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Rosa Winkel - Nachruf auf einen Verlag

(Eigener Bericht)

Am 3. Januar 2007 ging bei dem einen oder anderen Freund schwuler Literatur, der zuvor ein entsprechendes Interesse bekundet hatte, aus Hamburg eine Antiquariatsliste ein mit der Aufstellung all jener Titel des Verlages rosa Winkel, deren Anzahl an Restexemplaren für die Listung im Verzeichnis lieferbarer Bücher zu gering war: Damit endete ein für alle Mal die Geschichte jenes Verlages der Zweiten deutschen Schwulenbewegung. Seit 2005 waren dessen Titel nicht mehr in jenem Verzeichnis zu finden und damit für den Buchhandel praktisch unerreichbar. Im Jahre 2000 zum 25jährigen Bestehen noch groß gefeiert, kam von den für das Jahr 2001 angekündigten Titeln nur noch ein einziger heraus; der kleine Verlag war seither praktisch inaktiv. So wechselte denn auch Wolfram Setz mit seiner 1991 im Rahmen des Verlages von ihm begründeten "Bibliothek rosa Winkel" bald darauf zum Verlag MännerschwarmSkript in Hamburg (der nun auch alle übrigen Titel des Verlages und die nicht mehr zu listenden Restbestände übernommen hat). Wie inzwischen bekannt wurde, wurde der Verlag 2005, also im 30. Jahr seines Bestehens, von Amts wegen aus dem Handelsregister gestrichen.

1975, also bereits vier Jahre vor dem Homolulu-Festival in Frankfurt, dem Kulminationspunkt der ersten Phase der Zweiten deutschen Schwulenbewegung (die erste war von der NS-Gewaltherrschaft so gründlich ausgelöscht worden, dass man in der zweiten anfangs von der ersten keinerlei Kenntnis mehr hatte), war in Berlin der Verlag rosa Winkel gegründet worden. Zwei Mitglieder der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) waren die Gründer - Volker Bruns und Peter Hedenström. (Letzterer begründete zusammen mit drei Partnern im November 1978 mit "Prinz Eisenherz" in Berlin auch Deutschlands ersten schwulen Buchladen, der - wiederholt umgezogen - noch heute existiert.) Ziel der Verlagsgründung war es, Texte herausbringen zu können, die in der existierenden bürgerlich geprägten und homosexuellen Themen gegenüber nicht gerade aufgeschlossenen Verlagslandschaft so gut wie keine Chance zur Veröffentlichung hatten. "Tuntenstreit. Theoriediskussion der Homosexuellen Aktion Westberlin" war der erste (und einzige) Titel des Verlages in seinem Gründungsjahr. - Die Führung des Verlages wechselte in den Anfangsjahren; Elmar Kraushaar und Erich Hoffmann gehörten ihr zeitweise an; ab 1978 lag sie bei Egmont Fassbinder (bis 1981 zusammen mit Hans Hütt, danach bei ihm allein).

Buchtitel "Tuntenstreit - Theoriediskussion der Homosexuellen Aktion Westberlin" (1975) - 
[Für die Vorlage danken wir R. Hoffschildt, Schwul-Lesbisches Archiv Hannover]
Aktueller Prospekt der "Bibliothek rosa Winkel"

Bald schon gehörten Klassiker der Schwulenbewegung aus der Zeit vor der NS-Herrschaft genauso zum Programm des Verlages wie die aktuelle Theoriediskussion der Bewegung - hier repräsentiert durch Edward Carpenter´s "Die homogene Liebe ..." und eine Publikation des Schwulenreferats im ASTA (Allgemeiner Studenten-Ausschuss) der Freien Universität Berlin. Die "Bibliothek rosa Winkel" (aktueller Prospekt rechts) wurde eröffnet mit "Berlins Drittes Geschlecht" aus der Feder von Magnus Hirschfeld, brachte u.a. in vier Bänden die "Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe" von Karl Heinrich Ulrichs wie auch die noch früheren Schriften von Heinrich Hössli, aber auch solche Titel wie "Die Sünde von Sodom" - die angeblichen Memoiren eines viktorianischen Strichers. Heute liegen 42 Bände der "Bibliothek" vor nebst drei Titeln der "Sonderreihe Wissenschaft". Mit einer Auswahl daraus (nur solche Titel, die noch im Verlag rosa Winkel erschienen sind) und anderen Büchern des Verlages lässt sich sogar eine - wenn auch "deutschland-lastige" - Geschichte der Homosexualität in Form einer Buchreihe darstellen, wie dies unten mit dem großen Bild versucht wurde. (Näheres zu den einzelnen Werken findet sich auf der Sonderseite mit der Vergrößerung des Bildes)

Schwule Geschichte als Buchreihe des Verlags rosa Winkel
(Für ausführliche Erläuterungen bitte auf das Bild klicken!)


Mit den letzten vier Buchtiteln unten soll nun aber auch verdeutlicht werden, dass im Verlag rosa Winkel nicht nur historische Themen, Theoriediskussionen der Schwulenbewegung und andere eher ernstere literarische Kost publiziert wurde, sondern auch so manch eher Unterhaltendes. Geradezu zum Klassiker avancierte dabei "Elvira auf Gran Canaria" - eine andere Art von Reiseführer mit liebevoll-spöttischem Blick auf schwules Leben und Treiben, gerade im Verlag MännerschwarmSkript wieder neu aufgelegt. Michael Sollorz´ Geschichten von Paul dürften die meisten schon aus der schwulen Presse kennen; neben Geschichten aus der Party-Szene steht hier am Schluss noch ein Krimi.

Brachte der Verlag rosa Winkel einstmals wichtige literarische Neuentdeckungen nicht nur aus dem deutschen Sprachraum heraus, die sonst vielleicht gar nicht erschienen wären, so ist ihm darin im Laufe der Zeit einige Konkurrenz erwachsen - schon seit längerem war er nicht mehr der einzige schwule Verlag in Deutschland. Zudem bringen heutzutage selbst die größeren Publikumsverlage schon eher schwule Titel heraus als zur Zeit seiner Gründung. Wenn daher die Lücke, die das Ableben des Verlages hinterlässt, für das schwule Buch global gesehen kaum mehr ins Gewicht fällt, so ist die lange Phase seiner Agonie und der damit verbundenen Nichtverfügbarkeit für die einzelnen Buchtitel und ihre Herausgeber und Autoren doch ein erheblicher Schaden und ein Ärgernis, wie Wolfram Setz zu Recht in seinem Beitrag "Rosarotes Trauerspiel - Wie ein Verleger die schwule Geschichte verspielt" (Gigi Nr. 46, November/Dezember 2006, S. 34-35) monierte. Denn in diesen Buchtiteln steckt ja viel Mühe, Zeit und nicht selten auch Geld der Autoren und Herausgeber - die Mühe und Zeit des Schreibens und Redigierens, der Beschaffung etwaiger Druckkostenzuschüsse und bisweilen auch eigenes Geld. Hoffen wir nun, dass die Bücher jetzt über MännerschwarmSkript wieder zugänglich gemacht und wo nötig auch wieder neu aufgelegt werden.

Bernd König, Internetredakteur der HuK Hannover


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© HuK Hannover e.V. 2007 - letzte Änderung am 28.05.2007