Aktuelles



Stolperstein für Herschel Grünspan (Grynszpan)

Herschel Grünspan (Grynszpan) (1921 – ?) (*)
Verlegung: Burgstraße 36, 22. März 2010, 14:45 Uhr

(Vergleiche den Verlegungsplan (pdf-Datei (*)).)

Links: Das Geburtshaus von Herschel Grünspan in der Burgstraße 36 in Hannover. Hier lebte Herschel bis zu seinem 14. Lebensjahr im Jahre 1935. Das Bild stammt ungefähr aus dieser Zeit. Foto: Historisches Museum am Hohen Ufer, Hannover.
Mitte: Postkarte der Synagoge in Hannover. Quelle: Historisches Museum am Hohen Ufer, Hannover.
Rechts: Herschel Grünspan am Tag seiner Verhaftung 7.11.1938. Quelle: Bundesarchiv Koblenz.






Herschel Grünspan und die "Reichskristallnacht" (1938)
(Aus Rainer Hoffschildt (1992): Olivia. S. 104-105)

Herschel Grünspan (Grynszpan) wurde am 28. März 1921 in Hannover als Sohn polnischer Juden geboren. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Hannover. Die Grünspans lebten in der Altstadt, wo Herschel die Volksschule, die Bürgerschule 1, in der Burgstraße besuchte [1]. 1935 verließ er die Schule ohne Abschluss und ging nach Frankfurt, um Hebräisch zu lernen. Danach kehrte er nach Hannover zurück, fand aber keine Arbeit und beschloss, wegen der zunehmenden antijüdischen Stimmung aus Deutschland auszuwandern.

Im Sommer 1936 zog er zu Verwandten nach Brüssel und dann nach Paris. Seine Lebenssituation wurde dort zunehmend schwieriger. Am 3. November 1938 erhielt er von seiner Schwester Berta die Nachricht, dass sie und die anderen Mitglieder der Familie nach Polen ausgewiesen worden waren. Bekanntermaßen waren kurz zuvor etwa 17000 Juden polnischer Herkunft in einer als "fremdenpolizeilich" deklarierten Gestapo-Aktion nach Polen abgeschoben worden, darunter auch 484 Juden aus Hannover [2]. Der 17jährige Grünspan erfuhr aus der Presse von den Ereignissen in Deutschland und beschloss, über das Schicksal seiner Familie tief erschüttert, dagegen zu protestieren [3].

Den Gedanken, mit einem Selbstmord die Öffentlichkeit auf das Unrecht hinzuweisen, verwarf er wieder. Am Morgen des 7. November 1938 kaufte er einen Revolver und fuhr damit zur deutschen Botschaft in Paris. Dort gab er mehrere Schüsse auf den zweiten Vertreter des Botschafters, den Legationssekretär Ernst vom Rath, ab; vom Rath erlag zwei Tage später seinen Verletzungen.

Hitler und Propagandaminister Goebbels erhielten die Nachricht von seinem Tod am Abend des 9. November. Das Pariser Attentat bot einen willkommenen Anlass zu neuen antisemitischen Ausschreitungen. Noch in derselben Nacht forderte Goebbels "Rache für den Mord an vom Rath" und rief in kaum verhüllter Form zu Massenpogromen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Diese begannen noch in der Nacht vom 9. zum 10. November, die von den Nationalsozialisten später verharmlosend "Reichskristallnacht" genannt wurde. Im ganzen Reich wurden Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, Juden ermordet und verschleppt.

Herschel Grünspan wurde sofort nach seiner Tat gefasst und kam für 17 Monate in französische Untersuchungshaft. Bald nach der Besetzung Frankreichs fiel er der Gestapo in die Hände und wurde zunächst in das Konzentrationslager Sachsenhausen, später ins Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert. Dort sollte er bis zu dem geplanten großen Schauprozess, der im Mai 1942 dem Volksgerichtshof stattfinden sollte, einsitzen [4].

Im Zuge seiner Vernehmungen sagte Grünspan aus, er habe zu seinem späteren Opfer eine homosexuelle Beziehung gehabt. Das passte nun keineswegs in die NS-Propaganda, die vom Rath noch vor seinem Tod zum Nationalhelden hochstilisiert hatte [5]. Goebbels kommentierte die neuerliche Entwicklung im Januar 1942 in seinem Tagebuch:

Der Mordprozeß Grünspan steht nun wieder zur Debatte. Grünspan hat das freche Argument gefunden, dass er mit dem erschossenen Legationsrat vom Rath ein homosexuelles Verhältnis gehabt habe. Das ist natürlich eine unverschämte Lüge; immerhin aber ist sie geschickt erdacht, und sie würde, wenn sie im öffentlichen Prozess vorgebracht würde, sicherlich das Hauptargument der ganzen gegnerischen Propaganda werden [6].

Dieses Motiv scheint sich in den folgenden Monaten durchgesetzt zu haben, denn Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes, vermerkte am 16. Oktober desselben Jahres, dass der Prozess Grünspan auf Befehl des "Führers" bis auf weiteres zurückgestellt sei.

War Herschel Grünspan homosexuell? Lutz van Dijk äußert sich in seiner Grünspan-Biographie vorsichtig: "Sehr viel spricht dafür, dass Grynszpan und vom Rath sich aus schwulen Kneipen in Paris gekannt haben. Wie eng sie sich gekannt haben, kann ich nicht belegen, vielleicht war es nur eine Sehbekanntschaft." Ermittelt wurde damals auch, dass Grünspan die von seinem letzten Geld gekaufte Waffe auf der Toilette des Homosexuellenlokals "Tout va bien" geladen hatte. Außergewöhnlich sei jedoch in jedem Fall die Tatsache, "dass es wohl in der Weltgeschichte selten ist, dass jemand mit der Behauptung, eine homosexuelle Beziehung gehabt zu haben, seinen Kopf gerettet hat [7]."

Damit bleibt weiterhin unklar, ob der 17jährige Grünspan aus persönlichen und politischen Gründen oder vielleicht auch als Homosexueller gehandelt hat. Und offen bleibt auch die Frage, ob er damit Widerstand gegen den Naziterror geleistet hat. Fest steht jedoch, dass er einen Mord begangen hatte, der wahrscheinlich auch seinen Tod bedeutet hat.

Die Stolpersteine für Esther und Herschel Grünspan

Unter den etwa 5000 Juden, die zu Beginn der Naziherrschaft in Hannover lebten [8], haben sich mit Sicherheit auch Homosexuelle befunden. Wie viele es waren, wissen wir nicht. In der Statistik der Kriminalpolizei-Leitstelle Hannover wurden Juden unter der Rubrik "widernatürliche Unzucht" zwar gesondert aufgeführt; in den Jahren 1937 und 1938 kamen auf insgesamt 604 "Täter" jedoch nur fünf jüdische [9]. Über das Leben der homosexuellen Juden konnte deshalb nur wenig ermittelt werden. So wird ein Jude 1936 in Akten der Gestapo als Homosexueller erwähnt; weitere Angaben werden dort aber nicht gemacht. Über das Schicksal eines weiteren jüdischen Hannoveraners konnte etwas mehr in Erfahrung gebracht werden. Er wurde nach Ende des Ersten Weltkriegs geboren und wuchs mit mehreren Geschwistern in einer bürgerlichen Familie auf. Sein Vater lehnte ihn aufgrund seiner Homosexualität ab. Noch vor Kriegsbeginn konnte er nach Großbritannien emigrieren [10].

Bald nach Kriegsbeginn begannen die Briten, in England lebende deutsche Staatsangehörige zu internieren, und so kam er in das Lager "Hutchinson Camp" auf der Isle of Man. Unter den dort Inhaftierten befanden sich relativ viele Akademiker, beispielsweise auch der hannoversche Künstler Kurt Schwitters, der sich dort mit Portraitmalerei ein Zubrot verdiente [11]. Die meisten Internierten wurden nach etwa einem Jahr auf öffentlichen Druck hin entlassen.

ANMERKUNGEN

1 Vgl. hierzu Klaus Mlynek, Die "Reichskristallnacht". In: "Reichskristallnacht" in Hannover. Eine Ausstellung zur 40. Wiederkehr des 9. November 1938, Hannover 1978, S. 56-78 (mit Abb. der Einwohnermeldekarte auf S. 59).     [ Zurück zum Text ]

2 Mlynek, S. 58 ff.     [ Zurück zum Text ]

3 Die folgenden Informationen entstammen dem Artikel "Kein Held kein Schurke" (in: Siegessäule, Berlin, Nr. 12/1988, S. 38 f.), in dem über das Buch von Lutz van Dijk: Der Attentäter. Herschel Grynszpan und die Vorgänge um die "Kristallnacht", Reinbek 1988, berichtet und ein Interview mit van Dijk abgedruckt wird.     [ Zurück zum Text ]

4 Mlynek, S. 77 mit Anm. 4.     [ Zurück zum Text ]

5 Mlynek, S. 60.     [ Zurück zum Text ]

6 Vgl. Helmut Heiber, Der Fall Grünspan. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 5 (1957), S. 134- 172 sowie van Dijk, Der Attentäter, S. 185. Van Dijks Buch ist zwar als Jugendroman angelegt, von der historischen Seite jedoch zuverlässig recherchiert.     [ Zurück zum Text ]

7 "Kein Held Kein Schurke" (wie Anm. 3), bzw. Van Dijk, Der Attentäter. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Grünspan den Krieg überlebt hat (zu den diesbezüglichen Auffassungen vgl. van Dijk, Der Attentäter, S. 203 ff.), und 1960 wurde er vom Amtsgericht Hannover rückwirkend zum 8. Mai 1945 für tot erklärt (zur diesbezüglichen Presseberichterstattung vgl. Mlynek, S. 77 Anm. 4).     [ Zurück zum Text ]

8 Zum Schicksal der hannoverschen Juden vgl. Marlis Buchholz, Die hannoverschen Judenhäuser. Zur Situation der Juden in der Zeit der Ghettoisierung und Verfolgung 1941 bis 1945, Hildesheim 1987, sowie Peter Schulze, Juden in Hannover. Beiträge zur Geschichte und Kultur einer Minderheit, Hannover 1989, S. 50 ff.     [ Zurück zum Text ]

9 Generalakten des Reichsjustizministeriums: Bundesarchiv Koblenz, R 22 / 1163-1165.     [ Zurück zum Text ]

10 Ich danke Peter Schulze, Hannover, für diesen Hinweis.     [ Zurück zum Text ]

11 Hinrichsen, Klaus E.: 19 Hutchinson Square, Douglas, Isle of Man, in: Michael Erthoff / Klaus Stadtmüller (Hrsg.), Kurt Schwitters Almanach No. 8, Hannover 1989, S. 93-117.     [ Zurück zum Text ]



Rainer Hoffschildt: Olivia - Titelbild Rainer Hoffschildt: Olivia - Seite 104 Rainer Hoffschildt: Olivia - Seite 105

Titelbild und verkleinerte Ansichten der Seiten 104 und 105 aus Rainer Hoffschildts Buch "Olivia". Scans der Originalseiten - die leider wegen der Bindung des Buches in der Mitte kaum zu lesen sind - finden sich hier auf einer eigenen Seite. Sie enthalten zwei weitere Fotos.


[ Zum Seitenanfang ]     [ Zurück zur Aktuell-Hauptseite ]

[ Für "Seiteneinsteiger":  Neustart unserer Seite mit Menü & Sitemap  ]

[ Zur Seite des Netzwerks Erinnerung und Zukunft Region Hannover ]


© HuK Hannover & VEHN e.V. 03.04.2010 - letzte Änderung am 04.04.2010