AktuellesRachel Carson zum 100. Geburtstag[Nach verschiedenen Quellen von Bernd König] |
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Rachel Carson wurde am 27. Mai 1907 in Pittsburgh (Pennsylvania, USA) geboren; ihre Mutter - eine nach der Heirat mit Rachels Vater, einem (beruflich nicht besonders erfolgreichen) Versicherungsvertreter, (wie damals üblich - Frauen gehörten an Heim & Herd) aus dem Schuldienst ausgeschiedene Lehrerin, nimmt sie häufig in die Wälder der Umgebung mit und weckt so ihr Interesse an der Natur und der Biologie. Im Flusstal des Allegheny, wo im vorigen Jahr eine wichtige Brücke nach ihr benannt wurde, bestimmen Mutter und Tochter Pflanzen, beobachten Vögel und andere Tiere. Über ihre Ausflüge mit der Mutter in die Naturlandschaften Pennsylvanias verfasst sie Artikel für eine Kinderzeitschrift, die jeweils mit zehn US-Dollar honoriert werden: So wird sie bereits als junges Mädchen beinahe schon so etwas wie eine erfolgreiche naturkundliche Schriftstellerin. Sie nimmt zunächst ein Literaturstudium auf, wechselt dann aber bald zur Zoologie und schließt ihr Studium als Biologin mit Magna cum laude ab. (Sie hatte zuvor ein Stipendium an der renommierten John-Hopkins-Universität in Baltimore erhalten.) Es war damals die Zeit der Großen (wirtschaftlichen) Depression in den USA und schwer eine Stelle zu finden; doch selbst in guten Zeiten waren bis weit ins 20. Jahrhundert die Chancen für Frauen, in einem akademischen Beruf Fuß zu fassen, auch in den USA noch sehr gering. Sie, die mit 22 Jahren als Studentin zum ersten Mal das Meer gesehen hatte, erhielt nun die Gelegenheit, freiberuflich für die Fischereibehörde (Fish and Wildlife Service) zu arbeiten, bei der sie schließlich in ihrem 30. Lebensjahr eine Festanstellung erhielt. Sie verfasste dort Radiomanuskripte und Broschüren sowie nebenbei kleine Artikel zur Meeresbiologie für die Zeitung "Baltimore Sun"; hier unterzeichnete sie stets mit "R.L.Carson", um nicht durch ihren weiblichen Vornamen aufzufallen und deswegen womöglich keine Aufträge mehr zu bekommen. Ein Wendepunkt ihrer Karriere war im September 1937 das Erscheinen ihres ersten größeren populärwissenschaftlichen Essays "Under Sea" ("Unter der Meeresoberfläche") in dem renommierten Magazin "Atlantic Monthly". Daraus ergab sich vieles Weitere, darunter auch der Kontakt zum bekannten US-Publikumsverlag Simon & Schuster, bei dem sie dann vier Jahre später ihr erstes Buch "Under The Sea Wind" ("Unter dem Seewind") veröffentlichte. Beim Fish and Wildlife Service arbeitete sie im Büro in Beaufort, North Carolina, wo sie nach dem Tode des Vaters mit der Mutter und zwei Nichten hingezogen war, und blieb dort 14 Jahre lang angestellt; zuletzt leitete sie das gesamte Publikationsprogramm der Behörde. Während ihr erstes Buch "Unter dem Seewind", das gerade einen Monat vor dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor erschienen war, in der Zeit des Zweiten Weltkrieges gewissermaßen unterging, wurde ihr zweites Buch "Geheimnisse des Meeres" ein großer Publikumserfolg. Damit und mit dem dritten Band ihrer Meeres-Trilogie "Am Saum der Gezeiten" begründet sie einen bald schon internationalen Ruf als Autorin erzählender Sachbücher, erhält jede Menge literarische Preise und Auszeichnungen und ist wirtschaftlich so erfolgreich, dass sie der Fischereibehörde kündigt und als freischaffende Autorin nach Silver Spring in Maryland zieht. 1952 erwirbt sie zudem ein Sommerhaus auf Southport Island an der Küste des Bundesstaates Maine. Die dort lebende neun Jahre ältere (verheiratete) Nachbarin Dorothy Freeman schickt ihr einen Willkommensbrief, woraus sich dann bald nicht nur eine tiefe Freundschaft, sondern eine echte Liebesbeziehung ergibt, wie wir heute aus dem 1995 von Dorothy´s Enkelin Martha Freeman veröffentlichten Briefwechsel zwischen den beiden Frauen wissen. Ohne den Zuspruch und die Ermutigung durch Dorothy Freeman wäre Carsons bedeutendstes Werk, mit dem sie den entscheidenden Impuls zur politischen Ökologie-Bewegung gab und das sie nach Meinung des Time Magazine zu einer der 100 wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts machte, vielleicht gar nicht entstanden. Dabei war sie bereits 1946 auf das Thema DDT gestoßen und hatte dem Magazin Reader´s Digest einen Beitrag zu diesem im Zweiten Weltkrieg massenhaft eingesetzten Pestizid angeboten, nachdem es damals bereits erste Warnungen vor gesundheitlichen Schäden für Mensch und Tier gab. Nachdem das Magazin aber den Artikel nicht angenommen hatte, verfolgte sie zunächst die Thematik nicht weiter. Jetzt gab ein Brief von Freunden aus Long Island über die Bekämpfung einer Mottenplage mit massivem Gifteinsatz für sie den Anstoß, sich wieder damit zu beschäftigen. Sie recherchierte ausgiebig und gründlich und beschrieb dann so fundiert und gleichzeitig auch für den Laien verständlich wie niemand vor ihr, wie sich bereits geringe Dosen von Pestiziden in der Nahrungskette anreichern, die Vögel sterben und damit den Frühling stumm werden lassen - so der Titel ihres Buches - und wie das Gift sich auch in der Muttermilch anreichern sowie beim Menschen Krebs auslösen kann. Grundbegriffe (z.B. "Nahrungskette") und Zusammenhänge der Ökologie wurden dabei durch dieses Buch erstmals einem breiteren Publikum nahegebracht. Das Werk war eine ungeheure Fleißarbeit: Über 40 der 300 Seiten des Buches (in der englischsprachigen Ausgabe) dienen allein der Auflistung der benutzten biologischen, medizinischen und chemischen Fachliteratur. Die Originalversion des Buches erschien 1962 bei Houghton Mifflin, dazu ein Vorabdruck im Magazin The New Yorker; als es 1964 auch auf deutsch erscheint, beginnt es bereits zu einem weltweiten Bestseller zu werden. Als die Lobbyisten der chemischen Industrie ihr keinen sachlichen Fehler nachweisen können, versuchen sie, sie als Idyllikerin und alte Jungfer zu diskreditieren, die sich doch bitte schön mit Äußerungen zu den Lebenschancen zukünftiger Generationen gefälligst zurückhalten möge. Wäre damals ihr Lesbisch-Sein bekannt gewesen, hätte man dem herrschenden Zeitgeist entsprechend sicherlich auch dies benutzt, um gegen sie Stimmung zu machen. Dabei wird der/m unvoreingenommenen LeserIn ihres Buches schnell klar, dass hier eine klar und realistisch wertende und analytisch denkende Wissenschaftlerin spricht - eine Frau vom Fach, die die Schädlingsbekämpfung an sich nicht fundamentalistisch / ideologisch ablehnt, sondern den verantwortungsvollen Umgang damit einfordert. So ging von diesem Buch als sachlich solidem Fundament letztlich die politische Ökologie-Bewegung aus, die seither leider in der wissenschaftlichen Qualität ihrer politisch ausgerichteten Diskussion nicht immer den anspruchsvollen Maßstäben einer Rachel Carson treu bleiben sollte. Unter dem Blickwinkel von Lesben und Schwulen sollte an dieser Stelle jedoch auch nicht hinzuzufügen vergessen werden, dass die aus dieser Bewegung in verschiedenen Ländern hervorgegangenen sogenannten grünen und alternativen Parteien oftmals in Sachen voller Bürgerrechte gleichgeschlechtlich liebender Menschen vorangegangen sind und die Dinge in Bewegung gebracht haben, wo die "klassischen" liberalen Bürgerrechtsparteien leider oft zu zögerlich waren und erst in weitem Abstand folgten. In seinem eigenen Themenfeld hatte das Buch letztlich den Erfolg, den Anfang vom Ende des DDT-Missbrauchs einzuleiten und die Suche nach weniger umweltbelastenden Pestiziden und Verfahren wie biologischer und integrierter Schädlingsbekämpfung zu fördern. In gewisser Weise ist das Werk auch ein "geistiger Ahnherr" der EU-Pflanzenschutz-Direktive 91/414/EEC von 1995, die auch seit langem in Gebrauch befindliche "alte" Wirkstoffe einem neuerlichen Bewertungs- und Zulassungsverfahren unterzieht, ferner der Initiativen über umweltrelevante Altstoffe (in Deutschland als "BUA" bekannt) und der europäischen Chemikaliengesetzgebung REACH. - Wenn dann aber heute z.B. diskutiert wird - auch und gerade auf Symposien zu Rachel Carsons Ehren -, im Hinblick auf die Malaria-Problematik DDT eventuell im begrenzten Umfang wieder zuzulassen, so wäre sie sicherlich die letzte, die stur und ideologisch dagegen halten würde.
Rachel Carson selbst, deren Ärzte bereits 1960 bei ihr Brustkrebs diagnostiziert hatten, verstarb am Anfang des weltweiten Siegeszuges ihres berühmtesten Buches, das heute weltweit in jeder besseren öffentlichen Bibliothek und in fast jeder gut sortierten Buchhandlung zu finden ist: am 14. April 1964, nach einer letzten Operation, in Silver Spring. - Über ihre Beziehung zu Dorothy Freeman ist ein lesenswerter Aufsatz von Swantje Koch-Kanz und Luise F. Pusch in dem Buch "Berühmte Frauenpaare" erschienen.
LITERATUR: |
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Rachel Carson (rechts) mit Dorothy Freeman (Mitte) und deren Ehemann Stanley. (Aus dem Buch `Berühmte Frauenpaare´) |
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Zurück zur Hauptseite ] © HuK Hannover e.V. 26.05.2007 - letzte Änderung am 07.08.2007 |
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