Kirchentag Hannover 2005

Samstag, ab 14:30 Uhr

"Wann sehe ich dich wieder, du lieber, lieber Winnetou ?"

Hermann Wiedenroth liest Szenen und Dialoge aus Werken von Karl May

(Die Bilder können überwiegend durch Anklicken vergrößert gesehen werden.)

Passenderweise vor einer Karte der USA beginnt Hermann Wiedenroth in Raum 1 des "Warmen Nests" seine Lesung.

Als Hermann Wiedenroth in Raum 1 des HuK-Zentrums in der Wilhelm-Raabe-Schule vor einer Karte der USA seine Lesung beginnt, macht dieses Zentrum seinem Spitznamen "Warmes Nest" in doppelter Hinsicht alle Ehre: Nach den nunmehr drei heißen, sonnigen Tagen des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Hannover hat die Hitze von außen inzwischen auch fast den letzten Winkel unserer anfangs so schön kühl gebliebenen Schule erfasst. So mag der Klassenraum, in dem die Lesung vor 29 Teilnehmern stattfand, klimatisch den Verhältnissen in der Gluthitze der amerikanischen Prärie, von denen Karl May`s Text handelte, durchaus nahegekommen sein. Allerdings hätte es dessen gar nicht bedurft, denn der detaillierten, bildhaften Beschreibung Karl May`s ist die Vortragskunst des Referenten mindestens kongenial, so dass sich die Hörer auch in einem viel kühleren Raum gedanklich recht schnell mitten im Wilden Westen befunden haben würden.

Wie das Leben bei Karl May so spielt, ist der eine oder andere seiner Westernhelden ein in die Staaten ausgewanderter Deutscher - und zwar im Zweifel immer aus der sächsischen Heimat des Autors. Ei verbibscht, da isses ja geen Wunder, dass im Wilden Westen auch sehr viel Sächsisch gesprochen wird. Wie gut, dass der Vortragende auch diesen Dialekt so meisterlich beherrscht! - Aber nicht nur dies, sondern auch die hocherotische Beschreibung des edlen Superhelden und May´schen Männerfreundes Winnetou anlässlich dessen Besuch in des Autors Dresdner Männergesangsverein (!!!) aus dem Munde von Hermann Wiedenroth zu hören, ist schon ein Erlebnis!

Hermann Wiedenroth lebt als Buchhändler und Antiquar im Arno Schmidt-Dorf Bargfeld in der Südheide und ist dort eine Stütze des regionalen Kulturlebens. Als Verleger bringt er die ihm seit Kindesbeinen vertrauten Werke Karl May`s in einer auf dem Urtext fußenden kritischen Neuauflage heraus. Denn die uns so geläufigen Volksausgaben enthalten etliche Verfälschungen, wie sie z.B. - aber nicht nur - in der NS-Zeit aus ideologischem Kalkül in die Texte eingearbeitet wurden. (Hierzu bringt Wiedenroth interessante Beispiele und knüpft daran auch einen kurzen Abriss über die ideologischen Schwierigkeiten, die man in der DDR mit diesem wahren Volksautor hatte.)

Aus diesen Gründen wie auch um die Geschichten etwas reißerischer zu machen, wurden Brutalitäten hineingeschrieben, die so bei May nicht vorkamen, oder es wurden unterschwellig nationalistische oder gar rassistische Töne angeschlagen, was Karl May nachweislich völlig fremd gewesen ist. Zwar kommt auch bei ihm schon mal ein ausgesprochen negativ gezeichneter Jude vor - dafür an anderer Stelle ein äußerst positiv gezeichneter; dasselbe lässt sich bei ihm auch von Deutschen und allen anderen Nationen und Volksgruppen feststellen. Er ist schon irgendwie naiv stolz, ein Deutscher zu sein, und schreibt den Deutschen eine gewisse Tüchtigkeit zu, aber ohne deswegen überheblich zu werden und andere Völker und Kulturen per se als minderwertig darzustellen und herabzusetzen.

Gleiches gilt auch auf dem Gebiet der Religion: May respektiert durchaus fremde religiöse Traditionen, ist aber im Grunde schon davon überzeugt, dass diese durch intensiveren Kontakt mit dem von ihm ganz naiv als irgendwie doch moralisch überlegener empfundenen Christentum auf dem Weg einer friedlichen Missionierung letztlich in dieses einfließen werden. Mit zunehmendem Alter mischte er in eine sich steigernde naive christliche Gläubigkeit eine moralische Überhöhung seiner Kunstfigur Winnetou, vom edelsten aller Menschen und unerreichbaren Vorbild hin zu einer Art zweitem Messias.

Über solche und viele biographische Aspekte zu Karl May referierte Wiedenroth nach der Lesung der Texte kenntnisreich in einem spannenden Dialog mit Nachfragen aus dem Publikum. Karl May`s Verlust des Lehrerberufes auf Grund seiner Gefängnisstrafen kam dabei zur Sprache, deren unverhältnismäßige Länge in Bezug zu seinen relativ geringfügigen Vergehen, die Nutzung der Gefängnisbibliothek als Grundlage seiner Recherchen für die Abenteuerromane in fremden Ländern, die ja vor allem in den USA und im Orient spielen, aber auch in anderen Weltgegenden; des weiteren seine mutmaßliche Impotenz auf Grund der langjährigen Verabreichung Libido-dämpfender Mittel im Gefängnis, sein später Ruhm und Wohlstand, seine Freigiebigkeit für Benachteiligte und soziale Projekte wie auch seine späten Reisen in die Länder, über die er zuvor so realistisch fabuliert hatte.

Wiedenroth ging auch auf das Verhältnis zu seinen VerehrerInnen ein, verlas Beispiele seiner "Fanpost" und von May`s Entgegnungen. Die waren erkennbar von menschlicher Wärme und Anteilnahme getragen und versuchten bisweilen, auch durchaus vernünftige Ratschläge in Lebensfragen zu geben. Dabei war sein eigenes Leben auch jetzt im Wohlstand nicht einfach, wurde sein Privatleben doch immer wieder durch Prozesse in die Öffentlichkeit gezerrt. Pikant ist auch, dass er mit seiner geschiedenen ersten und seiner zweiten Frau in seiner "Villa Shatterhand" zusammenlebte, die miteinander ein lesbisches Verhältnis unterhielten und sich im Hause ein "Spielzimmer" reserviert hatten, zu dem er keinen Zutritt hatte. (Seine in von Wiedenroth ja zum Teil vorgestellten Texten immer mal wieder durchscheinende homoerotische Neigung wird er hingegen umständehalber - siehe oben - wohl kaum wirklich ausgelebt haben.)

Nun ist unbestrittenermaßen Karl May ein "Trivialautor" und nicht von hohem literarischen Rang. Abgesehen von der dabei doch feststellbaren Qualität vieler seiner Schilderungen "exotischer" Orte und Personen ist es aber der Umstand, dass über Karl May die literarische Sozialisation ganzer Generationen verlief, der eine Beschäftigung mit ihm als lohnend erscheinen lässt. Wer sich als jugendlicher Leser durch die "Winnetou"-Romane oder "Durch´s wilde Kurdistan" (wo Karl May die damalige geopolitische Sichtweise Deutschlands einfließen ließ) "durchgekämpft" hat, dem ist dann auch vor den "Buddenbrooks" oder der "Blechtrommel" nicht bange. (Heutzutage mögen allerdings eher "Harry Potter" oder "Der Herr der Ringe" die Funktion erfüllen, die in der Generation beispielsweise auch des Internetredakteurs noch Karl May zukam.) Davon einmal abgesehen machen die Texte Karl May`s - die unsereiner seit Jugendzeiten doch kaum mehr zur Hand genommen hat - einfach Spaß, wie Hermann Wiedenroth seinem begeisterten Publikum an diesem Nachmittag so eindrucksvoll bewies.

Blick ins Publikum

Gebannt folgt das Publikum dem außerordentlich lebendigen und farbigen Vortrag.

Abschließend zeigte Hermann Wiedenroth den Interessierten aus seinen Beständen noch eine großformatige Kunstmappe mit Jugendstil-Illustrationen zu Karl May`s Werken von der Hand von dessen Freund Sascha Schneider. Dieser, damals schon relativ offen schwul lebend, war zu seiner Zeit als Maler, Bildhauer und Zeichner in Mitteleuropa eine echte Berühmtheit.

Winnetou als Toter in den Himmel auffahrend - Illustration zu "Winnetou III" von Sascha Schneider (1904)

Winnetou als Toter in den Himmel auffahrend - Illustration zu "Winnetou III" von Sascha Schneider (1904)

Für die ungebrochene Popularität von Karl May´s Geschichten um Winnetou ist es vielleicht bezeichnend, dass in dem spärlich bestückten Bücherregal in der Cafeteria der Wilhelm-Raabe-Schule mit der Aufforderung "Lesen erlaubt!" vor allem zwei "Winnetou"-Bände ins Auge fallen, wie man sich auf beigefügter Ergänzungsseite überzeugen mag: hier klicken!



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© 2005 Bernd König (Textautor) & HuK Hannover e.V. - letzte Änderung am 23.07.2005