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"Veränderungen in der Gesellschaft brauchen Zeit. Anfang 1970 ist ein Dokumentarfilm im Fernsehen gesendet worden, der gleich mit einer ganzen Reihe von Tabus brechen wollte. "Behinderte Liebe" hieß der Film. Er rief dazu auf, die sexuellen Bedürfnisse von Männern und Frauen mit Handicaps nicht länger zu ignorieren." So begann in der Hannoverschen Allgemeinen vom 7. Juni 1995 der Bericht über ein Symposium mit demselben Titel unter der Leitung des Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen, Karl Finke, und des Schwulenreferenten Hans Hengelein, zu dem im Jahr darauf auch eine 32seitige Dokumentation erschien. "Behinderte sind keine geschlechtslosen Menschen. Sie haben genauso sexuelle Bedürfnisse wie Nicht-Behinderte." betonte ein Betroffener in einer anderen Zeitung. Doch Rückzugsmöglichkeiten für Liebe und Intimität sind zum Beispiel in Heimen 1995 und wohl auch heute noch eher die Ausnahme; das Personal ist eher wenig auf die sexuellen Bedürfnisse der HeimbewohnerInnen eingestellt und zumeist auch kaum in dieser Hinsicht ausgebildet. ÄrztInnen raten vielleicht auch heute noch eher vom Kinderwunsch ab und PflegerInnen denken beim Thema Verhütung womöglich immer noch zuerst an Sterilisierung (wie die HAZ seinerzeit schrieb). Ist die/der Betroffene dann noch lesbisch oder schwul, wagt sie/er es selbst womöglich erst gar nicht, ihre/seine Bedürfnisse zur Sprache zu bringen, wenn seitens der Heimleitung nicht hinreichend deutlich gemacht wird, dass auch die gleichgeschlechtliche Orientierung auf Akzeptanz rechnen darf. So bedeutet "behinderte Liebe" vielfach auch "verhinderte Liebe", wie es eine Teilnehmerin des Symposiums von 1995 ausdrückte. Anlässlich des Aufgreifens des Themas durch den Runden Tisch ["Emanzipation und Akzeptanz in der Landeshauptstadt Hannover"] am 3. März 2010 stellen wir hier die Broschüre zum Symposium von 1995 kurz vor - die immer noch aktuell ist und vom Referenten Hans Hengelein bei dieser Gelegenheit verteilt wurde. Ein Exemplar findet sich auch in unserer kleinen Handbibliothek in der Schuhstraße; ebenso das Buch "Volle Kraft voraus" von Thomas Rattay, das bei unserer Veranstaltung im Pavillon im Februar 2008 vorgestellt wurde. In einem Infotext zu jener Veranstaltung schrieben wir: "Lesben und Schwule mit Behinderung ... befinden sich auch unter unseren Mitgliedern und Gästen. Diese sind völlig in unser Vereinsleben integriert - wobei uns unter baulichen Gesichtspunkten zugute kommt, dass unsere Räume in der Schuhstraße dank eines ebenerdigen Eingangs in das Gebäude sowie des Aufzugs für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer barrierefrei und damit problemlos erreichbar sind. Auf Barrierefreiheit - diesmal für Sehbehinderte und Blinde - legen wir zum Beispiel auch in unserer Homepage wert, die so gestaltet ist, dass Bilder in "Alternativtexten" erklärt werden und dass diese sowie in Form von Bildern enthaltene Texte von Browsern mit den entsprechenden Zusatz-Programmen vorgelesen werden können. - Für den Gottesdienst haben wir für Sehbehinderte ein Gesangbuch in Großschrift angeschafft. Ansonsten sind wir bei unseren Veranstaltungen stets bemüht, behinderten BesucherInnen soweit erforderlich zu Hilfe zu kommen, damit ihre Teilhabe stets gewährleistet ist." Letzteres wird erforderlich bei jenen unserer Veranstaltungen, die im Oberen Saal des Gemeindehauses an der Kreuzkirche stattfinden, zu dessen Erreichen leider drei Stufen zu überwinden sind. Hingegen ist der Zugang zu unseren Gottesdiensten in der Kreuzkirche selbst ebenerdig und somit barrierefrei, was ebenso für etwaige Veranstaltungen der HuK Hannover in der Epiphaniasgemeinde (Hägewiesen 117) gilt. - Die Frage der Barrierefreiheit war bereits in der Neuausgabe 2009 des "Wegweisers für Lesben und Schwule in Hannover" berücksichtigt worden. Ein Ergebnis des Runden Tisches vom März 2010 war nun, dass es ratsam wäre, etwaige behinderte Interessenten von vornherein über die - gegebene oder fehlende - Barrierefreiheit z.B. von Veranstaltungsorten zu unterrichten, um ihnen die Notwendigkeit lästiger telefonischer Anfragen zu ersparen und ihnen den Entschluss über Teilnahme oder Nicht-Teilnahme bereits im Vorfeld zu erleichtern. Wir folgen nunmehr diesem Rat auch in unserer Homepage. |
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"Menschen mit Behinderungen stoßen schnell an Grenzen, wenn sie versuchen, ihre Bedürfnisse nach Liebe und Sexualität zu verwirklichen. Das herrschende Diktat von Jugendlichkeit, Attraktivität und Unversehrtheit verweist sie an den Rand der Gesellschaft. Aber auch wir Behinderte selbst sind in unseren Wünschen, Bedürfnissen und Phantasien geprägt durch unsere nicht-behinderte Umwelt. Das Symposium "Behinderte Liebe", das im vergangenen Jahr unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Gerhard Schröder in Hannover veranstaltet wurde, sollte sowohl auf Seiten der behinderten als auch auf Seiten der nichtbehinderten Menschen den Ursachen verhinderter Liebe nachspüren. Wir haben keine Patentrezepte gefunden, mit deren Hilfe Menschen mit Behinderungen ihr Recht auf Liebe und Sexualität realisieren könnten. Wir sind jedoch auf Hürden gestoßen, die sich abbauen ließen: Solange Menschen mit Behinderungen aufgrund von baulichen Barrieren keinen Zugang zu solchen Orten haben, an denen sich Menschen begegnen und kennenlernen; solange einer großen Zahl von Behinderten der Zugang zum Arbeitsleben versperrt ist, in dem Menschen häufig auch Kontakte zu zukünftigen PartnerInnen knüpfen; solange in Heimen nicht genügend Doppelzimmer zur Verfügung stehen oder gar eine überholte Sexualmoral herrscht; solange also Menschen mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erschwert oder unmöglich gemacht wird, solange können sich gleichberechtigte Partnerschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen nur schwer entwickeln." beginnt der Behindertenbeauftragte des Landes Niedersachsen sein Vorwort. Es folgen das Grußwort der Staatssekretärin im Sozialministerium, Frau Gantz-Rathmann, und ein weiterer Text des Behindertenbeauftragten unter dem Titel ""Behinderte Liebe" - wie l(i)ebe ich als behinderte Frau/behinderter Mann in dieser Gesellschaft?", worin er als Motto für die Tagung empfiehlt "Es ist normal, verschieden zu sein". Es folgt der Text von Hans Hengelein, Schwulenreferent im Niedersächsischen Sozialministerium:
Selbstbewußtsein der Behinderten stärken! Dies hat sowohl in der Presse als auch bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern Irritationen oder doch wenigstens Nachdenken ausgelöst. Und ich denke, dies ist auch gut so. Als ich vor etwa 16 Jahren den Film "Behinderte Liebe" in Nürnberg das erste Mal sah, war ich genauso sprachlos, irritiert und gleichzeitig erschüttert, denn das Bedürfnis nach Nähe, Liebe, Sexualität, die Auseinandersetzung mit den eigenen Phantasien und Wünschen, die Normensetzung durch die nichtbehinderte Welt, spielen für jeden Behinderten und jede Behinderte, egal ob er oder sie heterosexuell, schwul, lesbisch oder bisexuell empfindet, eine gleich wichtige Rolle. Nur, und jetzt kommen die entscheidenden Unterschiede, diejenigen von uns, die schwul oder lesbisch sind, leben, wenn sie Partner oder Partnerinnen haben wollen, Liebschaften suchen, in einer ganz anderen Welt. Diejenigen von uns, die sich in der Behindertenbewegung engagierten, haben sich irgendwann einmal für die schwule bzw. lesbische Welt entschieden. Auch die Welt der Behinderten kennt Normensetzungen, und eine davon ist Heterosexualität. Für die Grenzgänger zwischen diesen Welten bieten wir zwei Veranstaltungen, eine für behinderte schwule Männer und eine für behinderte lesbische Frauen. Minderheiten innerhalb einer Minderheit werden in der Bundesrepublik oder auch hier in Niedersachsen erst zaghaft sichtbar, beginnen erst jetzt ihre Rechte einzuklagen. Deshalb gehl es im Rahmen dieser Veranstaltung darum, einen ersten Erfahrungsaustausch anzubieten; ein Zeichen zu setzen, so daß Schwule mit einer Behinderung ihr eigenes Netzwerk gegen Vereinzelung aufbauen können. "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Auf diesen Aspekt hat schon Frau Gantz-Rathmann hingewiesen. Das heißt aus der Sicht des Landes Niedersachsen auch, Emanzipationsprozesse zu fördern, die dazu beitragen können, das Selbstbewußtsein vieler Behinderter zu stärken, für sich neue Impulse mit nach Hause zu nehmen, Rechte einzuklagen, Zivilcourage zu zeigen. Im Nachmittagsworkshop "Ganz Mann sein nur mit Männern" geht es erst einmal darum, sich kennenzulernen, denjenigen, die zum ersten Mal auf andere schwule Behinderte treffen, Zeit zu einem ersten Erfahrungsaustausch zu geben. Wichtig ist dabei, daß sich in dieser Arbeitsgruppe niemand erklären oder rechtfertigen muß, sondern Probleme angesprochen werden können, um dann gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten — trotz der Kürze der Zeit — zu suchen. Darüber hinaus ist es natürlich wichtig, sich auf der Veranstaltung wohlzufühlen. In einem vierseitigen Beitrag legt dann Ernst Klee dar, wie bereits in der Weimarer Republik nicht wenige Verantwortungsträger in Behinderteneinrichtungen ihre Schützlinge ganz im Sinne der Nationalsozialisten als minderwerig ("Untermenschen", "Minusvariante" usw.) abqualifizierten und damit verrieten, wie sie sich nach der "Machtergreifung" in den Dienst der als "Euthanasie" umschriebenen Tötungsprogramme stellten und nach 1945 in Amt und Würden blieben und für ihre Verbrechen nicht belangt wurden. Auch zeigt er auf, wie die Publikationen der "gleichgeschalteten" Behindertenorganisationen je nach Art und Ursachen der Behinderung Ranglisten der Wertigkeit behinderter Menschen behaupteten, ihre Mitglieder selbst als schädlich für die Qualität des Volksbestandes diffamierten und von ihnen gar das "Opfer" der Sterilisierung verlangten.
Es folgen ein Beitrag von Dinah Radtke aus Erlangen ("Wir sind mutig, stark und schön") und Berichte aus den Arbeitsgruppen - zur "Sexualität und behinderten Liebe in Heimen und anderen Institutionen", zum "... besonderen Merkmal: Frau", zu "Ganz Frau sein nur mit Frauen" und "Ganz Mann sein nur mit Männern", ein Rückblick zum Ablauf der Tagung und den mitgenommenen Eindrücken, ein Beitrag zum Umgang mit der Thematik in Skandinavien, Literaturhinweise und die Reproduktion von Zeitungsartikeln. Auf die der Lokalpresse, aus denen oben bereits zitiert wurde, folgt dabei einer, in dem unter der Überschrift "Zärtlichkeit auf Bestellung" über eine Wiesbadener Agentur berichtet wird, die Liebesdienste für Behinderte vermittelt. |
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Oben: Beim Symposium 1995 (aus der Broschüre) |
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© 2010 HuK Hannover e.V. 22.03.2010 - letzte Änderung am 03.04.2010