Wem es zuvor entgangen war: Spätestens seit den Vorfällen in der Rütli-Schule ist Gewalt an Schulen in jeder Munde, die öffentliche Debatte über Hintergründe und Ursachen allgegenwärtig. Aber wer kümmert sich um mögliche Interventions- und Lösungsansätze? Die Schulcoaches vom ZDF! In der sechsteiligen Reportagereihe, die in diesen Tagen wöchentlich zu sehen ist, wird der Alltag an der Pommernschule in Berlin-Charlottenburg dokumentiert. Immer mittwochs ab 21 Uhr können wir hier lernen, wie mit verbalen und körperlichen Angriffen unter den SchülerInnen, mit Mobbing und Ausgrenzung einzelner MitschülerInnen umzugehen ist. Die beiden Schulcoaches sollen aus der vorherrschenden, aggressiv aufgeladenen Atmosphäre, in der ein lehrplanmäßiger Fachunterricht vielfach nur noch sehr eingeschränkt möglich ist, ein gewaltfreies und von gegenseitigem Respekt geprägtes Miteinander der SchülerInnen zaubern.
Wer hierbei jedoch von den beiden SozialpädagogInnen angemessene Konfliktlösungen erwartet, ist auf dem Holzweg. Dies zeigt besonders eindrucksvoll der zweite Teil der Reihe, der am 3. Mai 2006 ausgestrahlt wurde.
Wieder einmal geht es um die Klasse 9.1 der Hauptschule, in der wegen permanenten Störens durch einzelne SchülerInnen selbst erfahrene, engagierte und sonst durchsetzungsstarke LehrerInnen kaum mehr in der Lage sind, einen fachlichen Unterricht durchzuführen. Alsbald erfahren wir, dass insbesondere ein Schüler nicht unschuldig ist an den chaotischen Zuständen in dieser Klasse. Denn der Junge hat einen schweren Fehler begangen: Nachdem er neu in die Klasse gekommen war, hat er sich gleich zu Beginn als schwul geoutet. Verständlich also, dass er seitdem von seinen MitschülerInnen nicht nur systematisch ausgegrenzt wird, sondern auch das Opfer ständiger verbaler Attacken und körperlicher Übergriffe ist. Und dies habe sich noch verschlimmert, seit er die Dreistigkeit besessen hat, einem seiner Mitschüler seine Liebe zu gestehen.
Selbstverständlich ist er damit entschieden zu weit gegangen! Das ist doch auch kein Wunder, dass es fortan Probleme in dieser Klasse gab. Schließlich mutet man gerade Jugendlichen in diesem Alter mit der Gegenwart eines homosexuellen Menschen eine erhebliche Belastung zu, richtet womöglich Schäden an, deren Ausmaß gar nicht absehbar ist, und unter Umständen stecken sich die anderen SchülerInnen am Ende sogar an!
Dies befürchtet wohl auch der arme Junge, in den sich der schwule Jugendliche verliebt hat. Laut eigener Äußerung fühlt er sich "gedemütigt", und hat Angst, selbst als "Schwuchtel" bezeichnet zu werden. Den schwulen Mitschüler daraufhin zu demütigen, sei zwar "ehrlich gesagt auch nicht richtig", wie den anderen Jugendlichen in Einzelgesprächen entlockt wird, aber es sei doch letztlich "seine eigene Schuld".
So sind nicht nur permanente Beschimpfungen an der Tagesordnung, sondern der schwule Schüler wird auch aus den hinteren Sitzreihen mit Gegenständen beworfen. Einsatzsignal für einen der Schulcoaches! Um diesem sowie anderen Konflikten innerhalb der Klasse beizukommen, soll eine neue Sitzordnung her. Der "Problemfall" sitzt nun weiter hinten im Klassenraum, offenbar im Vertrauen des Coaches darauf, dass seine MitschülerInnen nicht in der Lage sind, sich zu ihm umzudrehen, um ihn weiterhin anzugreifen. Für den schwulen Jugendlichen sei das eine Chance, denn immer nur von hinten beworfen zu werden, das sei kein schönes Leben, sagt die Deutschlehrerin. Außerdem bekommt der Junge im Rahmen der neuen Sitzordnung eine neue Tischnachbarin. Diese will zwar wie alle anderen SchülerInnen der Klasse nicht neben ihm sitzen und fühlt sich in seiner Nähe sichtlich unwohl, aber im Vergleich zu den anderen Mädchen und Jungen sei sie stark, tolerant, habe Verständnis und könne "mit dem Kopf denken". Dies bestätigt ihr die Deutschlehrerin anerkennend und ermutigend, vor der gesamten Klasse, im Beisein des schwulen Schülers natürlich. Dieser wird jedoch wie durch ein Wunder weiterhin attackiert, woraufhin er tagelang nicht mehr zur Schule kommt. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, wie sich im weiteren Verlauf der Sendung herausstellt.
Nachdem eine seiner Mitschülerinnen zunächst vorschlug, er solle doch ganz alleine sitzen, dann habe er seine Ruhe, und die anderen auch, hat ein weiterer Schüler der Klasse eine weitaus bessere Idee: "Warum sucht er sich nicht eine Schule, wo es mehr wie ihn gibt?" Natürlich! Anstelle eines Katzentisches für den schwulen Jugendlichen, mit dem seine MitschülerInnen womöglich in lichten Momenten der Einsicht mit ihrem eigenen, inakzeptablen Verhalten konfrontiert werden könnten, soll er doch lieber die Schule verlassen.
Noch erschreckender als dieses diskriminierende Verhalten der SchülerInnen ist jedoch die Tatsache, dass sowohl der Schulleiter, der Klassenlehrer des Jungen als auch der Schulcoach diese Ansicht teilen. Zwar würden üblicherweise in derartigen Fällen von Mobbing die TäterInnen ausgeschlossen, aber unter dem Deckmantel des nicht mehr zu gewährleistenden Schutzes an dieser Schule solle der schwule Schüler doch lieber seine Chance nutzen, völlig unbelastet von alledem in einer anderen Schule neu zu beginnen. Statt also den Jungen in seinem Coming-out zu unterstützen, mit seinen MitschülerInnen und auch den LehrerInnen über das Thema sexuelle Orientierung in die Diskussion zu treten und damit der vorherrschenden Homophobie entgegenzuarbeiten, wird dem schwulen Schüler selbst die Schuld an dem diskriminierenden Verhalten der Menschen in seiner Umgebung zugewiesen. In einem Interview zeigt er sich schließlich einsichtig. Er habe einen großen Fehler gemacht und wolle lieber die Schule wechseln statt weiter den Unterricht schwänzen zu müssen.
Gesagt, getan, der Jugendliche verlässt die Schule. Zum Abschied gibt ihm der Klassenlehrer die ebenso weisen wie auch pädagogisch versierten Worte mit auf den Weg: "Wir hätten den Kampf beinahe gewonnen, das war dein Versagen." Ein wenig mitfühlender rät die Deutschlehrerin: "Mach den Fehler nicht noch mal, pass Dich an ein bisschen, weißt Du, dann werden Dich die Menschen auch mögen."
Womit der Weg geebnet scheint in ein neues, nicht geoutetes und damit angeblich sorgenfreies Leben, zumal nun der gesamten Bundesbevölkerung die Geschichte und das Aussehen des Jungen bekannt ist. Und wer diese Sendung verpasst hat, kann sich jederzeit auf der Website des ZDF ansehen, wie ein respektvoller und gleichberechtigter Umgang miteinander an der Pommernschule etabliert wird.
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© HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 02.03.2007