(Aktuelles)

Denkmal für die im Nationalsozialismus
verfolgten Homosexuellen

27.05. & 27.06.2008:

Denkmaleinweihung in Berlin - Rudolf Brazda beim CSD

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(Die Bilder können zumeist durch Anklicken vergrößert gesehen werden.)


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Rechts:
Das Denkmal von der Seite mit dem Video-Fenster (mit der Kuss-Szene)

Das Denkmal von der Seite mit dem Video-Fenster (mit der Kuss-Szene)


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Am 12. Dezember 2003 fasste der Deutsche Bundestag den Beschluss, ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen zu errichten. Das war ein wichtiger Erfolg für den Lesben- und Schwulenverband (LSVD) und für die Initiative "Der homosexuellen NS-Opfer gedenken", die gemeinsam für dieses Projekt geworben haben - letztere hatte sich seit sechzehn Jahren für das Denkmal eingesetzt, unterstützt von zahlreichen Organisationen und Einzelpersönlichkeiten.

75 Jahre nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten und 60 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde nun endlich erreicht, dass die Bundesrepublik Deutschland den verfolgten Homosexuellen einen Gedenkort widmet. Am 27. Mai 2008 wurde das Denkmal auf Einladung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann feierlich der Öffentlichkeit übergeben.

Das Denkmal entstand am südlichen Rand des Großen Tiergartens nach dem Entwurf des dänisch-norwegischen Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset, das den künstlerischen Wettbewerb gewonnen hat. Dieser war vom Land Berlin im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland und in Abstimmung mit der Initiative "Der homosexuellen NS-Opfer gedenken" und dem LSVD ausgelobt worden. Das Denkmal liegt gegenüber dem im Mai 2005 eingeweihten "Denkmal für die ermordeten Juden Europas", besser bekannt als Holocaust-Mahnmal, mit seinen 2711 quaderförmigen Stelen, entworfen vom Architekten Peter Eisenman. Elmgreens und Dragsets Entwurf zitiert das Holocaust-Mahnmal, so als sei eine der Stelen auf die andere Straßenseite in den Park "hinübergewandert". Ihre einsame Position dort symbolisiert auch die Vereinsamung und gesellschaftliche Isolation von Homosexuellen; zudem steht sie schräg (= queer). Höhepunkt des Konzepts ist ein Videofenster, das eine Kuss-Szene in Endlosschleife zeigt: Ein Kuss zur falschen Zeit am falschen Ort konnte unter dem Nazi-Regime tödlich sein - und nicht nur hier und damals, sondern noch in vielen Ländern der Erde war und ist dies gestern wie heute der Fall (und unter Umständen selbst heute noch hierzulande - wir kommen unten darauf zurück).

[1] http://de.youtube.com/watch?v=WoBfr_QIK94&feature=related
(Hinter "&" die Zeichenkette "amp;" eingeben!)

Viele Jahrzehnte waren die homosexuellen NS-Opfer in Deutschland aus der offiziellen Gedenkkultur ausgeschlossen. Ihnen wurden Entschädigungszahlungen vorenthalten. § 175 StGB, der sexuelle Begegnungen unter Männern unter Strafe stellte, blieb in der Bundesrepublik in seiner Nazi-Fassung bis 1969 unverändert in Kraft, verhinderte den Kampf der Opfer um ihre Anerkennung als Nazi-Opfer und ihre Rechte und schuf auch unter den nachfolgenden Generationen immer neues Unrecht.

In vielen Ländern dieser Welt sind Schwule und Lesben heute noch schwerer Verfolgung ausgesetzt. Aus seiner Geschichte heraus hat daher gerade Deutschland eine besondere Verantwortung, Menschenrechtsverletzungen gegenüber Lesben und Schwulen entschieden entgegenzutreten.

Das Denkmal soll laut Beschluss des Bundestages von 2003 die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wachhalten sowie ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.

Finanziert wurde das Denkmal aus dem Etat des Bundeskulturstaatsministers. Das Land Berlin hat das Grundstück gestiftet. Die Übergabe an die Öffentlichkeit wurde im Auftrag der Bundesregierung von der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" organisiert. Die Stiftung übernimmt in der Folge im Einvernehmen mit den Initiatoren auch die weitere Betreuung des Gedenkortes.

(Nach dem Text auf der Seite www.gedenkort.de, verändert und erweitert.)

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Kuss-Szene (mit Link zum Video) [2]

[2] http://de.youtube.com/watch?v=vlUujXTna1A&NR=1
(Hinter "&" die Zeichenkette "amp;" eingeben!)

Nach der Verschärfung des §175 durch die Nazis konnte, wie schon gesagt, ein Kuss unter Männern bereits tödlich sein. Unter Umständen kann dies aber sogar noch hier und heute der Fall sein, denn Schwulenhass macht sich auch heute noch an der heftigen Ablehnung eines Kusses unter Männern fest, wie im vorigen Jahr eine Studie der Universität Kiel zeigte: So gaben 79 Prozent der türkisch-stämmigen männlichen Jugendlichen, 76 Prozent der russisch-stämmigen und immerhin noch 48 Prozent der deutschen Jungen an, sie fänden es abstoßend, wenn sich zwei Homosexuelle auf der Straße küssten (Neue Presse [Hannover], 26.10.2007). So kann heute ein Kuss zur falschen Zeit am falschen Ort zwar nicht mehr zum Ausgangspunkt staatlicher, jedoch zu dem individueller Gewalt werden - und auch das kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Insofern trifft das Konzept der beiden Künstler auf geradezu brilliante Weise den Kern des Problems - gleichermaßen in die Vergangenheit wie in Gegenwart und Zukunft weisend. Denn solange solch ein Kuss Anstoß und Gewalt-Lust erregt, so lange haben zwar "natürlich" wir (die Homosexuellen) selbst, so lange hat aber vor allem gerade auch die Gesellschaft ein Problem. Und das sollte sich schon wenige Wochen nach der Einweihung des Denkmals durch den (ersten) Anschlag gerade auf das Sichtfenster mit der Kuss-Szene nur allzu deutlich erweisen! (Und genau darauf zielten dann auch der zweite Anschlag nach weiteren vier Monaten sowie der dritte im April 2009.)

Ein ganz anderes Problem mit dem Männerkuss hatte im September 2006 die Frauenzeitschrift "Emma" ausgemacht: Da die Küssenden Männer und eben keine Frauen seien, seien "wieder einmal die Frauen vergessen" worden. Nun hatte zwar die Historikerin Claudia Schoppmann, die maßgebliche Autorität auf dem wenig erforschten Gebiet der lesbischen Lebenswelten unter Hitler, immer betont, "dass es keine systematische Verfolgung lesbischer Frauen gegeben hat, die mit derjenigen homosexueller Männer vergleichbar ist“; doch das hinderte die Lesben nicht, letztlich einen Kompromiss "durchzudrücken", demzufolge in zwei Jahren das Männer- durch ein Frauenpaar ersetzt werden soll.

Nun soll keinesfalls bestritten werden, dass vereinzelt auch lesbische Frauen dem Nazi-Terrorsystem zum Opfer fielen - allerdings dann in der Regel aus anderen, beispielsweise "rassischen" Gründen wie etwa im Falle von "Aimée und Jaguar". Die sexistische Sicht der Nazis wies Frauen nur die Stellung von "Gebärmaschinen" als einzigem Daseinszweck zu und erkannte sie als Menschen mit einer selbstbestimmten Sexualität nicht an. Lesbische Zeitungen und Lokale wurden ebenso verboten wie die der Schwulen und eine ihrem Wesen entsprechende, frei gewählte Lebensführung war sicherlich auch ihnen nicht mehr möglich. Aber wenn auch ihr Leben nun vielfach von Ängsten und Schrecken beherrscht sein mochte, so hatten sie doch anders als die Männer Massenmord und Zwangs-Kastration nicht zu befürchten. Und ein Kuss unter Frauen hat sie nicht in Gefahr gebracht - und dürfte auch heute kaum die oben zitierten "Jung-Machos" (nicht nur die mit Migrationshintergrund) zur Gewalt reizen.

In globaler Perspektive stellt sich dies sicherlich anders dar: So sollen händchen-haltende Frauenpaare zum Beispiel in Polen (wie in der beim Kirchentag 2005 auf dem BEFAH-Stand vorgestellten Fotoserie) in etwa gleichen Anfeindungen wie Männer in dieser Situation ausgesetzt sein, während in afrikanischen Ländern - und das selbst im gesetzgeberisch so fortgeschrittenen Südafrika - gerade Lesben in letzter Zeit immer wieder Opfer brutaler "Ritualmorde" durch "Macho-Männer" wurden, die es nicht hinzunehmen bereit sind, dass diese Frauen sich ihnen als Sexobjekte verweigerten (vergleiche unsere Seiten "Aus aller Welt" (Dezember 2007) und zu Fannyann Eddy). Dabei treffen diese Machos sich in ihrer frauenverachtenden Sichtweise im Grunde mit der der Nazis. Und im Iran droht auch lesbischen Frauen prinzipiell die Todesstrafe. So gesehen gehören Menschenrechte für Lesben und Schwule und der Kampf darum untrennbar zusammen.

Doch hier geht es zuerst einmal um das Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 (und darüber hinaus bis 1969); und da hatte die Arbeitsgemeinschaft der NS-Gedenkstätten die Befürworter des Kompromisses ganz zu Recht vor einer "Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke" gewarnt, die die "kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Ganzen" zu entwerten droht, indem den Besuchern des Denkmals der Sinn für Details verlorengehen könnte - oder, anders gesagt, bei nicht ausreichend tiefer Befassung mit der Problematik sich ein falsches Geschichtsbild einschleichen könnte. Mahnmale müssen aber mit hinreichender Eindeutigkeit der historischen Wahrheit verpflichtet bleiben und dürfen keiner Geschichtsverfälschung Vorschub leisten.

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[3] http://de.youtube.com/watch?v=tSf61Up-sw4&feature=related
[4] http://de.youtube.com/watch?v=bnhWTfGMpc4&NR=1
[5] http://de.youtube.com/watch?v=4tIb4pKN_MY
[6] http://de.youtube.com/watch?v=uV9xvsja8KY&feature=related
[7] http://de.youtube.com/watch?v=Gd4BuTWQpjw&feature=related
** ILGA = Internationaler Lesben- und Schwulenverband
[8] http://de.youtube.com/watch?v=lt1WPht9-DA&feature=related
[9] http://de.youtube.com/watch?v=GwdfnaUYNik&NR=1
(Jeweils hinter "&" die Zeichenkette "amp;" eingeben!)

Ein Bericht mit persönlichen Eindrücken von der Einweihung des Denkmals aus der Feder des derzeitigen Chefredakteurs des "HuK-Info" (Mitglieder-Magazin der Bundes-HuK) findet sich hier auf einer Extra-Seite.

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Sowohl der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit als auch der LSVD-Vertreter Günter Dworek hatten in ihren Reden gemutmaßt, dass zum Zeitpunkt dieser Denkmals-Einweihung wohl keines der Opfer des Terrors mehr lebe; vielleicht sei Pierre Seel, 2005 verstorben, der letzte von ihnen gewesen.

Daraufhin hatte sich eine Nichte von Rudolf Brazda gemeldet und auf ihren Onkel verwiesen. Dieser wurde vor 95 Jahren im Raum Leipzig als Sohn tschechischer Eltern geboren. Nach einer ersten Haft auf Grund der Vor-Nazi-Fassung des §175 aus Deutschland ausgewiesen, ging er ins Sudetenland, wo ihn dann 1938 die Nazi-Diktatur wieder einholte. Von 1941 bis 1945 gelangte er dann schließlich ins KZ Buchenwald, mit einem Rosa Winkel mit "T" für "Tscheche". Mit viel Glück überlebte er diese Haft, blieb nach dem Krieg in Süddeutschland und fand dort bereits 1947 einen Partner, mit dem er bis zu dessen Tod 2002 zusammenlebte. (Nach einem Bericht in FR online)

So wurde er nun zum Ehrengast des Berliner CSD 2008.

Rudolf Brazda (95) mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit ...

am Denkmal und in der Pressekonferenz (unten rechts)

(Fotos: Rainer Hoffschildt & Wilhelm Grimm [VEHN e.V.])


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© 2008 VEHN e.V. & HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 01.09.2009