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Der frisch gewählte künftige US-Präsident Barack Obama vor der Kuppel des Capitols

USA - Kein Ende des Rassismus!?

Von Dr. Bernd König

(Nach verschiedenen Berichten in Presse
und Internet seit dem 5.11.2008
mit Ergänzung vom 10.02.2009)

[ Allgemeines ]     [ Kalifornien ]     [ Klagen dagegen / Ping-Pong-Spiel ]

[ Unchristliche Kirchen: Mormonen, katholische Kirche / Boykott-Ideen ]

[ Exkurs Katholische Kirche und Menschenrechte ]     [ LGBT-KandidatInnen ]

[ Obamas Agenda für Homo-Rechte ]     [ Inauguration ]

Zunächst mag die Überschrift dieses Beitrags verwundern, wurde doch am 05.11.2008 mit Barack Obama (oben vor der Kuppel des Capitols) erstmals ein Farbiger zum Präsidenten der USA gewählt. Doch unter den über 150 Volksbegehren, über die parallel zu den Wahlen in 35 Bundesstaaten abgestimmt wurde, hatten gerade die rassistisch ausgerichteten Erfolg, darunter vor allem das zum Eheverbot in Kalifornien - der erste derartige Rückschlag in punkto Bürger- und Menschenrechte für Homosexuelle weltweit.

Dabei markiert diese Wahl ohne Frage einen Höhepunkt in einer Entwicklung, in deren Verlauf in wenigen Jahrzehnten die einstige "Rassendiskriminierung" in den USA aufgelöst wurde und einer zunehmenden Chancengleichheit gewichen ist, wobei andererseits farbige US-Amerikaner immer noch überproportional unter den sozial schwachen Bewohnern von Slums und "heruntergekommenen" Stadtteilen, in den Gefängnissen und dort im "Todestrakt" vertreten sind. "Rassendiskriminierung" habe ich dabei in Anführungszeichen gesetzt, denn in biologischer Hinsicht erscheint es nicht sinnvoll, beim Menschen von Rassen zu sprechen, trotz aller phänotypischen Unterschiede etwa zwischen einem Mitteleuropäer, einem Ostasiaten und einem Schwarz-Afrikaner (oder "Afroamerikaner" in den USA). Die Homogenität der rein äußerlichen Merkmale dieser unterschiedlichen menschlichen Populationen, die die Rassentheoretiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts so beeindruckte, besteht nämlich nur scheinbar; statistisch signifikante Rassengrenzen wie bei tierischen Populationen, die sich auf dem Wege der Unterart- und Artbildung befinden, gibt es beim Menschen nicht. (Vergleiche zum Beispiel dazu L.L. Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen; deutsche Ausgabe München/Wien 1999.)

Wenn es nun beim Menschen auch keine Rassen gibt, so gibt es doch Rassismus - das ist im Kern der Dünkel, etwas besseres zu sein als andere. Neutrale biologische Merkmale wie die Haut- oder Haarfarbe, die Glätte oder "Krause" des Haares, die Färbung oder Form der Augen und vieles mehr werden dabei zu quasi-moralischen Eigenschaften aufgeladen, die über Wert oder Unwert einer Person aussagen sollen. Auch und gerade die sexuelle Orientierung - die ja im Prinzip auf keiner anderen Stufe steht als die vorgenannten Merkmale, ebenso wie auch die Frage der Links- oder Rechtshändigkeit - wird von Rassisten gern zur Basis ihrer ideologischen Wert- oder Unwerturteile gemacht. (Vergleiche dazu etwa den Vortrag von Prof. F.J. Wetz (2003) in unserer Sektion "Wissenswertes" [pdf-Datei (*)].) - In den USA geht diese Form des Rassismus insbesondere von den fundamentalistischen Evangelikalen, von den Mormonen und von der katholischen Kirche aus. Letztere standen dann in der Hauptsache auch hinter der sogenannten "Proposition 8", dem "Vorschlag", die gerade erst vor wenigen Monaten in Kalifornien beschlossene Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wieder abzuschaffen.

(*) Den Acrobat Reader dazu können Sie über diesen Link kostenlos herunterladen!

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In Kalifornien hatte im Mai 2008 - im Gegensatz zu seinem gegen die Einführung einer "Homo-Ehe" gerichteten Urteil wenige Jahre zuvor - das Oberste Gericht das bestehende domestic partnership-Gesetz als verfassungswidrige Diskriminierung erkannt und die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule angeordnet (- ein vergleichbares Verfassungsgerichtsurteil gab es davor nur in Südafrika). Anders als in Massachusetts, dem ersten US-Bundesstaat, der die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet hatte, konnten hier auch Bürger anderer Bundesstaaten heiraten - auch wenn diese die in Kalifornien geschlossenen Homo-Ehen nicht anerkannten. Im Übrigen ist Kalifornien selbst schon der bevölkerungsreichste Bundesstaat - oder, anders gesagt, jeder 8. Amerikaner ist (statistisch gesehen) Kalifornier. Die Volksabstimmung, die am 5. November 2008 nun zusammen mit der Präsidentschaftswahl stattfand, ergab 52,1 zu 47,9% gegen die Homo-Ehe, die damit abgeschafft ist - weltweit der erste derartige Rückschritt für die Menschen- und Bürgerrechte von Lesben und Schwulen!

Gouverneur Schwarzenegger, der seinerzeit nur erklärt hatte, er habe sich mit der Entscheidung des Gerichts abgefunden und werde nichts mehr dagegen unternehmen, macht Lesben und Schwulen nun sogar Mut und vergleicht die Sache mit dem einstigen Eheverbot zwischen Schwarz und Weiß, das 1948 erstmals in Kalifornien aufgehoben wurde und in anderen Teilen der USA noch bis in die 60er Jahre galt. Die Rassisten hingegen gehen nun noch weiter und fordern nach ihrem Erfolg auch noch die Annullierung der etwa 18.000 in diesen wenigen Monaten geschlossenen Ehen.

Bereits am nächsten Tag hatte es erste Demonstrationen gegen die Entscheidung gegeben; mittlerweile haben hunderttausende Demonstranten in rund 300 amerikanischen Städten für die Öffnung der Ehe demonstriert. Auf der Seite der Ehe-Befürworter stehen auch viele Prominente, und zwar nicht nur selbst betroffene wie die Schauspielerin Ellen DeGeneres und der als Mr. Sulu aus der Fernseh-Serie "Raumschiff Enterprise" bekannt gewordene George Takei, die beide selbst im Sommer ihre teils langjährigen PartnerInnen in Kalifornien geheiratet hatten, sondern auch Heterosexuelle wie etwa Brad Pitt. In Los Angeles allein kamen bei den Demonstrationen rund 10.000 Menschen zusammen.

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Dort machte Bürgermeister Antonio R. Villaraigosa den Demonstranten Mut, dass die Gerichte das Ehe-Verbot bald kippen könnten, da das mit dem Referendum angenommene Gesetz den Homosexuellen grundlegende Verfassungsrechte vorenthalte. "Es läuft etwas grundsätzlich falsch, wenn die Rechte einer Minderheit dem Mehrheitsvotum unterzogen werden", sagte der Anwalt Evan Wolfson von der Organisation Freedom to Marry. Klagen gegen die Abschaffung des Eherechts wurden seitens der Bürgerrechtsgruppen von Lesben und Schwulen, aber unter anderem auch von den Großstädten San Francisco und Los Angeles, beim kalifornischen Obersten Gerichtshof eingereicht - und mittlerweile wurden auch mindestens drei davon zur Entscheidung angenommen. Alle Kläger argumentieren, dass die Referendums-Entscheidung einer Minderheit Grundrechte aberkennt. Die Wähler hätten nicht das Recht, eine solche Entscheidung zu treffen. Genauso wenig hätten sie das Recht, beispielsweise Schwarzen das Recht auf Ehe vorzuenthalten. Der kalifornische Justizminister Jerry Brown hat sich dafür ausgesprochen, dass der Supreme Court die Rechtmäßigkeit des Referendums überprüft.

Die Befürworter des Ehe-Verbots müssen jetzt bis zum 19. Dezember erklären, warum das Gericht Proposition 8 nicht für ungültig erklären soll. (Voraussichtlich wird Kenneth Starr, der in den 90er Jahren die Hexenjagd gegen den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton wegen dessen Affäre mit Monica Lewinsky anführte und, ganz Republikaner, dabei etliche Millionen Steuergelder sinnlos "verbriet", die Rassisten-Partei in dem Prozess vertreten. Bleibt also zu hoffen, dass er auch hier wieder scheitert [wie seinerzeit mit seinem Ziel der Amtsenthebung Clintons].) Die Kläger müssen bis zum 5. Januar umfangreiche Erklärungen abgeben. Die mündliche Verhandlung könnte dann im März beginnen. Im schlimmsten Falle - also wenn der Prozess verloren ginge - würde die Menschenrechts-Seite 2010 in Verbindung mit den dann stattfindenden "Halbzeit-Parlamentswahlen" ein neues Referendum mit der gegenteiligen Zielsetzung starten. "Wir hoffen [aber], dass es nicht notwendig ist, wieder das Volk zu fragen." meinte einer der Aktivisten. Schließlich sei die Ehe ein Grundrecht, das nicht von der Mehrheit des Volkes abgeschafft werden kann.

Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen waren auch in Referenden in Arizona und Florida erfolgreich, indem die Ehe dort verfassungsrechtlich als Verbindung von Mann und Frau definiert wurde. In Arizona hatte dabei 2006 eine knappe Mehrheit der Einwohner gegen ein in der Staats-Verfassung festgeschriebenes Ehe-Verbot für Schwule und Lesben gestimmt. 2008 kam nun die Frage wieder auf den Stimmzettel und diesmal ergab sich eine Mehrheit von 56 Prozent für das Ehe-Verbot. "Aber wenn ich jetzt lese, wie sowas zur Neverending-Ping-Pong-Story mutiert ... Wie soll es denn unter diesen Umständen da jemals Rechtssicherheit geben?" fragt nicht zu Unrecht ein Leser im Gästebuch des Portals queer.de. Auch das einstige Ehe-Verbot zwischen Schwarz und Weiß kam einst nur dann zu einem (guten) Ende, als die Frage diesem Ping-Pong-Spiel der Volksentscheide entzogen wurde!

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In Kalifornien waren es Analysen zufolge vor allem viele schwarze, hispanische und ältere Wähler, die für "Prop 8" und damit gegen die gleichgeschlechtliche Ehe stimmten. Besonders bei den Schwarzen und Hispanos, die der Kirche traditionsgemäß sehr nahe stehen, dürfte deren unchristlicher Einsatz - bis zum Missbrauch der Sonntagspredigt für Hetzreden gegen die Minderheit und deren Rechte - den Ausschlag gegeben haben. So haben die Schwarzen mit über 95 Prozent für Barack Obama gestimmt, und mit nicht ganz so überwältigender Mehrheit, aber doch mit 70 Prozent gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Das hat bei vielen Schwulen und Lesben Bitterkeit und Zorn ausgelöst. "Ich habe für Euch gekämpft", hieß es etwa in einem Leserbrief an den San Francisco Chronicle, "warum habt Ihr nicht für mich gekämpft?" Dieser Vorwurf sei derzeit Tenor vieler Gespräche und Kommentare, wie die Berliner Zeitung schrieb. Demnach hätten 84 Prozent der Wähler, die jede Woche in den Gottesdienst gehen, für das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe gestimmt, hingegen 83 Prozent derjenigen, die sich nichts aus Religion machen, dagegen.

Ganz besonders haben Mormonen und katholische Kirche sich hier hervorgetan, nicht zuletzt auch mit erheblichen Anteilen an den laut Schätzungen 32-35 Millionen US-Dollar, die für die Kampagne aufgewendet wurden. Die Mormonen dürften zwar der Stimmen-Zahl nach in Kalifornien keine so große Rolle gespielt haben, fallen aber zunehmend durch aggressive Hass-Kampagnen gegen Menschenrechte von Homosexuellen auf und sollen mit 22 Millionen den Löwenanteil der Kampagne beigesteuert haben. Daher kamen nun in diesem Zusammenhang Homo-Aktivisten auf die Idee, zum Boykott des Bundesstaates Utah als Reiseland aufzurufen. Dort stellen die Mormonen zwei Drittel der Bevölkerung und der Tourismus ist dort - nicht zuletzt wegen der Nationalparks (Arches, Bryce Canyon, Capitol Reef und Zion) - der wichtigste Wirtschaftsfaktor.

Eine andere Boykott-Idee war die des "Day Without A Gay": Nach einem Vorschlag von Sean Hetherington und Aaron Hartzler, einem schwulen Paar aus West Hollywood, sollten am Mittwoch, dem 10. Dezember 2008, Schwule und Lesben ihre wirtschaftliche Bedeutung dadurch demonstrieren, dass sie ihrem Job an diesem Tage fernbleiben, dabei aber stattdessen gemeinnützige Arbeit leisten. Dabei haben diese Aktivisten jedoch zweierlei nicht bedacht: Dass viele Schwule und Lesben in den USA im Job gar nicht geoutet sind (und dass das in vielen Fällen angesichts der Homophobie in der Gesellschaft und auch bei vielen Arbeitgebern leider auch notwendig sein mag) und zweitens, dass jetzt in der von den USA ausgehenden weltweiten Finanzkrise die Lage am Arbeitsmarkt nicht gerade günstig ist und daher eine solche Aktion für Viele das berufliche Aus bedeuten könnte.

Logo des "Day Without A Gay"

Logo des "Day Without A Gay"

Das Datum 10. Dezember war allerdings gezielt gewählt worden, denn dies ist der Internationale Tag der Menschenrechte, an dem wir gerade in diesem Jahr den 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte feiern; vgl. dazu auch den Übersichtsartikel von W. Kreutzberger in unserer Homepage.

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Exkurs Katholische Kirche und Menschenrechte. Nicht nur in Kalifornien "marschierte" die (Römisch-)Katholische Kirche in diesem Falle wieder einmal "in vorderster Front" gegen die Menschen- und Bürgerrechte von Homosexuellen, wie es eine Pressestimme ausdrückte. Gerade kurz vor diesem Jahrestag hatte sie (als Vatikan-Staat) in der UNO die von Frankreich angeregte EU-Initiative abgelehnt, nach der die UNO-Menschenrechtserklärung dahingehend aktualisiert werden sollte, dass der Text, der vor sechzig Jahren verabschiedet wurde, künftig ausdrücklich auch die Diskriminierung von Homosexuellen verbietet. Volker Beck erklärte dazu: "Alle Menschen, auch die Homosexuellen, sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Deshalb müssen die Menschenrechte aller Menschen, unabhängig von der sexuellen Identität und dem Geschlecht der Person, gewährt werden. ... [Wiederum] werden Menschenrechte von Homosexuellen vom Heiligen Stuhl in Frage gestellt. Man kann sich nicht gegen die Diskriminierung von Homosexuellen wenden und sich gleichzeitig gegen die von allen EU-Staaten unterstützte Initiative zur weltweiten Aufhebung der Strafbarkeit stellen. Ein bisschen Diskriminierung geht nicht. Wir erinnern daran, dass der Katechismus der Katholischen Kirche die Todesstrafe und alle Strafmaßnahmen oder Diskriminierung gegenüber Homosexuellen ausschließt. Danach wäre es nur konsequent, wenn der Vatikan die französische Initiative unterstützen würde. Der Vatikan muss endlich sein Verhältnis zu den Menschenrechten von Homosexuellen klären. - Homosexualität ist in 75 Staaten verboten, in neun Staaten steht darauf die Todesstrafe." Erzbischof Celestino Migliore, der den Vatikan in New York bei der UNO vertritt, lehnte die Initiative mit der Begründung ab, dass damit auch der Druck wachse, die Ehe zu öffnen und gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption zu gestatten. Dabei ist die Möglichkeit, mit einem geliebten Menschen zusammenzuleben, ohne Frage ein grundlegendes Menschenrecht, das in vielen Fällen nur durch das mit der Ehe(öffnung) verbundene Zuzugsrecht verwirklicht werden kann. Die Verweigerungsposition des Vatikans bei gleichzeitiger Behauptung, homosexuelle Menschen zu achten, ist daher pure Heuchelei - ebenso dessen Position zum Adoptionsrecht, die gleichgeschlechtlichen Paaren von vornherein die Befähigung zur Elternschaft abspricht. Zum gebrochenen Verhältnis von Vatikan bzw. katholischer Kirche zu den Menschenrechten passen im Übrigen ebenso der einstige Schulterschluss mit den Islamofaschisten im Iran und erst kürzlich die Erklärung des Nuntius in Moskau, der das Verwehren des Versammlungsrechtes für Homosexuelle in Russland begrüßte. - Die Katholische Kirche sollte sich dazu auch einmal die Ergebnisse einer Umfrage der amerikanischen Evangelikalen zu deren Bild in der Öffentlichkeit aus dem vorigen Jahr ansehen und sich ernsthaft fragen, ob sie in der Zukunft wirklich als unwahrhaftig, heuchlerisch, verlogen, rassistisch und im Zweifel im Bunde mit Faschisten jeglicher Couleur gelten möchte. Stattdessen sollte man sich lieber auf positive Beispiele besinnen wie das des neuen Weihbischofs von Würzburg, Ulrich Boom, der als Pfarrer 2006 Schlagzeilen machte, weil er durch das überlange Läutenlassen der Kirchenglocken in Miltenberg die Kundgebung einer NPD-Jugendorganisation verhinderte. So etwas würde besser zu einer sich "christlich" nennenden Kirche passen als rassistische Propaganda von der Kanzel und die Verführung des "Kirchenvolkes" zu einem Abstimmungsverhalten wie jetzt in Kalifornien.

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Von der Referendums-Niederlage in Kalifornien abgesehen, verbuchen Lesben und Schwule die Wahlergebnisse aber eher als Sieg der "LGBT-Community" (Lesben, Schwule [Gay], Bisexuelle und Transgender). Von den 111 schwulen und lesbischen KandidatInnen, die zur Wahl standen, hätten insgesamt über 70 % ihr Ziel erreicht. Darunter ist auch die bisexuelle Kate Brown, die als erste unabhängige LGBT-Kandidatin in den US-Kongress gewählt wurde. Die beiden Republikaner Barney Frank und Tammy Baldwin, ebenfalls offene LGBT-Mitglieder des Kongresses,wurden wieder gewählt. "Diese Wahl war eine Bestätigung der afrikanisch-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die mehr als ein Jahrhundert alt ist", sagte Chuck Wolfe, der Geschäftsführer des "Gay & Lesbian Victory Fund". "Die LGBT-Bewegung ist sehr viel jünger, und es ist klar, dass wir noch viel Arbeit haben, um wirkliche Gleichstellung zu gewinnen. Die Politik der Angst und des Fanatismus ist noch nicht vorbei. Ich bin zuversichtlich, dass die Geschichte uns Gelegenheit geben wird, das Unrecht richtig zu stellen, während wir weiter den Weg zur vollen Gleichstellung für alle Amerikaner beschreiten."

Nachzutragen bleibt, dass in Arkansas ein Referendum erfolgreich war, das unverheirateten Paaren, homosexuellen wie heterosexuellen, Adoptionen und die Annahme von Pflegekindern verbietet. In Florida, wo wie berichtet die Ehe nun per Referendum als verschiedengeschlechtlich festgeschrieben wurde, hat gerade zum zweiten Mal ein Gericht das derzeitige Adoptionsverbot für homosexuelle Paare, das das Familienministerium dort aufrechterhalten will, für verfassungswidrig erklärt. Die (republikanische) Regierung will gegen diese Gerichtsentscheide nun ihrerseits vor dem Obersten Gerichtshof des Staates vorgehen, wodurch es auch hier zu einer Art "Ping-Pong-Spiel" kommen könnte. Ein ausdrückliches Adoptions-Verbot besteht aber sonst nur im Bundesstaat Mississippi; in 46 der 50 Bundesstaaten ist Homo-Paaren die gemeinsame Adoption von Kindern erlaubt - anders als in Deutschland!

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Der entscheidende Erfolg dürfte aber wohl die Wahl Obamas selbst sein, wodurch nunmehr nach dem Ende der Präsidentschaft von Bush Rechtsfortschritte gerade von der Bundesseite aus zu erwarten sind - So hat die neue Administration Obama-Biden bereits auf einer offiziellen Internetseite "change.gov" Verbesserungen der rechtlichen Situation von Lesben und Schwulen als ein Thema ihrer künftigen Regierungspolitik angekündigt. Der Plan der neuen Regierung hierzu, die ab dem 20. Januar im Amt sein wird, umfasst insgesamt acht Punkte. Obenan steht die Einführung von Eingetragenen Partnerschaften, verbunden mit der Abschaffung des rassistischen "Defense of Marriage Act", damit die gut 1.100 Bundesrechte, die derzeit nur Ehepartnern gewährt werden, auf gleichgeschlechtliche Paare in Eingetragenen Partnerschaften ausgedehnt werden können. Dieses "Gesetz zur Verteidigung der Ehe" - so sein Name auf deutsch - wurde 1996 mit überwältigender Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses verabschiedet, als die "Angst" umging, dass manche Bundesstaaten die Ehe für Lesben und Schwule öffnen könnten. Es besagt, dass nur verschiedengeschlechtliche Ehepaare Bundesrechte erhalten. Daher werden gleichgeschlechtlich verheiratete oder verpartnerte Amerikaner bei der Bundeseinkommenssteuer wie Ledige behandelt; auch für ausländische Partner gibt es – anders als bei Hetero-Partnern – keine automatische Niederlassungserlaubnis.

Rein sprachlich weist das Gesetz übrigens für uns Deutsche eine erstaunliche (und verräterrische) Parallele beispielsweise zum einstigen Nazi-"Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" auf: So wenig wie der "Defense of Marriage Act" die Ehe "verteidigt" (etwa durch eine Stärkung der Rechtsstellung von Eheleuten gegenüber dem Staat oder Beihilfen für sozial schlechter gestellte Paare), sondern vielmehr einen Teil der Bevölkerung praktisch von dieser Institution ausschließt (so etwa durch die mangelnde Niederlassungserlaubnis), so wenig förderte jenes Nazi-Gesetz das Beamtentum oder stellte irgendetwas davon irgendwie wieder her, sondern schloss etliche Beamte - und nicht selten gerade die fähigsten (etwa unter den verbeamteten Hochschullehrern) von der Ausübung ihres Berufes aus, (weil sie Juden oder - im Nazi-Jargon - "jüdisch versippt" waren). Offenbar gibt es auch eine Art internationalen Stil in der Sprache des Rassismus und Faschismus: Beide Gesetzesnamen verunklaren für Nichtbetroffene den wahren Inhalt des Gesetzes und verhöhnen zugleich in menschenverachtender Weise die Opfer, gegen die sie gerichtet sind! [Angesichts dessen, dass unser Land vor allem durch die ungeheuren Anstrengungen der USA seinerzeit von jener Gewaltherrschaft befreit wurde, stimmen den Geschichtsbewussten derartige Parallelen besonders traurig.]

Neben der Abschaffung dieses Gesetzes wollen Obama und Biden nun allen Einzelpersonen wie Paaren prinzipiell die Adoption ermöglichen, "unabhängig von deren sexueller Orientierung. Er [Obama] denkt, dass ein Kind von einem liebenden und gesunden Zuhause profitiert, egal ob die Eltern schwul sind oder nicht." - Die Gesetze gegen Hassverbrechen sollen verschärft werden (was Obama schon als Senator in Illinois durchgesetzt hat). - Das Militär soll für Schwule und Lesben geöffnet bzw. die unter Clinton eingeführte Regelung "Donīt ask - donīt tell" abgeschafft werden. (Clinton wollte damals schon den offenen Umgang mit der sexuellen Orientierung in den Streitkräften einführen, scheiterte aber am Widerstand der Generalität, und zwar insbesondere des damaligen Generalstabschefs Colin Powell, auf den der Kompromiss zurückgeht, dass Homosexuelle nur in der Armee dienen dürfen, wenn sie ihre sexuelle Orientierung verbergen, dass aber auch kein Vorgesetzter danach fragen darf. Nun aber haben sich über 100 hochrangige pensionierte Militärs dafür ausgesprochen, den offenen Umgang mit der sexuellen Orientierung zuzulassen - genau wie in den modernen Partner-Armeen Israels, Großbritanniens oder auch Deutschlands (wo ja noch unter der Regierung Kohl und selbst im Anfang unter Schröder offen Schwule degradiert und in Randpositionen abgeschoben wurden).) - Antidiskriminierungsgesetze sollen eingeführt werden, besonders zum Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz; es soll Sexualkundeunterricht für Jugendliche an den Schulen geben und die HIV-Prävention soll verbessert werden. (Präsident Bush war ja durch mangelnde Sexualaufklärung und unsinnige "Kein-Sex-vor-der-Ehe"-Kampagnen ein zuverlässiger Verbündeter des AIDS-Virus für dessen Ausbreitung gewesen!)

So kann man nur hoffen, dass sich Obamas Politik auch gegen die zu erwartenden Widerstände (so etwa auf der Ebene der Bundesstaaten) umsetzen lassen wird. Dann könnte es Fortschritte in den USA geben, die den Bürgerinnen und Bürgern dort ebenso von Herzen zu wünschen sind wie etwa die Konsolidierung der von der Bush-Administration zerrütteten Staatsfinanzen. Und eine endgültige Abkehr vom Rassismus - auch und gerade vom religiös motivierten - könnte vielleicht mit dazu beitragen, das vielerorts durch so manche politische Fehlentscheidungen beschädigte Ansehen der einzig verbliebenen Supermacht wiederherzustellen.

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Präsident Obama bei seiner Antrittsrede Präsident Obama bei seiner Antrittsrede

   

Irritationen und massive Verstimmung rief in der lesbischwulen Community hingegen die Nachricht hervor, dass bei Obamas Inauguration (der feierlichen Amtseinführung) der homophobe evangelikale Prediger Rick Warren, ein erklärter Gegner der Homo-Ehe, das Vereidigungsgebet sprechen solle. Das ist wohl wieder ein - wenn auch extremes - Beispiel dafür, wie Obama auch Menschen mit gegnerischen Positionen einzubinden versucht statt die Nation weiter zu spalten, wie es der Stil seines Vorgängers war.

Andererseits wurde Gene Robinson, seit 2003 als erster offen Schwuler Bischof (der Episkopal-Kirche - in der Diözese New Hampshire), dazu ausersehen, zum Auftakt der öffentlichen Veranstaltung auf den Stufen des Lincoln-Denkmals in Washington ein Gebet zu sprechen. Obama habe großen Respekt für ihn und ihn auch deshalb um das Gebet ersucht, um seinen Wunsch nach Vereidigungsfeiern zu unterstreichen, "die alle (gesellschaftlichen Gruppen) einbeziehen", wurde ein Mitglied des Veranstaltungskomitees zitiert. Joseph E. Lowery, ein Weggefährte Martin Luther Kings, sprach den Segen bei der Amtseinführung und am Tag danach gab es einen interreligiösen Gottesdienst in Washingtons Nationaler Kathedrale, bei dem auch Frauen als Geistliche mitwirkten. - "Kaum fünf Minuten nach Obamas Vereidigung am 20. Januar änderte das Weiße Haus Erklärungen zur Abtreibung, zur Familienpolitik und zu Rechten von Homo-, Bi- und Transsexuellen auf seiner Internetseite" mussten dann die Evangelikalen zu ihrem Entsetzen feststellen. Mit anderen Worten, die auf der Seite "change.gov" bereits gemachten Ankündigungen (siehe oben) wurden schleunigst auf die offizielle Webseite des Weißen Hauses übertragen - so wie der neue Präsident ja auch in anderen Politikfeldern ein beeindruckendes Tempo vorlegte. Da bleibt nur, viel Erfolg und gutes Gelingen zu wünschen.

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© HuK Hannover e.V. 08.11.2008 (i.V.) - letzte Änderung am 11.02.2009