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Tagungstitel
DIE ZUKUNFT DER ERINNERUNG IN DER REGION HANNOVER


Im Sommer des Jahres 2006 war unter der Federführung des Fördervereins der Gedenkstätte Ahlem und unter Beteiligung der Landeshauptstadt sowie der Region Hannover das Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover als Zusammenschluss und Arbeitsplattform von anfangs 25, bald aber schon mehr als 30 Institutionen, Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen gegründet worden, für die die Zukunft der Erinnerungskultur in der Region Hannover der Schwerpunkt ihrer Arbeit oder zumindest ein wesentliches Anliegen ist. Ausgangspunkt dazu war ein Übereinkommen des scheidenden Regionspräsidenten Arndt mit dem ebenfalls scheidenden langjährigen Oberbürgermeister Schmalstieg. Kurz nach der Gründung war auch die HuK Hannover dem Netzwerk beigetreten. Dessen Wirken begann mit der Organisation einer Tagung, die Ideen und Impulse für die zukünftige Arbeit liefern sollte.

Zur Tagung gab es am Vorabend (Freitag, 24. November 2006) ein kulturelles Begleitprogramm: das Theaterstück "SCHULDIG GEBOREN", eine Inszenierung des Klecks Theaters nach Peter Sichrovskys gleichnamiger Interviewsammlung mit Kindern von Tätern der nationalsozialistischen Verbrechen im Alten Magazin in der Kestnerstrasse 18. Das Stück aus mehreren Monologen und einem heftigen Dialog zwischen den im Publikum verteilt sitzenden Darstellern war eine außerordentlich eindringliche und emotional bewegende Einstimmung in die Thematik der beiden folgenden Tage.

Die eigentliche Tagung im Pavillon begann dann am Samstagmorgen nach der Eröffnung durch die Netzwerk-Koordinatorin Barbara Weber mit einer Begrüßung durch Ruth Gröne von der Initiative "Bürger gestalten ein Mahnmal", die auch selbst eine Zeitzeugin der NS-Verbrechen ist. Es folgten drei Impulsreferate mit anschließender Diskussion, von Dr. Wolfgang Meseth von der Universität Frankfurt (FB Erziehungswissenschaften) unter dem Thema "AUS DER GESCHICHTE LERNEN? - Was denken und wissen Jugendliche über die Geschichte des Nationalsozialismus?", von Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, zum Thema "NEUGESTALTUNG VON GEDENKSTÄTTEN" und von Frank Ehrhardt vom "Arbeitskreis Andere Geschichte e.V.", Braunschweig, über das dortige Projekt "OFFENES ARCHIV - IDEE UND PRAXIS".

An wichtigen Aspekten und Thesen ergaben sich aus den drei Vorträgen u.a. die Problematik, durch die Gedenk- und Erinnerungskultur keine deutsche "Schicksalsgemeinschaft" zu etablieren, die heranwachsende Neubürger mit Migrationshintergrund ausschließt; auch müssen Gedenkstättenbesuche gut vorbereitet sein unter Einbeziehung des Geschichtsbewusstseins, der Vorkenntnisse und der Erfahrungswelt der Jugendlichen (Meseth). Im Vordergrund der Vermittlung muss die jeweilige spezifische Charakteristik des historischen Ortes stehen, im Falle von Ahlem also z.B. das "Alleinstellungsmerkmal" der Vorgeschichte als Israelitische Gartenbauschule (die ja einen weitaus längeren Zeitraum umfasst als der Missbrauch als Stätte der Verfolgung unter der NS-Diktatur); bauliche Relikte sind dabei historische Beweisstücke - daher sind Rekonstruktionen, Inszenierungen und gar künstlerische Überformung (wie etwa die parkartige Umgestaltung in Bergen-Belsen) tunlichst zu unterlassen (Wagner). Ein publikumsoffenes Archiv wie in Braunschweig bietet optimale Chancen der Vertiefung je nach persönlichen Interessen und zum entdeckenden Lernen; die Notwendigkeit eines nichtöffentlichen Archivs als Arbeitssammlung für die wissenschaftliche Forschung bleibt daneben selbstverständlich bestehen - auch schon unter konservatorischen und datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten (Ehrhardt).

Während der Mittagspause stellten mehrere der im "Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover" zusammengeschlossenen Initiativen, Vereine und Institutionen an Informationsständen ihre Arbeit vor mit der Möglichkeit zu Gesprächen. Die HuK Hannover war dabei quasi als "Untermieter" am Stand des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen - VEHN e.V. von Rainer Hoffschildt mit Ausdrucken "einschlägiger" Artikel aus unserer Homepage sowie "Homoluja"- und "HuK-Info"-Heften (letztere von der Bundes-HuK) und Bernd König als Ansprechpartner vertreten.

In Arbeitsgruppen ging es danach unter dem Titel "DIE ZUKUNFT DER ERINNERUNG IN DER REGION HANNOVER" um die Fragen "Was haben wir? Was brauchen wir? Was wollen wir?" zum Zwecke der Entwicklung von Empfehlungen, Leitlinien und Ideen. Dazu hatten sich die TeilnehmerInnen aufgeteilt in die drei Arbeitsgruppen "Forschen & Dokumentieren", "Erinnern & Gedenken" sowie "Bildung & Informieren". Am Schluss erfolgte im Plenum die Vorstellung und Debatte der Arbeitsergebnisse.

Am Sonntag, dem 26. November 2006, stellte nach der Begrüßung durch Frau Weber und Margot Kleinberger von der Jüdischen Gemeinde Hannover - eine Zeitzeugin, die sehr bewegend zum Ausdruck brachte, was es hieß, die Verfolgung am eigenen Leibe zu spüren - Dr. Hans-Dieter Schmid vom Historischen Seminar der Universität Hannover (und dem Förderverein der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem eng verbunden) stellte in einem ausführlichen Vortrag mit umfangreichem historischen Bildmaterial die Geschichte und Bedeutung der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem vor, gefolgt von ihrer Übernahme durch das NS-Regime und den Missbrauch der Gebäude als "Judenhaus" (Zwangsunterkunft von aus ihren Wohnungen gewaltsam vertriebenen jüdischen BürgerInnen unter sehr beengten, menschenunwürdigen Bedingungen), Gestapo-Gefängnis und zentrales Sammellager im Rahmen der Deportationen der jüdischen Bürger und Bürgerinnen Hannovers in Ghettos und Konzentrationslager im Osten Europas. Es folgte ein Referat von Dr. Karola Fings, stellv. Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, zum Thema "ERINNERUNGSARBEIT UND GEDENKKULTUR VOR ORT: DAS EL-DE-HAUS IN KÖLN". Letzteres ist nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch Museum, Bildungs- und Forschungseinrichtung mit 11 MitarbeiterInnen, von allen Parteien im Rat der Stadt Köln unterstützt und von den Bürgern und Bürgerinnen auf vielfältige Weise genutzt und angenommen.

Danach begann dann die Abschlussdiskussion "PERSPEKTIVEN DER ERINNERUNGSARBEIT IN DER REGION HANNOVER" mit Dr. Karola Fings, El-De-Haus Köln, Lothar Schlieckau, Bündnis 90/Grüne, Mitglied im Kulturausschuss der Stadt Hannover, Helga Christensen, SPD, Abgeordnete Region Hannover und Landtagspräsident Jürgen Gansäuer (Nds. Landtag) im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Fördervereins der Gedenkstätte Ahlem, Hans-Jürgen Hermel, und Frau Weber vom Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover. Die Moderation hatte Klaus Richard vom NDR übernommen. Seitens der Politik wurde Unterstützung für die Anliegen des Netzwerks signalisiert, aber auch darauf hingewiesen, dass ein langer Atem zur Umsetzung der Ideen notwendig sein wird.

Die Tagung traf bei den mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf durchwegs positive Resonanz; sie war als Auftakt einer öffentlichen Debatte zum Thema Gedenkstättenarbeit und Zukunft der Erinnerungskultur in der Region Hannover gedacht, mit dem Ziel, zu einer angemesseneren und würdigeren Neugestaltung der Gedenkstätte in Ahlem zu gelangen und darüber hinaus neue Konzepte zur dokumentarischen und pädagogischen Aufarbeitung des NS-Unrechts im regionalhistorischen Bezug zu entwickeln. Diese Aufgabe wird ausgehend von den Ergebnissen der Tagung durch eine Konzeptgruppe weitergeführt.


(Die nachfolgenden Bilder können durch Anklicken vergrößert gesehen werden.)

(Fotos: © Rainer Hoffschildt)

Links: Eröffnung der Tagung durch Frau Weber vom Netzwerk Erinnerung und Zukunft.

Oben: "Thumbnails" ["Daumennagel" (-Kopien)] des Tagungsprogramms - zur Vergrößerung bitte klicken!

Begrüßung durch Ruth Gröne (Initiative "Bürger gestalten ein Mahnmal", Zeitzeugin)

Rainer Hoffschildt an seinem (und unserem) Stand mit sechs beispielhaften Biographien schwuler NS-Opfer aus Hannover und seinen zwei Büchern auf dem Tisch. Ferner sieht man dort u.a. Mappen mit Ausdrucken aus der Homepage der HuK Hannover und "Homoluja"- sowie "HuK-Info"-Hefte.

Eröffnung des zweiten Tagungsteils am Sonntag durch Barbara Weber

Begrüßung durch Margot Kleinberger
(Jüdische Gemeinde Hannover, Zeitzeugin)

Mittagspause: Rainer Hoffschildt, Klaus Vespermann und Margot Kleinberger

(Klaus Vespermann half bei der Realisierung von
Rainer Hoffschildts schwuler Stadtgeschichte "Olivia")


Abschlussdiskussion zum Thema
"PERSPEKTIVEN DER ERINNERUNGSARBEIT IN DER REGION HANNOVER"
mit - von links - Helga Christensen, SPD, Abgeordnete Region Hannover,
Lothar Schlieckau, Bündnis 90/Grüne, Mitglied im Kulturausschuss der Stadt Hannover,
Landtagspräsident Jürgen Gansäuer (Nds. Landtag),
Dr. Karola Fings, El-De-Haus Köln, als Moderator Klaus Richard, NDR,
Hans-Jürgen Hermel, Förderverein der Gedenkstätte Ahlem e.V.,
und Barbara Weber, Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover



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© 2006-7 HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 22.03.2007