Wissenswertes



Gender Mainstreaming in unsachlicher Kritik

(Inspiriert durch den Nachdruck des "Sekundärartikels" von N. Koch
und die ungemein treffende Kritik "Warum Rainer Mayer uninformiert ist"
von Dennis Wiedemann im [Bundes-] HuK-Info Nr. 172, S. 68/69 (April - Juni 2009))

Gender Mainstreaming könnte man, wenn man es denn wollte, vielleicht noch am ehesten mit "Geschlechtergerechtigkeit" übersetzen. Von der Ebene der EU bis herab zu unserer Landeshauptstadt Hannover haben sich die öffentlichungen Verwaltungen Gender Mainstreaming mittlerweile auf ihre Fahne geschrieben. Da überrascht es denn doch, wenn plötzlich ein emeritierter Theologe behauptet, Gender Mainstreaming sei zutiefst ungerecht. Wie denn das?

Dimensionen der Geschlechtlichkeit

Wir sind es gewohnt, unsere Mitmenschen wie selbstverständlich als Mann oder Frau (oder männliches oder weibliches Kind) wahrzunehmen und diese Wahrnehmung besitzt dabei einen fundamentalen Charakter. Ist das Geschlecht eines Menschen für uns nicht eindeutig auszumachen, treffen wir gar auf Personen "zwischen den Geschlechtern", sind wir irgendwie irritiert. Dabei ist schon das biologische Geschlecht eines Menschen - im Englischen als "sex" bezeichnet - gar nicht immer so eindeutig festgelegt, wie wir es anzunehmen geneigt sind und wie uns die gesellschaftlich vorherrschende Heteronormativitätsideologie gerne weismachen möchte. (Vgl. dazu den Abschnitt "Intersexualität" in unserer Themenseite zur Vielfalt menschlicher Sexualität.)

Beim Gender Mainstreaming bzw. in der Gendertheorie unterscheidet man vom biologischen das soziale Geschlecht - im Englischen "gender". Das soziale Geschlecht ist dabei von der jeweiligen Kultur abhängig, in der ein Mensch lebt. Diese weist ihm eine soziale Rolle zu, die von Kultur zu Kultur durchaus sehr unterschiedlich sein kann. So ist unsere Kultur wie auch die des Nahen Ostens, dem auch die drei monotheistischen Weltreligionen entstammen, bekanntlich traditionell patriarchal bestimmt, während zu anderen Zeiten und in anderen Weltgegenden matriarchal dominierte Kulturen vorherrsch(t)en, so etwa - mutmaßlich - die älteste Kultur Europas auf Malta in ihrer Hochblüte (Zeit der Tempel von Hagar Qim und Ggantija), und bis heute verschiedene Kulturen Asiens. Bei den Toda in Bergregionen Südindiens beispielsweise hat die Frau die Funktion des Familienoberhaupts inne und kann mehrere Männer ehelichen - im Vorderen Orient und in größeren Teilen Afrikas hingegen ein Mann mehrere Frauen. Es gibt patrilineare wie matrilineare Erbrechtssysteme und die Rollen-Erwartungen (wie sich ein Mann und wie sich eine Frau im gesellschaftlichen Zusammenleben verhalten sollte) sind höchst unterschiedlich und keineswegs durch das biologische Geschlecht vorgegeben. (Und manche Kulturen kennen auch mehr als nur zwei soziale Geschlechter.)

Gender Mainstreaming als Geschlechtergerechtigkeit

"Gender Mainstreaming ist ein international anerkannter Begriff in der Gleichstellungspolitik. Auf eine Übersetzung des englischen Begriffes ins Deutsche wird wie bei vielen anderen Fachausdrücken (z.B. Software, Website, Surfen, Jeans usw.) verzichtet ... . Gender Mainstreaming meint: Eine Verankerung von Gleichstellungspolitik in alle Fachthemen aufgrund der Erkenntnis, dass es auf dieser Welt nichts Geschlechtsneutrales gibt. Gender Mainstreaming in der täglichen Arbeit bedeutet: Die unterschiedlichen Situationen, die Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern sind in Politikfelder und Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Maßnahmen und Entscheidungen, die zunächst geschlechtsneutral erscheinen, können unterschiedliche Auswirkungen auf Frauen und Männer haben. Deshalb sind die unterschiedlichen Situationen, die Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern bei Planungen, Durchführungen und Auswertungen aller Vorhaben kontinuierlich einzubeziehen. Dies bedeutet eine grundlegende Veränderung bzw. Erweiterung der Sicht- und Handlungsweisen der zuständigen Akteurinnen und Akteure. Diese Veränderung bezieht sich auf die organisationspolitische ebenso wie auf die persönliche Ebene. Die Chance, die sich hieraus ergibt, ist, einen anderen Blick auf die Arbeitswelt und das Leben zu entwickeln. ... Erfahrungen aus Schweden zeigen, dass durch die konsequente Umsetzung der Chancengleichheit die Attraktivität ... einer Stadt gesteigert werden kann." heißt es in der in dieses Thema einführenden Webseite der Landeshauptstadt Hannover.

Und weiter: "Durch Gender Mainstreaming wird berücksichtigt, dass das Leben von Frauen und Männern in den meisten Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens heute immer noch große Unterschiede aufweist. Frauen arbeiten z.B. häufiger Teilzeit als Männer, meistens obliegt ihnen die Organisation von Familien- und Hausarbeit, sie sind überproportional von Altersarmut und sexuellen Übergriffen betroffen und haben im öffentlichen Raum ein erhöhtes subjektives Sicherheitsbedürfnis und ein anderes Mobilitätsverhalten. Männer achten z.B. weniger auf ihre Gesundheit und haben größere Probleme, Beruf und Familie partnerschaftlich zu vereinbaren. Jungen haben mehr Schwierigkeiten in der Schule und sind sowohl als Täter wie als Opfer mehr mit dem Thema Gewalt konfrontiert. ... Unsere Leitfrage soll nicht heißen: "Behandele ich alle so, wie ich behandelt werden möchte und entscheide ich so, wie es meinen Bedürfnissen entspricht?", sondern "Behandele ich alle so, wie sie behandelt werden möchten und entscheide ich so, wie es ihren Bedürfnissen entspricht?""

"Warum Gender Mainstreaming ungerecht ist" --- [???]

"Warum Gender Mainstreaming ungerecht ist" meinte der Theologe Rainer Mayer in seinem Aufsatz "Wer oder was ist gerecht - `Geschlechtergerechtigkeit´ im Gender-Mainstreaming-Konzept" in "Evangelische Verantwortung"‚ dem Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der CDU, begründen zu können. Referiert wurden Mayers Thesen von Nicolas Koch in einem Beitrag im christlichen Medienmagazin "pro" (26. Februar 2009). "Befürworter des so genannten "Gender-Mainstreaming" gehen davon aus, dass Unterschiede zwischen den Geschlechterrollen lediglich das Ergebnis gesellschaftlicher Erziehung seien. Sie behaupten, dass jeder Mensch sein soziales Geschlecht sowie seine sexuelle Orientierung beliebig bestimmen könne." fasst Koch Mayers Aussagen zusammen und zitiert ihn wie folgt: "Kindern soll möglichst früh nahegebracht werden, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt und dass sie ihr Geschlecht beliebig bestimmen können, männlich, weiblich, bisexuell, homosexuell: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt." Das habe negative Folgen, insbesondere für Jugendliche: "Wer nicht mehr genau weiß, ob er männlich oder weiblich ist, wird in seiner Identität verunsichert". Mayer setze dagegen: "Doch nur Frauen können Kinder zur Welt bringen, Männer nicht. Sind also `Mutterrolle´ und `Vaterrolle´ künftig Klischees? Sind sie diskriminierend?" Und weiter: "Jeder Mensch ist Kind einer Frau und eines Mannes - trotz aller Gentechnik!"

"Die Schwulen- und Lesbenverbände behaupten," - behauptet Mayer - "die geschlechtliche Orientierung eines Menschen sei unveränderlich festgelegt. Wer Veränderungsmöglichkeiten für Homosexuelle nachweist, wird als `Scharlatan´ diffamiert. Gleichzeitig wird aber im Rahmen des Gender-Mainstreaming-Konzepts behauptet, auf geschlechtlichem Gebiet sei niemand festgelegt, jeder Mensch könne seine sexuelle Orientierung nach individuellen Wünschen aussuchen, frei gestalten und verändern."

Mayer sieht hierin den puren Individualismus unserer Zeit und eine Gefährdung für die menschliche Gemeinschaft. Diese beruhe "auf der Elternschaft als dem Ursprung aller Sozietät, und diese wiederum beruht auf dem geschlechtlichen Unterschied zwischen Mann und Frau." Und daher, so schreibt er laut Koch, sei die "Umkehr von diesem Irrweg nötig".

Warum wir uns Sorgen um unser Bildungssystem machen müssen

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die erste PISA-Studie die deutsche Öffentlichkeit erschreckte mit der doppelten Feststellung, dass unsere Schulen im internationalen Vergleich keineswegs ein so hohes Niveau bieten wie wir im Allgemeinen glaubten und dass sie zudem mehr als die Schulen anderer Länder eher die soziale Segregation denn Bildungschancen für alle hinreichend Begabten fördern. Dann mussten wir im Mai 2009 erleben, dass mit Marburg eine der ältesten deutschen Universitäten, an der immerhin acht Nobelpreisträger geforscht und / oder studiert haben, Scharlatanen und Quacksalbern ein Podium bot und das als Ausdruck wissenschaftlicher Diskussionskultur zu "verkaufen" versuchte.

Und nun dies - von einem Mann, der bis 2006 Professor für Systematische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Mannheim war, ein Emeritus also, der "sich zu einem Thema äußert und dabei eine Verständnisresistenz offenbart, die ihres gleichen sucht", wie D. Wiedemann in seiner Kritik dazu anmerkt, um fortzufahren: "Man möchte ja eigentlich meinen, ein promovierter Theologe wäre fähig, wenigstens in Grundzügen soziologische und philosophische Argumentationen nachzuvollziehen." Ja, das sollte man meinen oder sich fragen, ob es mittlerweile dem Niveau deutscher Universitäten entspricht, Lehrstühle mit Personen zu besetzen, die kein Problem damit haben, auf Nachbargebieten bar jeder minimalen (Literatur-) Kenntnis "draufloszuschwafeln".

Warum Herr Mayer baren Unfug von sich gegeben hat

"Gender-Mainstreaming behauptet nämlich nicht, dass jede und jeder ihr oder sein Geschlecht beliebig bestimmen könne, sondern lediglich, dass das soziale Geschlecht (Gender) eine sozial determinierte Kategorie ist und kein biologisches Faktum (Sex). Ein soziales Geschlecht haben wir demnach nicht von Natur aus, sondern es wird erst in der Kommunikation mit anderen konstruiert", stellt Wiedemann klar,"... Schlichtweg undifferenziert ist die Aussage des Autors, wonach Gender-Mainstreaming Kinder lehren wolle, "dass sie ihr Geschlecht beliebig bestimmen können, männlich, weiblich, bisexuell, homosexuell". Während "männlich" und "weiblich" zwei Pole der sexuellen Identität bezeichnen, beschreiben "bisexuell" und "homosexuell" sexuelle Orientierungen." Wobei Herr Mayer offenbar selbst hinreichend desorientiert ist, dies nicht mehr auseinanderhalten zu können! Dann postuliert er eine Verunsicherung insbesondere bei Jugendlichen durch eine Behauptung, die er den VertreterInnen des Gender-Mainstreaming einfach fälschlich unterstellt, denn niemand hat je etwas anderes behauptet, als dass es zum Kinder-Gebären einer Frau im biologischen Sinne bedarf - nur hat dies eben mit der Frage nach ihrer sozialen Rolle nicht das Geringste zu tun!

Was nun die Schwulen- und Lesbenverbände betrifft, so "behaupten [sie] mitnichten, die geschlechtliche Orientierung eines Menschen sei unveränderlich festgelegt. Sie behaupten lediglich, sie sei nicht willentlich beeinflussbar. Darin gehen sie mit dem Stand des Wissens in der Psychologie konform," hält Wiedemann dem Emeritus zu Recht entgegen. Und dass irgendjemand sogenannte "Veränderungsmöglichkeiten für Homosexuelle" "nachgewiesen" habe, geht ebenso meilenweit an der Wirklichkeit vorbei - man vergleiche dazu die Stellungnahme der APA! Auch wenn es Herrn Mayer´s ideologische Freunde/innen sind, sollte man Scharlatane noch als solche bezeichnen dürfen!

Das Einzige, was hier in Gefahr gerät, ist offensichtlich die persönliche Reputation dieses Herrn als ernstzunehmender Wissenschaftler - und allenfalls noch die jener Universität, die ihm dermaleinst einen Ruf erteilt hatte. In seinem ureigenen Interesse ist die "Umkehr von diesem Irrweg" - nämlich, derart substanzloses Geschwätz zu verbreiten - in der Tat "nötig".

[ Zurück zur Übersicht ]     [ Drucker Diese Seite ausdrucken ]

[ Für "Seiteneinsteiger":  Neustart unserer Seite mit Menü & Sitemap  ]



© 2010 HuK Hannover e.V. 16.01.2010 - letzte Änderung 17.01.2010