Insgesamt konnten die Daten von 53 schwulen und 63 lesbischen Paaren ausgewertet werden. Der Anteil der Paare, die die Fragebogen ausgefüllt zurückgesandt haben, beträgt für die schwule Teilstichprobe 48%, für die lesbische Teilstichprobe 79%. Es ist deshalb damit zu rechnen, dass eher zufriedene Paare an der Studie teilgenommen haben.
Die schwulen Probanden sind im Mittel 35.4, die lesbischen Probandinnen 33 Jahre alt. Die Partnerschaftsdauer der schwulen Paare liegt im Mittel bei 6.6, die der lesbischen Paare bei 3.3 Jahren. Die Gruppen unterscheiden sich statistisch bedeutsam in Hinblick auf die Partnerschaftsdauer. Es wird deutlich, dass die Teilnehmer im Schnitt über einen hohen Bildungsstand verfügen (in beiden Gruppen haben mehr als 50% Hochschulreife). Die Gruppen unterscheiden sich bezüglich des Bildungsstandes nicht voneinander. In beiden Gruppen geben rund 47% der ProbandInnen an, konfessionslos zu sein. Rund 60% der ProbandInnen beider Gruppen leben in gemeinsamer Wohnung. Von den ProbandInnen, die in gemeinsamer Wohnung leben, leben die schwulen im Mittel 7.9 Jahre, die lesbischen im Mittel 2.4 Jahre zusammen. Die Gruppen unterscheiden sich diesbezüglich bedeutsam voneinander. Die Anzahl früherer homosexueller Partnerschaften beträgt sowohl für die schwulen als auch für die lesbischen Paare im Mittel 1.8.
Der eingesetzte Partnerschaftsfragebogen (PFB) erfasst die Zufriedenheit mit der Partnerschaft auf den Ebenen Zärtlichkeit (z.B. Körperkontakt), Gemeinsamkeit / Kommunikation (z.B. Ausmaß der gemeinsam verbrachten Zeit, gemeinsame Gespräche) und Streitverhalten (Ausmaß negativen Streitverhaltens wie z.B. dem anderen Vorwürfe machen oder ihn beschimpfen). Außerdem kann ein Gesamtwert errechnet werden, der ein globales Maß für die Partnerschaftszufriedenheit darstellt. Es ergibt sich zwischen den schwulen und den lesbischen ProbandInnen ein statistisch bedeutsamer Unterschied auf der Skala "Gemeinsamkeit/Kommunikation". Die lesbischen Probandinnen geben an, im Mittel mehr gemeinsame Aktivitäten mit ihrer Partnerin zu unternehmen und mehr Zeit auf gemeinsame Gespräche zu verwenden als die schwulen Probanden. Die Gruppen unterscheiden sich nicht in Bezug auf die übrigen Skalen sowie in Bezug auf den Gesamtwert voneinander. Der Vergleich mit heterosexuellen Probanden macht deutlich, dass sowohl die schwulen Probanden als auch die lesbischen Probandinnen mit ihrer Partnerschaft deutlich glücklicher sind als heterosexuelle Männer und Frauen, die angeben, in einer glücklichen Partnerschaft zu leben. Gleichzeitig zeigen die homosexuellen ProbandInnen jedoch ein vergleichbar hohes Ausmaß an negativem (= ungünstigem) Streitverhalten wie die unglücklicheren heterosexuellen Paare. Dieser Befund deutet darauf hin, dass in homosexuellen Partnerschaften ungünstiges Kommunikationsverhalten nicht in demselben Ausmaß mit niedriger Partnerschaftszufriedenheit zusammenhängt wie in heterosexuellen Partnerschaften. Problematisch erscheint hierbei jedoch die Tatsache, dass die Stichprobe der vorliegenden Studie generell nur aus ProbandInnen in glücklichen bzw. sehr glücklichen Partnerschaften besteht. Es ist deshalb fraglich, inwieweit die Ergebnisse überhaupt auf Paare mit niedrigerer Partnerschaftszufriedenheit übertragbar sind.
Die in der Studie eingesetzte Problemliste (PL) erfasst, in welchen Bereichen des täglichen Zusammenlebens relevante Probleme (bzw. keine Probleme) bestehen. Die folgende Tabelle gibt an, wieviel Prozent der schwulen Probanden in den genannten Partnerschaftsbereichen ungelöste Probleme angeben (es sind die 10 häufigsten Problembereiche genannt):
| Bereich | Anteil der schwulen Pb. mit ungelösten Problemen |
| Sexualität | 19% |
| Persönliche Gewohnheiten des Partners | 16% |
| Eifersucht | 13% |
| Haushaltsführung / Wohnung | 12% |
| Berufstätigkeit | 10% |
| Umgang mit Alkohol/Medikamenten/Drogen | 10% |
| Temperament des Partners | 9% |
| Vorstellungen über Werte und Normen | 9% |
| Außerpartnerschaftliche sex. Beziehungen | 9% |
| Freunde und Bekannte | 9% |
Die folgende Tabelle gibt den gleichen Sachverhalt für die lesbischen Probandinnen wieder:
| Bereich | Anteil der lesbischen Pb. mit ungelösten Problemen |
| Sexualität | 26% |
| Berufstätigkeit | 14% |
| Zuwendung der Partnerin | 12% |
| Haushaltsführung / Wohnung | 10% |
| Freunde und Bekannte | 10% |
| Gewährung persönlicher Freiheiten | 10% |
| Forderungen der Partnerin | 10% |
| Eifersucht | 9% |
| Temperament der Partnerin | 8% |
| Vorstellungen über Werte und Normen | 8% |
Mit dem Fragebogen zur Erfassung partnerschaftlicher Kommunikationsmuster (FPK) wurde erfasst, in welchem Ausmaß positive (=konstruktive) Kommunikation und in welchem Ausmaß Forderungs-Rückzugsverhalten bzw. gegenseitige Vermeidung und Starrheit (z.B. fehlende Kompromissbereitschaft, sich stur verhalten) in den schwulen und lesbischen Partnerschaften besteht. Das Forderungs-Rückzugsverhalten bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Partner/eine Partnerin Forderungen stellt und Veränderungen möchte, der/die andere aber nicht darauf eingeht, sondern dem Streitgespräch ausweicht (z.B.: "ach, lass mich doch in Ruhe"). Die Folge davon ist, dass wichtige Meinungsverschiedenheiten und Probleme in der Partnerschaft nicht mehr angesprochen werden und somit auch keine gemeinsamen Problemlösungen gefunden werden. Probleme häufen sich an und die Wahrscheinlichkeit, dass die Partnerschaftszufriedenheit sinkt, ist erhöht. In unserer Studie zeigen die schwulen Probanden deutlich mehr Forderungs-Rückzugsverhalten als die lesbischen Probandinnen. Die schwulen und die lesbischen ProbandInnen zeigen mehr konstruktive Kommunikation und weniger Vermeidung und Starrheit als eine Stichprobe heterosexueller Paare, die allerdings im Mittel auch eine deutlich niedrigere Partnerschaftszufriedenheit aufweisen als die homosexuellen Paare unserer Untersuchung. Bemerkenswert ist, dass die homosexuellen Paare genauso viel Forderungs-Rückzugsmuster aufweisen wie die (unglücklicheren) heterosexuellen Paare.
Die Allgemeine Depressionsskala (ADS) misst die Intensität depressiver Symptome. Demnach können 5 schwule Probanden (5%) und 15 lesbische Probandinnen (12%) als depressiv auffällig eingestuft werden. Die Anteile der depressiv auffälligen ProbandInnen sind in der vorliegenden Untersuchung ungefähr halb so hoch wie die einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe. Dies hängt mit hoher Wahrscheinlichkeit mit der Selektivität unserer Stichprobe zusammen (nur glückliche Paare, eher höhere Bildungsschicht etc.).
Die in der Studie verwendeten Fragebogen wurden ursprünglich für die Verwendung bei heterosexuellen Paaren entwickelt. Mit Hilfe mathematischer Formeln kann errechnet werden, wie gut sie sich für die Diagnostik bei homosexuellen Paaren eignen. Die errechneten Werte liegen für den Partnerschaftsfragebogen und die Problemliste in einem für die Praxis befriedigenden Bereich. Die Fragebogen können demnach in Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen effektiv eingesetzt werden, um z.B. den Verlauf der Partnerschaftszufriedenheit, relevante Probleme innerhalb einer Partnerschaft oder auch Effekte durch psychologische Beratung zu messen. Die Tatsache, dass die Fragebogen auch bei homosexuellen Paaren einsetzbar sind, ist ein zusätzlicher Hinweis auf die Ähnlichkeit homo- und heterosexueller Partnerschaften. Der Fragebogen zur Erfassung partnerschaftlicher Kommunikationsmuster kann ebenso für die Diagnostik bei homosexuellen Paaren eingesetzt werden, allerdings müssten Teile des Fragebogens für die Verwendung bei schwulen Paaren verlängert werden, um die Messgenauigkeit zu erhöhen.
Alle Ergebnisse müssen vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass unsere Studie (wie jede psychologische Untersuchung) mit methodischen Mängeln behaftet ist. Ein wichtiger Punkt ist beispielsweise die Tatsache, dass die Stichprobe der Paare nicht als repräsentativ gelten kann. Es sind dringend weitere Untersuchungen erforderlich, die unsere Ergebnisse bestätigen oder widerlegen. Ebenso wäre es sinnvoll, gezielt Studien mit homosexuellen Paaren durchzuführen, die weniger zufrieden mit ihrer Partnerschaft sind, um wertvolle Hinweise auf Möglichkeiten der Intervention zu erhalten. Im Institut Braunschweig der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie planen wir, demnächst ein Kommunikations- und Problemlösetraining in Anlehnung an das PLP (= Paare lernen Partnerschaft) - Training für schwule und lesbische Paare anzubieten. Das Training wurde von Prof. Dr. Kurt Hahlweg in Braunschweig entwickelt und hat sich in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen bei heterosexuellen Paaren als effektiv zur Verbesserung der Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten sowie zur Prävention von massiven Partnerschaftsproblemen erwiesen. Informationen zu dem geplanten Training können unter der folgenden Adresse bzw. Telefonnummer angefordert werden und werden dann zu gegebener Zeit, voraussichtlich in einigen Monaten, auf dem Postweg zugeschickt.
Telefon: 0 531 / 391 - 2865 (Geschäftszimmer der CDS)
Email: SafetSeferovic@web.de
Die Homepage der Christoph-Dornier-Stiftung finden Sie unter:
www.christoph-dornier-stiftung.de (*)
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© 2001 HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 30.08.2004