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Im Herbst 1980 wurde in verschiedenen schwulen Zeitungen ein Aufruf mit dem Projekt der Gründung eines schwulen Tagungshauses veröffentlicht. (Die Idee zu einem Begegnungszentrum und Tagungshaus von Schwulen für Schwule war in ihren Grundzügen im Jahr zuvor im Rahmen des zehntägigen Emanzipations-Festivals "Homolulu" in Frankfurt geboren worden, woraus bundesweit eine ganze Reihe weiterer schwuler Initiativen hervorgegangen sind.) Noch im Dezember 1980 waren Rainer Marbach, sein Lebensgefährte Ulli Klaum und deren Freunde nach mehrmonatiger Suche im Raum Göttingen auf das ehemalige Kurhotel und Ausflugslokal Waldschlösschen im Wald zwischen Reinhausen und Bremke, südlich von Göttingen, gestoßen. Im Januar 1981 gründeten sie dann einen gemeinnützigen Verein, der das Haus pachten sollte, und begannen bereits im Februar mit Renovierung (Sanierung) und Ausbau. |
Damals im "Zonenrandgebiet" an der Grenze zur DDR gelegen, liegt das Haus nunmehr nahezu in der geographischen Mitte Deutschlands. Und auch in anderem Sinne liegt es "mittendrin": Als autonomes Projekt der zweiten deutschen Schwulenbewegung gestartet, also von Menschen, die damals in der vorherrschenden Meinung als "Außenseiter am Rande der Gesellschaft" verortet wurden (heute würde man eher von einem "alternativen Projekt" aus dem Bereich der "Neuen sozialen Bewegungen" sprechen), ist es nunmehr eine staatlich anerkannte Heimvolkshochschule, die gleichberechtigt mit analogen Bildungseinrichtungen z.B. in gewerkschaftlicher oder kirchlicher Trägerschaft förderungsberechtigt in Bezug auf öffentliche Mittel zur Erwachsenenbildung ist. Wichtige Schritte auf dem Weg dorthin waren der Aufbau des Bildungswerks AIDS und Gesellschaft im Waldschlösschen und die Begründung der rot-grünen Koalition 1990 in Niedersachsen, die den Abbau der Diskriminierung von Schwulen und Lesben zu einem der Ziele ihres Regierungsprogramms erklärte. Dass seither Schwule und Lesben in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind (und mit ihnen auch das Waldschlösschen selbst), ist auch mit ein Verdienst der hier geleisteten Arbeit.
Anfangs ein rein schwules Projekt, steht es heute auch rein lesbischen Seminaren offen sowie im Rahmen der AIDS-Arbeit z.B. auch den Treffen infizierter, zumeist heterosexueller Frauen. Es gibt Seminare für Eltern von Lesben und Schwulen, für schwule Väter und Ehemänner, ebenso aber auch für deren Frauen, Positiventreffen und Seminare für HIV-Infizierte / an AIDS Erkrankte und ihre nichtinfizierten ("diskordanten") PartnerInnen usw. usw. - "Klassiker" sind das schwule Ostertreffen (seit 1982), das Pfingsttreffen der Lehrer, Weihnachten/Silvester "in schwuler Gesellschaft", die Treffen der Schwulenreferate deutscher Universitäten mit dem traditionellen gemeinsamen Café-Besuch "im Fummel" in Göttingens Innenstadt und der (stets sehenswerten) selbstgemachten Bühnen-Show am Samstagabend. Grundlagenseminare - etwa zum Thema Homosexualität und Gesellschaft oder zum Projektmanagement und zu Führungstechniken in der ehrenamtlichen Vereinsarbeit - finden sich genauso im Angebot des Waldschlösschens wie Sprachkurse, Kurlaub, Übernachtungsgelegenheit zum Documenta-Besuch im gar nicht so weit entfernten Kassel, Literaturseminare oder Kammermusik-Treffen. Viele heute namhafte Künstler hatten ihre ersten Auftritte im Waldschlösschen, wo sich schwule Chöre zu Chorwochenenden treffen ebenso wie die Vertreter der Schwulen- und Lesbenzentren, die der norddeutschen CSDs der CSD-Nord-Kooperation und viele andere Aktive aus den unterschiedlichsten sozialen und (gesellschafts)politischen Bereichen der "Community". Dabei muss man bei einer Reihe von Angeboten des Hauses selbst gar nicht einmal schwul oder lesbisch (oder "mitbetroffen") sein, um die Gastlichkeit und die erwähnenswert gute Küche des Waldschlösschens genießen zu können.
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Das neue Buch zum Waldschlösschen ist nun zwei- oder eigentlich dreigeteilt: Der obere Hauptteil des Werkes gliedert sich in Rainer Marbachs Text "Emanzipation und Partizipation - Eine kurze Geschichte des Waldschlösschens" sowie den Abschnitt "Heimat und Begegnung mit dem Fremden - Stimmen aus 25 Jahren Waldschlösschen". Marbach beginnt mit einem Prolog, demzufolge schon lange vor dem Bau des Waldschlösschens August von Platen dieses Tal bei Reinhausen zusammen mit einem (platonisch) von ihm geliebten Freund besucht hatte, schildert dann die Geschichte des Kurhotels von 1904 bis 1980, die Anfänge und die (beinahe) unendliche Sanierungs- und Baugeschichte, die Entwicklung des Bildungsprogramms, der politischen Hintergründe und den Wandel der Rechtsform (vom Verein zur Stiftung), reflektiert über Arbeitstechniken, Organisationszusammenhänge, "Community" und Gesellschaft sowie "Dominanz-" versus "Subkultur"; sein Lebenspartner Ulli Klaum steuerte einen Abschnitt zur Kultur im Waldschlösschen auch und gerade in Bezug auf die nahe Stadt Göttingen bei und Monika Henne eine Seite zum Sprachprogramm. In einem weiteren Kapitel geht Marbach dann noch auf die (Buch-) Edition Waldschlösschen ein.
Der nachfolgende zweite Teil des Hauptbereichs bringt dann eine Fülle von Äußerungen prominenter und weniger prominenter Gäste des Waldschlösschens aus 25 Jahren und auch Texte von jenen, die das Waldschlösschen in seiner Entwicklung in der einen oder anderen Form begleitet haben. Beide Teile dieses Hauptbereichs sind reichlich mit Abbildungen ausgestattet, ebenso aber auch der durchlaufende dritte oder untere Teil (in etwa unterhalb der zarten hellgrauen Querlinie auf der vorderen Einbandseite - siehe oben oder besser noch in der vergrößerten Ansicht), der eine Zeitleiste mit den wichtigsten Ereignissen aus der Geschichte des Waldschlösschens beinhaltet, die mit den Augustferien 1980 der NARgS (*) am Lago di Bolsena in Italien und dem Gründungsaufruf vom Herbst 1980 in der "Berliner Schwulenzeitung" beginnt und mit dem Einbringen des Löschwassertanks im Sommer 2006 endet. (Es folgt am Schluss noch eine Seite mit Fotos von der Jubiläumsfeier im Juli 2006 sowie mehrere Seiten mit Gratulationsanzeigen aus der schwullesbischen Welt, von Institutionen von DAH bis zu den LandesreferentInnen für Lesben und Schwule, vom örtlichen Gewerbe und der Pharmaindustrie.)
Bernd König, Internetredakteur der HuK Hannover
(*) Auflösung im Buch!
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© HuK Hannover e.V. 2006 - letzte Änderung am 12.02.2007