Wissenswertes



Hannover wird Hauptstadt aller Protestanten

Die 23 Landeskirchen konzentrieren künftig ihre Kräfte -
Historischer Vertrag am Mittwoch [31.08.2005] unterzeichnet

VON MICHAEL B. BERGER
(Hannoversche Allgemeine Zeitung, 01.09.2005)

Zwar führen den Katholiken alle Wege nach Rom, aber im deutschen Protestantismus mit seinen 23 Landeskirchen ist die Lage höchst unübersichtlich. Doch nach langem Hin und Her haben am Mittwochabend mehrere Bischöfe ein Dokument unterzeichnet, das für die Kirchen als historisch gilt. Der Protestantismus konzentriert seine Kräfte — in Hannover, wo seit langem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihren Sitz hat.

Bislang war die protestantische Kirchenlandschaft in Lutheraner, Reformierte und unierte Kirchen zerfallen, die einst die Preußen-Könige gegründet hatten, um wenigstens Reformierte und Lutheraner zu vereinigen. Außenstehenden erschloss sich die kirchliche Organisation nur mühsam. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die EKD gegründet. Doch sie stellte nur eine Art Dachverband für die verschiedenen Glaubensrichtungen dar. Zwar gehörten und gehören auch Reformierte und Unierte zur EKD, behielten aber noch eigenständige Kirchenämter.

Mit dem am Mittwoch besiegelten Zusammenschluss, den zuletzt vor allem der Präsident des hannoverschen Landeskirchenamtes, Eckhart von Vietinghoff, vorangetrieben hatte, soll sich das ändern. Es wird nur noch eine Zentrale geben. Die Protestanten haben ihre Hauptstadtfrage geklärt: Alle Wege führen künftig nach Hannover — ins Haus der EKD in Herrenhausen. Allerdings behalten die in der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zusammengeschlossenen Protestanten noch ihre Generalsynode. Die Kirchenführer dieses Zusammenschlusses von acht Landeskirchen — unter ihnen Bayern und Hannover — hatten sich am meisten gegen die Reform gesträubt. Dies machte gestern auch der Leitende Bischof der VELKD, Hans Christian Knuth, deutlich, der bei der Vertragsunterzeichnung von einem "schmerzlichen Prozess" sprach.

Lange hatten die Lutheraner die angestrebte Zusammenarbeit als feindliche Übernahme gesehen. Dass der Reformvorstoß aber aus Hannover und damit aus den eigenen Reihen kam, machte den Widerstand nicht leichter. EKD-Ratsvorsitzender Wolfgang Huber - im Hauptamt Bischof in Berlin — spielte in seiner Rede gestern auf die schwierigen Verhandlungen zum Aufbau der EKD vor sechzig Jahren an. Bereits damals wurde davor gewarnt, das "Christenvolk" durch interne Reibereien zu verwirren. Die jetzt gefundene Lösung sei keine ideale, aber eine gute, meinte Huber. Der badische Landesbischof Ulrich Fischer, der für die unierte Kirche den Zusammenschluss besiegelte, meinte, Kirchenstrukturen müssten immer wieder überprüft werden.

Nun müssen noch alle Landeskirchen der Reform zustimmen, die am 1. Januar 2007 in Kraft treten soll — ein "Baustein" zur Bündelung der Kräfte, meint EKD-Cheftheologe Hermann Barth.



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letzte Änderung am 23.09.2005