Vor 1712 kannte man den Begriff der Onanie überhaupt noch nicht. Dann aber erschien in London ein anonymer Traktat mit dem Titel (in der deutschen Übersetzung) "Onania; oder Die abscheuliche Sünde der Selbstbefleckung". Der Verfasser behauptete darin, Masturbanten rubbelten sich um Gesundheit, Verstand und zu guter Letzt gar das Leben. Kein Mensch zuvor war auf die Idee gekommen, dass Masturbieren krank machen könne - auch nicht die Kirche, der man dies ihres problematischen Verhältnisses zur Sexualität wegen zu unterstellen geneigt ist, wobei der biblische Bezug durch den Begriff "Onanie" auch mit eine Rolle spielen mag. Dabei ist übrigens diese Begriffswahl jenes anonymen Verfassers eigentlich ein Fehlgriff, "vergeudet" Onan seinen Samen doch laut Bibel nicht etwa durch Selbstbefriedigung, sondern durch Coitus interruptus.
Bis vor kurzem, fast 300 Jahre lang, blieb der Autor des Traktats unbekannt. Ein Historiker an der Universität von Kalifornien in Berkeley, Thomas Laqueur, enttarnte ihn nun als einen "Quacksalber namens John Marten, der seine Einkünfte mit selbst verfassten Schriften etwa über Geschlechtskrankheiten aufbesserte - nicht ohne dabei weidlich auszumalen, wie man sich diese zuziehen kann." (so M. Dworschak in seinem Artikel). In seinem Buch "Solitary Sex" (**) [deutsch: "Die einsame Lust" (***) ] bietet Laqueur gewissermaßen eine Kulturgeschichte der Selbstbefriedigung. Darin zeichnet er den Erfolg von Martens Idee nach, zu dem auch ein 400 Seiten starkes Werk des seinerzeit berühmten Arztes Samuel Tissot aus Lausanne aus dem Jahre 1760 beitrug, das voll in Martens Kerbe schlug, immer neue schreckliche Folgen der Onanie ausmalte - so z.B. eine Austrocknung des Gehirns, bis dieses im Schädel klappern würde, - und dem Ganzen nun auch noch den Anstrich der Wissenschaftlichkeit verlieh.
Dass diese Märchen so schnell und bereitwillig allgemein geglaubt wurden, ist schon erstaunlich. Laut Dworschak sieht Laqueur hier einen Zusammenhang mit dem Aufkommen des Kapitalismus - mit "Spekulationsblasen" wie etwa dem Amsterdamer Tulpenwahn. "Hier das kaum begreifliche Kreditwesen und die unerhörten, ja schwindelhaften Exzesse der Gewinnsucht - dort der Lüstling, der sich einsame Orgasmen stiehlt. Den Zeitgenossen muss wohl geschwant haben, sagt Laqueur, wie nah der Spekulant dem Masturbanten ist: beide maßlos in ihrer fiktionsgetriebenen Gier, beide dem Gemeinwesen und der Kontrolle so gut wie entronnen."
Auch ließ sich nun so manches verkaufen, was noch über die Pülverchen und Tinkturen "gegen Onaniersucht" von Marten und seinen Kurpfuscher-Kollegen hinausging: "Penisbehälter (...), rubbelsichere Schlaffäustlinge und für Mädchen Schenkelgeschirre, die das Spreizen der Beine unterbanden." - Diese und noch andere interessante Aspekte bis hin zur heutigen Haltung dem Thema gegenüber beleuchtet Dworschak in seinem Artikel. - (Als Beispiel für die zur Onanie einstmals aufgetischten Horrorvisionen - und "Abhilfen" - sei hier noch ein Text aus einem Ärztebuch vom Ende des 19. Jahrhunderts vorgestellt.)
(*) Der Artikel von Manfred Dworschak kann gegen 0,50 € von der SPIEGEL ONLINE-Seite im Internet bezogen werden über folgenden Link:
www.spiegel.de/spiegel/0,1518,294949,00.html.
Disclaimer: Die HuK Hannover e.V. stellt diesen Link lediglich zur weiteren Information zur Verfügung, distanziert sich aber vorsorglich von allen sonstigen Inhalten auf SPIEGEL-Seiten, auf die sie ja auch keinerlei Einfluss hat.
| (**) | ![]() |
Thomas W. Laqueur: Solitary Sex - A cultural history of masturbation. |
(***)
|
![]() |
Die sogenannte Onanie oder Selbstbefriedigung ist beileibe kein "Vorrecht" des Menschen. Es gibt dazu vielfache Beobachtungen aus der Tierwelt. Vielen Besuchern unserer Seite dürfte auch das geradezu volkstümliche, zeichnerisch illustrierte Gedicht "Der Kragenbär" aus den "Animalerotika" von Robert Gernhardt bekannt sein. Wolfgang Hars schrieb 2006 im Internet (t-online, 20.02.06) zu diesem Thema die beiden folgenden Absätze:
>> Mark Twain hat behauptet "der Affe ist das einzige Tier, ausgenommen der Mensch, das diese Wissenschaft praktiziert". Damit lag der Schriftsteller leider daneben. Jeder Hundebesitzer hätte ihn eines Besseren belehren können. Onanie ist auch im Tierreich weit verbreitet. Verhaltensforscher gehen inzwischen davon aus, dass der Sex an und für sich im ganzen Tierreich verbreitet ist, von Walen bis zu Wellensittichen.
Eine besondere Technik hat der mächtige Elefant entwickelt: Er benutzt seinen Rüssel dazu. Grzimek hat in seiner Enzyklopädie von Steinböcken berichtet, die sich den eigenen Penis in den Mund stecken. Ein Nashornbulle wurde dabei beobachtet, wie er sich sein Glied klatschend gegen den eigenen Bauch schlug, bis es ihm kam. Selbst Sexspielzeuge, wie sie sonst nur in einschlägigen Fachgeschäften angeboten werden, sind keine Erfindung des Menschen. Schimpansen-Weibchen wurden dabei beobachtet, wie sie sich aus einem größeren Holzstück Masturbationshilfen zurechtbissen, und damit mehrfach am Tag onanierten. <<
[ Zum Seitenanfang ] [ zurück zur Übersicht ]
[ zurück zur Seite "Die Vielfalt menschlicher Sexualität" ]
[
Diese Seite ausdrucken ]
[ Für "Seiteneinsteiger": Neustart unserer Seite mit Menü & Sitemap ]
© 2005 HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 28.05.2008