„Schwulen-KZ“ mit Kirche:
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Das Schloss Lichtenburg in Prettin (im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt) war von 1933-1935 eines der frühen Männer-KZs. Zeitweise waren 45% der Häftlinge Homosexuelle, unter ihnen der Schauspieler Kurt von Ruffin (*). Die Lichtenburg diente als „Leit-KZ“ für die Inhaftnahme Homosexueller (Werner Dietrich). In dieser Zeit fanden in der Schlosskirche immer noch evangelische und katholische Gottesdienste für die Häftlinge statt. Ein Bericht über eine evangelische Predigt ist erhalten geblieben: „Tragt euer Leid in Geduld, nehmt die von Gott verhängte Strafe auf euch. Denn Gott hat euch hierher gebracht. Gott will euch zur Umkehr zwingen." Ein deutliches Dokument des Versagens der Kirchen! Das Schloss Lichtenburg ist die einzige noch komplett erhaltene Anlage eines frühen KZs.
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(*) Anmerkung: In dem Dokumentarfilm "Wir hatten ein großes `A´ am Bein" (NDR 1991) wird u.a. Kurt von Ruffin als Zeitzeuge interviewt. Ein Teil des Interviews wurde bei seinem ersten Besuch in der Lichtenburg nach Jahrzehnten gedreht und zeigt viele Details des ehemaligen KZ im damaligen Zustand (d.h. 1991) - und bietet dazu dann auch Erläuterungen dieses Zeitzeugen aus seiner Erinnerung heraus. - Vgl. dazu auch "Kurt von Ruffin im Gespräch mit Winfried Kuhn", in: Elmar Kraushaar, Hrsg.: "Hundert Jahre schwul - Eine Revue", Berlin 1997: Rowohlt Berlin-Verlag, 239 S., hier S. 46 - 59, ISBN 3-87134-307-2. - Da es zum "großen `A´ am Bein" bis vor ein paar Jahren keine Bestätigung durch andere Zeugnisse gab, waren die Historiker sehr skeptisch gegenüber dieser Erinnerung Kurt von Ruffins. Dann wurde aber bei Bauarbeiten in der Schlosskirche zwischen allerlei Schutt eine mit einem großen `A´ bestempelte Beinbinde gefunden, die dieses Detail seiner Schilderungen somit unzweifelhaft bestätigte.
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Das KZ wurde am 12. Juni 1933, also nur wenige Monate nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten, mit 50 Häftlingen eröffnet, worauf aber bereits am 20. Juni 1933 weitere 450 Häftlinge folgten. Es war ein sogenanntes "Schutzhaftlager" und erlangte auch dadurch weitere Bedeutung, dass es als "Muster- und Ausbildungs-KZ" diente. Im Sommer 1937 wurden dann die Gefangenen in die neu errichteten KZs Sachsenhausen und Buchenwald verlegt. Noch im selben Jahr wurde es ein Frauen-KZ, dessen erste Insassinnen aus dem niedersächsischen Moringen hierher verlegt wurden. Bei der Schließung (wegen baulicher Mängel) wurden die in der Lichtenburg inhaftierten Frauen ins Frauen-KZ Ravensbrück abtransportiert. Die Lichtenburg diente seitdem bis zum Ende der Nazi-Herrschaft als Dienstgebäude der SS.
"Nun soll die Mahn- und Gedenkstätte dieses KZs ausgelagert werden, damit das Schloss verkauft werden kann. Die HuK, die an vielen Gedenkstätten für schwule Opfer mitgewirkt hat, protestiert gegen die vorgesehene Auslagerung dieser authentischen Gedenkstätte. Hier könnte sich wieder bewahrheiten: „TOTGESCHLAGEN — TOTGESCHWIEGEN“. Darum ist die HuK solidarisch mit den Opferverbänden. Sie möchte die Erinnerung an die schwulen Opfer wach halten und die Kirchen an ihre Mitschuld an der Verfolgung von Homosexuellen erinnern."
Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche
Thomas Beckmann Udo Kelch
Die Vertreter von 7 Opferverbänden, darunter die Mitglieder der Lagerarbeitsgemeinschaft / Freundeskreis Lichtenburg und die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der ersten Häftlingstransporte im Juni 1933 erklären einmütig und mit aller Entschiedenheit ihren Widerspruch zum Verkauf des KZ Lichtenburg und zur Auslagerung der Mahn- und Gedenkstätte Schloss Lichtenburg in ein nicht mehr authentisches Nebengebäude, welches vom Schlossgebäude mit den Häftlingsunterkünften und den Werkstätten abgetrennt werden soll.
Für die ehemaligen Häftlinge und ihre Angehörigen und für die Verfolgten des Naziregimes ist die Vermarktung eines Konzentrationslagers ein unerhörter Skandal, der bisher einmalig ist. Er schadet dem internationalen Ansehen der Bundesrepublik Deutschland. Das Europaparlament stellte die Nazikonzentrationslager unter europäischen und internationalen Schutz. Der Kampf der Antifaschisten in Deutschland und ihre Beteiligung in den Reihen der alliierten Streitkräfte und Partisanen haben international ein hohes Ansehen und waren eine der bedeutsamsten Grundlagen, die nach 1945 den Weg zur Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die Völkergemeinschaft ermöglicht haben.
Der KZ-Komplex Schloss Lichtenburg ist die einzige authentische Stätte eines frühen Konzentrationsiagers in Regie der SS, die in ihrer baulichen Substanz noch weitgehend erhalten ist.
Trotz zahlreicher Proteste im In- und Ausland und trotz zahlreicher Artikel und Sendungen in den Medien beharrt die Landesregierung auf ihrem für uns unerträglichen Standpunkt. Das Schloss Lichtenburg verfällt. Das Problem des Schlosses Lichtenburg ist seit Jahren bekannt, ohne dass eine vernünftige Lösung gefunden wurde. Wir fordern die Bundesregierung als Eigentümer des Schlosses Lichtenburg und die Landesregierung Sachsen-Anhalt als die für die Gedenkstätten verantwortliche Institution auf, endlich gemeinsam mit den Opferverbänden eine Konzeption zur Erhaltung der Anlage und einer mit dem Gedenken zu vereinbarenden Nutzung zu erarbeiten. Es dürfen nicht noch mehr Spuren der nationalsozialistischen Verbrechen verwischt werden.
Wir werden uns niemals mit den Plänen der Bundesvermögensverwaltung und der Landesregierung Sachsen-Anhalt abfinden und alles tun, diesen unerhörten Skandal zu verhindern. Konstruktiven Vorschlägen einer sinnvollen Nutzung zum Beispiel als Jugendbegegnungsstätte oder als Bildungseinrichtung haben wir uns nie verschlossen.
Wir rufen unsere Mithäftlinge und Mitstreiter im Widerstand, die Angehörigen der Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition und unsere Kameraden der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) auf:
Kämpft mit uns gemeinsam gegen die Vermarktung eines ehemaligen Nazikonzentrationslagers und gegen die Auslagerung der Mahn- und Gedenkstätte Schloss Lichtenburg aus dem historischen Ort!
Kontaktadresse, Information und Dokumentation:
Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen
Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener eV.
Geschäftsstelle: Philipp-Müller-Str. 57, 06110 Halle,
Tel/Fax (0345)2021139, E-Mail: ivvdn_sachsen_anhalt©web.de
Am 18. Dezember 2002 führte der Innenausschuss des Landtags Sachsen-Anhalt eine Anhörung zur Zukunft der Gedenkstätte KZ Lichtenburg durch. Dazu wurden nur zwei Opferverbände eingeladen. Sie konnten ihren Standpunkt vortragen, die Teilnahme an der Aussprache wurde ihnen jedoch verwehrt.
Ende Juni 2003 wurden alle Opfergruppen zu einem Symposion über das gleiche Thema eingeladen. Schon bei der Begrüßung wurde uns klar, dass wir nur bereits gefasste Beschlüsse zur Kenntnis zu nehmen hätten. Zwischenfragen wurden strikt zurückgewiesen. In der ersten Pause beschlossen die Vertreter der Opferverbände, die Veranstaltung bis zu ihrem Ende abzuwarten, um dann umso kräftiger zu intervenieren. In der Zwischenzeit wurden uns Planungen vorgestellt, die den Beschlüssen entsprachen. Am interessantesten waren die Vorschläge einer Studentengruppe von Architekten, die ein Leitsystem zu den authentischen Stellen ausgearbeitet hatten. Dieses ließe sich auch in dem von uns favorisierten Vorschlag realisieren. (Diese Studenten hatten nichts von den Vorschlägen der Opfergruppen erfahren.)
Am Schluss der Veranstaltung kam es dann doch noch zu einer Kontroverse. Die Opferverbände protestierten gegen dieses scheindemokratische Verfahren und versprachen, auch weiterhin für ihre Konzeption der Gedenkstätte zu kämpfen.
![]() In diesen Hinterhofschuppen soll die Gedenkstätte ausgelagert werden. |
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Am 1. Juli 1933 wurde der erste Häftling in das KZ Lichtenburg eingeliefert. 70 Jahre später, am 1. Juli 2003, wurde zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen. Vorher trafen sich die Opfergruppen und besprachen ihre zukünftigen Strategien. Es wurde ein Verein gegründet "Arbeitsgruppe Lagergemeinschaft Lichtenburg" und eine Solidaritätserklärung mit Unterschriftenliste konzipiert. Die "beschlossene" Auslagerung der Gedenkstätte ist auf das Jahr 2004 verschoben worden. Die Finanzierung bleibt erhalten. Es ist höchste Zeit, um noch aktiv gegen die Beschlüsse vorgehen zu können.
Die eigentliche Gedenkveranstaltung war sehr beeindruckend. Eine Zeitzeugin las die Geschichte von Elie Wiesel vor, in der von einem Jungen berichtet wird, der in einem KZ vor den versammelten Häftlingen gehängt wurde und sich lange bis zum Tod quälte. "Wo ist Gott?" ruft einer. "Dort am Pfahl!" soll eine Antwort gewesen sein. Als ich sie später daraufhin ansprach und sie erfuhr, dass ich Pfarrer sei, wandte sie sich brüsk von mir ab: "Die Kirche hat versagt, ich will mit ihr nichts mehr zu tun haben."
UK [Udo Kelch]
Bei der Überarbeitung dieser Seite im September 2006 ist die Gedenkstätte bereits seit längerer Zeit geschlossen, da die MitarbeiterInnen zur Bearbeitung sogenannter "Hartz IV-Anträge" von Langzeitarbeitslosen "abgezogen" wurden. Nach Informationen auf dem Bundes-HuK-Delegiertenrat in Bad Harzburg Ende August 2006 sind die Dinge aber wieder in Bewegung geraten und "hinter den Kulissen" tue sich etwas, teilten die Berliner HuK-Freunde mit: Eine öffentliche Anerkennung und Förderung der Gedenkstätte stehe bevor.
Am 15. November 2006 fand in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt in Berlin auf Einladung des Fördervereins ("Arbeitskreis Schloss und Gedenkstätte Lichtenburg e.V.") ein Symposium zur "Neukonzeption der Gedenkstätte Lichtenburg" statt.
Am 01.01.2007 erfolgte die Gründung der "Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt" auf der Grundlage des Gedenkstätten-Gesetzes des Landes vom 16.02.2006. Die Gedenkstätte Lichtenburg wurde per 01.01.2008 in die Stiftung aufgenommen und ist damit nun eine von insgesamt sechs Gedenkstätten des Landes Sachsen-Anhalt zur Erinnerung an beide Diktaturen, die das Land im 20. Jahrhundert beherrscht haben. Weitere Gedenkstätten sind beispielsweise die für die NS-"Euthanasie"-Opfer in Bernburg und die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn (also die ehemalige Grenzkontroll-Anlage an der Autobahn Hannover-Berlin).
Näheres lässt sich nun erfahren unter den Anschriften:
Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt
Halberstädter Straße 39a, 39112 Magdeburg
oder direkt:
Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt
KZ-Gedenkstätte Lichtenburg
Schlossstr. 1, 06922 Prettin
Siehe auch die folgende Internetseite dazu:
http://www.sachsen-anhalt.de/stiftung-gedenkstaetten
Im Dezember 2008 sollen nun erste Bauarbeiten beginnen. Der Lichtenburg-Experte Sven Langhammer ist mit der Erarbeitung der Konzeption der neuen Ausstellung befasst, die im Jahre 2010 eröffnet werden soll. Zusammen mit Andreas Pretzel und Rainer Hoffschildt plant er auch eine gemeinsame Buch-Publikation über die Schwulen im KZ Lichtenburg. Über beides wird dann in einem ganz neuen Beitrag zu unserer Webseite berichtet werden.
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letzte Änderung am 30.11.2008
(Der Internetredakteur dankt Sven Langhammer für wertvolle Korrektur-Hinweise.)