Unter dem Titel "Homo-Hass in Osteuropa" hatten wir Ende vorigen Jahres bereits eine Aktuell-Seite zur schlimmen Situation von LGBT-Personen (Lesben, Schwule [Gays], Bisexuelle, Transidentische) in Bezug auf ihre Menschen- und Bürgerrechte im Osten unseres Kontinents einschließlich Russlands eingebunden. Wie jüngste Berichte zum Beispiel aus Polen, Litauen und Russland zeigen, ist keine Besserung der Lage in Sicht.
Seit vier Jahren läuft in der EU eine Anti-Diskriminierungskampagne, die von der EU-Kommission, Regierungen, Gewerkschaften, Arbeitgeberorganisationen und Interessengruppen getragen wird und sich gegen die Diskriminierung aus Gründen der Rasse, Nationalität, Religion, Alter, Behinderung und sexuellen Orientierung richtet. Über 18.000 Kilometer hat der Kampagnebus auf seiner Rundreise unter dem Motto "Für Vielfalt - gegen Diskriminierung" inzwischen zurückgelegt, dabei 21 Länder besucht und ist noch nie aufgehalten worden. Doch in Litauen war er nicht willkommen: Die Stadtverwaltung in Wilna (Vilnius) hat die geplante Kundgebung für mehr Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten verboten - mit der "Angst vor Unruhen" als offizieller Begründung. Gintaras Tamosiunas, der Direktor der Abteilung für öffentliche Ordnung, verwies auf anonyme Drohungen im Internet: man solle perversen Minderheiten nicht gestatten, mitten in Vilnius die Regenbogenflagge zu hissen, hie&szllig; es dort.
Der litauische Schwulenverband wollte sich an der Kundgebung beteiligen. Dessen Vorsitzender Vladimir Simonko sagte, dass man das Verbot respektieren werde. Doch es sei bitter, dass "auch nach 15 Jahren Unabhängigkeit die Leute hier noch nicht akzeptieren können, dass unterschiedliche Menschen gleiche Rechte haben". Die EU-Kommission reagierte mit Bestürzung: "Erstmals in den vier Jahren dieser Kampagne wurde sie von Behörden gestoppt", hieß es in einer Erklärung. "Dies zeigt, wie viel noch zu tun ist, um die Einstellung gegenüber diskriminierten Gruppen zu ändern und Vielfalt zu fördern".
In den litauischen Städten Vilnius und Kaunas wollte der Verband der Homosexuellen auf städtischen Autobussen für mehr Toleranz werben, mit Slogans wie "Ein Schwuler kann Polizist sein" oder "Die Lehrerin kann lesbisch sein". Doch die Aktion scheiterte: die Fahrer weigerten sich, Busse mit derartigen Botschaften durch die Stadt zu lenken. Daraufhin erklärte auch die Stadtverwaltung die Werbung für unerwünscht. Die katholischen Bischöfe verurteilten zwar Hassakte gegen Homosexuelle, forderten diese jedoch auf, "sauber zu leben". Vor der schwedischen Botschaft protestierte eine Gruppe "Für Ehre und Vaterland", nachdem Botschafterin Malin Karre am Tag des Kampfs gegen Homophobie das Anti-Diskriminierungsprogramm ihres Landes vorgestellt hatte. "Ausländische Diplomaten müssen verstehen, dass das, was bei ihnen akzeptabel sein mag, bei uns unannehmbar ist", sagte der Opernsänger Valdas Vysniauskas.
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Russlands Schwulen und Lesben hat es die Sicherheitspolizei OMON auf dem Moskauer Prachtboulevard Twerskaja wieder einmal nicht ermöglicht, mit ihrer friedlichen Demonstration zum Rathaus und damit zu Bürgermeister Luschkow zu gelangen. Extremisten schlugen und traten auf die Homosexuellen ein, ohne dass die Polizei sie schützte; orthodoxe Gläubige beschworen die "Ehre Russlands" und skandierten: "Russland ohne Pädophile". "Wir wollten ohne Provokation lediglich eine Petition für das Recht auf Versammlungsfreiheit im Bürgermeisteramt einreichen", sagte der deutsche Grünen-Politiker Volker Beck in Moskau, der dort bekanntlich im vorigen Jahr blutig geschlagen worden war (Vgl. unsere Aktuell-Seite "Homo-Hass in Osteuropa".) Der Bundestagsabgeordnete wurde auch diesmal wieder - wie auch andere westliche Politiker und Teilnehmer - vorübergehend festgenommen. In diesem Jahr habe die Polizei die Demonstranten noch mehr behindert, sagte Beck, nachdem er eine Stunde lang festgehalten worden war. - Eine Gegenveranstaltung der Neonazis und Religiösen mit etwa 200 Teilnehmern am Vortag war hingegen nicht verboten worden.
Dabei hatten die Homosexuellen auf schrill-bunte T-Shirts, Plakate und Abzeichen bei ihrer Aktion bewusst verzichtet. Unter den Sicherheitsvorkehrungen sei mehr nicht möglich gewesen - und schon gar keine Parade, teilten die russischen Organisatoren mit. "Selbst für die russischen Menschenrechtler sind die Rechte der Homosexuellen noch immer recht neu", sagte Organisator Nikolai Alexejew. Von einer Sensation sprachen die Teilnehmer, als der Parlamentsabgeordnete Alexej Mitrofanow von der nationalistischen Partei LDPR auf der Bildfläche erschien. Er hatte zuvor auch im Fernsehen mehrfach die Rechte von Schwulen und Lesben verteidigt. Andere Politiker oder etwa homosexuelle Geschäftsleute solidarisierten sich nicht.
Während Aktivisten auf der Twerskaja-Straße das Gespräch mit Passanten suchten, um für Toleranz zu werben, traten und schlugen mehrere ältere und junge Menschen auf einen Teenager ein, bis er mit blutender Nase am Boden lag. Der Jugendliche hatte erklärt, er wolle sich doch nur mit seinem Freund auf der Straße zeigen können. Die junge Moskauerin Ljubow Manschewa warf sich couragiert zwischen die Angreifer und den jungen Mann. "Jeder hat ein Recht darauf, so zu leben wie er will", rief sie.
Bürgermeister Luschkow hatte die geplante Schwulen-Parade zuvor als "satanische Handlung" gebrandmarkt. Ein junger Neonazi rief: "Wir sind Russen und keine Europäer, wir müssen unsere Zukunft sichern - und Kinder kriegen."
In Russland galt das Verbot gleichgeschlechtlicher Liebe aus Sowjetzeiten noch bis 1993. Allerdings gibt es überall in der früheren Sowjetunion bis heute null Toleranz für offen lebende Schwule und Lesben. Das zeigte sich auch vor einigen Wochen in der Ukraine: Kurz vor dem Auftritt des auch in Russland bekannten Travestie-Stars Werka Serdutschka beim Eurovision Song Contest in Helsinki verbrannten Menschen Puppen mit dem Antlitz des Sängers. Die Sängerin Lena Katina von der Gruppe Tatu sagte am Sonntag bei der Aktion in Moskau, es sei ungerecht, "wenn man den nicht lieben darf, den man lieben will".
Demgegenüber hetzt die Orthodoxe Kirche gegen Homosexuelle. Die Geistlichen schüren Angst und drohen mit dem Antichristen. Russland, so der für die Außenbeziehungen der russisch-orthodoxen Kirche zuständige Metropolit Kirill, befinde sich gegenwärtig an einem sehr gefährlichen Punkt seiner Entwicklung. Das liberale System, das er im gegenwärtigen Russland ausgemacht haben will, erlaube es jenen, die lediglich ihren Instinkten folgten, "ihre Sündhaftigkeit zu demonstrieren" und zu behaupten, es handele sich um die Freiheit der Wahl. Aber, warnte Kirill wortgewaltig, wenn die Grenze zwischen Gut und Böse - also zwischen Heterosexualität und Homosexualität - verschwindet, "dann öffnen wir dem Antichristen die Tür. Die Tür öffnet sich bereits."
Im souveränen Russland herrscht offenbar ein eklatanter Mangel an geistiger Souveränität, an Toleranz. Die Eliten halten die Mehrheit der Bevölkerung in permanenter Furcht vor äußeren Einflüssen, die die Stabilität gefährden könnten. Andersdenkende, Oppositionelle und Schwule und Lesben werden als Gefahr für das russische Selbstbewusstsein, im schlimmsten Fall für den Bestand der russischen Gesellschaft an sich aufgefasst. Fremdes, Unbekanntes - Liberale, Juden, Kaukasier, Homosexuelle - erhält sehr schnell das Etikett "unrussisch", woraus die Berechtigung abgeleitet wird, auch schon mal kräftig dreinzuschlagen.
Mitglieder der orthodoxen Jugendbewegung "Die Georgianer" wollen "Vertretern sexueller Minderheiten" ihre Treffpunkte streitig machen und berufen sich dabei auf das "gesunde Volksempfinden". Überhaupt müsse man verhindern, dass die geheiligten Straßen des "dritten Rom" für perfide Veranstaltungen wie eine Gay-Parade missbraucht würden. Angst, Unsicherheit, Unwissenheit und mangelndes Selbstvertrauen in den eigenen Lebensentwurf sprechen aus den Äußerungen dieser Jugendlichen. Das ist kein Wunder: Sexualität generell ist in Russland (nicht nur) an den Schulen weitgehend ein Un-Thema. Forderungen nach mehr Aufklärung prallen stets an dem Argument ab, man wolle Sünde und Unmoral nicht auch noch propagieren. Dabei gehört das Thema "gleichgeschlechtliche Liebe" übrigens eigentlich mehr in den Sozialkunde-Unterricht als in die Sexualerziehung, wenn es auch dort natürlich nicht fehlen sollte.
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© 2007 HuK Hannover e.V. 23.05.2007 - letzte Änderung am 07.08.2007