Wissenswertes



Die katholische Schöpfungsordnung - ein mysteriöses Dokument

Von Bernd König

"Es ist nicht überholte Metaphysik, wenn die Kirche ... das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordert." sagte der Papst in seinem Jahresrückblick 2008; auch andere Vertreter der römisch-katholischen Kirche führen immer wieder einmal den Begriff "Schöpfungsordnung" in die Diskussion ein, wenn es um Lesben und Schwule geht. Offenbar hat also die römisch-katholische Kirche irgendwann einmal eine "Schöpfungsordnung" erlassen. Da fragt man sich natürlich, wann war das und wo findet man dieses Dokument? Ist es eine unbekannt gebliebene Enzyklika, die den Unfehlbarkeitsanspruch eines (welches?) Papstes einfordert - oder gar nur ein einfaches Gesetz resp. eine Verordnung des Vatikanstaats? Wie umfangreich ist es und was steht überhaupt so alles darin?

Nur zu einem Teilaspekt der letzten Frage geben diejenigen, die dieses Dokument zitieren, regelmäßig einen Hinweis: Demzufolge steht in der "Schöpfungsordnung" offenbar drin, dass Lesben und Schwule in die Schöpfung nicht hineingehören. Ob es dennoch irgendwelche Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen oder gar Gemeinsamkeiten zwischen der "Schöpfungsordnung" und der real existierenden Schöpfung gibt und - falls ja - ob diese von den Autoren der "Schöpfungsordnung" womöglich gewollt und beabsichtigt oder vielleicht nur rein zufällig sind, darüber schweigen sich die Herren Theologen stets ebenso aus wie über den sonstigen Inhalt des Dokuments.

So ist der uninformierte Laie auf Mutmaßungen angewiesen. Er stellt sich dann etwa vor, wie über Wochen, Monate oder gar Jahre in einem abgelegenen, stillen Winkel des Vatikan hochkarätige (und entsprechend gut bezahlte) Theologen über ein Papier namens "Schöpfungsordnung" brüten oder vielmehr gebrütet haben. Was das den Kirchensteuer- oder beitragszahler in aller Welt gekostet haben mag!

Und dann wahrscheinlich wieder mal kein einziger Naturwissenschaftler darunter, der ein Fünkchen Sachverstand hätte beitragen können! Kein Biologe, der den Herren hätte klarmachen können, wie das Leben auf der Erde so tickt und wie die Evolution gearbeitet hat und noch arbeitet! Und auch kein Physiker, Astronom oder Kosmologe, der die Herren darauf hätte aufmerksam machen können, dass sie ein wenig zu spät dran sind mit ihrem Papier! So schlappe 13,8 Milliarden Jahre ungefähr (- vom "Urknall" an gerechnet)!

Kein Wunder also, dass sich allem Anschein nach weder die Schöpfung noch der Schöpfer jemals sonderlich beeindruckt gezeigt haben von diesem Papier aus dem Vatikan - oder sich gar daran gehalten hätten. Jedenfalls nicht in jenem einen Punkt, den die informierten Kreise uns Laien bislang bekannt gemacht haben. Und in anderen Punkten wohl auch nicht, denn dazu kam das Papier wie gesagt viel zu spät. Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - hat schon Gorbatschow gesagt. Wäre der Vatikan ein moderner demokratischer Staat, dann hätte uns sicherlich schon längst ein zuständiger Rechnungshof darüber aufgeklärt, welche überflüssigen Kosten für jenes völlig sinnfreie Papier "verpulvert" worden seien. Sinnfrei, weil absolut zur Unzeit. Allgemeine Verachtung wäre dann die gerechte Strafe (des Lebens, frei nach Gorbatschow) für die Verantwortlichen gewesen.

Aber der Vatikan ist nun einmal kein moderner Staat und so entfällt diese Strafe - und eine andere womöglich noch dazu, gerade weil der Vatikan eben doch ein Staat ist. Um das zu verstehen, müssen wir uns noch einmal vor Augen führen, dass diese ominöse "Schöpfungsordnung" dem Schöpfer den Spiegel vorhält und ihn ja indirekt aufs Schärfste kritisiert. Zumindest in jenem einen Punkt, den die informierten Kreise uns Laien bislang bekannt gemacht haben: nämlich für seinen aus Sicht der Theologen geradezu unverzeihlichen Fehler, u.a. auch Lesben und Schwule erschaffen zu haben. Anders gesagt: Bei der "Schöpfungsordnung" geht es um nichts Geringeres als die Anmaßung der führenden Theologen der katholischen Kirche, sie wüssten besser als der Schöpfer, wie die Schöpfung hätte aussehen sollen.

Die Griechen der Antike hätten so etwas als "Hybris" bezeichnet - soll heißen, der Mensch stellt sich über die Götter und hält sich für schlauer als diese. Seit dem Durchbruch des Monotheismus nennt man es schlicht "Gotteslästerung". Die war früher in vielen Ländern strafbar, ist es aber in modernen Staaten (zumindest außerhalb der islamischen Welt) heutzutage in der Regel nicht mehr. Sollte auch der Vatikan sich in diesem Punkt der modernen Welt anschließen und Gotteslästerung nicht (mehr) als Straftatbestand verfolgen, hätten die Autoren der "Schöpfungsordnung" eine reale Chance, jeglicher Strafe zu entgehen. Und Gorbatschow wäre ausnahmsweise einmal widerlegt.



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© 2009 Dr. Bernd König & HuK Hannover e.V. -
letzte Änderung am 12.09.2009