[ Zur Einleitung ] [ Zum strittigen Seminar (1) ] [ Zum strittigen Seminar (2, mit Links) ]
[ Kontroverse Erzählungen / Keine Distanz ] [ Briefwechsel Ministerium - LSVD ]
[ Verdrehungen versus Befürchtungen ] [ Nicht wirklich um Religiösität & Warnungen ]
[ Weitere Kritikpunkte / Veränderung ] [ Geschehen ] [ Pressegespräch ] [ "Pharisäival" ]
Bereits am Anfang des Jahres 2008 gab es eine Menge Ärger um die ab dem 30. April 2008 in Bremen durchgeführte evangelikal ausgerichtete Jugend-Großveranstaltung "Christival". Ein ursprünglich in deren Rahmen angekündigtes "Homo-Heilungs"-Seminar wurde zwar bereits im Januar nach der Kritik von vielen Seiten aus dem Programm zurückgezogen, doch auch andere Seminarthemen sowie die ideelle wie auch finanzielle Unterstützung des Projektes seitens der Bundesregierung gaben zu einer Reihe kritischer Fragen Anlass. Diese überhaupt zu stellen zu wagen, ereiferte so manchen bigotten christlichen Fundamentalisten derart, dass "einschlägige" Print- und Internet-Medien mit Beiträgen und Artikeln offenbar geradezu überschüttet wurden - bemerkenswert vor allem durch die erstaunliche Kreativität bei der Verdrehung und Verfälschung von Tatsachen. Am Ende bleibt dem kritischen Betrachter die Frage, ob die Bezeichnung "Christival" denn im Hinblick auf die Intentionen der maßgebenden Initiatoren nicht ein Stück weit einem Etikettenschwindel gleichkommt und der Titel "Pharisäival" nicht ehrlicher gewesen wäre.
Der gemeinnützige Verein "Christival e.V.", vor rund 30 Jahren ins Leben gerufen und von über 100 Mitgliedern und Organisationen aus evangelischen Kirchen, christlichen Werken und Verbänden vorwiegend konservativ-theologischer Ausrichtung getragen, organisierte 2008 nunmehr zum fünften Male ein evangelikales missionarisches Jugendtreffen in großem Stil (bis zu 20.000 TeilnehmerInnen wurden erwartet, gut 16.000 kamen), und zwar vom 30. April bis 4. Mai in Bremen. "Jesus bewegt" lautete das Motto des diesjährigen Jugend-Kongresses. Damit wollten die Veranstalter jungen Menschen "viele Anregungen geben, neue Schritte im Glauben zu gehen" und dabei "ganz unterschiedliche Seiten der Person ansprechen", wie es in der Ankündigung hieß.
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Insgesamt wurden im Programm des "Christivals" ca. 230 Veranstaltungen, Workshops und Seminare angeboten, unter anderem zu Themen, wie mit Mobbing in der Schule umgegangen wird oder wie Jugendfreizeiten organisiert werden. Bereits Anfang Januar war Mitgliedern des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) und der Fraktion der Grünen im Bundestag jedoch eines der angekündigten Seminare aufgefallen, das Seminar Nr. 644 "Homosexualität verstehen - Chance zur Veränderung". In dessen Beschreibung [ (****) ] hieß es: "Viele Menschen leiden unter ihren homosexuellen Neigungen. Im Seminar geht es um Ursachen und konstruktive Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen." Das 90-minütige Seminar wurde von Monika Hoffmann und Konstantin Mascher vom "Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG)", einem Arbeitsbereich der "Offensive Junger Christen (OJC)", angeboten. (Im Rahmen eines Fachkongresses zum Thema "Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie" war im Herbst des vorigen Jahres im österreichischen Graz ein vergleichbares Seminar durch die deutsche "Umpolungs-Organisation" (*) "Wüstenstrom" angekündigt, dann aber auf vielfachen Protest und öffentlichen Druck hin zurückgezogen worden.) Das sich (pseudo-)wissenschaftlich gerierende DIJG bzw. die OJC unter ihrer Chefin Dr. med. C. Vonholdt sind seit Jahren für ihr Eintreten gegen gleiche Bürgerrechte für Lesben und Schwule berüchtigt. Die Union ermöglichte ihr in einer Anhörung zu "homopolitischen" Fragen einen Auftritt als "Sachverständige" im Bundestag (**) ( - und homophobe SPD-Abgeordnete [auch das gibt es durchaus (***) ] vor Jahren einen solchen im Hessischen Landtag). Darauf beruft sich ihre Organisation noch heute und versucht, den falschen Eindruck zu erwecken, über eine offizielle staatliche Anerkennung zu verfügen.
(*) Laut einem Urteil der 3. Zivilkammer des Frankfurter Landgerichts von Anfang Mai 2008 darf die Aktivität von "Wüstenstrom" als Bemühung zur "Umpolung" bezeichnet werden, auch wenn die Wüstenstrom-Leute dies nicht gerne hören. Der kritisch-aufgeklärten Öffentlichkeit gegenüber stellen sie ihre "Beratungsarbeit" und "Therapien" als "ergebnisoffen" dar, während andere Aussagen - auch zum Beispiel in ihrer Homepage - immer wieder begründete Zweifel daran aufkommen lassen. Die "Bundes-HuK" hatte versucht, mit "Wüstenstrom" in einen konstruktiven Dialog zu treten, doch dies ist an deren Doppelzüngigkeit (welche anscheinend zunehmend zum Charakteristikum evangelikal-fundamentalistischer Gruppierungen zu werden droht) gescheitert. So blieb als Fazit: "Es liegt sicher in der Verantwortung eines/einer jeden Einzelnen, von Angeboten >>Veränderung im Bereich Homosexualität<< Gebrauch zu machen oder auch nicht; wir können aber nach dem, was wir über Wüstenstrom wissen, von einer Beratung durch diese Organisation nur abraten." Näheres dazu finden Sie auf der Internet-Seite der "Bundes-HuK".
(**) Diese Berufung von Frau Dr. C. Vonholdt als "Sachverständige" ist in etwa das Gleiche, als wenn beispielsweise zur Wiedererrichtung einer Synagoge oder eines jüdischen Zentrums im Planungsverfahren ein unbelehrbarer Alt- oder Neo-Nazi und notorischer Holocaust-Leugner als >>Sachverständiger für "die Judenfrage"<< (!) eingeladen werden würde!
Zum besseren Verständnis des vorstehenden Vergleichs:
In den 80er Jahren war ärgerlicherweise in der deutschen Politik eine Mode aufgekommen, die inzwischen zumindest abgeebbt, wenn nicht - hoffentlich! - ganz erloschen ist, nämlich das "Schwingen der Nazi-Keule" im politischen Diskurs, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Manche werden sich noch an einen der traurigen Höhepunkte dieser Welle von zumeist völlig unpassenden und bisweilen geradezu absurden Nazi-Vergleichen erinnern, nämlich an des damaligen Kanzlers Helmut Kohl Gorbatschow-Goebbels-Vergleich. Dergleichen habe ich - der Internetredakteur dieser Webseite - stets aus zweierlei Gründen abgelehnt: einmal der damit gegebenen unsachlichen Polemik halber, die die Klärung von Meinungsverschiedenheiten und die Findung von gangbaren Kompromissen zwischen unterschiedlichen politischen Positionen eher erschwert, und zweitens (und vor allem) wegen der damit zunehmend einhergehenden unerträglichen Banalisierung und Relativierung dieser außerordentlichen Kumulation ungeheuerlichster Menschheitsverbrechen. Gerade auch als Kontaktmann der HuK Hannover im Netzwerk Erinnerung und Zukunft würde ich es mir daher niemals verzeihen, mich womöglich selbst eines derartigen Missgriffs schuldig zu machen. Daher lege ich allergrößten Wert auf die Feststellung, dass der oben getroffene Vergleich damit nichts, aber auch wirklich nichts, zu tun hat, sondern ausschließlich der Verdeutlichung einer in der Sache selbst gegebenen Parallele dient und nicht einmal die geringste Spur irgendeiner Art von Polemik in sich birgt!!!
Literatur zum Thema Nazi-Vergleiche:
Thorsten Eitz / Georg Stötzel: Wörterbuch der "Vergangenheitsbewältigung" - Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch, Bände 1 & 2. Hildesheim und Darmstadt 2009: Olms-Verlag und Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Lizenzausgabe). - Dazu als einführender Aufsatz der Autoren:
Georg Stötzel / Thorsten Eitz: Vokabeln, die nicht vergehen. In: forschung - Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ausgabe 3 / 2009, S. 10-12.
(***) Man denke etwa auch an den Ex-Bundesminister "Ich-glaube-mich-tritt-ein-Pferd"-Apel !
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Wie gesagt, wurden Mitglieder des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) und der Fraktion der Grünen im Bundestag Anfang Januar 2008 auf dieses "Homo-Heilungs"-Seminar aufmerksam; nicht zuletzt auch deswegen, weil die Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU) die Schirmherrschaft über das Treffen übernommen und es mit Mitteln aus dem Jugendplan ihres Hauses (also mit Steuergeldern) in Höhe von 250.000 € gefördert hatte. Dies rief verständlicherweise den Zorn des Bundeselternverbandes BEFAH hervor, dessen Bitte zur Übernahme der Schirmherrschaft über das Bundeselterntreffen zwei Monate zuvor in Hamburg die Ministerin kommentarlos abgelehnt hatte. Der BEFAH reagierte nun darauf mit einem Offenen Brief an die Ministerin, den wir hier als pdf-Datei (****) zugänglich machen. - Die Fraktion "Bündnis 90/DIE GRÜNEN" nahm diesen Sachverhalt am 24. Januar 2008 zum Anlass einer parlamentarischen kleinen Anfrage zum Thema "Antihomosexuelle Seminare und pseudowissenschaftliche Therapieangebote religiöser Fundamentalisten" mit 27 Fragen an die Bundesregierung, deren Antwort vom 12.02.2008 wir hier ebenfalls als pdf-Datei (****) zur Verfügung stellen. (Diese Datei enthält auch den kompletten Text der Kleinen Anfrage; dieser allein ist hier aber ebenfalls als pdf-Datei (****) zugänglich.)
(****) Den Acrobat Reader dazu können Sie über diesen Link kostenlos herunterladen!
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Volker Beck (Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion "Bündnis 90/DIE GRÜNEN") begründete die Anfrage wie folgt: "Frau von der Leyen kann nicht als Bundesfamilienministerin Schirmherrin eines Kongresses sein, bei dem gefährliche Psychokurse und minderheitenfeindliche Angebote gemacht werden." Die staatliche Kofinanzierung mit 250.000 Euro müsste dazu verpflichten, dass dort wenigstens nichts Minderheitenfeindliches stattfinden darf. Man gebe damit von staatlicher Seite so etwas wie ein Gütesiegel und sage: Das ist ein christliches Jugendfestival, offen für alle. Und das stimme eben nicht. Die Ministerin solle entweder die Schirmherrschaft niederlegen oder dafür sorgen, dass das "Homo-Heilungs"-Seminar aus dem Programm des Jugendkongresses gestrichen wird. Letzteres erfolgte dann schon sehr bald, wobei die genauen Umstände dazu aber unklar blieben: Das Familienministerium behauptete, seine Intervention habe dafür gesorgt, dass es rausgeflogen sei, die Veranstalter hingegen behaupteten das genaue Gegenteil: Sie hätten es aus freien Stücken abgesagt. Nur eins von beiden kann wahr sein und der staunende Laie fragt sich nun, wer da gelogen hat, das Bundesministerium oder der Christival e.V..
Im Übrigen ließ sich in der Pressemitteilung des Christival e.V. zur Seminarabsage keinerlei Distanz zu den Positionen der OJC erkennen. Wie denn auch, denn der Christival-Vorsitzende Dr. Roland Werner ist Beirat im OJC-"Institut" DIJG und Autor verschiedener Veröffentlichungen, in denen er Thesen der Ex-Gay-Bewegung vertritt, einschließlich der Behauptung, homosexuelle Gefühle seien Symptome einer tieferliegenden Identitätskrise. (Kleine Titel-Auswahl der Texte Werners: "Homosexualität und Lebenserneuerung", "Christ und homosexuell?" oder "Homosexualität - ein Schicksal? Innere Heilung, Lebensbilder, Thesen zur Seelsorge, das Zeugnis der Bibel".) Das alles lässt es fraglich erscheinen, dass es sich bei dem inzwischen abgesagten Seminar nur um eine Panne handelte.
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Schon vor der Absage des umstrittenen Seminars hatte der persönliche Referent von Frau von der Leyen am 10.01.2008 an den Lesben- und Schwulenverband (LSVD) geschrieben:
>> Frau von der Leyen unterstützt als Schirmherrin das Christival, weil es Jugendliche über die Grenzen der Konfessionen hinweg zusammenführt und damit viele gute Anstöße für die Jugendarbeit, für Glauben, Werte und Engagement gibt. Gerade die Vielfalt des Programms trägt dazu bei. Ich bin davon überzeugt, dass das Christival für viele junge Christinnen und Christen, darunter sicherlich auch viele Schwule und Lesben, ein schönes Erlebnis mit vielen guten Anregungen und Begegnungen sein wird. <<
Darauf hat der LSVD mit Schreiben vom 14.01.2008 wie folgt geantwortet:
>> Sehr geehrte Frau Bundesministerin von der Leyen,
vielen Dank für die schnelle Antwort, die Sie uns durch Ihren Referenten
haben zukommen lassen. Er meint:
"Ich bin davon überzeugt, dass das Christival für viele junge Christinnen und Christen, darunter sicherlich auch viele Schwule und Lesben, ein schönes Erlebnis mit vielen guten Anregungen und Begegnungen sein wird."
Das mag für heterosexuelle junge Christinnen und Christen zutreffen, aber
nicht für homosexuelle junge Menschen. Die meisten christlichen
Jugendverbände, die das Christival mittragen, teilen die homophoben
Ideologien des "Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft (DIJG)" und der Organisation "Wüstenstrom" und versuchen, homosexuelle Jugendliche in diesem Sinne zu beeinflussen. Den Jugendlichen wird, so auch bei früheren Christivals, nahegebracht, dass ihre sexuelle Orientierung eine sündige und "gefährliche" Verirrung sei, die mit Christi Hilfe geheilt werden könne. Die Heilung misslinge nur bei solchen Jugendlichen, die sich Christus verweigern und deshalb "verloren" seien. Diese Thesen werden mit missionarischem Eifer vertreten. Die dadurch verunsicherten Jugendlichen werden dann an Organisationen wie das DIJG und "Wüstenstrom" weitervermittelt.
Wir erleben immer wieder, welche schweren psychischen Störungen eine solche
Indoktrination bei jungen, ungefestigten Lesben und Schwulen auslöst, die
aufgrund ihrer religiösen Herkunft nicht in der Lage sind, die Haltlosigkeit dieser Thesen zu durchschauen. Leider erreichen wir diese Jugendlichen bisher nicht. Sie wenden sich erst nach einem langen Leidensweg an uns.
Wir halten es deshalb für sehr wichtig, Aufklärungsmaterial (Flyer,
Broschüren, Internetseiten usw.) für Jugendliche aus christlichem Milieu zu entwickeln. Ziel ist es, den Jugendlichen nahezubringen, dass ihre sexuelle Orientierung unabänderlich zu ihrer Persönlichkeit gehört, dass diese schicksalhafte bzw. ihnen von Gott mitgegebene Gabe höchstens unterdrückt, aber nicht verändert werden kann, sowie Wege aufzuzeigen, ihre sexuelle Orientierung anzunehmen und auf dieser Grundlage ein verantwortliches christliches Leben zu führen. Wir würden gerne mit Ihren Mitarbeitern ein Gespräch darüber führen, wie Ihr Ministerium eine solche Aufklärungsinitiative fördern kann.
In der schwul-lesbischen Community ist durch die umfangreiche Berichterstattung der letzen Tage der Eindruck entstanden, dass Ihr Ministerium die homophoben, jugendgefährdenden Organisationen unterstützt. Es wäre deshalb sicher hilfreich, wenn wir darauf hinweisen könnten, dass Ihr Ministerium hinter der beschriebenen Aufklärungsaktion steht. <<
(Ob und wie das Ministerium auf dieses Schreiben antwortete, ist dem Internetredakteur der HuK Hannover derzeit nicht bekannt.)
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Unter Überschriften wie "Volker Beck kämpft gegen christliche Organisationen" erschien nunmehr vor allem in der christlich-konservativen Presse und auf entsprechenden Internetseiten eine Fülle von Artikeln mit geradezu unglaublichen Verdrehungen und Unterstellungen. Ebenso wurde das Büro von Volker Beck und dessen Bereich in der Internet-Frage-Plattform "Abgeordnetenwatch" mit Hunderten von Emails beziehungsweise "Anfragen" geradezu überflutet. So wurde in den Texten immer wieder ein angeblicher Gegensatz zwischen Homosexuellen einerseits und Christen andererseits konstruiert, der ja gar nicht besteht, wofür beispielsweise die HuK (bundesweit wie auch regional bei uns in Hannover) ein lebendiger Beweis ist. Dahinter stand der Versuch, "eigene Positionen mit dem Christentum gleichzusetzen und sich dadurch gegen Kritik zu immunisieren", wie Volker Beck in einem Interview mit der "taz" formulierte. Die Veranstalter und die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) warfen ihm vor, der Meinungsfreiheit zu schaden. Dazu Beck: "Ich finde den Vorwurf bezeichnend für deren Demokratieverständnis: Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit bedeuten nicht, dass alles, was man in ihrem Namen artikuliert, völlig außerhalb der Kritik steht. Kritik ist kein Angriff auf die Meinungsfreiheit, sondern ihr Ausdruck. ... Diese Damen und Herren spielen mit der Sprache. Kritik ist Angriff auf die Meinungsfreiheit, Diffamierung ist keine Diffamierung, solange sie von ihnen kommt. Und Selbstbestimmung ist dann, wenn man sich seine Homosexualität wegtherapieren lässt. Das ist eine Strategie, die hat man in den USA abgeguckt."
Was die befürchtete Wirkung auf homosexuelle Jugendliche aus evangelikalen und fundamentalistischen Milieus betrifft, so meinte Beck: "Der ganze Diskurs dieser Leute über Homosexualität ist geprägt von der Behauptung, Homosexualität wäre ein veränderungsbedürftiges Defizit. Es wird nirgends die Möglichkeit erwogen, die eigene Homosexualität positiv anzunehmen - und sie in Übereinstimmung mit dem Glauben zu leben. ... Es geht mir nicht darum, zu behaupten, ein einzelnes Seminar würde unheimlichen Druck auf jemanden ausüben. Das Problem ist aber: Menschen erfahren dort von einer abstrusen Theorie - und halten diese dann für wahr." Enttäuscht äußerte sich Beck über die undifferenzierte Unterstützung einiger kirchlicher Amtsträger für das Christival: "Ich würde mir schon wünschen, dass unsere Bischöfe erkennen: Sie haben auch eine seelsorgerische Verantwortung für Menschen, die in die Fänge dieser Gruppierungen geraten. In denen wird auf junge, homosexuelle ChristInnen ein Druck ausgeübt, sich in Pseudo-Therapien zu begeben - mit den potenziellen Folgen von schweren Depressionen bis hin zu Suizidversuchen. ... Es ist ein wichtiger Unterschied, ob dieser Druck mit Billigung von Instanzen wie der evangelischen Kirche oder dem Staat ausgeübt wird - oder im Widerspruch zu ihnen. Das ist für die Chance, sich davon zu befreien, ganz entscheidend." An anderer Stelle führte er aus: "Für die Betroffenen kann ich nur hoffen, dass sie nicht unter den Verletzungen leiden müssen, von denen Aussteiger aus der Ex-Gay-Szene berichten."
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Dabei wolle er nicht, dass das Christival gestoppt wird: "Ich würde mich stets dafür verwenden, dass niemand versucht, das, was die dort veranstalten, strafrechtlich zu verfolgen - diese Homo-Heilungs-Seminare eingeschlossen. Genauso ist meine Kritik keine Kritik am Christentum an sich." Für viele seiner Gegner vermutlich unerwartet, argumentierte Beck in seinen vielen Antwortschreiben im Portal "Abgeordnetenwatch" stets kompetent und "bibelfest". Zur Feststellung, das Christival existiere doch schon seit 30 Jahren und bisher habe es nie solche Aufregung darum gegeben, meinte er: "Ich habe den Eindruck, es gibt in diesem eher konservativen, evangelikalen Spektrum durch den Einfluss der Bewegungen in den USA eine Engführung auf bestimmte Themen - wie Homosexualität, Schwangerschaftsabbruch, überhaupt Sexuallehre, aber auch den Kreationismus, wo man ganz gezielt versucht, für eine sehr randständige Meinung gesellschaftliches Terrain zu erobern. Das hatte man früher in dem Maße nicht - da ging es in erster Linie wirklich um Religiosität. Mittlerweile geht es um eine religiös begründete Politik.
Zum Beginn des "Christival" warnte auch die Hamburger Sektenexpertin Ursula Caberta vor dem Erstarken eines konservativ-evangelischen Fundamentalismus. Ihr mache Sorge, wie sich religiöse Auslegungen so genannter evangelikaler Christen immer mehr in den Köpfen ausbreiteten, sagte die Leiterin der "Arbeitsgruppe Scientology" bei der Hamburger Innenbehörde in einem Interview des Evangelischen Kirchenfunks Niedersachsen (ekn). Auch abseits von Großveranstaltungen sind laut Caberta die Evangelikalen im Vormarsch. Die Sektenbeauftragte kritisierte vor allem das konservative Frauenbild, das sie dabei beobachtet habe. Die Kirchen müssten sich gegen solche Tendenzen abgrenzen, forderte Caberta. Sie dürften "nicht der Versuchung erliegen, über diese evangelikalen, fundamentalistisch Abdriftenden zu meinen, sie könnten ihre Kirche beleben" (zitiert nach epd Niedersachsen-Bremen, 30.04.08). - Im gleichen Sinne wie Volker Beck mit Bezug auf die gefährdeten Jugendlichen äußerte sich auch der Konvent lesbischer und schwuler MitarbeiterInnen in der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) im Blick auf seine Mitglieder und Adressaten; vergleiche dazu unsere gesonderte Seite.
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Erneut gab es dann Kritik an einem Seminar des christlichen Jugendkongresses "Christival", diesmal durch die Gesellschaft für Sexual- und Familienplanung "Pro Familia": Diese kritisierte ein Seminar zum Thema Abtreibung, das von einem Referenten des Vereins "Die Birke" abgehalten wurde, der sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetzt. "Pro Familia" warnte vor dem Seminar mit dem Titel "Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?", weil dort vermittelt werde, so Annegret Siebe, Geschäftsführerin von "Pro Familia" Bremen, dass eine Abtreibung schlimmer sei als das Leid der schwangeren Frau. Sie verurteilte die "gedrehte Wertung", die hier stattfinde. Wie die "taz" berichtete, fand es Siebe "bedrohlich", wenn diese Ansicht auf einer Tagung vertreten wird, auf der mit 20.000 jugendlichen TeilnehmerInnen gerechnet werde. Problematisch seien auch die "Christival"-Seminare, in denen das Verbot von Sexualität vor der Ehe als Dogma verbreitet wird. "Wer dagegen verstößt - und das tun Jugendliche - bekommt Schuldgefühle", kritisiert Siebe.
Was die von diesen Fundamentalisten immer wieder propagierte "Möglichkeit zur Veränderung" betrifft und die Schuldgefühle, die sie homo- und bisexuellen Jugendlichen (aber auch Erwachsenen) einreden wollen, die sich nicht "umpolen" lassen (und es in aller Regel ja auch gar nicht könnten), so verweisen wir hier auf den betreffenden Abschnitt unserer Seite zur Vielfalt menschlicher Sexualität. Kurzgefasst lässt sich hierzu sagen, dass viele Menschen in der Polarität homo<=>hetero (-sexuell) nach Kinsey und anderen Autoren nicht unbedingt "an den Polen zu verorten" sind und dass es mehr oder weniger bisexuell veranlagten Personen unter dem Druck von Milieu, Glauben oder Ideologie sicherlich in begrenztem Maße möglich ist, einen Teil ihrer Persönlichkeit zu unterdrücken. Andererseits kann aber niemand durch Willensanstrengung, "Gesundbeten" oder was auch immer beeinflussen, von wem er oder sie sich erotisch angezogen fühlt und von wem nicht. Jene "Studien", die angeblich anderes beweisen sollen, können eben gerade diesen Beweis nicht erbringen, wenn man sie geanau liest.
Vollkommen daneben (wenn er auch nicht unoriginell ist) zielt aber in diesem Zusammenhang der im Februar 2008 in einer (un-)heiligen Allianz der Internet-Portale "kath.net" (katholisch-fundamentalistisch) und "idea" (evangelikal) unter dem Titel "Einmal schwul - immer schwul?" vorgetragene Angriff auf die Grünen": "Wieso darf die Religion gewechselt werden, nicht aber die sexuelle Orientierung?" heißt es da - und weiter: "Böse Zungen könnten behaupten, dass Becks Haltung an die muslimischer Fundamentalisten erinnere: Er unterstellt, dass es - ohne seelischen Schaden - keine Abkehr von der Homosexualität geben kann; sie bestehen darauf, dass ein Muslim niemals - ungestraft - vom Glauben abfallen darf." Dies ist schlichtweg biologischer Unfug, da der religiöse Glaube keine der sexuellen Orientierung vergleichbare biologische Grundlage besitzt. (Soviel lässt sich immerhin schon sagen, auch ohne dass wir die biologische Grundlage kennen, deren erste Indizien die Forschungen am Karolinska-Institut erbrachten.)
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Im Vorfeld des "Christivals" war dieses weiterhin heftigem Gegenwind ausgesetzt: Das Bremer Kulturzentrum "Schlachthof", in dem zwei Seminare und Konzerte stattfinden sollten, kündigte beispielsweise den Mietvertrag; außerdem hatte sich in Bremen ein "Antisexistisches Bündnis NoChristival" gegründet, das am Eröffnungsabend des Jugendkongresses gegen Homophobie und Sexismus demonstrierte. Nach Angaben der Polizei hatten etwa 100 Demonstranten, überwiegend vom "Schwarzen Block", den Zaun durchbrochen und versucht, das Christival-Gelände zu stürmen. Während es ansonsten zumeist friedlich blieb, wurden vereinzelt Teilnehmer und Veranstaltungen gewaltsam bedrängt, wovon sich jedoch die dem "Christival" kritisch gegenüberstehenden Gruppen und Organisationen distanzierten, die sich im Bündnis "Freiheit für Vielfalt" zusammengeschlossen hatten (darunter auch die Bundes-HuK).
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, hatte bei einem Besuch des Christivals betont, es sei ein Gebot des redlichen Umgangs miteinander, die Sexualität von Schwulen und Lesben zu akzeptieren. Doch warnte er auch davor, das Christival auf die Themen Homosexualität und Abtreibung zu reduzieren: "Hier geht es um die ganze Breite christlicher Jugendarbeit."
Mitte Mai 2008, kurz nach dem Christival, berichtete dann der SWR über Umpolungsopfer von Wüstenstrom. In diesem Fernsehbeitrag kam ein Umpolungsopfer zu Wort, das erhebliche psychische und körperliche Schäden durch die teure "Beratungsarbeit" von Wüstenstrom erlitten hat. Der Betroffene berichtete auch von Selbstmordversuchen anderer Teilnehmer. Prof. Dr. Udo Rauchfleisch sprach dazu von fahrlässigem Umgang mit Hilfebedürftigen, vor allem weil die unqualifizierten Wüstenstrom-Berater hochdepressive Menschen nicht an Psychotherapeuten weiterleiten würden. In diesem Zusammenhang wurden dann auch Interviews vom Christival 2008 gezeigt, in denen von fanatisierten TeilnehmerInnen Homosexualität sogar mit Mord gleichgesetzt wurde. (!!!)
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Die (Bundes-)HuK nahm weder am Festival noch an der Demonstration teil, führte aber mit Unterstützung durch ihre Bremer Regionalgruppe und in Kooperation mit dem Konvent lesbischer und schwuler MitarbeiterInnen in der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) ein Pressegespräch durch, an dem auch zwei aus dem evangelikalen Milieu stammende und in Sachen "Umpolung" aus eigenem Erleben erfahrene Mitglieder teilnahmen und ihre Leidensgeschichte schilderten. Der Pressesprecher der HuK, Dr. Reinhold Weicker, stellte deren Position sinngemäß wie folgt klar: "Dies ist keine Anti-Christival-Veranstaltung. Wir respektieren alle Formen der Frömmigkeit, auch wenn sie nicht unsere eigenen sind. Aber wir protestieren, wenn Ablehnung der Homosexualität und von Homosexuellen zu so etwas wie einem Glaubensgrundsatz gemacht wird". Er versuchte, dies auch an den Begriffen "evangelikal" und "fundamentalistisch" zu verdeutlichen: Er verstünde "evangelikal" zuerst als Bezeichnung für eine Form der Frömmigkeit, die zwar nicht seine eigene sei, die er aber respektieren würde. "Fundamentalistisch" sei es aber in seinem Verständnis, wenn die eigene Interpretation der Bibel zur Glaubensgrundlage gemacht würde und wenn man solche, die es anders sehen, nicht als Christen anerkenne.
Ein Journalist fragte etwas wie "Kann es aber nicht doch sein, dass jemand gar nicht von außen gedrängt wird, sondern durch Bibelstudium und eigenes Nachdenken zum Schluss kommt, dass Homosexualität nichts für ihn ist und dass er deshalb um Veränderung nachsucht?" Weicker wollte das nicht grundsätzlich und für jeden ausschließen, wies aber darauf hin, dass das abgesagte Seminar eben nicht den Titel gehabt habe "Wie kann man einer Minderheit in der Minderheit helfen?" (nämlich denen, die davon loskommen wollen), sondern dass es den Titel gehabt habe "Homosexualität verstehen". Dahinter habe der Anspruch gestanden, grundsätzliche Aussagen zur Homosexualität machen zu können, etwa im Sinne von "Wir [das DIJG] sind die Experten, wir wissen das."
Ein anderer Journalist berichtete, dass er in der "Messe der missionarischen Möglichkeiten" (etwas wie MdM bei Kirchentagen) mehrere jugendliche (ca. 16-17jährige) Teilnehmer auf Homosexualität angesprochen und immer die Standard-Antworten bekommen habe: (1) Das ist Sünde, in der Bibel verboten; (2) es liegt an mangelnder Vater-Sohn-Zuwendung (im männlichen Fall); (3) man kann davon loskommen, es verändern.
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Bedenkt man, dass Jesus Christus - so überliefert es uns jedenfalls das Neue Testament - offen und in der Bereitschaft zu liebendem Verstehen auf die Menschen zuging, so mag man sich verwundert fragen, wie die Verantwortlichen des sogenannten "Christivals" bei ihrer offenkundig gänzlich dem entgegengerichteten Konzeption auf diesen Namen kamen - "Pharisäival" wäre doch sehr viel passender und auch ehrlicher gewesen: Als Pharisäer (hebräisch: peruschim, Abgesonderte) bezeichnet man eine religiös-politische Gruppierung aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts vor Christus, die ursprünglich aus der Richtung der "Frommen", der Chassidim, hervorging. Die Pharisäer verlangten, dass der Staat allein vom göttlichen Gesetz bestimmt und an diesem gemessen werden sollte. Zwar standen sie im Gegensatz zu der Oberschicht der Sadduzäer dem Volk nahe; doch vertraten sie eine strenge Gesetzesfrömmigkeit, die sie wohl im Zweifel schon mal über die Menschlichkeit stellten. Da müssten sich doch die Fundamentalisten unter unseren Evangelikalen wiedererkennen!
Jesus bezieht sich in seinen "Weherufen gegen die Pharisäer", die im Neuen Testament überliefert sind (Matthäus 23), auf die heuchlerischen Pharisäer, die auch im Talmud verurteilt werden. Neben dem "Schulter-Pharisäer", der seine guten Taten auf den Schultern trägt, gab es jedoch auch den "gottesfürchtigen Pharisäer", wie Hiob, und den "gottliebenden Pharisäer". Diese werden in den Evangelien als Jesus gegenüber positiv eingestellt beschrieben (Lukas 7, 37 und 13, 31). Auch diese finden wir unter den Evangelikalen von heute wieder. Viele von denen jedoch, die sich in der evangelikal-konservativen Presse (inklusive Internet) und in "Abgeordnetenwatch" äußerten, erwiesen sich eher als Pharisäer im Sinn der 2. Bedeutung im Lexikon. Und da lese ich "2.) (im übertragenen Sinn) selbstgerechter Heuchler". Darauf folgt dann noch "3.) wienerisches (*****) Getränk aus Kaffee und Rum mit Schlagsahne". Gute Idee: Solch einen Pharisäer könnte man sich nun nach diesem langen Text eigentlich mal genehmigen!
(*****) Zwar stammen möglicherweise die meisten nicht-italienischen Kaffeespezialitäten aus den Wiener Kaffeehäusern, doch in diesem Falle irrt das Lexikon: Das Getränk "Pharisäer" wurde 1872 auf der nordfriesischen (Halb-)Insel Nordstrand (heute zu Schleswig-Holstein gehörig) erfunden, angeblich anlässlich einer Taufe. Da der Orts-Pfarrer dem Alkoholgenuss abgeneigt war, kaschierte man den Rum mit Kaffee und Schlagsahne. Als der Pfarrer dann doch dahinterkam, soll er ausgerufen haben: "Oh, Ihr Pharisäer!".
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© HuK Hannover e.V. 06.10.2008 (begonnen 25.02.2008)
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letzte Änderungen am 15.10.2008, 09.11.2008 ("Pharisäer (3)") und 06.10.2009 (Literatur NS-Vergleiche)