Wissenswertes



BIBEL UND HOMOSEXUALITÄT

"Jeder hat seine eigene Gabe von Gott -
der eine so, der andere so" (Paulus)

Von Rainer Stuhlmann *

"Die Bibel verbietet jede homosexuelle Praxis." Gebetsmühlenartig wird dieser Satz wiederholt, ohne dass er sich dadurch schon als richtig erwiese. ... Schwulen und Lesben wie ihren Gegnern ist zu empfehlen, die Bibel selber zu lesen. ... Nur so können wir die Texte sagen lassen, was sie sagen, und vielleicht staunen wir nicht nur über das, was sie zur Homosexualität sagen, sondern auch, was sie dazu nicht sagen.

1. Aussagen zur Homosexualität in der Bibel

Weibliche Homosexualität
Die Bibel sagt nichts über Homosexualität von Frauen. Ein einziger Satz im Neuen Testament hat über Jahrhunderte dazu gedient, in ihn ein Verbot lesbischer Liebe hineinzulesen: "Ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen" (Röm. 1,26b). Da im folgenden Satz von - männlicher - Homosexualität die Rede ist, hat man in den Ausdruck "widernatürlicher Verkehr" schlicht Homosexualität hineingelesen. Aber im Unterschied zu der unbestimmten Aussage über die Frauen wird bei den Männern ausdrücklich gesagt: "Sie sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben." Wenn Paulus hier das Heiligkeitsgesetz zitiert, das männliche Homosexualität verbietet (3.Mose 18,22; 20,13), dann ist im gleichen Text auch zu finden, was mit dem “widernatürljchen Verkehr“ der Frauen gemeint ist : "Keine Frau soll mit einem Tier verkehren" (3.Mose 18,23; 20,16).

Auch andere antike jüdische Texte kritisieren an der Lebensart anderer Völker neben der männlichen Homosexualität nicht die weibliche, sondern den Geschlechtsverkehr mit Tieren. Andere antike Texte bezeichnen als den "widernatürlichen Verkehr" bei Frauen den heterosexuellen Analverkehr. Auch außerbibliche Texte aus dem Orient reden nur von männlicher Homosexualität, schweigen aber über die weibliche. Männer nehmen sie nicht wahr. Für sie gibt es ohne Phallus und Sperma keine Sexualität. Im antiken Griechenland, anders als im Orient, gibt es allerdings Zeugnisse über Sexualität zwischen Frauen. Vor allem wird das der um 600 v. Chr. auf der Insel Lesbos lebenden Sappho zugeschrieben. Daher rührt der Name "Lesbe, lesbisch". Aber alle Texte, die ja in der Antike sämtlich von Männern geschrieben wurden, sprechen verächtlich und abwertend darüber - im Gegensatz zur männlichen Homosexualität, die im antiken Griechenland hochgeschätzt wurde.

Sexualität ohne Phallus wird von den Männern als Kuriosum verspottet. Dass Paulus solche seltenen Zeugnisse gekannt hat und sie mit Römer 1, 26 aufnimmt, ist höchst unwahrscheinlich. Also: Homosexualität unter Frauen nimmt die Bibel überhaupt nicht wahr.

Männliche Homosexualität
Männliche Homosexualität wird an vier Stellen im Alten Testament und an drei Stellen im Neuen unmissverständlich negativ beurteilt. Das führt bei oberflächlicher Lektüre dazu, schon vorhandene Aversionen gegen Schwule und Schwulsein in der Bibel bestätigt zu finden. Aber oft wird mehr in die Texte hineingelesen als in ihnen steht. Es lohnt sich, das Vergrößerungsglas auf die Texte zu legen und dann zu fragen, wie die Aussagen aus einer fremden Welt und einer fernen Zeit in unsere Situation sachgemäß übertragen werden können.

a) Im Alten Testament
"Wenn jemand bei einem Männlichen liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben" heißt es in 3.Mose 20,13. Nur unverantwortliche Fundamentalisten werden darin eine direkte Handlungsanweisung für uns heute sehen können. Denn wenn zum Beispiel ein Junge Opfer eines homosexuellen Übergriffes wird, dann müsste er bei wörtlicher Befolgung dieses Gebotes getötet werden wie der Täter. Während die Bibel bei anderen Geboten nach Verantwortung und Schuld fragt, tut sie dies hier nicht. Täter und Opfer eines verbotenen Sexualkontaktes sollen auch nach anderen Vorschriften in diesem Kapitel ausgerottet werden, ohne dass nach ihrer Schuldfähigkeit gefragt wird: Mann und Tier, Frau und Tier, Mann und verschiedene Frauen, an denen er sich vergreift.

Das zeigt schon, dass beim Heiligkeitsgesetz ein besonderes Kapitel der Bibel aufgeschlagen ist, das uns so fremd ist, dass es nicht unmittelbar in unserer Situation spricht. Dieses fremde Denken begegnet uns heute in Nachrichten über Vergewaltigung von Frauen innerhalb der orientalischen Welt. Während nach unserem Rechtsgefühl den Opfern Schutz und Zuwendung zukommen sollte, gelten die Opfer innerhalb ihres eigenen Moral- und Rechtssystems als geschändet und werden unwiderruflich ausgeschlossen, selbst von ihren eigenen Ehemännern.

Dahinter stehen archaische und quasireligiöse Vorstellungen vom Sperma. Kontakt mit Sperma bedeutet Kontakt mit der Lebensmacht, mit der Macht des Heiligen. Der Kontakt mit ihm muss rituell geordnet und durch Tabus abgesteckt sein, um seinen Segen zu empfangen. Wer durch Tabuverletzung Kontakt mit Sperma hat, den trifft der Fluch. Solches Denken ist und bleibt uns fremd.

Wir legen die Gebote des Alten Testamentes in der Nachfolge Jesu aus. Weil Jesus davon ausgeht, dass die Gebote - zum Beispiel das Sabbatgebot oder Vorschriften über Ehescheidung - für die Menschen da sind und nicht umgekehrt, fragt er: Was will das Gebot? Was ist seine Begründung? Wie kann es in unserer Situation den Willen Gottes zum Zuge bringen? Was wir bei vielen anderen Geboten des Alten Testamentes längst selbstverständlich tun, das sollten wir auch beim Verbot von Homosexualität tun! Wir können drei Gründe für dieses Verbot erkennen:

1. Tabuverletzung: Wenn nicht nur ein Täter, sondern auch Opfer homosexueller Übergriffe ausgerottet werden sollen, dann sind nicht die Motive, nicht Liebe, Lust oder Leidenschaft für die Beurteilung maßgeblich, dann ist es vielmehr der homosexuelle Kontakt als eine "Tabuverletzung". Luther übersetzt das dafür gebrauchte hebräische Wort mit "Greuel" (3.Mose 18,22; 20,12). Der "Greuel", die Tabuverletzung durch männliche Homosexualität, besteht darin, dass es zu verbotenem Spermakontakt kommt. Auch andere Sexualvorschriften im Heiligkeitsgesetz haben zum Ziel, dass tabuisierter Spermakontakt vermieden wird. Beim Verkehr mit einer menstruierenden Frau zum Beispiel sollen beide ausgerottet werden (3.Mose 20,18; vergl. 18,19), weil Sperma und Blut nicht in Kontakt kommen dürfen.

Im heterosexuellen Bereich haben solche Vorschriften für uns längst keine religiöse Bedeutung mehr, sondern wenn überhaupt, dann eine hygienische. Natürlich kann nach ehelichem Geschlechtsverkehr - vielleicht unerwartet - die Menstruation einsetzen, also Sperma und Blut zusammenkommen, aber wer wollte das mit Berufung auf die Bibel als Übertretung eines Gebotes Gottes bezeichnen oder gar mit dem Tode ahnden? Schon aus Gründen der Logik sollte konsequent im homosexuellen Bereich das Heiligkeitsgesetz nicht anders ausgelegt werden als im heterosexuellen! Aber die Logik hat es schwer, wenn die männliche Homosexualität - vielleicht unbewusst - nach wie vor tabubesetzt ist.

2. Sexualität ohne Fruchtbarkeit: Ein weiterer Grund für das Verbot von männlicher Homosexualität liegt darin, dass der Ausstoß von Sperma nicht zur Zeugung und Empfängnis führt. "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde !" (1.Mose 1,28) wurde im Judentum lange Zeit als "Erstes Gebot" der Tora verstanden und zum Pflichtgebot gemacht für jeden geschlechtsreifen gesunden Mann. Sexuelle Askese konnte von daher ethisch wie Tötung bewertet werden. Auch Christen haben dieses Gebot lange Zeit so verstanden. "Seit sechzehn Jahren verheiratet und zwölf Kinder" waren der sichtbare Ausdruck dieses Verständnisses.

Im heterosexuellen Bereich deuten wir dieses Gebot längst als Aufforderung zur verantwortlichen Familienplanung. Abseits von Zeugung und Empfängnis verstehen Mann und Frau ihre sexuelle Praxis als erlaubt und gottgewollt, selbst wenn sie kinderlos bleiben. Auch hier sollte schon aus Gründen der Logik die Bibel im homosexuellen Bereich nicht anders ausgelegt werden als im heterosexuellen!

3. Ersatzhandlung - ein Bruch patriarchalischer Ordnung: Die Formulierung, mit der Homosexualität in der Tora beschrieben wird, sollte genaugenommen werden. "Bei einem Männlichen liegen wie bei einer Frau" (3.Mose 18,22; 20,13) beschreibt klassisch eine Ersatzhandlung. Parallel zu der Formulierung "bei einem Tier liegen" (3.Mose 18,23; 20,15) ist zu verstehen, dass eine männliche Person von einem Mann nicht als Mittel zu dessen Befriedigung benutzt werden darf. Ein Jude, der die Tora ganz wörtlich nimmt, erklärt: "Das trifft nicht die partnerschaftliche Liebe zwischen zwei Männern. Da liegt nicht der Freund bei seinem Freund wie bei seiner Frau, auch nicht wie bei ein anderer Mann bei seiner Frau. Die Liebe zwischen diesen Männern gestaltet ihre Sexualität anders. Sie ist keine Ersatzhandlung. Und nur die verbietet die Tora."

Solch ein sensibles Achten auf den Wortlaut der Bibel führt zu einer Erklärung, die durch die anderen beiden Texte des Alten Testamentes exakt bestätigt wird: 1. Mose 19,4-11; Richter 19,22-27. Damit legen wir die Bibel durch die Bibel selber aus.

Beide erzählenden Texte schildern homosexuelle Praxis als Ersatzhandlung; es sind verschiedene Geschichten mit einer gleichen Grundstruktur. Jeweils drohen Fremden, die neben Sklaven und Waisen - als dritte Gruppe von männlichen Rechtlosen - Opfer homosexueller Übergriffe werden konnten, eine homosexuelle Vergewaltigung. In beiden Fällen wendet der Gastgeber die drohende homosexuelle Vergewaltigung dadurch ab, dass er der geilen Horde heterosexueller Männer Frauen - Töchter oder Nebenfrau - zur Vergewaltigung anbietet. Wir erschauern bei der Lektüre dieser so viel Frauenverachtung ausdrückenden biblischen Geschichte. Ohne Zögern und Bedenken werden Frauen wie ein Stück Fleisch einer hungrigen Meute vorgeworfen. Und in Richter 19 wird dann schonungslos erzählt, wie sich die Männer die ganze Nacht über an der Frau vergehen, bis sie am nächsten Morgen tot auf der Schwelle des Hauses zurückgelassen wird. So wenig die vollzogene heterosexuelle Vergewaltigung ein biblisches Argument gegen die heterosexuelle Liebe zwischen Mann und Frau ist, so wenig ist die versuchte homosexuelle Vergewaltigung ein Argument gegen die Liebe zwischen zwei Männern.

Wenn die Bibel also Homosexualität beschreibt, dann so: Ein Akt sonst heterosexueller Männer, die einen recht- und schutzlosen Mann zu ihrer sexuellen Befriedigung als Ersatz benutzen. Auch wenn die Ersatzhandlung nicht immer - offen oder sublim - gewaltsam vorgenommen wird, so besteht doch ein klares Macht- und Herrschaftsgefälle zwischen dem aktiven und dem passiven Mann. Der eine wird sexuell erregt und befriedigt, der andere - in der Regel ein Sklave oder Fremder - wird zur Befriedigung des einen als Ersatz für eine Frau benutzt.

Dahinter steht eine Sicht von Sexualität, die uns fremd geworden ist. Sexualität ist von einer klaren Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen als Ausdruck eines Machtgefälles bestimmt. Die aktive Rolle spielen allein die Männer. Wenn Frauen die Initiative ergreifen (z.B. 1.Mose 39; Sprüche 7), ist das etwas Anrüchiges und die Ordnung Bedrohendes. Dass Frauen sexuell begehren und empfinden, wird gelegentlich berichtet; nicht aber dass sie Befriedigung erfahren. Männer können darum ihre Frauen als ihre "eigenen Gefäße" bezeichnen (wie z. B. Paulus in 1.Thess. 4,4).

Das ist Sexualität in patriarchalischer Ordnung. Der Mann ist sexuell aktiv, seine Frauen dienen ihm als "Gefäße". Der Mann ist Subjekt, die Frau Objekt der sexuellen Aktivität. Von solchen Voraussetzungen aus wird deutlich, dass männliche Homosexualität als Ersatzhandlung, auch wenn sie nicht gewaltsam vollzogen wird, einen Mann "entehrt". Das Macht- und Herrschaftsgefälle, das zwischen Mann und Frau der Ordnung entspricht, bringt Ordnung zwischen Männern in Unordnung.

Aus alledem wird deutlich: Die männliche Homosexualität verletzt die Gebote des Patriarchats, nicht die Gebote Gottes. Nur wer die Gebote des Patriarchats für die Gebote Gottes hält, wird behaupten, dass Gott grundsätzlich homosexuelles Verhalten verbiete. Aber der müsste sich dann auch an andere Regeln des Patriarchats halten: z.B. "Ihr Frauen seid euren Männern untertan! ... Die Frau schweige in der Gemeinde ..."

Und umgekehrt wird deutlich, dass die Ächtung von männlicher Homosexualität zusammenhängt mit der Herrschaft der Männer über die Frauen. Wer dieses Machtgefälle abbaut, wird auch der Ächtung männlicher Homosexualität wehren, und wer an dem Machtgefälle zwischen Männern und Frauen interessiert ist, wird auch die Ächtung männlicher Homosexualität zementieren!

b) Im Neuen Testament
Homosexualität in der hellenistischen Welt: Wie die Bibel, so kennt die gesamte Antike männliche Homosexualität, aber keine Schwulen. Das Bewusstsein für eine sexuelle Identität hat sich erst nach der Neuzeit entwickelt. Natürlich hat es früher auch schon 5 - 10 % Schwule gegeben. Aber sie blieben in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft verborgen - wie bis heute in den Macho-Gesellschaften Lateinamerikas oder des Orients (meist in Ehen).

Außerhalb des Judentums war homosexuelles Verhalten unter Männern gesellschaftlich anerkannt und gehörte darum als - mindestens gelegentliche - Variante sexueller Praxis zu den unbefangenen Erfahrungen der meisten Männer. Im Unterschied zur homosexuellen Liebe regelte aber dabei nicht Zuneigung, sondern Herrschaft die Sexualkontakte. Im klaren Machtgefälle benutzten die Starken die Schwachen zu ihrer sexuellen Befriedigung. Zugespitzt formuliert:

Unter den homosexuell praktizierenden Männern der Antike war nur eine Minderheit schwul, ohne dass sie es selbst oder andere so bezeichnen konnten.

Röm. 1,27: Paulus nimmt in seinen theologisch-grundsätzlichen Ausführungen in Röm. 1 Bezug auf das Verbot männlicher Homosexualität im Heiligkeitsgesetz.

Im Kontext beschreibt Paulus lauter Phänomene, mit denen sich in seiner Sicht die Menschen aus der Völkerwelt vom Judentum unterscheiden. Dabei beschreibt er die Praxis der Menschen aus der Völkerwelt als Folge dessen, dass sie nicht dem lebendigen Gott die Ehre erweisen, sondern Götzendienst treiben. Weil sie "das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben, statt dem Schöpfer" (Vers 25) gibt es bei ihnen u.a. Homosexualität bei Männern als Folge dieses Götzendienstes, als - so heißt es wörtlich - "Lohn ihrer Verirrung" (V. 27). Homosexuelle Praxis, die in der nichtjüdischen Umwelt von auch heterosexuell praktizierenden Männern ungeniert und unbefangen gepflegt wurde, ist in der Sicht des Paulus Folge ihres falschen Gottesdienstes.

Diese Logik ist für uns schwer nachzuvollziehen. Sie ist von der Grundanschauung geprägt, dass aus dem Fehlverhalten Gott gegenüber ein Fehlverhalten der Menschen untereinander zwangsweise folgt. Und dabei entspricht das eine dem anderen so genau, dass man das eine am anderen geradezu ablesen kann. Für die Homosexualität wird das bei Paulus an zwei Stichworten deutlich, nämlich an den Wörtern "vertauschen" und "entehren".

1. Die Verweigerung der Ehre Gott gegenüber führt dazu, dass Menschen einander die Ehre verweigern. Das "entehrende und ehrverweigernde Verhalten" übersetzt Luther mit "schändlich" (V. 26) oder "Schande treiben" (V. 27). Männliche Homosexualität ist für Paulus deshalb eine Folge dessen, dass Menschen Gott die Ehre verweigern, weil es für ihn ein Verhalten ist, das Männer entehrt, weil sie als "Gefäße" benutzt werden.

2. Neben der Verweigerung der Ehre tritt das "Vertauschen". Dass Menschen den Lebendigen Gott "austauschen, ersetzen" durch die Götzen, hat seine Auswirkung darin, dass Männer für den Geschlechtsverkehr Frauen durch Männer "austauschen, ersetzen". Auch mit diesem Stichwort wird deutlich, dass in seiner Sichtweise homosexuelle Handlungen Ersatzhandlungen sind, bei denen Männern die Frauenrolle zukommt.

Schließlich ist auch das Stichwort "natürlich" in diesem Zusammenhang ein Hinweis auf die patriarchale Sicht. "Natur" meint bei Paulus eine bestimmte Lebensordnung. Die andere Stelle, an der Paulus von "Natur" spricht (1.Kor. 11,14-15), zeigt, dass für ihn dazu auch die patriarchale Rollenzuteilung für Männer und Frauen gehört. Mit Hinweis auf die so verstandene "Natur" wehrt er auch hier der Vertauschung von Männer- und Frauenrolle, diesmal im Blick auf die Haartracht und die damit gegebene "Entehrung": Männer sollen keine langen, Frauen keine kurzen Haare tragen.

Außerhalb patriarchaler Ordnung verliert die Argumentation des Paulus schlicht ihre Stringenz. Mit Recht sagt ein schwuler Mann heute: "Solche Sätze treffen mich nicht. Wie die Heteros teile ich nicht diese Sicht von Sexualität. Ich verkehre nicht mit einem Mann als Ersatz für (m)eine Frau und schände weder ihn noch mich".

1.Kor. 6,9 und 1.Tim. 1,10: Schließlich werden in zwei Lasterkatalogen "Lustknaben und Knabenschänder" erwähnt. Schon die Lutherübersetzung macht unmissverständlich klar, dass hier eine bestimmte Form homosexueller Praxis im Blick ist, die ganz zu Recht verurteilt wird - um so mehr, wenn die Knaben die Lust gegen Bezahlung liefern müssen. In 1.Tim. 1,10 steht nur das Wort "Knabenschänder", aber hier in Parallele zu "Unzüchtigen", was Männer meint, die zur Hure gehen. Es liegt nahe, dann das Wort "Knabenschänder" im Blick auf die im Hellenismus weitverbreitete männliche Prostitution zu verstehen.

Freilich, die griechischen Wörter müssen nicht notwendig als Verkehr mit Prostituierten und Minderjährigen verstanden werden. Wortwörtlich heißt das eine Wort: "einer, der mit Männlichen Geschlechtsverkehr hat" und das andere: "ein Weicher, weibischer". Damit aber begegnet uns auch hier bis in die Terminologie hinein die gleiche Sicht von männlicher Homosexualität wie an allen anderen Bibelstellen auch: Ein Mann entehrt einen anderen und sich selbst, indem er ihm die Frauenrolle zumutet. Darum stehen in dieser Form homosexuell praktizierende Männer unter der Überschrift "die Ungerechten", weil sie damit andere Menschen und sich selbst schänden.

Andere Menschen und sich selbst schänden, was Heidenchristen vor ihrer Taufe ungeniert praktizierten, das ist nun in der Christusnachfolge keine Möglichkeit mehr. Nach ihrer Taufe hatten Heidenchristen davon wie von anderen liebgewordenen Gewohnheiten - zum Beispiel vom Gang zur Hure oder ins Tempelrestaurant - Abschied zu nehmen. Das war nach jahrzehntelanger Gewöhnung offensichtlich nicht ganz einfach, denn vielen Heidenchristen fehlte dafür das Unrechtsbewusstsein.

Und doch darf der Abschied von dieser Praxis nicht mit dem Abschied eines schwulen Mannes von seinem Schwulsein als einem wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit identifiziert werden und schon gar nicht mit Berufung auf diese Bibelstelle eingefordert werden! Nur ein oberflächlicher Bibelleser wird die hier genannten "Lustknaben" und "Knabenschänder" einfach mit Schwulen identifizieren und die in der Antike geübte Form homosexueller Praxis mit schwuler Identität verwechseln.

Fazit
Die kritischen Aussagen der Bibel zu männlicher Homosexualität richten sich zum einen gegen Vergewaltigung, Päderastie und Prostitution. Bei ihrer negativen Bewertung geht die Bibel zum anderen von Voraussetzungen aus, die einerseits im heterosexuellen Bereich längst allgemein differenziert gesehen werden (Tabuverletzung durch Spermakontakt und Sexualität ohne Fruchtbarkeit) und die andererseits nur im Rahmen patriarchaler Ordnung zutreffen. Konstitutionelle Homosexualität, partnerschaftliche Homosexualität und homosexuelle Liebe kommen in der Bibel nicht vor.

Während diese Erkenntnisse in der Bibelwissenschaft heute weitgehend Allgemeingut geworden sind, wird unter den Stichworten "Schöpfungsordnung" oder "biblisches Menschenbild" ein anderer argumentativer Feldzug gegen Schwule und Lesben geführt.

2. Die Konstruktion eines antihomosexuellen "biblischen Menschenbildes"

Im wesentlichen beruft man sich dabei auf drei Bibelstellen, aus denen flugs ein "Menschenbild" gemacht wird, das Schwule und Lesben ausschließt. Es wird behauptet, der Mensch sei "für die Ehe geschaffen" oder mindestens "für die Heterosexualität".

1.Mose, 27,2: "Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie männlich und weiblich."

In einer Welt, in der darüber diskutiert wird, ob eine Frau mehr oder weniger wert sei als ein Kamel, sagt der Satz, dass Frauen nicht Geschöpfe niederen Ranges sind, über die die Männer herrschen können wie über andere Geschöpfe, sondern wie Männer "Bild Gottes" sind. Männer und Frauen sind und bleiben aufeinander angewiesen und aufeinander bezogen und das auf vielfältige Weise. Weder Schwule, noch Lesben, noch Menschen ohne sexuelle Praxis sind dabei ausgeschlossen oder deshalb als "defizitär" zu definieren. Das könnte nur der tun, der die hier angesprochene Mann-Frau-Beziehung sexualisiert, also auf das Sexuelle begrenzt. Der Text tut dies nicht: er spricht weder von Ehe, noch von Sexualität.

1.Mose 2,18-25: Von Sexualität wird aber in der anderen Schöpfungsgeschichte anschaulich erzählt. Unter allen Mitgeschöpfen findet sich gegen die hilflose Einsamkeit des zunächst ohne geschlechtliche Unterscheidung geschaffenen Menschen nicht "das Gegenüber, das ihm entspricht". Darum trennt Gott aus dem schlafenden Menschen ein Stück heraus, um daraus einen anderen Menschen zu schaffen. Als der Mensch erwacht und die Frau erkennt, wird er selber zum Mann. Da bricht er in den staunenden Jubelruf aus: "Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch!" Das ist Ausdruck der Faszination, die in einem fremden Menschen Eigenes wahrnimmt und sich deshalb von ihm angezogen fühlt. Mit Hilfe dieser alten Geschichte haben die Erzähler ihre eigenen Erfahrungen gedeutet: "Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und sie werden sein ein Fleisch."

Die Versuchung liegt nahe, aus dieser anschaulichen alten Erzählung Wesensaussagen über den Menschen zu abstrahieren, mit deren Hilfe dann ein sogenanntes "biblisches Menschenbild" konstruiert wird. Was ist hier eigentlich gesagt und was nicht? Mit keinem Wort ist hier von der Ehe die Rede, weder von Einehe, noch von Vielehe. Überhaupt ist von keiner Ordnung für die Gestaltung von Sexualität die Rede. Aus diesem Schweigen ist natürlich nicht zu schließen, dass eine solche etwa nicht von Gott gewollt sei. Aber, dass die Ehe, gar wie wir sie kennen, eine "Schöpfungsordnung" sei, ist eine dogmatische Konstruktion, keine Aussage der Bibel. Der Text selber ist für vielfältige Ordnungen zur Gestaltung der Sexualität offen und in zweiundeinhalb Jahrtausenden auch auf unterschiedliche Lebensformen hin ausgelegt worden.

Mit keinem Wort ist auch hier von Homosexualität die Rede. Aus diesem Schweigen allein ist natürlich nicht zu schließen, dass es sie nicht gäbe oder sie von Gott nicht gewollt sei. Sexualität kommt hier in der Tat nur als Heterosexualität zur Sprache, aber eben auch nur als Heterosexualität des Mannes. Aus dem Schweigen über jede sexuelle Aktivität der Frau ist ja genausowenig zu schließen, dass es sie nicht gäbe oder sie von Gott nicht gewollt sei.

Die Schöpfungsgeschichten sind in ihren Aussagen über die Sexualität begrenzt. Auf den ersten Seiten der Bibel steht nicht alles, was Gott geschaffen hat. Die Texte müssen ausgelegt werden; sie dürfen auf Erfahrungen übertragen werden, über die die Bibel schweigt. Im Blick auf die sexuelle Faszination einer Frau für einen Mann können auch Frauen sagen: "Das kann ich nachvollziehen. Mir geht es genauso, aber umgekehrt. Ich habe meine Eltern verlassen, hänge an meinem Mann, um mit ihm ein Fleisch zu werden." Das steht nicht in der Bibel. Das ist Textauslegung, Übertragung fremder biblischer Berichte auf eigene Erfahrungen.

Die von einer Frau ausgehende sexuelle Faszination, die in der Schöpfungsgeschichte nur als Erfahrung eines Mannes erzählt wird, ist aber genauso auch die Erfahrung lesbischer Frauen. Was hindert sie dann, ebenfalls auszulegen und den Text auf ihre Erfahrungen zu übertragen? Und natürlich können auch Männer, die von Männern angezogen werden, sagen "Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch!"

Mk. 10,6-9 par. Mt. 19,4-6: Jesus zitiert aus beiden Schöpfungsgeschichten, als er nach der Möglichkeit gefragt wird, eine Ehefrau zu entlassen.

Während die Rabbiner seiner Zeit darüber debattierten, mit welcher Begründung ein Mann seine Ehefrau entlassen kann, verbietet Jesus grundsätzlich die Entlassung einer Ehefrau. Er ist hier allein mit Männern im Gespräch. Er tritt Männerwillkür entgegen und schützt rechtlose Frauen. Er fordert, dass ein Mann eine Frau, die er geheiratet hat, nicht auf die Straße schicken darf, auch nicht, wenn er ihr die Entlassungsurkunde aushändigt (5.Mose 24,1). Denn er ist mit ihr in einer lebenslangen Verantwortungsgemeinschaft verbunden.

Der Blick auf die Schöpfungsgeschichten der Bibel soll den Männern dafür die Augen öffnen, dass der Schöpfer selbst am Werk war, als sie mit ihrer Frau mit Leib und Seele eins wurden. Wenn Menschen Lust aneinander finden, ist das Ausdruck der liebenden und schöpferischen Zuwendung Gottes zu ihnen. Die Treue des Schöpfers soll darum auch in der Treue der Geschöpfe Gestalt gewinnen. Jesus fordert die Männer auf, die Verantwortung, die sie mit der Eheschließung für ihre Frauen übernommen haben, lebenslang wahrzunehmen, wenn er sagt: "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden." Unschwer ist dieses Gebot mit seiner auf Schutz der Schwachen ausgerichteten Aussage auf partnerschaftliche Verhältnisse zu übertragen.

Es heißt nicht: "... kann der Mensch nicht scheiden." Weder wird die Ehe hier zum "Sakrament", noch zur "Schöpfungsordnung", noch zur "Stiftung Gottes" erklärt. Der Text vermittelt keine christliche Ehelehre. Er erzählt vielmehr, wie Jesus als Anwalt rechtloser Frauen Rechtsverhältnisse seiner Zeit verändert, um die Schwachen zu schützen und damit den ursprünglichen guten Willen Gottes zum Zuge zu bringen.

Weder wird Heterosexualität zur Norm erhoben noch das Heiraten zum Gebot. Jesus war bekanntlich unverheiratet und er hat den Alleinlebenden besondere Würde und Rang verliehen (Matth. 19,10-12). Begriffe wie "Stiftung der Ehe" oder Ehe als "Schöpfungsordnung" sind für die Bibel schon deshalb abwegig, weil es weder im Hebräischen noch im Griechischen ein Wort für Ehe gibt.

3. "Nehmt einander an!" (Röm. 15,7)

Aus diesem biblischen Befund sind Schlüsse zu ziehen im Blick auf die Form der Annahme von Schwulen und Lesben. Fragen Sie sich, welche Form der Annahme Sie meinen, wenn Sie sagen: "Ich nehme Schwule und Lesben an"? Sagen Sie : "Ich nehme dich an, aber..", oder sagen Sie: "Ich nehme dich an. Punkt."?

Sagen Sie: "Du musst dich aber ändern, oder wenn das nicht geht, versuchen zu ändern, oder wenn das nicht geht, sexuell enthaltsam leben."? Oder sagen Sie: "Ich nehme dich an. Du bist mir in deiner sexuellen Empfindungswelt fremd, und du bleibst mir fremd. Ich lasse dich aber ohne Vorbehalte gelten, so wie du mich ohne Vorbehalte gelten lässt. Wir versuchen beide auf unterschiedliche Weise unsere jeweilige Sexualität unter den Verheißungen und Geboten Gottes zu gestalten und so verantwortlich zu leben."?

Der im evangelikalen Bereich bekannte und anerkannte Evangelist und Pastor Klaus Vollmer aus Hermannsburg hat zum Thema Liebe einmal gesagt: "Die Liebe ist ein Geheimnis. Wir sollten, bei welcher Art von Liebe auch immer, erst einmal still und ehrfürchtig werden." Haben Sie Ehrfurcht, wenn ein Mensch liebt!

Wo unsere kleinkarierten Bilder uns den Blick für den anderen verstellen, da herrscht der Geist dieser Welt, und würden diese Bilder auch noch hehr als "biblische Bilder" verklärt. Der Geist Gottes hingegen zerbricht die Muster, mit denen wir uns unsere Mitmenschen nach unseren Wünschen stricken. Er lehrt uns die Ehrfurcht vor dem, der anders ist als wir, der uns in welcher Weise auch immer fremd ist. Er lehrt uns die Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Liebe und dem Geheimnis des Lebens.

* Entnommen dem Buch:
Hans-Georg Wiedemann, Homosexuell, Kreuz Verlag Stuttgart 1995, S. 107 - 122

(Mit Beiträgen von Magdalene Bußmann, Helmut Kentler und Rainer Stuhlmann)

Titelseite Hans-Georg Wiedemann, Homosexuell, Kreuz Verlag Stuttgart 1995


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