Wissenswertes



Zur Evolution der Sexualität

Von Bernd König

Sexualität ist gewissermaßen eine "Erfindung" der Bakterien und dient ihnen zum Austausch genetischer Information - zum Beispiel der Information, wie ein Antibiotikum unwirksam gemacht werden kann. Dazu bildet das eine Bakterium beispielsweise einen kleinen Schlauch zur und durch die Wand eines anderen - den sogenannten Sex-Pilus - und schiebt darin die Information in Form von Nukleinsäure in die andere Bakterienzelle hinüber. Mit der Fortpflanzung hat das dabei gar nichts zu tun - die erfolgt ja bei den Bakterien durch einfache Zellteilung, Knospung etc.. Als Einzeller haben sie dabei den Vorteil der potentiellen Unsterblichkeit, insofern das "Elternbakterium" in seinen beiden "Teilungsnachkommen" unmittelbar weiterleben kann. Nun übersteigt die Individuenzahl der derzeit lebenden Bakterien diejenige aller höheren, d.h. insbesondere der mehrzelligen Organismen um gewaltige Größenordnungen. Daher könnte man - selbst wenn die allermeisten von ihnen gerade "keinen Sex haben" sollten - zwar etwas überspitzt, aber doch mit Fug und Recht behaupten, dass mehr als 99,9 % aller sexuellen Akte, die in diesem Moment auf diesem Planeten stattfinden, absolut nichts mit Fortpflanzung zu tun haben. (Darunter wären dann homosexuelle Akte bei Mensch und Tier wie auch heterosexuelle beim Menschen unter Anwendung von "Verhütungsmitteln" eine rein zahlenmäßig zu vernachlässigende Größe.)

Doch kommen wir nun zu den höher organisierten Lebensformen: Mit der Mehrzelligkeit kam der individuelle Tod als unausweichlicher Regelfall in die Welt. Zuvor versucht der mehrzellige Organismus, Nachkommen zu erzeugen, so dass wenigstens sein Erbgut überlebt. Dabei kann die Mischung mit dem Erbgut eines Partners derselben Art die Chancen der Nachkommen in einer sich wandelnden Umwelt in der Regel verbessern: Die Entstehung von Zweigeschlechtlichkeit unter Verknüpfung von Sexualität und Fortpflanzung wurde zu einem "Motor der Evolution" - ihr Tempo beschleunigte sich ganz erheblich, ebenso die Formenvielfalt und die Komplexität des Lebens auf der Erde. (Dabei sollte bei einigen Organismengruppen wie z.B. bei den Pilzen besser von zwei Paarungs- oder Kreuzungstypen statt von zwei Geschlechtern gesprochen werden, da die Unterschiede nicht so weit gehen, dass man hier die Begriffe "männlich" und "weiblich" sinnvoll verwenden könnte - man spricht dann stattdessen von "+"- und "-"-Paarungstypen. Allerdings gibt es hier dann auch nicht nur die uns so vertraute Bipolarität, sondern am Beispiel einiger höherer Ständerpilze auch eine Vierpoligkeit der Paarungstypen. Vereinzelt hat das Leben also auch mit drei und mehr Kreuzungstypen oder Geschlechtern experimentiert. Durchgesetzt hat sich Mehrgeschlechtlichkeit im Dienste der Fortpflanzung aus naheliegenden Gründen jedoch nicht: Wenn z.B. drei, vier oder gar fünf Individuen zusammenkommen und sich einig sein müssten, dazu noch genau je eines aus jedem dieser 3-5 "Geschlechter", um sich erfolgreich zu paaren, so ist das schlicht und ergreifend unpraktisch.)

Weiterer evolutiver Fortschritt führte dazu, dass höhere (tierische) Organismen so etwas wie Gefühle entwickelten. Sexualität bekam die Funktion eines "Sozialkitts" und wurde dabei zugleich zu einem Bedürfnis des Individuums, ohne dessen Erfüllung die Gesundheit Schaden nehmen kann. Die Verknüpfung von Fortpflanzung und Sexualität löste sich dadurch jedoch immer mehr auf: nicht erst unser nächster Verwandter im Tierreich, der Bonobo oder Zwergschimpanse, übt beispielsweise seine Sexualität nur in den seltensten Ausnahmefällen zum Zwecke der Fortpflanzung aus, sondern zur Knüpfung und Festigung seiner sozialen Bindungen - und zum Zwecke seiner individuellen Bedürfnisbefriedigung, natürlich.

Ein immer wiederkehrender Grundzug der Evolution ist die Umnutzung einmal entwickelter Strukturen und Mechanismen für immer neue und andere Aufgaben. So wurden aus Elementen der Elektronentransportkette der Photosynthese Bausteine der (deutlich jüngeren) Sauerstoff-Atmung oder aus Kiefergelenkknochen früher Wirbeltiere unsere heutigen Hörknöchelchen im Innenohr. In ähnlicher Weise hat auch die Sexualität im Laufe der Evolution einen Funktionswandel vollzogen. Ihre Gleichsetzung mit Fortpflanzung in vielen eher niveaulosen Polemiken gegen Homosexuelle und Homosexualität ist auf rein sachlicher Ebene somit barer Unfug und offenbart im Grunde einen erschreckenden Mangel an naturwissenschaftlicher Bildung.

(Der Internetredakteur der HuK Hannover hatte schon vor Jahren einmal eine Glosse zur Evolution des Lebens aus homosexueller Sicht geschrieben - einen fachlich fundierten, jedoch leicht satirisch angehauchten, unterhaltend gemeinten Text, mit einem Augenzwinkern zu lesen. Damals im hannoverschen Magazin "Mimikry" veröffentlicht, ist er soeben über seine private Homepage [als HTML-Webseite] (*) wieder zugänglich gemacht worden. Diesen Text stellen wir hiermit über diesen Link wie auch hier an dieser Stelle als pdf-Datei (**) den Besuchern der Seite der HuK Hannover zur Verfügung. Insbesondere die heterosexuellen unter ihnen mögen sich bitte dabei durch den Titel nicht abschrecken lassen: "Das Problem der Heterosexualität im Blick auf die biologische Evolution". Die dortigen Äußerungen zum Thema "Homo-Gen" sind dabei nicht ganz ernst gemeint; schon gar nicht gibt dieser Beitrag etwa eine offizielle Meinung der HuK Hannover wieder.)

(*) Disclaimer: Diese Homepage ist in ihren Inhalten nicht mit der HuK Hannover abgestimmt
und wird daher auch nicht von der HuK Hannover mit verantwortet.

(**) Den Acrobat Reader dazu können Sie über diesen Link kostenlos herunterladen!



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© 2004 HuK Hannover e.V. & Dr. Bernd König - letzte Änderung am 07.09.2004