Wenn "Recht und Gerechtigkeit" als Ertrag erwartet werden, kultiviert er nicht die Einzelseele, sondern das soziale Geflecht. Er kultiviert das Miteinander. Das liebenswerte Bild eines gärtnernden Gottes wandelt sich, wenn ich Stadt und Land als soziale Wildnis in den Blick nehme. Keine Pflanze kann selbst Kulturen hervorbringen, keine kann andere Prioritäten setzen als das Überleben der eigenen Art zu sichern, häufig auf Kosten anderer. Heißt das: Keine Gesellschaft kann Gerechtigkeit aus sich selbst hervorbringen? Kein Recht, keine Gerechtigkeit ohne Gottes Geist? Wer sich die so genannte Sozialgesetzgebung der letzten Jahre ansieht, wird ihre Beschränktheit in Sachen Geist und Visionen nicht leugnen können. Hervorgebracht von Gewächsen, die nun mal keine Kultur hervorbringen können?
Das Weinberglied hat kein Happy End. Es überschreitet das Gleichnis. Die Natur – kultiviert oder nicht – wächst schuldlos und ohne Bewusstsein. Der Gärtnergott hingegen macht dem sozialen Geflecht der Menschen Vorwürfe. Er nimmt es persönlich, dass sich "sein Land" widersetzt und keinen Ertrag bringt, dass sein Gestaltungswille ins Leere geht. Die historischen Hintergründe im alten Israel sind jene, dass die Propheten nicht gehört werden. Dass Rechtsbruch herrscht – wo doch Rechtsspruch sein sollte.Und dass Klagegeschrei zu hören ist, wo doch Gemeinschaftstreue zu hören sein sollte.
Das große Geschenk der "Solidargemeinschaft" im Bund Gottes mit den Menschen bleibt unbeachtet, nicht wertgeschätzt. Gar nicht so weit weg von unserer weltweiten Wirklichkeit, oder?
Offensichtlich tun wir uns damit am allerschwersten: den Wert der Gemeinschaft, der Gerechtigkeit vor dem des persönlichen Vorteils zu sehen und ihn davor zu stellen. Selbst in den doch viel engeren und kontrollierteren Gesellschaftsformen wie im Israel des Jesajas war das schon so. Und das trotz der gemeinsamen, sogar aufgeschriebenen Tradition und Religion. Manche von Ihnen und von Euch in der HuK haben bzw. habt das am eigenen Leib, an der eigenen Seele gespürt: nicht so angenommen zu sein wie wir es doch eigentlich predigen. Auch in der Kirche gab und gibt es Diskriminierung: von Schwulen und Lesben. Es wird besser, meine ich; die ganz schwierigen Zeiten sind durchlitten und durchgestanden. Dafür hat die HuK gesorgt. Sie war einerseits ein Hort für alle, die sich gegenseitig stärkten und der Kirche - trotz der Probleme – nicht den Rücken kehren wollten. Weil Ihr stärker ward als die reale Kirche: eine unsichtbare eben, die gemeinsschaftsstiftend ist über alle Unterschiede hinweg. Und zugleich war und ist die HuK Rufende in der Wüste:
Dass Schwulsein nicht tabuisiert wird und ebenso wertvoll ist wie Lebenspartnerschaft zwischen Frau und Mann. Sie und Ihr habt vielleicht die Geschichte aus Moskau gehört von der M4-Konferenz der Bürgermeister von Berlin, London, Moskau und Paris, die sich vom 21.-22. Februar in Berlin über Umweltschutz, Stadtplanung u.a. ausgetauscht haben. Als ein Journalist den Moskauer Bürgermeister fragte, warum er keine Gay-Parade zulasse, zog er mit deftigen Worten über Homosexualität her und dass er die Gayparade nie erlauben werde. Nach dem Schreckmoment widersprach ihm der schwule Pariser Bürgermeister, dass Homosexualität keineswegs unnatürlich sei und der schwule Berliner Bürgermeister ergänzte: es habe auch eine Weile gedauert, bis in Berlin die Gayparade erlaubt worden sei. Anschließend habe man, so die Presseberichte, in guter Atmosphäre weiter beraten. - Vor 10 Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.
Zurück zum Lied über den Weinberg:
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Das Bild eines Gartens; zunächst positiv - Vielleicht sehe ich ihn in diesem Sommer wieder: den herrlichen Garten in Seebüll, kurz vor der Grenze zu Dänemark, im Nordwesten Schleswig-Holsteins. Unvergesslich ist mir die sommerliche Blütenpracht dort: verschiedenfarbige Dahlien, Sonnenblumen, Löwenmaul und Königskerzen, Gladiolen und viele andere Blumen. Mittendrin das Haus, das Emil Nolde (1867–1956) für sich und seine Frau Ada entworfen hat. Längst dient es als Museum und zeigt zahlreiche Bilder des großen Malers. Nolde liebte diesen Garten unter dem weiten nordfriesischen Himmel. Er fand darin viele Motive für seine Bilder. Ein Gärtner war beauftragt, dieses schöne Stück Erde zu pflegen. Doch die Freude an diesem Idyll war getrübt. Nolde hatte – wie die meisten Deutschen – anfangs Sympathien für die Nationalsozialisten. Gleichwohl zählten sie seine Werke zur "entarteten Kunst", ja beschlagnahmten sie. Nolde durfte nicht mehr malen, erhielt 1941 Berufsverbot – ein schwerer Schlag für den Künstler aus Leidenschaft. |
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In dieser bedrängten Zeit entstanden heimlich kleine Aquarelle, schnell dahingetuscht. Diese sog. "ungemalten Bilder" waren nur postkartengroß, so dass sie sich gut verstecken ließen. Darunter sind viele Blumenbilder, angeregt von der Farbenpracht des Gartens.
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Von Nolde gibt es insgesamt 51 Gemälde mit biblischen Motiven. Kurz vor dem Malverbot gelang ihm noch ein großes Ölbild. Es trägt den Titel: "Der große Gärtner". Große Farbkleckse deuten die Blumen an, darüber ein dunkelblauer Himmel. Und dort, wo Wolken zu erwarten wären, das Gesicht eines bärtigen Gärtners, in halb dunklen Farbtönen. Liebevoll und konzentriert wendet er sich einer Blume zu. Er berührt ihre Blüte mit der rechten Hand, streichelt sie fast. In seinem Bart spiegelt sich der warme Ton dieser Pflanze. So fällt von unten her Licht in das Gesicht des Gärtners. So liebevoll und zugewandt hat Emil Nolde sich Gott vorgestellt: wie ein Gärtner im Garten Eden. Er kümmert sich um seinen Garten, um jede einzelne Pflanze. Er hegt und pflegt, wässert, beschneidet Wildwuchs, er pflanzt und jätet. |
Ich finde es gewagt, ein Bild von Gott zu malen. Das Bilderverbot im Alten Testament verwehrt dies aus gutem Grund: Der unendliche Gott lässt sich in kein endliches Bild pressen. Er ist weit größer und anders als alle Bilder, die wir uns machen. Trotzdem bleibt Gott für mich ein leeres Wort, wenn ich ihn mir nicht vorstelle. Das geht nicht ohne Bilder und Vergleiche. Ich darf mir nur nicht einbilden, ich hätte Gott damit in der Hand.
Am besten halte ich mich an Bilder, in denen Gott sich uns vorgestellt hat. Dazu gehört auch das Bild des Gärtners. Wer gärtnerisch tätig ist, braucht Geduld. Umgraben, säen oder pflanzen, gießen und düngen, Unkraut ziehen – wachsen lassen, was reif werden soll. Als Maria Magdalena am Ostermorgen im Garten dem Auferstandenen begegnet, meint sie zunächst: Es ist der Gärtner. Dieses Missverständnis ist nicht zufällig. Sie spricht unbewusst eine tiefe Wahrheit aus: Jesus Christus ist der Gärtner der Neuen Welt. Durch ihn beginnt neue Schöpfung. Mit der Auferweckung am Ostermorgen bricht Gottes Neue Welt an. Sie wächst unter uns heran, zunächst noch unscheinbar, erst im Keim vorhanden: ein Senfkorn der Hoffnung.
Wie ein Gärtner will Jesus Christus diese hoffnungsvolle Saat unter uns aufgehen lassen. Darum kümmert er sich um uns, ermutigt, wenn Zweifel lähmen. Es lohnt, auf ihn zu vertrauen. Jesus kennt das Leiden aus eigener Erfahrung. Deshalb tröstet er uns, wo wir Schmerzen erleiden: Der entscheidende Anfang ist gemacht. In Gottes Neuer Welt wird es keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Diese Neue Welt ist wie ein Garten; darin werden wir unsere Freude haben. Noch ist diese Welt für unsere Augen verborgen. Und bis dahin kann es sein, dass der Garten nicht immer bebaut wird. Dass es Phasen der Dürre gibt. Dass es Phasen gibt, in denen Gott uns zumutet, uns neu zu orientieren. Antijudaistisch darf das Lied nicht gedeutet werden, es geht nicht gegen das Land Israel, auch nicht gegen Juden und Jüdinnen, sondern es ist ein Klagelied des Propheten, das von Gottes großer Enttäuschung singt. Und das gehört werden sollte, damit sich etwas ändert.
Aber es gibt keine Rezepte. Die angekündigte Strafe ist eine "Brache", da muss sich selbst wieder etwas finden und ordnen. Vielleicht ist das auch ein Stück Erwachsenwerden. Gott selbst zertrampelt nicht, reißt nicht aus, aber nimmt das Schützende und Pflegende zurück. Das ist wohl der Unterschied eines erwachsenen Glaubens zu einem kindlichen: Ich muss mich mit fruchtbaren und dürren Zeiten auseinandersetzen; Gott ist nicht für alles verantwortlich. Und wenn ich dem fliehe, was ich eigentlich sein könnte - [nicht] "süße Trauben" (nähre), sondern saure Trauben (mich abschotte), dann hat das Folgen für mich und für andere.
Daher bittet Paul Gerhardt wohlweislich in seinem Sommerlied den großen Gärtner:
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Mach in mir deinem Geiste Raum, |
Möge die HuK weiter "süße Trauben" bringen – und seid behütet und beschützt auf allen Euren Wegen. Die Rosen und Schokolade mögen Euch Symbol für Freude und Süßigkeit im Garten Gottes sein.
Amen
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© 2006 Hanna Kreisel-Liebermann & HuK Hannover e.V. 27.03.2006 - letzte Änderung am 30.03.2006