Carola aus der Barkarole (Hannover) - ein Zeitschriftenartikel (mit Portraitfoto):

"HANNOVER-PORTRAIT:  CAROLA AUS DER BARKAROLE.

Paris - Linden.

In den 50er und 60er Jahren wurde er als Damenimitator gefeiert. 
Als "Gloria Goldin" gab er umjubelte Gastspiele in
Paris. Heute betreibt Carola eine kleine Kneipe in Linden.
Von Wehmut ist bei dem 67jährigen jedoch nichts zu spüren.
Und für seine Freunde ist er eine lebende Legende.

Knarrend öffnet sich das kleine Kläppchen. Einen Spalt nur. Doch es reicht, um zwei freundliche Augen zu erblicken. Jetzt öffnet sich auch die Tür. Es ist kurz nach 20 Uhr, Konkordiastraße, Linden. Im Eingang steht Carola, was natürlich nicht sein richtiger Name ist. Aber das ist Nebensache. Ein schwarzer Rollkragenpullover spannt sich über den fülligen Oberkörper, die Zeit ist auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Das runde Gesicht ist überraschend glatt, beinahe jugendlich. Die weißen Haare sind gepflegt zurückgekämmt. Carola geht wieder hinter den Tresen, zapft ein paar Biere. Die Kneipe ist klein, plüschig und sehr gemütlich. An den Wänden hängen unzählige Bilder von schönen Frauen, die keine sind. Die meisten zeigen Carola - vor vielen Jahren. "Ich habe doch gar nichts zu erzählen", sagt Carola bescheiden. Doch das stimmt nicht. Denn erlebt hat er viel. Der gelernte Auto-Elektriker begann seine künstlerische Laufbahn 1947 am Thalia-Operettentheater, gegenüber der Hanomag. Hannover lag in Schutt und Asche, die Zeiten waren alles andere als leicht. Carola war das egal. Er wollte singen, tanzen und schauspielern. Er wurde Chorsänger, später Ballett-Eleve. Die Unterrichtsstunden waren teuer. Carola musste improvisieren: "Der Schwarzmarkt blühte, und ich konnte viel verkaufen", erinnert er sich amüsiert. Von dem gesparten Geld leistete sich Carola eine Tanzausbildung an der hannoverschen Oper und bei Sabine Ress in Berlin. Dass er homosexuell war, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. "Ich habe mich immer sehr gerne als Frau verkleidet. Aber von Schwulsein hatte ich noch keine Ahnung." Zwei Jahre später, 1949, bestand er die Eignungsprüfung beim Staatstheater Hannover. Und dann wurde sich Carola auch seiner Sexualität bewusst. "Alle anderen haben das sicher viel früher gemerkt, aber ich war wohl ein Spätzünder." Viel geändert hat sich dadurch bei ihm nicht. Der Vater. ein strenger. aber gerechter Polizist, schwieg über die Situation hinweg, und Carola feierte Erfolge in der lokalen Kabarettszene. Die wurde ihm jedoch bald zu eng. Er wollte aus Hannover weg, in Paris Karriere machen. Im Varieté "Madame Arthur" traf sich Carola mit Kollegen aus ganz Europa und stellte eine Show der Extraklasse auf die rasierten Beine. Es war die Zeit der großen Revues. Damenimitatoren waren gefragt. "Paris war sehr schön", erinnert sich Carola und greift zur Zigarette. "Wir wurden gefeiert, waren Stars." Ärger mit den Franzosen gab es trotz des vorangegangenen Krieges nicht. "Die waren alle sehr nett zu mir. Wir waren eine große Familie." Plötzlich zaubert Carola ein Fotoalbum hervor. Durch Klarsichthüllen geschützt, zeugen zahlreiche Schwarzweiß-Bilder von Carolas Vergangenheit. Es fällt schwer, zu glauben, dass diese hübsche Frau in Wirklichkeit ein Mann ist. Nach der Zeit in Paris trat er in der gesamten Bundesrepublik auf. Er wurde umjubelt, arbeitete mit berühmten Kollegen wie Mimi Doré, Lya Dams oder La Conchita.

"Irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr, mir die Haare auf der Brust zu rasieren." Der gealterte Bühnenstar zog sich in das Haus seiner Eltern zurück und übernahm 1972 die "Barkarole". Die kleine Kneipe etablierte sich in der Konkordiastraße als Treff für die Lindener Schwulenszene. Inzwischen ist es 22 Uhr und die Bar gut besucht. Carola steht hinter der Theke, scherzt mit den Gästen und spendiert eine Runde Schnaps. An der Decke funkeln Kronleuchter, die Stimmung ist fröhlich. Das Fotoalbum ist inzwischen wieder im Schrank verschwunden. Die Bilder sind einfach zu wertvoll. Genau wie die Erinnerungen.

Lars Pennigsdorf"

(Quelle: Stadtmagazin "Schädelspalter" 6/98, Seite 20)

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© 2004 HuK Hannover e.V. & Bernd König - letzte Änderung am 29.03.2004