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Zug der Erinnerung - Verkleinerte Abbildung des Plakats für den Halt in Hannover vom 7. bis 11. Januar 2008

Der "Zug der Erinnerung"
macht Station in Hannover

Ohne die Transporte durch die Reichsbahn wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Eine private Bürgerinitiative hat eine rollende Ausstellung in einem "Zug der Erinnerung" installiert, der vom 7. bis 11. Januar auch in Hannover Station machte. Am 8. November 2007 war er in Frankfurt am Main gestartet und sollte dann nach einer Reihe weiterer Aufenthalte in deutschen Bahnhöfen letztlich im Frühjahr 2008 über die polnische Grenze und nach Auschwitz fahren.

Sein Standort in Hannover war Gleis 104 des Hauptbahnhofes - am Südende (bzw. dem in Fahrtrichtung Bismarckbahnhof liegenden Ende) des Bahnsteigs 3; sein Aufenthalt hier wurde vom DGB koordiniert und von Stadt und Region Hannover gefördert; das Netzwerk Erinnerung und Zukunft und verschiedene seiner Mitglieder waren daran beteiligt.

Thematisch im Vordergrund stand für die Initiatoren die Deportation von Kindern aus Deutschland und den besetzten Ländern Europas - per Massentransporten in Viehwaggons; deportiert, weil sie jüdische Kinder, Sinti und Roma, Kranke/Behinderte oder Kinder von Nazi-Gegnern waren. Für über 12.000 von ihnen (von insgesamt mehr als einer Million!) konnten bisher Namen festgestellt und ihr Schicksal aufgeklärt werden. (Rein statistisch gesehen müssen sich unter den > 12.000 auch mehrere hundert mit gleichgeschlechtlicher Orientierung befunden haben.) Die rollende Ausstellung soll im Prinzip dort gezeigt werden, wo für die Opfer die Deportation begann, die zumeist eine Reise in den Tod war. In Hannover ist das historisch nicht ganz richtig, denn hier gingen fast alle Transporte vom Bahnhof Fischerhof in Linden ab (Nr. 22, S. 75-76 in "Orte der Erinnerung"), nicht aber vom Hauptbahnhof. Dieser liegt allerdings verkehrsgünstiger für die Besucher der Ausstellung - auch und gerade für die mehr als 60 Schulklassen - zum Teil auch aus dem weiteren Umland -, die sich angemeldet und vorab auch im Unterricht auf das Thema vorbereitet haben. Bei ihren Besuchen - vorwiegend am Vormittag - waren pädagogische Mitarbeiter und Zeitzeugen vor Ort.

Angemerkt sei noch, dass "unsere Opfer", also die (männlichen, jugendlichen oder erwachsenen) Homosexuellen, trotz vereinzelter entsprechender Darstellungen (z.B. Heger, Die Männer mit dem rosa Winkel; - vgl. auch den Film "Bent" [Großbritannien 1997, Regie Sean Mathias]) eher selten in Massentransporten in Viehwaggons ins Konzentrationslager gebracht wurden - dies widerfuhr ihnen allenfalls später bei Verlegungen von einem in ein anderes Konzentrationslager, vor allem aber zum Ende hin bei der Evakuierung von Lagern bei anrückender Front oder bei der Auflösung der Emslandlager. Ihr "üblicher" Weg ins Lager dürfte aber als "Strafgefangener" (in Handschellen) im Abteil eines Personenwagens (unter Bewachung) erfolgt sein.

Noch weit über die Tage der hiesigen Präsenz der Ausstellung hinaus reichte das Begleitprogramm mit verschiedenen Vorträgen in Hannover und im Umland sowie auch der Gelegenheit zum Besuch des sonst verschlossenen jüdischen Friedhofes und der Predigt(en)halle an der Strangriede mit einer Tafelausstellung zur Geschichte der Juden in Hannover seit dem Mittelalter [und deren Autor Dr. Schulze als Gesprächspartner] (Nr. 29, S. 87-89 in "Orte der Erinnerung") - schräg gegenüber vom "Stolperstein" für Walter Ackermann.

Als örtlicher Organisator eröffnete Sebastian Wertmüller, Vorsitzender des DGB Niedersachsen-Mitte, die Ausstellung (Arbeiter und Gewerkschafter waren unter den ersten Opfern der Nazis!); weitere Reden hielten Hauke Jagau, der Regionspräsident der Region Hannover, und der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Stephan Weil. Nach dem Fototermin für die Journalisten konnten dann auch die ersten Besucher - darunter Mitglieder der HuK Hannover - die Ausstellung in den beiden Waggons ansehen.

Der Zug der Erinnerung: Eine Dampflok der Baureihe 50 mit zwei Waggons
(Außenaufnahmen: Rainer Hoffschildt. - Die Fotos
mittlerer Größe können durch Anklicken vergrößert gesehen werden!)

Sebastian Wertmüller, der Vorsitzende des DGB Niedersachsen-Mitte, (links) bei der Eröffnung der Ausstellung am 7. Januar. Rechts von ihm Stephan Weil, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover, Margot Kleinberger, NS-Opfer und Zeitzeugin aus Hannover (sowie aktives Mitglied des Netzwerks Erinnerung und Zukunft Region Hannover) und Hauke Jagau, Regionspräsident der Region Hannover (und Gäste)

Sebastian Wertmüller, der Vorsitzende des DGB Niedersachsen-Mitte, (links) bei der Eröffnung der Ausstellung am 7. Januar.
Rechts von ihm Stephan Weil, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover, Margot Kleinberger, NS-Opfer und Zeitzeugin
aus Hannover (sowie aktives Mitglied des Netzwerks Erinnerung und Zukunft Region Hannover) und Hauke Jagau,
Regionspräsident der Region Hannover (und Gäste)

Oberbürgermeister Weil bei seiner Ansprache

Im ersten Waggon waren auf Text- und Foto-Tafeln neben einer knappen Einleitung vor allem Einzelschicksale deportierter Kinder dargestellt - insbesondere solcher aus den im Angriffs-Krieg der Nazis besetzten Ländern Europas. Eindringliches Beispiel für die Gruppe der Kranken und Behinderten war das Schicksal eines Mädchens, das in der Folge einer verschleppten (oder ärztlich nicht richtig behandelten) Mittelohrentzündung "Verhaltensstörungen" zeigte, deswegen in ein Heim eingewiesen worden war und dann mit anderen Kindern aus diesem Heim ermordet wurde.

Ansichten aus der Ausstellung (1)

Zwei Ansichten aus der Ausstellung
von der Webseite des Zuges
(siehe den Link auf dieser Seite unten)

Ansichten aus der Ausstellung (2)

Im Anfangsbereich des 2. Waggons befanden sich Tafeln zu den Tätern - mehr oder weniger hohen Bahnbeamten, die die Transporte organisiert hatten, hinterher aber von nichts etwas gewusst haben wollten ( - "diese Schriftstücke sind nur zufällig in meine Unterschriftsmappe geraten"), sowie dem Verkehrsminister der Nazis, Dorpmüller, einem überzeugten NSDAP-Mitglied, der noch 1945 verstarb, zu dessen Ehren aber der Ausstellung zufolge noch lange nach dem Kriege beispielsweise Sitzungsräume der Bundesbahn benannt waren und der bis 1995 zu den Ehrenpräsidenten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen gezählt haben soll. Ein einziger Verantwortlicher der Reichsbahn - so die Tafeln der Ausstellung - sei überhaupt jemals für deren maßgebliche Beteiligung an den Verbrechen der Nazis zur Verantwortung gezogen, aber schon nach Verbüßung nur weniger Jahre seiner Gefängnisstrafe wieder entlassen worden.

In diesem Bereich befand sich zudem noch eine Leinwand, auf die abwechselnd zwei kurze Videosequenzen eingespielt wurden: Zum einen das Zeugnis eines damaligen Bahn-Verantwortlichen ("Ich war nie in Auschwitz oder Buchenwald und wusste nicht, was dort geschah; für mich waren das nur Zielorte der Transporte.") und einer Betroffenen, die vom Transport im Viehwaggon berichtete. - Gleich darauf folgte eine Tafel mit dem Text zu einer Überlebenden der Deportationen mit zwei historischen Gruppenbildern, auf denen sie zu sehen ist - einem Bild ihrer Schulklasse vor ihrer Deportation und einem Bild, das sie als Teil einer Gruppe überlebender sogenannter "displaced persons" zeigt. Es handelte sich dabei um unser Netzwerk-Mitglied Margot Kleinberger, geb. Kreuzer, aus Hannover.

Diese war ja bei der Eröffnung persönlich anwesend und sprach im angrenzenden Waggonabschnitt noch mit den Besuchern und den Journalisten. Hier waren auch noch "ortsspezifische" Tafeln untergebracht - im hannoverschen Falle Opferlisten und Informationen zur Mahn- und Gedenkstätte Ahlem - sowie eine kleine Handbibliothek zu den Naziverbrechen und ein Computer-Arbeitsplatz zur Recherche.

Abschließend bedarf leider noch ein hochnotpeinlicher Skandal einer Erwähnung: Während seit einer Reihe von Jahren immer mehr der in die Nazi-Verbrechen verstrickten (Privat-)Firmen oder deren Rechtsnachfolger diesen Teil ihrer Firmengeschichte von Historikern aufarbeiten und dokumentieren ließen, hat das größte deutsche Unternehmen, das (bislang immer noch) staatseigene Unternehmen Deutsche Bahn AG, Rechtsnachfolgerin der am meisten belasteten "Firma" Deutsche Reichsbahn, dergleichen noch nicht für nötig erachtet. Ganz im Gegenteil: Für diese mit sehr viel Mühe und Engagement von privaten Bürgern organisierte rollende Ausstellung "Zug der Erinnerung" will sie sich obendrein noch bezahlen lassen und daran verdienen:

  • für die Benutzung ihres Schienennetzes (Trassengebühren)
  • für den Zugang zur Ausstellung an den Bahnhöfen (Stationsgebühren)
  • sowie für die Stromversorgung der Ausstellung (Anschlussgebühren).

Näheres dazu (und auch, wo Sie gegebenenfalls dagegen protestieren, aber auch, wo Sie für den Zug spenden könnten) erfahren Sie auf der Webseite des Zuges der Erinnerung am Ende dieser Seite.


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© HuK Hannover e.V. 09./10.01.2008 - letzte Änderung am 17.01.2008