Aktuelles

Mittendrin und Miteinander:
Lesben und Schwule mit Behinderung

Außenveranstaltung der HuK Hannover
im Pavillon am Raschplatz am 12. Februar 2008

(Bericht: Dr. Bernd König)

"Lesben und Schwule mit Behinderung" lautete das Thema der ersten Veranstaltung der neuen Außenveranstaltungsreihe der HuK Hannover "Mittendrin und Miteinander" im Pavillon am Raschplatz. Organisiert wird die Reihe, in der vierteljährlich eine Veranstaltung zu einem lesbisch-schwulen Thema vorgesehen ist, von unserem Mitglied Ulrike Kümel; der Pavillon ist mitbeteiligt und die Stiftung Edelhof Ricklingen sponserte dankenswerterweise diese Auftaktveranstaltung. Das Konzept der Reihe sieht jeweils eine Podiumsdiskussion mit einer/m (lesbischen oder schwulen) Hauptreferenten/in vor, die/der ihr/sein Buch zum Thema vorstellt, und eine/n Korreferenten/in "aus der heterosexuellen Welt", um dadurch unsere Minderheit mit der Mehrheitsgesellschaft in einen Dialog zu bringen.

Einband des Buches von Thomas Rattay "Volle Fahrt voraus - Lesben und Schwule mit Behinderung"

Heute also las der Autor und Herausgeber Thomas Rattay aus seinem Buch "Volle Fahrt voraus - Lesben und Schwule mit Behinderung", das aus Interviews betroffener Jugendlicher besteht. Schon vor einigen Jahren machte man sich beim bundesweiten Jugendnetzwerk Lambda, wo Rattay als Mitarbeiter tätig ist, Gedanken um Behinderte und die Barrierefreiheit der eigenen Angebote. (Das Jugendnetzwerk Lambda organisiert Seminare und Freizeiten für lesbische und schwule Jugendliche und wird dafür vom Bundesfamilienministerium gefördert.) Thomas Rattay führte in diesem Zusammenhang Interviews durch, die auch bereits zum Teil intern publiziert und nunmehr im Jahr 2007 zu diesem Buch zusammengefasst wurden. Seine GesprächspartnerInnen waren dabei Jugendliche, die entweder selbstständig oder (noch?) bei ihren Eltern leben; BewohnerInnen von speziellen Behinderteneinrichtungen sind also nicht darunter.

Letztere mögen noch größere Probleme als die hier Interviewten haben, wenn sie sich fragen, ob sie sich outen sollten oder doch besser nicht und welche Probleme das für ihr weiteres Leben in ihrer Einrichtung mit sich bringen könnte. Auch für Thomas Rattays Interviewpartner war das Coming out oft nicht einfach - wie für viele Nicht-Behinderte schließlich auch -, hatte aber zumeist nur sekundäre Bedeutung im Vergleich zum Problem der Annahme und des Umgangs mit der Behinderung. Das soll heißen, dass die Jugendlichen sich mit ihrer von der Mehrheitsgesellschaft abweichenden sexuellen Orientierung erst auseinandergesetzt haben, wenn sie es gelernt und akzeptiert hatten, mit ihrer Behinderung zu leben. Dann stellt sich ihnen oft die Frage "Wohin gehören wir - in eine "Homogruppe" oder in die Behindertengruppe? In der Regel fühlen sie sich aber in "Homogruppen" und in Lesben- und Schwulenzentren angenommen und akzeptiert. Beispielsweise hat sich auch das Lesbenfrühlingstreffen schon sehr früh auf behinderte Teilnehmerinnen eingestellt; das Waldschlösschen bietet spezielle Seminare für Behinderte an (wobei es leider baulich hinsichtlich "Barrierefreiheit" in seinen Möglichkeiten sehr begrenzt ist). Das Jugendnetzwerk Lambda, aus dem das Buch hervorging, verfügt nach wie vor über ein eigenes Behindertenreferat.

Als heterosexueller Korreferent sprach dann Wolfgang Bunde von "Ambulant Betreutes Wohnen" der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der sich nur an einen einzigen Homosexuellen erinnern konnte, auf den er in seiner beruflichen Laufbahn gestoßen sei. Als der sich geoutet hatte, habe die AWO vorbildlich und vorurteilsfrei reagiert und dessen Wünschen auch entsprochen. Genau hier liegt aber wohl das Problem: Die Einrichtungen sind heute durchaus in der Regel so weit, dass sie Lesben und Schwule in ihrer Persönlichkeit akzeptieren und sie nicht mehr diskriminieren, wenn diese sich outen. Im Einzelfall agieren die Einrichtungen dann angemessen und flexibel. Sie kommunizieren das jedoch an die Betroffenen nicht in der Form, dass diese zum Sich-outen ermutigt werden. Und da das Pflegepersonal noch heute im Themenbereich Sexualität kaum angemessen geschult wird (noch nicht einmal zum Umgang mit Hetero-, geschweige denn Homosexualität in Pflege-Einrichtungen), werden persönliche Bedürfnisse und Wünsche der BewohnerInnen oftmals sicher gar nicht bemerkt. Und solange sich niemand meldet, macht sich auch keine(r) der MitarbeiterInnen Gedanken darüber. Aufklärung zu den Themen Safer Sex, HIV/AIDS und ganz allgemein zum Umgang mit Sexualität gibt es für die BewohnerInnen von Pflegeeinrichtungen dementsprechend auch so gut wie gar nicht.

In der anschließenden Diskussion wurde von den Gästen, darunter einzelnen im Rollstuhl, insbesondere der Wunsch nach gleichgeschlechtlicher Assistenz beim Pflegepersonal deutlich. Dazu gibt es seit dem 1. Januar 2008 eine gesetzliche Regelung, nach der die Assistenz selbst gewählt werden kann - im Rahmen des Möglichen. Das heißt wohl, wenn die zumeist wenigen männlichen Pflegekräfte gerade alle im Urlaub und/oder krank sind und es dem Heimträger organisatorisch und wirtschaftlich nicht zuzumuten ist, eine geeignete Ersatzkraft zu verpflichten, müsste sich der schwule Pflegebedürftige ausnahmsweise doch noch die Pflege von weiblicher Hand gefallen lassen - und die Lesbe bei umgekehrter Konstellation auch die von männlicher. Bei Verfügbarkeit von Personal aus beiden Geschlechtern muss aber der Wunsch der/des Pflegepatientin/en respektiert werden - während früher das Pflegepersonal vom Gesetzgeber als gewissermaßen geschlechtsneutral angesehen wurde und so beispielsweise eine behinderte Lesbe Intimpflege von männlicher Hand erdulden musste. Dies schilderten betroffene Frauen aus eigenem Erleben - und wie sie sich dabei im Geiste aus ihrem Körper davonstahlen, um diese Situation durchzustehen. Die Mehrzahl der Gäste des Abends wünschte sich jedenfalls Pflegeheime mit weiblicher Betreuung für die Lesben und männlicher für die Schwulen.

Diese insgesamt informative und gelungene Veranstaltung wurde komplettiert durch einen Büchertisch des Buchladens Annabee sowie Stelltafeln und Infotische mit Informationen der HuK Hannover, des Waldschlösschens bei Göttingen (Seminarangebot für Schwule mit Behinderung) und vom Lesbenfrühlingstreffen. (Für Gehörlose hätte noch eine Gebärdendolmetscherin zur Verfügung gestanden, die aber mangels entsprechender Gäste nicht benötigt wurde. Während diese selbst es begrüßte, "dass auch an diese Behinderung gedacht worden war", wie sie sagte, meinte Thomas Rattay, dass sich seiner Erfahrung nach Gehörlose in der Regel gar nicht als behindert begreifen.) Die zum Teil aus weiterer Entfernung, zum Beispiel auch aus Nordrhein-Westfalen, angereisten Gäste nutzten zum Schluss noch die Gelegenheit zum Gedanken- und (Email-) Adressenaustausch in kleinen Gruppen. Und auch wir tragen mit den unten auf dieser Seite stehenden (und zugleich neu in unsere Linkliste aufgenommenen) Adressen gern zur weiteren Vernetzung bei.

(Fotos © Jürgen Rattay [www.pink-gay.de - mit Thomas Rattay weder verwandt noch verschwägert.] -
Die Bilder können mit einer Ausnahme durch Anklicken vergrößert gesehen werden.)

Eingangsbereich des Kleinen Saals im Pavillon
mit den ersten Gästen, dem Büchertisch (links)
und dem Kaffee- und Infotisch

Der Info- und Kaffeetisch

Der Büchertisch
mit einer der beiden Stellwände im Hintergrund

Die Stellwand mit der Information
der HuK Hannover in Großschrift

Ulrike mit ihrem Blumenstrauß

Zum obigen Bild:
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... und hier zur (Homoluja-) Version auf einer DIN A4-Seite ebenfalls als pdf-Datei (*)

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Links:
Ulrike erhielt als Dank für die Organisation der
Veranstaltung vom Vorstand der HuK Hannover
einen Blumenstrauß.

Zu einem Interview, das in der Planungsphase
von Radio Flora mit Ulrike geführt worden war
[*.mp3, rund 5 Minuten, 3,77 MB (!), Soundkarte
erforderlich]

 

Thomas Rattay (links) und Wolfgang Bunde mit und ohne Ulrike, der Organisatorin der Reihe

Zur eigenen, von Ulrike selbst gestalteten Webseite der Veranstaltungsreihe geht es hier:
www.mittendrin-und-miteinander.de

Logo der Gruppe "RAR - Richtig am Rand"

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© 2008 HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 25.02.2008 (plus Link am 22.03.2010)