Blick in den Tagungsraum während der Podiumsdiskussion |
|||
Zehn Jahre
|
|||
|
Die Bundesvorsitzende Gudrun Held begrüßte die TeilnehmerInnen und verlas die eingegangenen Grußworte der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, der Europa-Abgeordneten Lissy Gröner (Vizepräsidentin der überfraktionellen Gruppe der Lesben und Schwulen im Europäischen Parlament), sowie der Schweizer Partnerorganisation
Da die
Doch kommen wir nun von der "Zukunftsmusik" wieder zur aktuellen Veranstaltung zurück, also zum zehnjährigen Jubiläum des (*) Nach der Landtagswahl von 1990 hatte die rot-grüne Koalition in Niedersachsen die Position eines Schwulenreferenten eingeführt, die seither von Hans Hengelein wahrgenommen wird. Über ihn und in Kooperation mit dem Schwulen Forum Niedersachsen [SFN] werden aus Landesmitteln Projekte [lesbisch-]schwuler Emanzipation gefördert [lesbische Projektanteile oder rein lesbische über eine entsprechende Fachfrau im Sozialministerium]; das Braunschweiger Elterntreffen zählte zu den ersten geförderten Projekten. Später gab es auch eine Förderung aus Bundesmitteln, aktuell aber sehr viel geringer als bei den vorangegangenen Treffen in Berlin. Zuschüsse seitens der Freien und Hansestadt Hamburg und des Zukunftsforums Familie hatten dann die gegenwärtige Tagung mit ermöglicht. Die Bundesfamilienministerin hatte die Schirmherrschaft jedoch ohne Begründung abgelehnt. Manfred Bruns, Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof (BGH) a.D. und Vorstandsmitglied des LSVD, sprach daraufhin über die Verfolgung homosexueller Menschen nach 1945, also in der "bleiernen Zeit" unter Adenauer und danach, als der nationalsozialistische § 175 noch weiter in Kraft geblieben war - doppelt so lange wie die Zeitdauer des "Dritten Reiches"! Er spannte dabei den Bogen von der Frühphase der Bundesrepublik bis zur aktuellen politischen Situation, die ja unter anderem dadurch gekennzeichnet ist, dass die Bundesregierung noch immer in Einzelfragen Lesben und Schwule diskriminiert und rechtsgestrickte Richter am Bundesverfassungsgericht beispielsweise die Nichtannahme einer Klage in Sachen Verheiratetenzuschlag für Beamte beschlossen - vergleiche unsere Aktuell-Seite vom 12.10.2007 dazu. Dabei ist die derzeitige Praxis in dieser Sache eindeutig ein Rechtsbruch in Bezug auf die arbeitsrechtlichen Vorgaben der europäischen Antidiskriminierungsrichtlinie und dürfte vor dem Europäischen Gerichtshof keinen Bestand haben. (Der Vortragstext findet sich auch auf einer Seite in unserem Bereich "Wissenswert".) Unter dem Schwerpunkt "Elterngruppen stellen sich vor" stellte Thomas Grossmann die Elterngruppe Hamburg vor - oder eigentlich mehr deren Entstehung - die von den lesbischen und schwulen Kindern ausging. Grossmann, bekannt vor allem durch sein Aufklärungsbuch "Schwul - na und?", gehörte einst selbst zu denen, die sich sagten "Wir müssen was für unsere Eltern tun" und diese dann ins Schwulen- und Lesbenzentrum einluden. Daraus entstand erfreulicherweise eine Elterngruppe, die mit zu denen gehörte, die später die Notwendigkeit empfanden, etwas für die eigenen Kinder und deren Rechte zu tun: So hat der Elternverband einen gewichtigen Anteil an der Partnerschaftsgesetzgebung und fungiert für uns Lesben und Schwule gewissermaßen auch als eine Brücke zur "Hetero-Welt" (wie es Frau Rampf am Sonntag ausdrückte).
Als Gast mit der weitesten Anreise sprach darauf Gudrun Rögnvaldardottir aus Island vom dortigen Elternverband FAS - über das Internet war sie auf das Hamburger Treffen aufmerksam geworden und hatte sich dann einfach angemeldet; sie wusste Interessantes zu berichten: Island war bis vor noch nicht allzu langer Zeit eine eher "machomäßig" orientierte Gesellschaft, in der Lesben und Schwule es nicht leicht gehabt haben dürften. So musste ein bekannter Musiker, der sich 1975 als erste Person der Öffentlichkeit selbst geoutet hatte, zunächst nach Dänemark fliehen. 1978 gründete sich dann Islands homosexueller Emanzipationsverein - noch heute bekannt unter dem Namen "Verein von `78". Seit 1996 ist Diskriminierung auf Grund sexueller Orientierung in Island strafbar; im selben Jahr trat auch ein Partnerschaftsgesetz in Kraft, das 2000 und 2006 noch überarbeitet wurde - zuerst um die Möglichkeit der Stiefkindadoption, dann um die generelle Adoption und die künstliche Befruchtung für Lesben. Damit sei nun die gleichgeschlechtliche Partnerschaft in fast allen Punkten der Ehe angeglichen; derzeit unterscheide man sie noch begrifflich - in einigen Jahren dürfte aber nur noch von Ehe gesprochen werden. Allerdings bestehe ein gewichtiger Unterschied noch darin, dass eine Partnerschaft nur zivilrechtlich geschlossen werden könne, eine heterosexuelle Ehe aber auch in der Kirche bei Verzicht auf einen Termin im Standesamt. Nach einem Beschluss der isländischen evangelischen Kirche aus dem Oktober 2007 können Pfarrer nunmehr aber eine gleichgeschlechtliche Trauung in der Kirche vornehmen, wenn sie selbst damit keine Probleme haben. Ein staatliches Gesetz zur amtlichen Anerkennung dieser Verbindungen - gleichwertig mit den im Standesamt geschlossenen - steht aber noch aus. - Mittlerweile sei aber die Akzeptanz groß, was sich auch in den Teilnehmerzahlen des Reykjavik Gay Pride ausdrücke, zuletzt von 30.000 TeilnehmerInnen im Jahre 2006 auf 50.000 im Jahre 2007 gestiegen - und das bei einer Gesamtbevölkerung von nur 300.000! - Der Elternverband arbeitet auf lokaler Ebene sehr gut mit den Schulbehörden zusammen, bietet gut genutzte Fortbildung zum Thema Homosexualität für Lehrer aller Schultypen an und ist jetzt auch an der Erstellung neuen Unterrichtsmaterials mit beteiligt. |
|||
|
(Die folgenden Bilder können durch Anklicken vergrößert gesehen werden.) |
|||
|
|
||
|
Die Fernsehjournalistin Hanna Legatis vom NDR moderierte die Podiumsdiskussion. |
Hanna Legatis und die Podiumsteilnehmer Pastor Carsten Körber, Fahrid Müller (GAL [= Hamburger Grüne]) und Roland Heintze (CDU) |
||
Die PodiumsteilnehmerInnen (ohne Pastor Körber): |
|
||
|
Von links: Fahrid Müller (GAL [= Hamburger Grüne]), Roland Heintze (CDU), Johannes Kahrs MdB |
|||
|
In der Podiumsdiskussion ging es dann um die Frage, wie Politik und Kirche dazu beitragen können, dass Minderheiten wie Lesben und Schwule in der Gesellschaft geachtet und als Bereicherung gewürdigt und nicht nur geduldet werden. Dazu ist allerdings erst einmal die Frage zu klären, wo gerade Politik und Kirche selbst noch Lesben und Schwule diskriminieren und wie diese Diskriminierung zu beenden sei. Viele interessante Gedanken und Ansätze wurden dazu von den PodiumsteilnehmerInnen geäußert, die - ein Novum auf den Bundeselterntreffen - diesmal selbst alle "Betroffene", also schwul oder lesbisch waren. [ 2005 gab es keine Podiumsdiskussion und in 2001 und 2003 sandten die meisten Parteien ihre familienpolitischen SprecherInnen, die, selbst heterosexuell, sich entweder aktiv für gleiche Rechte homosexueller Menschen engagierten oder zumindest diese im Prinzip befürworteten. Erklärte Gegner gleicher Rechte wurden aber bislang nicht eingeladen oder - richtiger gesprochen - von ihren Parteien entsandt, wie verschiedene TeilnehmerInnen bemängelten oder zumindest bedauerten. Doch was soll es bringen, jemand auf dem Podium zu haben, der das Publikum beleidigt (Beispiel: Prof. Schockenhoff, Freiburg 2004) oder belügt (Norbert Geis MdB, Hannover 2000 [*]), womit leider sehr viel eher zu rechnen ist als mit irgendwelchen sachlichen Argumenten - denn welche sollten das auch sein? ]
[*] In einer Podiumsdiskussion in der hannoverschen Marktkirche im Vorfeld der Gesetzgebung zur Lebenspartnerschaft stellte der damalige rechtspolitische Sprecher der Union im Bundestag die dreiste Behauptung auf, lesbische und schwule Paare könnten bereits ohne das Gesetz alles für ihre Partnerschaft Wesentliche vertraglich per Notar regeln. - Nun sollte ja das Parlament einen Querschnitt aus der Bevölkerung darstellen und damit auch alle Berufsgruppen umfassen. Wäre Herr Geis zum Beispiel Bäckermeister oder Zahnarzt von Beruf, würde man sich nur die Frage stellen müssen, ob es für unsere Abgeordneten - immerhin Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaft unseres Landes - wirklich keinerlei Schulung in den elementaren Grundlagen des Rechtswesens gibt oder ob solche Schulungen von jenen Volksvertretern, die sie dringend nötig hätten, konsequent "geschwänzt" werden können. Laut eigener Homepage ist Herr Geis jedoch "Volljurist". Da es wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist, dass man an einer deutschen Universität - auch dann, wenn sie in Bayern liegt - sämtliche juristischen Examina absolvieren und sich nachher "Volljurist" nennen kann, ohne jemals etwas vom Unterschied zwischen Öffentlichem und Bürgerlichem respektive Privat-Recht gehört zu haben, bleibt leider nur der Schluss der bewussten dreisten Lüge übrig. (Für absolute Laien: Es ist eben gerade nicht möglich, durch einen privaten Vertrag beim Notar einem/r Nicht- |
|||
|
|||
|
Clarke hatte dazu einen bekannten Operettenkritiker befragt und bekam zur Antwort: "Wir wollen doch unsere schöne Operette nicht beschmutzen." - und das im Jahre 2007! Noch immer sind lesbisch-schwule Bücher in großen Buchhandlungen oft schwer zu finden - nicht selten falsch eingeordnet unter "Erotik" (auch wenn es gar nicht um Erotik geht). Werden die Bücher aber nicht gefunden, so führt dies zum schleichenden Tod der Verlage - und am Ende werden auch weniger einschlägige Bücher geschrieben. - Zurück zum "Out-Sein": Wie out sind wir wirklich? Niederwieser nimmt hier sich und seinen Bekanntenkreis gar nicht aus: Er selbst ist 45, seine Bekannten sind zwischen 45 und 50 und selbstbewusste schwule Männer - doch keiner von ihnen ist immer und überall zu 100% out. Und selbst in vermeintlichen "schwulen Paradiesen" ist das nicht anders, meint er: In Skandinavien etwa sieht man nur äußerst selten schwule Küsse in der Öffentlichkeit - und so gut wie keine Portraitfotos im "schwulen Einwohnermeldeamt" im Internet (soll heißen, in den zu unserem Portal "Gayromeo" analogen Seiten). Und selbst im liberalen Amsterdam gäbe es unmittelbar nördlich der schwul (mit-)geprägten Stadtteile zwei ganz andere, in denen Evangelikale beziehungsweise fundamentalistische Katholiken das Sagen hätten und Schwule sich besser nicht so offen zeigen sollten. Und würde man die "no go areas" für Homosexuelle im Amsterdamer Stadtplan rot markieren, so erschienen selbst im Zentrum größere Bereiche in dieser Farbe! - Doch auch in deutschen Großstädten mit einer umfangreichen "Homo-Szene" wie etwa Berlin oder Hamburg stelle sich die Frage, ob schwule Coming outler / Jugendliche wirklich so leicht und zur rechten Zeit ihren Weg in Beratungsstellen finden. Das Internet hilft hierbei nicht unbedingt, so Niederwiesers These - im Gegenteil, es verzögere das Coming out im Durchschnitt um 2 bis 3 Jahre, da sich die Jugendlichen so lange in virtuellen Welten tummelten bevor sie sich in der Realität "hinauswagen".
Renate Rampf, Pressesprecherin des LSVD, sollte schließlich mit ihrem Vortrag den Mut der Eltern stärken, sich öffentlich zu Wort zu melden und auch politisch zu agieren. "WeltverbesserInnen werden gebraucht - Helden des Alltags" lautete ihr Motto. "Es ist nicht die Schande der Eltern, wenn Eltern nicht zu ihren Kindern stehen können, sondern die Schande der Gesellschaft. Die Schande gebührt denen, die andere Menschen herabwürdigen." stellte sie klar und verwies auf historische Beispiele wie etwa die Rothaarigen, die ja (bei uns in Mitteleuropa) früher auch einmal diskriminiert und herabgewürdigt wurden. Viele ältere Lesben und Schwule leben weitgehend von ihrer Familie getrennt. In der Politik - ja bisweilen auch noch unter Lesben und Schwulen selbst - wird zwischen Homosexualität und Familie ein Gegensatz gesehen. "Der |
|||
|
|
||
|
Inzwischen ist auch das Tagungsheft erschienen. |
|||
[ Zum Seitenanfang ]
[ Zurück zur Jubiläen-Übersichtsseite ] [ Zurück zur Aktuell-Hauptseite ]
[ Für "Seiteneinsteiger": Neustart unserer Seite mit Menü & Sitemap ]
© 2007-8 HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 10.08.2008