Aktuelles

Zum Film (Harvey) "Milk"

Interview mit Regisseur Gus Van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black

Interview mit Regisseur Gus Van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black aus der HAZ 
(mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Foto der beiden oben in der mittleren Spalte):

"Seine Botschaft ist verloren gegangen"
Ein Gespräch mit Regisseur Gus Van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black

Glauben Sie, dass Harvey Milk heute noch Politiker wäre?

Black: Bestimmt. Und er wäre mit der AIDS-Epidemie ganz anders umgegangen. Er hätte die Leute aufgerüttelt, um diese Krankheit zu bekämpfen. Schließlich war es die Stille um dieses Thema, die viele Menschen tötete. Vielleicht wäre Harvey sogar Bürgermeister in San Francisco geworden, vielleicht auch Gouverneur in Kalifornien.

Mr. Van Sant, warum hat es so lange gedauert, bis dieser Film ins Kino kam?

Van Sant: Ich wollte die Geschichte schon viel früher erzählen. Damals wäre es darum gegangen, Harvey Milk zu feiern. Heute hat der Film eine historische Bedeutung. Man muss einen Film mit solch einem Thema auch erst einmal finanziert bekommen. Erst mit Sean Penn als Hauptdarsteller war es möglich, 20, 30 Millionen aufzutreiben. Wir haben mit dem Studio zusammengearbeitet, das auch "Brokeback Mountain" produziert hat. Der Erfolg dieses Films hat es natürlich etwas einfacher gemacht.

Warum ist es wichtig, von Harvey Milk zu erzählen?

Black: Nicht einmal meine schwulen Freunde kennen ihn noch. Und damit sind auch seine Strategien vergessen, seine Ideen, wie man politische Kämpfe gewinnt. Ihm gelang innerhalb kürzester Zeit Unglaubliches. Und vieles, was wir in den vergangenen zehn Jahren versucht haben, ging schief.

Was zum Beispiel?

Black: George Bush wurde wiedergewählt, indem er die Religiösen gegen die Schwulen und Lesben in Stellung brachte. Wir hatten keine Antwort darauf. Wir hätten die Anti-Schwulen-Initiative in Kalifornien und anderswo besiegen müssen und haben versagt. Harvey Milks Botschaft ist verloren gegangen: Es geht darum, dass die Schwulen sich selbst in der Öffentlichkeit repräsentieren und dafür politisch aufstehen.

Warum gibt es heute in Hollywood kaum offen schwule Hollywood-Schauspieler?

Van Sant: Sie haben Angst. Wenn sie sich zu erkennen geben, verlieren sie an der Kinokasse. Je berühmter sie sind, desto mehr Angst haben sie. In den Fünfzigern bekamen Montgomery Clift oder Rock Hudson noch Rendezvous mit Frauen zugeteilt und ließen sich dann fotografieren. Heute tun die Stars so etwas selbst. Sie kreieren ein Image von sich selbst. Der Druck von Agenten und Studios ist natürlich riesig.

"Milk" ist für acht Oscars nominiert. Wenn der Film am Sonntag bei der Verleihung gewinnt, würde das etwas verändern?

Black: Oh ja. Die Botschaft würde aus den großen Städten hinausgehen ins ganze Land. Und das wäre wichtig.

Interview: Stefan Stosch

[ Zum Seitenanfang ]


© Bernd König, VEHN e.V. & HuK Hannover e.V. Februar/März 2009 (Konzept), fertiggestellt am 29.04.2009