Kirchentag Hannover 2005

Samstag, ab 11:00 Uhr

Schwules Leben im Alter
Lebenssituation und Lebensperspektiven

Dr. Michael Bochow, Soziologe, Berlin, und Thomas Wilde,
Geschäftsführer Schwules Forum Niedersachsen (SFN)

(Die Bilder können teilweise durch Anklicken vergrößert gesehen werden.)

Von links: Dr. Michael Bochow, Pfarrer Thomas Beckmann (Bundes-HuK-Vorstand) und Thomas Wilde (SFN)



Eingangs stellte Dr. Bochow das Bild des älteren schwulen Mannes in der schwulen Subkultur am Beispiel zweier Postkartenmotive der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) aus vergangenen Jahren vor - eines eher negativ wirkenden und eines eher positiven Beispiels. Das Negativbeispiel, unter dem Namen "Wolfgang D." in der aktuellen DAH-Broschüre "Heimat Szene? Aus Interviews mit schwulen Männern zum Thema Ausgrenzung" gerade wiederverwendet (S. 34 - vgl. den Textlink in der Bildunterschrift ganz unten auf dieser Seite) zeigt einen etwas verhärmt dreinblickenden nackten älteren Mann vor dem Hintergrund schicker, angezogener jüngerer Schwuler in einer Bar - damals in Schwarzweiß mit dem Slogan "Ich lass mich nicht ausgrenzen." Das ist zwar richtig so, doch der Blick des Mannes spricht scheinbar eine andere Sprache und das Motiv erlaubt wohl kaum eine positive Identifikation mit dem Älterwerden. Ganz anders sieht das mit dem zweiten gezeigten Motiv aus, bei dem zwei offensichtlich fröhliche, gesunde, kraftstrotzende bärige Typen einander tragen (einer den anderen) unter der Überschrift "Einer trage des anderen Lust." Das macht doch Laune und vermittelt, dass auch im Alter das Leben noch schön sein kann!

Das eigentliche Thema der Veranstaltung war aber dann die Vorstellung von Bochows neuer Studie über schwules Leben im Alter, die als Buch im Sommer erscheinen wird - unter dem Titel "Ich bin doch schwul und will das immer bleiben" in der Edition Waldschlösschen im Hamburger Verlag MännerschwarmSkript (msk). Es ist dies eine im Auftrag des niedersächsischen Sozialministeriums und mit konzeptioneller Beratung durch das Schwule Forum Niedersachsen (SFN) angefertigte Studie wie es sie in Niedersachsen schon mehrere gegeben hat, z.B. zur Diskriminierung in der Arbeitswelt oder zur Lebenssituation von Schwulen auf dem Lande. Sinn und Zweck dieser Studien ist es, überhaupt erst einmal die fachlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, die anfangs der 90er Jahre in Niedersachsen beschlossene politische Willenserklärung zum Abbau der Diskriminierung schwuler Männer in die Praxis umzusetzen. Wenn man vom Staat fordert, etwas für ältere Schwule zu tun, muss man ja erst einmal wissen, wo die wesentlichen Probleme dieser Gruppe überhaupt liegen.

Dabei ist der Begriff "Alter" hier wiederum so eine Sache. So hat Bochow, weil sich Schwule früher alt fühlen, die Alterskategorie ab 55 Jahren gewählt und nicht die Jahre ab 60 als das "dritte Lebensalter" genommen wie das sonst in soziologischen Untersuchungen üblich ist, wobei auch dies schon einen Kompromiss mit den Vorstellungen "der Szene", ab wann man denn alt sei, bedeutete. Bochows methodisches Vorgehen ist die qualitative Feldforschung, bei der er seine Kategorien sich vom "Untersuchungsgegenstand" her entwickeln lässt, statt sie vorzugeben und die Ergebnisse dann in ein solches vorgefertigtes Schema zu pressen. Die praktische Voraussetzung dafür ist eine sensible, nicht von vornherein wertende Fragestellung: Er sieht genauer hin und fragt behutsam nach. Er entdeckte so zum Beispiel, dass ältere Schwule bei Fragen nach ihrer physischen Gesundheit nur direkt offensichtliche Behinderungen auch offen ansprechen, bei weniger erkennbaren Beeinträchtigungen musste er das aus ihnen ein wenig herauslocken. Vorgegeben war noch nicht einmal die Kategorie "schwul", sondern er überließ den befragten Männern die Selbstdefinition, wobei der Ansatz natürlich schon der war, nur - im weitesten Sinne - "Männer, die Kontakt (Sex) mit Männern haben", im Soziologenjargon MSM, zu interviewen. Alle Fragestellungen und Kategoriebildungen wurden dann aber aus den Gesprächen heraus entwickelt - so auch selbst der Titel des Werkes: "Ich bin doch schwul und will das immer bleiben" hatte einer der Befragten geäußert im Hinblick auf eine mögliche (und befürchtete) äußerliche späte "Heterosexualisierung" in einem "normalen" Altersheim.

Im Rahmen dieser Studie wurden 30 schwule Männer über 55 interviewt, die Hälfte von ihnen war über 65. (Um "Altersspezifisches" überhaupt abgrenzen zu können, wurden zum Vergleich 12 schwule Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren in gleicher Weise im Rahmen dieser Studie interviewt.) Für eine derartige qualitative Studie ist eine Probandenzahl von 30 (bzw. 42) durchaus eine wissenschaftlich vertretbare Größenordnung. Die Gesprächspartner wurden in Kreisen älterer Schwuler nach einer Art Schneeballsystem gefunden, wobei Bochow Wert darauf legte, dass sie ihm vor der Untersuchung nicht persönlich bekannt waren. Die Interviews fanden in einem von den Gesprächspartnern selbst gewählten Rahmen statt, überwiegend in ihrer privaten Wohnung oder bei Bekannten, in Einzelfällen in den Räumen der AIDS-Hilfe oder der HuK Hannover. Die Befragten durften sich einen "Decknamen" wählen, unter dem sie zum Teil im Buch direkt zitiert werden, wobei Ortsnamen und dergl. so abgeändert sind, dass Rückschlüsse auf die realen Personen in der Regel nicht möglich sind.

Ihre Biographien zeigen sehr unterschiedliche Verläufe. Einige, die "frühen Selbstbewussten", begannen schon in den 50er und 60er Jahren ihr schwules Leben und widerstanden der staatlichen Verfolgung mit schweijkhafter Gewitztheit und unerschütterlichem Eigensinn. Diese Männer zeigen, wie ein gelingender Auftakt der eigenen schwulen Biographie den gesamten Lebensverlauf und die Gestaltung des dritten Lebensalters vorbestimmen kann. Andere unterwarfen sich der staatlichen Repression und wagten erst in den 70er Jahren, ein Leben als schwuler Mann zu beginnen. Zwei Interviewpartner lebten noch zum Zeitpunkt des Interviews nicht offen schwul. Eine Reihe von Gesprächspartnern war (z.T. über mehrere Jahrzehnte) verheiratet gewesen und in der Ehe Vater geworden. Erst im Alter von über 40 oder über 50 Jahren reifte in ihnen der Wunsch, als schwuler Mann zu leben. Sich als bisexuell zu bezeichnen, hatte bei einigen von ihnen eine Schutzfunktion vor ihrem Coming-Out gehabt, bei anderen war es eine unproblematische Zwischenphase. Über diese sehr unterschiedlichen Lebensverläufe gibt der Band Aufschluss, ebenso darüber wie einige Männer mit chronischen Krankheiten ihr drittes Lebensalter bewältigen.

Der Gefahr, nur gutsituierte Mittelschichtmänner zum Interview zu bekommen, weil diese am ehesten offen lebend in der Szene anzutreffen sind, wusste Bochow zu begegnen. Sein Bild der Lebenswelt älterer Schwuler ist mehrdimensional: er fragt nach den Lebensbedingungen armer älterer Schwuler im Gegensatz zu etablierten Wohlhabenden und er interessiert sich für die Fähigkeiten, sich soziale Netzwerke selbst zu schaffen. Aber auch an die verlassene Ehefrau eines schwulen Mannes dachte er und wollte wissen, ob sie eine neue Partnerschaft gefunden hat.

52 Zuhörer, fast nur Männer, nahmen an dieser Veranstaltung in der Aula teil und konnten auch ihre Fragen loswerden, die Bochow aus der Fülle seiner Erfahrung in der Erforschung schwuler Lebenswelten bestmöglich zu beantworten suchte. Wo er dies nicht vermochte, mag es der Spezifität des jeweiligen "Falles" zuzuschreiben gewesen sein oder auch der Komplexität, die keine allzu einfachen Antworten erlaubt. Wenn es dann aber im Einzelfall auch am Mangel an verlässlichen Daten lag, so schien dann doch auf, dass es in diesem Bereich durchaus noch immer Forschungsbedarf gibt. Vielleicht - so bleibt zu wünschen übrig - mag die eine oder andere Frage selbst dem versierten Profi neue Impulse gegeben haben, so dass auch der Referent noch ein wenig profitieren konnte - die Zuhörer jedenfalls profitierten ganz gewiss von dieser gelungenen Veranstaltung.

(Nach eigenen Aufzeichnungen des Internetredakteurs und denen unserer Praktikantin Ulrike K. unter Mitverwendung des Klappentexts)

Michael Bochow und Thomas Wilde auf dem Podium (1)

Michael Bochow und Thomas Wilde auf dem Podium
in der Aula der Wilhelm-Raabe-Schule

Negativ- (oben) und Positivbeispiel der Darstellung älterer schwuler Männer in Kampagnen der DAH

Titelseite der demnächst erscheinenden neuen Studie von Michael Bochow
"Ich bin doch schwul und will das immer bleiben -
Schwule Männer im dritten Lebensalter"



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© 2005 HuK Hannover e.V. 24.07.2005 - letzte Änderung am 22.08.2005