Unsere Jubiläen

AREND DE VRIES

Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt
der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers  



Predigt über Psalm 27
beim Festgottesdienst zum 30jährigen Jubiläum der
Ökumenischen Gemeinschaft
Homosexuelle und Kirche Hannover
9. Mai 2008 — Kreuzkirche

Arend de Vries

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Der Herr ist mein Licht und mein Heil -
vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meines Lebens Kraft —
vor wem sollte mir grauen?

Was muss das für ein Gott sein? -
Was muss das für ein Gott sein, dem ein Mensch sich so anvertrauen kann - und dem seitdem mit diesen Worten immer wieder Menschen sich so anvertrauen können?
"Vor wem sollte ich mich fürchten, vor wem sollte mir grauen?" —
wenn ich diesen Gott an meiner Seite habe?
Markige Worte furchtlosen Gottvertrauens:
Mein Gott — mein Licht - mein Heil — meines Lebens Kraft.
Was muss das für ein Gott sein, der solches Vertrauen und Zutrauen auslöst.

Und was für ein Glaube, der solches zu sagen sich nicht nur traut, sondern es mit der ganzen Überzeugung und Gewissheit eines an Erfahrungen reichen Lebens sagen kann.
Der Altmeister der Psalmenauslegung, Artur Weiser, schreibt dazu:
"Das ist nicht die überschäumende Kraft eines unbekümmert sorglosen Jugendmutes, der sich so leicht über den Ernst der Gefahr hinwegsetzt, sondern es ist die erworbene und erprobte Glaubensstärke eines reifen Menschen, der mit den Wirklichkeiten des Lebens rechnet."

Was für ein Glaube, der so sprechen kann: Mein Gott — mein Licht - mein Heil — meines Lebens Kraft.

Und was hat das nun mit dem Jubiläum 30 Jahre HuK Hannover zu tun? — Vor einer Woche fragte mich ein Kollege, nachdem er die Ankündigung dieses Festgottesdienstes in der EZ gelesen hatte, welchen Predigttext ich denn nehmen würde. Und ich habe nur geantwortet: "Es wird sich schon einer finden ..."

Und ich habe ihn gefunden mit dem Wochenpsalm für diese Woche zwischen Exaudi und Pfingsten. Diesem Lied von der "Gemeinschaft mit Gott", wie der Psalm 27 in meiner Lutherbibel überschrieben ist.

30 Jahre HuK [Hannover], das ist natürlich die Geschichte einer Gruppe von Menschen in der Kirche und ihre Geschichte mit ihrer Kirche. Aber es ist eben auch eine Geschichte von Menschen mit ihrem Gott - in seiner Kirche.

Und vor allem anderen steht darum an diesem Tag der Dank an den Schöpfer und Erhalter des Lebens, der Dank an den, der seine Kirche beisammen halten will und sie durch die Zeiten leitet und begleitet — und die Menschen in ihr, alle Menschen in ihr.

Dreißig Jahre HuK [Hannover], das ist neben allen Enttäuschungen und Verletzungen, die es in diesen Jahrzehnten gegeben hat, eben auch eine Zeit des gemeinsamen Ringens um Wahrheit, um Gemeinschaft, um gemeinsame Wege und immer wieder auch um Auswege. Und dass — bei vielen Umwegen und wohl auch Irrwegen — es heute ein gemeinsamer Such-Weg ist, das ist an diesem Tag auch Grund zum Danken.

"Lass uns versuchen, was möglich ist", so hat es Klaus Brinker formuliert, als wir gemeinsam in der Synode saßen. Und natürlich war es Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, auch Freundschaft, die Menschen unterschiedlicher Meinung, unterschiedlicher Überzeugung zusammengehalten hat. Aber eben auch der unerschütterliche Glaube, dass der eine Herr der Kirche sich nicht vereinnahmen lässt, sondern für einen jeden und für eine jede Licht, Heil und Lebens-Kraft ist.

"Das hätte ich gerne: dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn".
Wohl nicht mit diesen Worten, aber in diesem Sinne mag es manch einer oder eine von Ihnen gedacht haben, als sich Türen verschlossen oder Wege sich nicht öffneten. In der Kirche des Gottes zu Hause sein, der Licht, Heil, Lebens-Kraft ist und so erfahren und erlebt wurde. Und es hat lange gedauert, bis manche krummen Wege dann doch noch eben und gerade wurden. Und dazu hat ganz sicher beigetragen, dass in der Gruppe Homosexualität und Kirche neben allem Leidensdruck und manchmal auch Kampfesmut immer wieder Menschen da waren, die sich eben auch ganz und gar und ohne Einschränkung auf den Gott verlassen haben, der ein Freund des Lebens ist:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil -
vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meines Lebens Kraft —
vor wem sollte mir grauen?

Dabei ist nun auch nicht zu verschweigen, dass die Geschichte unserer Gesellschaft mit ihren Schwulen und Lesben und die Geschichte unserer Kirche mit ihren Schwulen und Lesben auch eine spannungsvolle Geschichte gewesen ist — und an manchen Stellen auch noch ist. Das haben wir Evangelischen ja gelernt und davon leben wir in unseren Überzeugungen: dass wir uns nicht selbst rechtfertigen können und rechtfertigen dürfen.
Und doch: manchmal tut es einfach gut, aus dem Herzen keine Mördergrube zu machen und für einen Augenblick auch das zu sagen, was in uns ist und was heraus will: "Wenn die Übeltäter an mich wollen, um mich zu verschlingen, so sollen sie selber straucheln und fallen." Ja, auch das muss manchmal aus uns heraus — auch deshalb, damit es sich nicht in uns festsetzt und uns verbittert und verhärtet für immer.

Natürlich meldet sich dann sofort die political correctness oder auch die theologische Korrektheit zu Wort und verbietet solche Gedanken. Aber sie werden eben auch in der Bibel gedacht und Gott wird sie nicht krumm nehmen.

Aber die Widersacher sind ja nicht nur "draußen", stehen mir nicht nur gegenüber. Die Widersacher sitzen auch zutiefst in mir selber. Und neben den theologischen Differenzen, neben den verschiedenen Weisen der Schriftauslegung und den unterschiedlichen hermeneutischen Zugängen zur Bibel sind die inneren Widersacher wohl die stärksten Gegner — und das auf allen Seiten. Den anderen in seiner und ihrer Prägung zu akzeptieren hat viel zu tun mit der Bereitschaft, die eigene Prägung anzusehen, und das mit allen Facetten, auch den Angst machenden. - Zur eigenen Prägung zu stehen und sich nicht nur darüber zu definieren, dass man nicht akzeptiert wird — auch das ist wichtig, wenn den inneren Widersachern Widerstand geleistet wird.

Nein, die Kontroversen der vergangenen Wochen um das Christival in Bremen haben niemandem genützt: weder den Schwulen und Lesben und ihren Verbänden noch denen, die einen eigenen seelsorgerlichen Weg gehen wollen — und der Veranstaltung ist mancher Schaden zugefügt worden. Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet:

        

Nicht die, die meinen, man könne die geschlechtliche Prägung grundsätzlich verändern oder gar therapieren. Sie hängen immer noch der Vorstellung an, dass die gleichgeschlechtliche Liebe sozusagen ein Defekt der Schöpfung sei und nehmen damit Schwulen und Lesben ihre Würde.

Aber auch die haben die Wahrheit nicht gepachtet, die meinen, es müsse für jeden und jede ausgeschlossen sein, nach Wegen zu suchen für Menschen, die mit ihrer Prägung eben nicht fertig werden und sich verändern möchten, aus welchen Gründen auch immer. Auch dieses Recht sei niemandem genommen.

Für alle gilt gleichermaßen:

Er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit,
er birgt mich im Schutz seines Zeltes
und erhöht mich auf einen Felsen.

30 Jahre Homosexualität und Kirche — das ist eine ganze Generation.
Dass wir heute einen vertrauensvollen Umgang in der Kirche miteinander haben, das verdanken wir auch den Menschen, die in dieser Gruppe immer wieder darauf bedacht waren, behutsame Schritte zu gehen, niemanden zu überfordern, ggf. auch Nachteile in Kauf zu nehmen — und doch beharrlich an dem Ziel zu arbeiten, dass Schwule und Lesben ihren angemessenen Platz in unserer Kirche finden und haben, eben einen ganz normalen Platz. Und deshalb stimmt es, wenn es in der Presseerklärung heißt: "Versöhnung statt Konfrontation ist angesagt".

Nein, niemand muss sich heute mehr vor der Kirchenleitung in Acht nehmen oder gar verstecken. Die gegenseitige Akzeptanz und die gemeinsame Suche nach gangbaren Wegen, die niemandem die Würde nehmen, sie bestimmen heute die Gespräche.

Aber der Ehrlichkeit halber sei dann auch gesagt, dass es immer noch Grenzen gibt. Es gibt keinen magnus consensus in der theologischen Bewertung von Homosexualität in unserer Kirche. Und solange es diesen nicht auf allen Ebenen gibt, geht es immer noch um Einzelfallregelungen und Ausnahmen und um sorgfältiges Klären der Situation. Und noch immer gilt die Regelung, dass das gemeinsame Leben im Pfarrhaus nach dem geltenden Pfarrdienstrecht nicht generell möglich ist, sondern nur als Ausnahme. Und diese Ausnahme hat es in unserer Landeskirche bislang noch nicht gegeben. [* Hier befindet sich Herr de Vries wohl im Irrtum; es gibt nach Kenntnis der HuK Hannover entsprechende Fälle im Raum Göttingen und im Raum Hannover.]

Verändert aber hat sich, dass es solche Ausnahmen geben kann und sie vertraulich mit der Geistlichen Leitung unserer Kirche besprochen werden können — aber auch besprochen werden müssen.

Es gibt den "Geist des Vertrauens" zwischen den Schwulen und Lesben unter den Mitarbeitenden in der Kirche und der Kirchenleitung, den Geist des Vertrauens, der jedem Menschen seine Würde zuspricht und belässt und in dem nach Wegen gesucht wird, wie die persönliche Situation und die Situation der Kirche und der Gemeinde zusammen kommen.
Diesen Geist gibt es und von ihm lassen wir uns regieren — und das ist gut so.

Der Herr ist mein Licht und mein Heil -
vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meines Lebens Kraft —
vor wem sollte mir grauen?

Welch ein Gott, der in uns solches Vertrauen auslöst.
Welch ein Glaube, der solches bekennen kann.

Diesem Gott befehlen wir unsere Wege an, die wir in der Kirche miteinander gehen — in dem festen Vertrauen darauf, dass er uns auch in den Fragen, die noch offen sind, die wir noch nicht gemeinsam lösen können, leiten wird.
Und da sind 30 Jahre HuK [Hannover] noch nicht genug. Noch können Sie nicht auf diesen Verein verzichten und unsere Kirche auch nicht. Aber vielleicht eines Tages ...? Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen und begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.


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© 2008 HuK Hannover e.V. 11.06.2008 -
letzte Änderung am 05.10.2008 (Link zur Themenseite zum Christival)