Aktuelles



Die Zukunft der Erinnerung II -
II. Tagung des Netzwerks Erinnerung und Zukunft Region Hannover

Samstag / Sonntag, 16. / 17. Juni 2007

Knapp sieben Monate nach der ersten Netzwerk-Tagung im November vorigen Jahres (vgl. unseren Aktuell-Artikel NF Nr. 68 vom 25./26.11.2006) richtete das Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover eine weitere Tagung mit hochkarätigen Fachleuten der Erinnerungs- und Gedenkstätten-Arbeit aus, um die Fragen zu konkretisieren, die Gedenkstätte Ahlem als authentischen Erinnerungsort dabei in den Mittelpunkt zu stellen und dadurch die Region Hannover als deren Trägerin bei der Weiterentwicklung zu unterstützen.

Der Samstag in Ahlem
Der erste Tagungsteil begann am Samstag mit einer Führung über das Gelände der Gedenkstätte und/bzw. der Justus-Liebig-Schule in Ahlem. Dabei berichtete unter anderem die Zeitzeugin Ruth Gröne recht eindrucksvoll, wie sie als Kind in dem sogenannten "Judenhaus" auf dem Gelände lebte und aus dem Toilettenfenster heraus beobachtete, wie Menschen aus dem Gestapo-Gefängnis im Direktorenhaus (bzw. dem heute nicht mehr existierenden Anbautrakt) mit erhobenen Händen in die Laubhütte geführt wurden und später Bündel von menschlicher Form dort wieder herausgetragen wurden - und wie es ihre Mutter ängstigte, dass die Nazis mitbekommen haben könnten, dass ihre Tochter so unfreiwillig indirekte Zeugin der Erschießungen in der Laubhütte geworden war.

Die Tagung im eigentlichen Sinne - oder genauer gesagt, deren erster Teil - fand dann im in Renovierung befindlichen sogenannten Mädchenhaus der ehemaligen israelitischen Gartenbauschule im Rohbau des künftigen Café Jerusalem statt. Der Verein für christliche Drogenarbeit "Neues Land" (Im Internet: www.neuesland.de) hat das Gebäude erworben und will es unter dem Namen "Haus der Hoffnung - Beth Hatikva" für seine Arbeit nutzen. In dem großen Saal, der künftig als "Café Jerusalem" dienen soll, hat dieser neue Bauherr eines der zwölf Fenster, die die zwölf Stämme Israels symbolisieren sollten, erst wieder herstellen müssen. Durch diesen Erwerb ist das Haus zwar einerseits der Gedenkstätte für ihre künftige Fortentwicklung verloren gegangen; andererseits steht der Verein "Neues Land" deren Arbeit aber sehr aufgeschlossen gegenüber und ermöglicht der Gedenkstätte gern die Nutzung seiner Räume, z.B. eben des "Café Jerusalem", für deren Veranstaltungszwecke.

"Mädchenhaus" von außen "Mädchenhaus", "Café Jerusalem" im Rohbau - ohne die Bestuhlung für die Tagung

Das "Mädchenhaus" von außen
und das "Café Jerusalem" im Rohbau
(ohne die Bestuhlung für die Tagung)

Dr. Hans-Dieter Schmid (Historisches Seminar der Universität Hannover) wiederholte unter dem Titel "ZUR GESCHICHTE DER ISRAELITISCHEN GARTENBAUSCHULE AHLEM" im Wesentlichen seinen ausführlichen Vortrag aus der ersten Tagung zur Geschichte und Bedeutung der 1893 gegründeten Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem mit dem historischen Bildmaterial. Er zeigte die wesentlichen Stationen bis zu ihrer Übernahme durch das NS-Regime auf - mit dem Missbrauch der Gebäude als "Judenhaus" (Zwangsunterkunft von aus ihren Wohnungen gewaltsam vertriebenen jüdischen BürgerInnen unter sehr beengten, menschenunwürdigen Bedingungen), Gestapo-Gefängnis und zentrales Sammellager im Rahmen der Deportationen der jüdischen Bürger und Bürgerinnen Hannovers in Ghettos und Konzentrationslager im Osten Europas. Nach der Befreiung durch die Alliierten hingegen etablierte sich hier vorübergehend so etwas wie ein früher Kibbuz, bevor die Beteiligten nach Palästina auswanderten.

Anschließend berichteten Rainer Vasel und Martina Mußmann vom Team Kultur der Region Hannover (und damit vom Träger der Mahn- und Gedenkstätte) "ZUM STAND DER PLANUNG" - der in Kürze bevorstehenden Ausbau- und Sanierungsmaßnahmen. Es folgte der Vortrag von Dr. Karljosef Kreter, Leiter des Stadtarchivs Hannover, "DOKUMENTATION UND FORSCHUNG ALS INTEGRALER BESTANDTEIL DER GEDENKSTÄTTENARBEIT". Er stellte u.a. die Archive in der Region Hannover vor, die neben den Gedenkstätten unverzichtbare Orte einer lebendigen Erinnerung sind. Der Überblick der Netzwerk-Koordinatorin Barbara Weber "DAS NETZWERK ERINNERUNG UND ZUKUNFT REGION HANNOVER - EIN KURZER BLICK AUF DIE INTENTION, DIE MITGLIEDER UND DIE PERSPEKTIVE" wurde dann aus Zeitmangel auf den folgenden Tag verschoben.

Dann trafen sich die Tagungs-TeilnehmerInnen am Rose(n)buschweg in Ahlem bei den ROSEBUSCH-VERLASSENSCHAFTEN (*). In diesem Hallen-Komplex des ehemaligen Kraftwerks bzw. Umspannwerks Ahlem, der ihnen von der Stadt Hannover überlassen wurde, hat das Künstlerehepaar Almut und Hans J. Breuste seine Installationen aus zusammengetragenen und neu arrangierten Alt-Materialien untergebracht, darunter die besonders eindrucksvolle und im Besitz des Landes Niedersachsen befindliche Installation "Litzmannstadt". Im Stadtbild von Hannover ist der Künstler Hans J. Breuste mit mehreren Werken vertreten, darunter dem Mahnmal für das ehemalige Gerichtsgefängnis hinter dem Hauptbahnhof (am Raschplatz-Pavillon), das auf unserer Seite zum schwulenhistorischen Stadtrundgang mit abgebildet ist. Die Rosebusch-Verlassenschaften sind im Vergleich dazu aber von ganz anderer Dimension. Das 2006 mit dem pro visio Preis ausgezeichnete Werk ist eine beeindruckende Auseinandersetzung mit Vergangenem und Vergessenem, die in dieser riesigen Industriebrache verdichtet wurde. Nach der Besichtigung ergab sich die Gelegenheit zum Gespräch mit den Künstlern, bevor den TeilnehmerInnen der Tagung in einer der Hallen ein rustikales und zugleich exquisites Abendessen geboten wurde.

(*) Näheres zu erfragen unter: Rosebusch Verlassenschaften e.V., Rosenbuschweg 9, 30453 Hannover (Ahlem). - Im Jahre 2006 ist auch ein großformatiger kartonierter Farbfotoband der Rosebusch-Verlassenschaften mit 56 Seiten erschienen, den man dort erwerben kann.



Der Sonntag im Hodlersaal des Neuen Rathauses in Hannover
Vorauszuschicken ist hier, dass es unter den Vertretern der schwulen Netzwerk-Mitglieder an diesem Wochenende eine Art "fliegenden Wechsel" gab: Während der Vertreter der HuK Hannover, Bernd König, nur am Samstag teilnehmen konnte, war es bei Rainer Hoffschildt (VEHN) genau umgekehrt.

Nach der Begrüßung unter dem Titel "WARUM ERINNERUNGSARBEIT?" hielt Dr. Karola Fings, Stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln (EL-DE-Haus) einen Vortrag über "POTENZIALE EINER GEDENKSTÄTTE IN ÖFFENTLICHER TRÄGERSCHAFT": Das mehrfach prämierte "EL-DE-Haus" ist nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch Museum, Bildungs- und Forschungseinrichtung. Die Einrichtung trägt die Verantwortung für ein differenziertes kommunales Aufgabenspektrum. Es folgte Wilfried Knauer, Leiter der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, zum Thema "DER AUTHENTISCHE ORT IM SPANNUNGSFELD: ORT DES LEIDENS - ORT DER AUFKLÄRUNG": Kann man am authentischen Ort von Leiden und Sterben das Auratische bewahren, der Toten gedenken sowie die Überlebenden und Angehörigen der Opfer betreuen und daraus Erkenntnis und Aufklärung entwickeln? Wie kann man die Zukunft der Vergangenheit am authentischen Ort gestalten? Danach sprach Eva Brücker, stellv. Geschäftsführerin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, über "DIE KUNST ZU ERINNERN UND ZU GEDENKEN - Europäische Dimension und personalisierte Darstellung". Sie informierte über die Wege zur historischen Präsentation am Ort der Information: Historische Wissenschaft in Auseinandersetzung mit Gestaltung, Architektur und Gremien. Als letzter Vortragender vor der Abschlussdiskussion sprach Jens Michelsen, Leiter des Studienzentrums KZ-Gedenkstätte Neuengamme, über "AKTUELLE HERAUSFORDERUNGEN DER GEDENKSTÄTTENPÄDAGOGIK": Historisches Lernen muss heute auf den unausweichlichen Abschied von den Zeitzeugen des Nationalsozialismus und die Musealisierung von Gedenkorten reagieren. Welche neuen Zugänge und Methoden bieten sich in dieser Situation an? - Die Tagung erbrachte viele neue Gesichtspunkte und Anregungen und wurde von den TeilnehmerInnen als Bereicherung und Ansporn für ihre künftige Arbeit empfunden.


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© 2007 HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 14.08.2007