, hieß es, er selbst habe doch eine Sammlung, da könne er bei diesem Thema sicher behilflich sein.

Tatsächlich hatte Hoffschildt schon längere Zeit Poster und Zeitschriften zum Thema Homosexualität gesammelt, aber ohne geschichtlichen Anspruch. "Mein Coming-out kam erst sehr spät und war eine schwere Geburt. Ich wollte immer `brav´ sein und der Norm entsprechen. Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr", verrät Hoffschildt. Doch selbst danach traute er sich noch nicht, unter seinem Namen an die Öffentlichkeit heranzutreten. Im Stillen verfasste er zahlreiche Flugblätter — und ließ sie alle von Freunden unterschreiben.

Die Anfrage der Gedenkstätte Bergen-Belsen brachte Hoffschildt dazu, der Verfolgung Schwuler im Dritten Reich nachzuspüren. So entstanden zwei Bücher und das wichtigste Stück seiner Sammlung, das Archiv mit Namen von 2400 homosexuellen KZ-Häftlingen.

Er reiste nach Prag, Jerusalem und in die Niederlande, durchsuchte Staatsarchive und sprach mit Zeitzeugen. Oft musste er "darum betteln, Akten überhaupt anschauen zu dürfen. Besonders in Deutschland ist es sehr schwierig", so Hoffschildt. Häufig musste er die Quellen von Hand abschreiben. Kopieren oder gar Veröffentlichen war in den seltensten Fällen erlaubt. "Eine besondere Schwierigkeit liegt in der unterschiedlichen Erfassung der Häftlinge. Manche Konzentrationslager haben zwischen verschiedenen Gruppen `Sicherheitsverwahrter´ nicht unterschieden. Deshalb bringt nur eine breit angelegte Recherche sichere Erkenntnisse."

Dafür sehnt der Berufsberater der Arbeitsagentur vor allem seinen bevorstehenden Ruhestand und interessierte Helfer herbei. "Allein ist die Arbeit kaum noch zu bewältigen."


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