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AIDS-Schleife

   Zum Welt-AIDS-Tag 2007

   Aus einem Interview mit dem
   DAH-Vorsitzenden Luis Carlos Escobar Pinzón
   (Nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.11.2007)

   "Früher gab es mehr Solidarität mit AIDS-Kranken"

Betrachte man den "Anstieg der Infektionszahlen in den letzten Jahren" - wie es oft (vereinfachend) in der Presse heißt, so müsse man zwischen Neudiagnose- und Neuinfektionszahlen unterscheiden. "Infektionen können ja schon vor vielen Jahren erfolgt sein, lange bevor sie diagnostiziert werden. ... Im ersten Halbjahr 2007 gab es 1300 Neudiagnosen, im ersten Halbjahr 2001 waren es 700. Das ist fast eine Verdopplung. ... Wohl die Hälfte des Anstiegs lässt sich auf eine verbesserte Erfassung der Neudiagnosen und auf eine erhöhte Testbereitschaft zurückführen. Vor allem lassen sich viel mehr homosexuelle und bisexuelle Männer testen. ... Bei der anderen Hälfte des Anstiegs wird es sich tatsächlich um Neuinfektionen handeln." führte Pinzón aus. Zur Zeit würde ein neuer Antikörpertest entwickelt, um zwischen frischen und älteren Infektionen unterscheiden zu können. "Bislang wird auf den Meldebögen des Robert-Koch-Instituts auch die Zahl der Helferzellen erfasst. Daran kann man ungefähr ablesen, wie stark das Immunsystem geschädigt ist und wie lange eine Infektion zurückliegt." Einer der Gründe für den Anstieg der Neuinfektionen sei, dass die HIV-Infektion nicht mehr so bedrohlich erscheine – daher würde zum Teil der Schutz vor der Krankheit vernachlässigt.

"Die Epidemie verläuft auf jedem Kontinent und in jedem Land ein wenig anders," so Pinzón weiter. "In Deutschland beschränkt sie sich vor allem auf Männer, die Sex mit Männern haben – 750 der 1300 Neudiagnosen im ersten Halbjahr 2007 entfielen darauf. Das Risiko, in dieser Gruppe auf einen HIV-positiven Sexpartner zu treffen, ist also größer als in anderen Bevölkerungsteilen, weil hier die HIV-Prävalenz höher ist. Außerdem haben sie im Durchschnitt mehr sexuelle Kontakte als andere."

Rauschgifte seien in Deutschland nicht so verbreitet, dass ihnen eine wesentliche Rolle bei der Zunahme von HIV-Infektionen zukomme. "Aber schon unter Alkoholeinfluss neigen viele ja dazu, auf Kondome zu verzichten. Und Alkohol ist die Droge Nummer eins in Deutschland." - "In reißerischen Berichten geht es meist um Menschen, die andere oder sich selbst mehr oder weniger bewusst infizieren wollen. Das ist aber eine sehr kleine Gruppe. Auch ist zu bedenken, dass bei Anal- oder Vaginalsex ohne Kondom nicht jeder Verkehr zu einer Infektion führen muss: Sind beide Partner HIV-negativ oder -positiv, besteht kein Risiko für eine HIV-Neuinfektion. Und wenn einer HIV-positiv ist, seine Therapie aber gut wirkt und die Viruslast unter die Nachweisgrenze gesenkt hat, ist das HIV-Risiko deutlich reduziert."

Auf die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Sparmaßnahmen bei der AIDS-Aufklärung und steigenden Infektionszahlen meinte der DAH-Chef, die finanzielle Situation auf Bundesebene sei gut, was die Deutsche AIDS-Hilfe und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angeht. Auf regionaler und Länderebene sehe das leider anders aus. Viele AIDS-Hilfen und Präventionszentren seien zu Sparmaßnahmen gezwungen. Die Präventionsarbeit sei trotzdem noch sehr erfolgreich. Nur die skandinavischen Länder hätten eine ähnlich niedrige HIV-Prävalenz wie wir.

"In Deutschland haben wir eine HIV-Prävalenz von 0,1 Prozent. Es hat also keinen Sinn, jeden zu testen. Wir müssen dabei auch an die Kosten denken. Wo sich die Epidemie aber konzentriert, unter den schwulen und bisexuellen Männern mit einer Prävalenz von etwa fünf Prozent, ist es wichtig, sich häufiger testen zu lassen. Dafür werben wir seit Jahren."

Hierzulande werden AIDS-Patienten inzwischen schon seit mehr als zehn Jahren mit antiretroviralen Medikamenten behandelt. Die Erkrankten leben länger, auch verhältnismäßig gut, doch wie lange ihre Medikamente noch wirken, wisse man nicht. Man nehme an, "dass HIV-Positive mit antiretroviralen Medikamenten etwa 30 bis 40 Jahre gut überleben können. Genaues weiß man aber noch nicht, denn die Kombinationstherapien gibt es ja erst seit zehn Jahren."

Von austherapierten Fällen spreche man, wenn "aufgrund von Resistenzen und Kreuzresistenzen kein Medikament mehr wirkt. HIV hat eine enorme Fähigkeit, zu mutieren und gegen Medikamente unempfindlich zu werden. Deshalb setzt man nach wie vor mindestens drei Medikamente ein. Dann nämlich hat es das Virus schwerer, gegen ein Medikament resistent zu werden. Wichtig ist, dass von Anfang an eine stark wirkende Therapie eingesetzt und auch durchgehalten wird."

Die Medikamente sorgen auch dafür, dass immer mehr HIV-Patienten ins Arbeitsleben zurückkehren können. Genau da gibt es aber große Probleme, meint Pinzón: "Vor einigen Jahren, als AIDS-Kranke kaum eine Zukunftsperspektive hatten, gab es eine viel größere Solidarität. Heutzutage stehen die Menschen mit HIV mitten im Leben, doch kaum einer outet sich, weil die Konsequenzen häufig verheerend sind – vor allem am Arbeitsplatz."

Der DAH-Vorsitzende Luis Carlos Escobar Pinzón bei einer Rede im Waldschlösschen anlässlich der 10-Jahres-Feier des Netzwerks der Angehörigen von Menschen mit HIV & AIDS am 7.05.2007

(Der DAH-Vorsitzende Luis Carlos Escobar Pinzón bei einer Rede im Waldschlösschen
anlässlich der 10-Jahres-Feier des Netzwerks der Angehörigen von Menschen mit HIV & AIDS am 7.05.2007)


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